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Die neue Welt

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Re: Die neue Welt

Beitragvon style1977 » 10.10.2016, 17:48

es geht endlich weiter:


Zuvor hatte ich mögliche Szenarien gedanklich durchgespielt. Was würde geschehen? Das war stets die größte Hürde bei meiner Planung. Von es passiert gar nichts über Deflationen bis hin zu Terror und Todesschwadronen ziehen durch die Stadt war alles gegeben. Als vorsichtiger Mensch plante ich für das Schlimmste. Nun war nur noch die Frage zu klären, wo man versucht die Situation zu überleben. Leider blockte meine Frau jegliche Diskussion diesbezüglich ab. Es gab die Möglichkeit die Situation in die eigenen vier Wände zu überstehen. Der Vorteil war, dass die Kinder in ihrer gewohnten Umgebung bleiben könnten und die gefährliche Flucht an einen anderen Ort unnötig war. Mir war klar, dass die Neubürger in den Städten die größte Beute vermuten würden und dort herrschte daher auch faktisch die größte Invasorendichte. So verwarf ich den Gedanken schnell wieder. Eine Flucht zu den Schwiegereltern fiel ebenfalls aus. Sie lebten in einem schlecht zu sichernden Haus am anderen Ende von Berlin, ebenso meine Mutter und mein Bruder. Mein Bruder Markus war darüber hinaus der Meinung, die Landfremden würden durch ihr Knowhow die Gesellschaft bereichern und ein friedliches Miteinander wäre erstrebenswert. Erstaunlich was 20 Jahre Bildung in der BRD so alles an Gehirnwäsche bewirken kann. Dabei war mein Bruder hochintelligent und als promovierter Chemiker wäre er bei meinen Vorbereitungen sicher eine nicht zu unterschätzende Hilfe gewesen. Tja meine kurze Anfrage diesbezüglich wurde in bekannt überheblicher Art abgelehnt und ich fühlte mich hiernach wie ein dummer Junge aus der zweiten Klasse der einen Zehntklässler gefragt hatte ob man vom Küssen schwanger werden kann. So entschied ich allein meinen als Werkstatt angemieteten Hobbyraum als Zwischen- BugOut Lokation auszubauen. Hierhin wollte ich aus Berlin flüchten um dann in der Nähe besser beobachten zu können wie sich die Lage weiter entwickelt. Sollte Sie sich weiter zuspitzen, wäre eine Flucht nach Thüringen geplant. Als Notfallmaßnahme hatte ich meinen Ami nach der Enteignung des Alltagskombis vorsorglich auf den Innenhof meines Wohnblocks in Berlin abgestellt. Die Fahrt war bereits ein Abenteuer. In der Nacht war ich aufgestanden. Meiner Frau sagte ich, ich könne nicht schlafen und ich würde ein wenig auf den Innenhof gehen. Ich verriegelte sorgsam die Stahlblechtür, welche ich vor kurzem, unter den tadelnden Augen meiner Frau, eingebaut hatte. Sie solle sich keine Gedanken um mich machen müssen, zumal sie mir in einer Notsituation sowieso nicht helfen könnte. Ich war aber ungleich konzentrierter unterwegs, wenn ich meine Familie in relativer Sicherheit wüsste. So schlich ich mich davon und fuhr mit meinem alten Mountainbike die ca. 20 km in das Versteck meines Ami. Dort angekommen nahm ich das Tarnnetz herunter und stieg ein. Die Hintour hatte sich länger hingezogen als ich dachte. Ich musste unerwartet einem Trupp junger Neubürger weiträumig ausweichen, die ich Dank ihrer für Araber typisch lauten Art zu Reden frühzeitig entdeckte. Irgendwas auf Arabisch redend, zogen sie an mir vorbei. Lachend und feixend zogen sie einen Handkarren hinter sich her, der mir verdächtig bekannt vorkam. Der Handkarren gehörte dem Bauern Frank, der sein Anwesen neben meinem Fahrzeugversteck hatte. Ich wurde unruhig und machte mich wieder auf den Weg. Der erzwungene Stopp hatte mich insgesamt eine Stunde gekostet, sodass ich erst gegen drei Uhr nachts im Versteck angekommen war. Es war widererwartend noch alles vorhanden. Die drei hatten sich bei Frank wohl nur das Transportmittel „ausgeliehen“. Dennoch war mir klar geworden, dass die Vorräte in meinem Versteck unbewacht mittelfristig ebenso „ausgeliehen“ werden könnten. Die gleiche Route zurück konnte ich wegen der vorgerückten Stunde nicht nehmen, wenn ich nicht entdeckt werden wollte. Um die Zeit gab es praktisch keine zivilen Fahrzeuge mehr auf den Straßen. Einzig Polizeifahrzeuge und Neubürger in ihren fetten Mercedes und BMW patrollierten durch die Nacht. Gott sei Dank haben die kein Faible für echte Off-Roader, sodass mit einem unbeabsichtigten Zusammentreffen im Wald nicht zu rechnen war. Daher entschied ich mich über Feld und Waldwege zu fahren. Mit meinem Nachtsichtgerät auf dem Kopf ging es unbeleuchtet vorsichtig in Richtung Berlin. Die Zeit verrann und es dämmerte langsam. Die Straßen blieben dennoch weitgehend leer. Benzin war kaum mehr zu bekommen und viele Mitbürger hatten ihre Jobs verloren, sodass sie nun auch nicht mehr zur Arbeit fahren mussten. Ich orientierte mich an der Bahnlinie Berlin Charlottenburg Richtung Potsdam, die großteils durch ein Waldgebiet führt. Langsam fahrend kam ich gegen fünf Uhr an der Autobahnabfahrt spanische Allee an. Ab hier musste ich auf mein Glück hoffend die Autobahn bis zum Dreieck Funkturm nehmen. Nachdem ich mein Ami unter der Autobahnbrücke geparkt hatte, schlich ich zu Fuß die Auffahrt hoch. Es dämmerte schon und so suchte ich mit dem Fernglas die Autobahn Richtung Berlin ab. Ich hatte Glück. Die Polizei wurde weitgehend zu einer linksautonomen Randale in die Bornholmer Straße beordert, wie ich nachgängig erfuhr. So konnte ich zügig am ICC vorbei nach Hause fahren. Es machte sich dabei bezahlt, dass ich zusätzlich einen starken DB Killer verbaut hatte, so dass der Motor bei langsamer Schleichfahrt kaum ein Geräusch machte. Zu Hause angekommen wartete meine besorgte Frau schon auf mich und fragte wo ich den gewesen sei. Ich antwortete ihr ausweichend und erwähnte den Ami auch nicht. Da der Ami in Deutschland noch nie zugelassen war, kam auch später keiner um ihn zu konfiszieren. Die verängstigten Bewohner des Hauses kümmerten sich nur noch um sich und ihre Familien, sodass der mit Tarnnetz und Gerümpel getarnte Ami in einer Ecke des Hofes nur wenig Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich hatte in speziell angebrachten Kisten drei Rucksäcke mit allerlei nützlichen Sachen deponiert. Für jedes meiner Familienmitglieder mit Ausnahme unseres kleinen Sohnes einen Rucksack. Zweimal Wechselsachen, Nüsse, Dosenbrot, Dosenwurst, Energieriegel und zwei Liter Fruchtsaft, dazu Feuerzeuge, Espit, Regenponcho, ein Tarnnetz, Isomatte und einen Schlafsack. Auf ein Zelt verzichtete ich, da unsere Bugout Aktion nicht länger als zwei Tage dauern sollte und ein Zelt im Wald eine auffällige Geländeveränderung bewirken würde. Da hatte ich mich geirrt, wie ich später feststellen musste. Zusätzlich nahm ich mein Glock Feldmesser, Frischhaltefolie, eine Armbrust und ein Fernglas mit.
Nun hieß es warten. Warten darauf, dass meine Frau die Notwendigkeit eines Ausbuggens erkennen würde. Ich betete dass diese Einsicht bald kommen würde. Tief in meinem Inneren begann ich aber zu ahnen, dass diese Erkenntnis erst einsetzen würde, wenn die Gefahr im wahrsten Sinne des Wortes an die Tür klopfen bzw. treten würde. Ich bereitete mich so gut es eben ging auf diese Situation vor.
Und dann war es soweit.
Mitten in der Nacht hören wir lautes Geschrei auf der Straße. Unter unserem Schlafzimmerfenster endet unsere Straße in einer Sackgasse an deren stumpfen Ende die Liefereinfahrt eines bekannten Mediengiganten liegt. Lärm von Zulieferern, zurückkehrenden Übertragungswagen, Wachleuten und Reinigungsfahrzeugen sind wir gewohnt. So schlafen wir einfach weiter. Erst als unsere Tochter schlaftrunken in unser Zimmer stolpert und meint das jemand ein Lagerfeuer im Innenhof angezündet hat werden wir wach. Ich schleiche zum Fenster und erkenne das etwa 15 Schwarze und eine Handvoll Musels auf der Straße mit Fackeln in der Hand irgendwelche Parolen grölen. Sie haben Baseball Schläger, Messer und vereinzelt Handfeuerwaffen dabei. Einer der Bartträger steht etwas abseits. Er ist auch der einzige der ein Sturmgewehr wie ein Baby im Arm hält. Ob es jetzt eine AK47, ein G3 oder ein M16 ist, kann ich nicht erkennen. Es ist nur zu bemerken, dass er sich nicht an dem tollwütigen Treiben beteiligt, sondern nur kurze Befehle zu erteilen scheint und drei Musels immer wieder ruft und wieder wegschickt. Offenbar handelt es sich um den Anführer. Ich bin sofort hellwach. Im Treppenhaus poltern es. Stimmen schreien unverständliches durcheinander. Meine Tochter beginnt zu weinen. Ich beruhigte sie und machte ihr klar dass sie still sein müsse. Meine Frau schaut mich entsetzt an. Ich will ihr Vorwürfe machen, dass ich das schon vor Wochen geahnt hätte, besinne mich aber eines Besseren. Jetzt ist nicht die Zeit zum Streiten. Wir müssen hier weg. Sofort.
Die Stimmen im Haus mischten sich mit den Schreien unserer Mitmieter aus der ersten Etage. Dann höre ich dumpfe Schläge und eine der Stimmen verstummt. Die andere geht über in ein hysterisches Kreischen das kurz darauf durch ein helles Klatschen unterbrochen wird. Tabea, die Tochter unserer Mitmieterin wimmerte Herzzerreißend, was nur ein schallendes kehliges Lachen zur Folge hat. Sie wird an den Haaren aus dem Haus gezerrt und zu einem Transporter auf der Straße geschleift. Dieser weiße angeranzte Mercedes Sprinter war mir schon zweimal aufgefallen, als er in der Umgebung langsam durch die Straßen fuhr. Ich ging davon aus er suche die Liefereinfahrt und dachte nicht weiter darüber nach. Nun wird mir klar er hatte die Gegend observiert und den Angriff vorbereitet. Es ist also ein koordiniert geplanter Angriff auf wehrlose Mitbürger, kein aufgebrachter Mob.
Leise raune ich meiner Frau zu die Kinder schnell und leise anzuziehen. Ich greife mir meine immer bereitliegenden Sachen und schleich ins Kinderzimmer das zum Hof liegt. Auf dem Weg zieh ich mich leise an. Den knarrenden Dielen des 1910 erbauten Hauses ausweichend zieh ich die Gardine ein wenig zur Seite. Ich traue meinen Augen kaum. Auf dem Hof brennt ein riesiges Feuer aus Möbeln, Matratzen, Gardienen und vielem mehr. Aus dem Hintereingang kommen zwei Schwarze und schleiffen die Leiche unserer Mitmieterin aus der ersten Etage auf den Hof. Emotionslos werfen sie sie auf das Feuer. Es ist ein Anblick wie aus Dantes Hölle. Einer bewacht das Feuer und zwei weitere schleppen neues Brennmaterial heran.
Offenbar rechnet niemand mit Gegenwehr oder Flucht, denn keiner hat seine Waffe in Griffweite. Nur einer der Holzhohler trägt eine 9mm SigSauer im Hosenbund. Den Ami haben die Schwarzen unter dem Gerümpel in der Ecke noch nicht entdeckt. Die Lage ist also nicht ganz aussichtslos. Während ich die Lage sondiere hörte ich das Poltern von schweren Stiefeln im Treppenhaus. Die Tür der italienischen Familie unter uns wird eingetreten und die Wohnung lautstark verwüstet. Die Margiolinos müssen sich im hintersten Raum genau unter uns verschanzt haben. Sie leisten offensichtlich Gegenwehr und verkaufen ihr Leben so teuer wie möglich. Ich hole meine Frau und die Kinder. Aus dem Schlafzimmer reiße ich meinen Rucksack, die Armbrust und mein Glock Feldmesser an mich. Noch vor Wochen hatte ich mich darüber aufgeregt, dass unsere Vermietergesellschaft es immer noch nicht geschafft hatte die Rüstung im Hinterhof abzubauen. Ich hielt diese in der aktuellen Zeit für ein unnötiges Risiko zumal die Bauarbeiten bereits seit einem Jahr beendet waren. Ironischerweise sollte eben diese Rüstung nun unser Leben retten. Ich drehe mich zu meiner Familie um. Kurz erläutere ich meiner Tochter, dass es auf dieser Welt sehr böse Menschen geben würde die unfassbar böse Dinge tun. Ich und Mama würden aber alles tun um sie und ihren Bruder zu beschützen. Sie müsse aber vor allem leise sein und dürfe nicht schreien. Sie verspricht es mir. Dennoch lasse ich sie einen kurzen Blick auf den Hof werfen. Sie schaut mich mit schreckensgeweiteten Augen an und fängt an zu weinen. Schnell ziehe ich sie in meine Arme und tröste sie. Sei bitte leise, sonst schaffen wir es nicht mein Schatz sage ich zu ihr und schaue tief in ihre großen blauen Augen. Es krampft sich mir das Herz zusammen, als ich in ihren Augen sehe, dass in ihr etwas zerbrochen ist. Die infantile Naivität ist verflogen. Traurige Augen schauen mich an. Es wird alles wieder gut. Meine Frau nimmt sie beiseite. In der unteren Etage verstummen langsam die Laute. Es wird höchste Zeit abzuhauen. Während meines Gesprächs hatte ich immer unauffällig den Hof beobachtet. Der Schwarze am Feuer blieb dort. Die Holzhohler waren wie alle Schwarzen faul und blieben immer länger weg. Vielleicht lag es auch daran, dass sie weitere Wege zurücklegen mussten um Brennmaterial zu beschaffen. Ich zählte die Sekunden zwischen den Touren. Ich hatte ca.5 min bis sie wieder auftauchten. Zum Glück kommen sie nicht gleichzeitig wieder. Ich öffne das Fenster. In dem Augenblick hören wir Stimmen vor unserer Tür. Jemand ruft etwas. Kurz darauf tritt jemand gegen die äußere Holztür. Sie ächzte gibt aber nicht nach. Meine Frau hält unserer Tochter, die anfangen will zu schreien noch rechtzeitig den Mund zu. Erst der dritte Tritt gegen die Türklinke läßt die Tür schief aus den Angeln brechen. Die Stahlblechtür ist circa 20cm dahinter angebracht, sodass die erste Tür die Sicherheitstür teilweise bedeckt und ihr daher noch Schutz gewährt.
Eine unverständliche Diskussion entbrennte. Man streitet sich wohl darüber, ob man erst weiter oben die Türen aufbrechen soll, oder hier weitermachen. Man entschließt sich eine Wache zurückzulassen die das Treppenhaus vor eventuell flüchtenden sichert. Das verschafft uns die nötige Zeit. Ich steige zuerst aus dem Fenster auf die Rüstung. Keiner der Aggressoren hat sich die Mühe gemacht hier eine Wache abzustellen. Zu oft hatten sie erlebt, dass selbst gestandene Männer wie ein Häufchen Elend zusammensackten und um Gnade bettelten. Mit Gegenwehr oder Flucht rechnet daher keiner. Ich schleiche also die Planken, bewaffnet mit meiner Armbrust und einem Messer, voraus. Meine Frau soll in drei Minuten leise mit den Kindern folgen.
Leise klettere ich die Etagen der Rüstung herunter. Das Geschrei der Angreifer und das prasseln und knacken des Feuers gibt mir die Sicherheit nicht gehört zu werden. In meiner Armbrust habe ich nur zwei Pfeile. Meine kleinere Armbrust und die restlichen Pfeile hatte der Staatsschutz durch einen unglücklichen Zufall im Zusammenhang mit den Bauarbeiten gefunden und konfisziert. Gott sei Dank hatten alle Hausbewohner ihr Unwissen über den Eigentümer bekundet und so ging die Sache glimpflich aus. Ich bin inzwischen unbemerkt auf dem Hof angekommen. Die Bedrohung im Nacken bleibt mir nicht viel Zeit zum Überlegen. Ich spanne im Schutz eines Gerüpelhaufens meine Armbrust und bete das nicht einer der Holzhohler vorzeitig auftauchen würde. Da ich nur zwei Pfeile habe und daher es nicht möglich ist alle drei Angreifer so auszuschalten muß einer durch mein Messer sterben. Innerlich stellte ich meine Zweifel hinten an einen Menschen zu töten. Die Umstände erleichterten mir das Vorhaben sehr.
Ich schleiche von hinten auf den Schwarzen am Feuer zu. Er ist mit seinen ca. 1,90m in etwa gleich groß, aber sein Muskelshirt lässt auf einen erheblich besseren Fitnesszustand als meinen schließen. Wenn man den ganzen Tag nicht zu tun hatte, war es eben auch nicht schwer um die Lageweile zu besiegen seinen Körper fit zu halten. Er bemerkt mich nicht. Vorsichtig lege ich die gespannte Armbrust neben mich auf den Boden. Nur noch wenige Meter entfernt richte ich mich langsam etwas auf. Das Messer halte ich in der rechten Hand. Mein Herz rast vor Aufregung. Ich fürchte schon er müsse es hören können. Was natürlich Quatsch ist. Ich schwitze und der Schweiß läuft mir in die Augen. Auf Armlänge hinter ihm, bemerkt er mich. Er will sich umdrehen. Ich weiß sollte ihm das gelingen, würde es einen ungleichen Kampf geben, dessen Ausgang zu meinen Gunsten nicht zu erwarten ist. In meiner Panik rammte ich Ihm das Messer von schräg hinten aufwärts in den Hals. Überrascht beobachte ich wie leicht sich das Messer durch seine Halsschlagader und die Luftröhre in Richtung seines linken Ohres hinaus bohrt. Das Messer halte ich fest und mit einem leicht matschig klingenden Zischen ziehe ich es zurück. Der zuckende Leib sinkt wie in Zeitlupe auf den Boden. Das Messer hatte seinen Kehlkopf zerschnitten, sodass er nur noch röcheln kann. Mit weit aufgerissenen ungläubig schauenden Augen starrt er mich an. Ich überlege ob ich Ihn den Dolch nochmal ins Herz rammen sollte, um seinem Leid ein Ende zu bereiten, entscheide mich aber dagegen. Sollte einer der Holzhohler zwischenzeitlich auftauchen, wäre ich in der hockenden Position leichte Beute. Ich stoße den knienden Schwarzen in sein eigenes Feuer und spurte zu meiner Armbrust. Es ist schon erschreckend: wenn man es muss ist töten so leicht wie atmen, geht es mir durch den Kopf. Kein Augenblick zu früh erreiche ich meine Armbrust. Aus dem dunklen Hauseingang tritt einer der Holzhohler hervor. Ich hocke hinter einem Gerümpel Stapel und lege bereits die Armbrust auf ihn an. Da poltert es auf dem Gerüst über mir. Meine Frau ist mit unserem Sohn auf dem Arm über ein Brocken der abgeklopften Fassade gestolpert und kann sich nur noch durch einen beherzten Griff an einer Gerüststange festhalten. Unser kleiner fängt sofort an vor Schreck zu weinen. Der Schwarze ebenfalls groß und athletisch gebaut schaut nach oben in Richtung meiner Frau. Er reist die Pistole aus seinem Gürtel und will nach Verstärkung schreien, doch dazu kommt er nicht mehr. Ein Pfeil bohrt sich sirrend durch seine Schläfe nur um auf der anderen Seite Großteils auszutreten. 185 Ibs mit einer zweiseitigen Jagdspitze sind schon der Overkill. Sekunden später knallt die Tür und der dritte Schwarze steht bereits alarmiert im Türrahmen. Mist so eine Scene wollt ich vermeiden. Narbenbacke hebt drohend sein Baseball Schläger und kommt auf mich zu. Einer gewissen Ironie kann ich mich hierbei nicht erwehren, da der Baseballschläger für mich Sinnbild eines freien Amerikas so gar nicht zum feudalistischen Dritteweltland passen will aus welchem der stark pigmentierte Helfer der Musels stammt. Ich sehe schon wie er damit auf mich eindrischt um meinen Kopf in einen matschigen roten Brei zu verwandeln. Anschließend wirft er meinen kleinen Sohn unter hysterischen Schreien meiner Frau ins Feuer und vergewaltigt sie im Beisein meine Tochter zu Tode. Ein faustgroßer Stein reißt mich aus meinem Alptraum. Mit einem dumpfen Schlag landet er auf dem Kopf von Narbenbacke. Er stammt aus der Hand meiner Frau. Leider ist er allerdings nur ein rudimentärer Rest der Sandsteinfassade und sorgt daher nur für einen kurzen Moment der Ablenkung. Das reicht mir. Ich springe zu meinem Armbrustopfer, greife dessen Pistole und schieße Narbenbacke zweimal in die Brust. Er sinkt zusammen. Ich durchsuchte den zweiten und finde neben Zigaretten, die ich als Tauschmittel einsetzen werde, ein Feuerzeug, zwei Magazine 9mm. Kaugummi und eine Ansichtskarte aus Solingen. Nicht sonderlich scharf, aber zum Abstechen von Museln ganz brauchbar. Darüber hinaus finde ich einen mehrfach gefalteten und schmutzigen A4 Zettel auf dem Vierecke mit Zahlen, Piktogrammen und netzartigen Linien stellenweise durchkreuzt waren. Ohne diesen näher zu betrachten stecke ich alles ein und sammele noch meinen Pfeil und die Armbrust auf. Narbenbacke ist nicht tot, lässt sich aber ohne Gegenwehr durchsuchen. Ich überlege kurz ob ich ihn gleich abknallen oder abstechen soll, entscheide mich aber dagegen. Eine weitere Kugel ist das Schwein mir nicht wert. Wer weiß wozu man die noch braucht. Darüber hinaus muss meine Tochter mich nicht dabei beobachten wie ich blutverschmiert einen am Boden liegenden Mann absteche.
style1977
 

Beitragvon style1977 » 14.10.2016, 11:05

Hey was denn los? Keiner mehr da der schreibt. Ist im Bunker das Wlan ausgefallen??
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Beitragvon Kavure´i » 16.10.2016, 02:59

Hola Style

die Fortsetzung ist in Arbeit.

In Gedanken ist wieder eine längerer Abschnitt fertig, ich muß ihn "nur" noch niederschreiben.

Kavure´i
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Kavure´i
 

Beitragvon style1977 » 17.10.2016, 09:12

Prima. Bin schon ganz gespannt. Was ist mit Mankei?
style1977
 

Beitragvon Kavure´i » 18.10.2016, 03:26

Mankei wartet darauf, daß ich zu Potte komm. :lol:

Unterdessen unterhält er uns mit seiner neuen Geschichte im anderen Geschichtenthread.

Ich konnte wegen Unwetter und Stromausfall bisher nicht schreiben :evil:
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 19.10.2016, 02:39

Insgesamt hatte der Oberst achtzehn Männer mitgebracht, ausreichend um die Menschen der Bahnstation unter Kontrolle zu bringen.
Wie sie die Wachen hatten überwältigen können, wusste keiner, auch nicht, wo sie waren, ob sie noch lebten oder nicht.
Zwölf der Soldaten saßen nun mit gefesselten Händen und Füßen aufgereiht an einer Wand.
Die fehlenden sechs hatten unsere Freunde weggebracht.
Nur der Oberst befand sich noch im Schlafabteil. Durch sein Hin- und Herwerfen war er von der Matratze gerutscht und hing nun schmerzhaft verdreht, mit vollem Gewicht an den Handschellen hängend, halb auf dem Boden.
Wir hatten uns nicht die Mühe gemacht, ihn wieder aufs Bett zu legen.

Wir setzten uns wieder an den Tisch und beendeten den nächtlichen Imbiss.
Die verletzten Männer wurden unter Ellas Aufsicht in den Bunker gebracht. Die Militärs hatten sich gezielt die Ältesten herausgesucht, da sie deren Widerstandskraft gegen die Folter am geringsten eingeschätzt hatten.
Dass sie wirklich nicht wussten, wohin wir gegangen, bzw. gefahren waren, hatten sie ihnen nicht abgenommen und deswegen die Quälereien mehrfach wiederholt.
Um den Männern allen Mut zu nehmen, wählte der Oberst zehn Frauen und Kinder aus und ließ sie in den hinteren Bereich bringen.
Schüsse fielen, einige Schreie ertönten, die nach den nächsten Schüssen verstummten.
Lachend kamen der Offizier und seine Gehilfen wieder und er verkündete den entsetzten Unterirdischen, dass dies erst der Anfang gewesen sei.
"Heute Abend wähle ich die nächsten zehn aus und morgen früh wieder. Die Frauen und Kinder zuerst, so wie es die Höflichkeit gebietet. Danach seid ihr dran." hatte er den Männern gutgelaunt im Plauderton mitgeteilt.
Trotz verzweifelter Bitten, doch wenigstens die Kinder zu verschonen, hatte er an seinem teuflischen Vorhaben festgehalten.

"Es tut mir leid, dass ihr wegen uns so leiden musstet." entschuldigte ich mich bei den Männern.
"Dieser Oberst ist ein Sadist, der hätte es so oder so getan, auch ohne euch." erwiderte einer von ihnen.
"Jetzt müssen wir herausbekommen, wohin sie unsere Leute gebracht haben und versuchen sie zu befreien."
"Wenn sie sie in die Stadt gebracht haben, dann habt ihr keine Chance." mischte sich Ahlborn ins Gespräch ein.
"Die Zugänge sind streng bewacht, da kommt nicht einmal eine Maus ungesehen rein oder raus."
"Und außerdem kennen wir außer dem Haupteingang keinen anderen Zugang zur Stadt." meinte Jürgen.
"Doch, den im Naturkundemuseum. Wir wissen zwar nicht genau wo er ist, aber irgendwo im Keller muss er sein. Den finden wir." sagte Marc.
"Selbst wenn wir ihn finden, sind wir noch lange nicht drin. Sie werden uns die Tür nicht freiwillig öffnen." gab Claudia zu bedenken.
"Nun ist unser Herr Oberst gefragt." Jürgen gab den Auftrag, den Mann zu uns zu bringen.
Obwohl vier Mann ihn festhielten, war er kaum zu bändigen. Er tobte wie ein Besessener und versuchte sich loszureißen.
Durch den Knebel beim Atmen behindert, quollen ihm fast die Augen aus den Höhlen, sein Kopf war hochrot angelaufen und der Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht.
Sie hielten ihn mit aller Kraft fest und trotzdem gelang es ihm, sich loszureißen. Und sofort lief er in Richtung Treppe.
Hannes trat ihm geistesgegenwärtig in die Kniekehlen, und er schlug hart auf den Fliesen auf, da er sich nicht abstützen konnte.
Als Jürgens Leute ihn wieder hochzogen, lief ihm das Blut aus der gebrochenen Nase und einer großen Platzwunde über dem linken Auge.
Sie brachten ihn zurück zum Tisch und drückten ihn vor uns auf die Knie.
Einer zog einen Kabelbinder aus der Tasche und fesselte ihm die Beine.
Max setzte noch einen obendrauf indem er sich aus dem Wartungstunnel ein Seil besorgte, ihm eine Schlinge um den Hals legte, das andere Ende durch die Fessel an den Knöcheln führte und das Seil ziemlich straffzog, bevor er es verknotete.
Der Oberst kniete nun in einer sehr unangenehmen Position auf dem Boden. Er musste Kopf und Oberkörper sehr aufrecht halten, um sich nicht selbst zu erdrosseln.
Claudia zog ihm die Unterhose aus dem Mund und begann mit der Befragung:
"Wohin habt ihr unsere Freunde gebracht?"
"Fick dich, du Schlampe!" spie er ihr entgegen.
Sie gab ihm eine kräftige Maulschelle.
"Falsche Antwort. Also. Wohin habt ihr sie gebracht?"
Er stierte sie nur aus blutunterlaufenen Augen an.
"Lieber gehe ich drauf, als dass ich euch ein Wort sage."
Max stellte sich hinter ihn und zog an dem Seil.
Er keuchte und schnappt nach Luft. Max ließ locker und Claudia stellte die Frage erneut. Wieder bekam sie außer Beleidigungen nichts zu hören. Selbst als Max den Strick so stark straffte, dass ihm die Augen wieder hervorquollen und sein Gesicht bläulich anlief, war er nicht bereit, uns die gewünschte Information zu geben.
Schließlich befahl Jürgen, ihn in eine der Zellen zu bringen. "Den Strick lasst ihr dran!" rief er den Männern nach, die ihn fortschafften.
Noch als sie ihn fortschleiften, brüllte er: "Wer auch nur ein Wort sagt, den bringe ich eigenhändig um! Habt ihr mich gehört?"

"So, mit wem versuchen wir es jetzt?" fragte Ingetraut.
"Ich würde den Jüngsten nehmen." schlug ich vor.
"Nein, nehmt den da!" forderte Adrian. "Der hat Olli umgebracht, der Dreckskerl. Er hat ihn erschlagen, weil er vor Angst geschrien hat."
Er ging zu der Reihe der gefesselten Eindringlinge und zeigte auf einen hübschen blondgelockten Mann Mitte zwanzig, der aussah, als könne er keiner Fliege was zu Leide tun.
"Gute Idee." stimmte einer der Unterirdischen zu. "Der war der Schlimmste, wenn es darum ging, sich neue Quälereien für uns auszudenken. Er ist der Adjutant vom Oberst."
"Wohin habt ihr unsere Leute gebracht?" dieses Mal fragte Jutta.
"Eure Schallplatte hat wohl einen Sprung." spottete der Blonde. Statt ihn zu schlagen, zog sie ihr Messer aus dem Gürtel und begann, ihm die Locken abzuschneiden.
"Was gibt das jetzt? Brauchst du ein Andenken an mich?" lachte er sie aus.
Ohne Vorwarnung stach sie ihm die Spitze des Messers ins rechte Ohrläppchen und schlitzte es auf.
Mehr aus Überraschung denn aus Schmerz schrie er auf.
Sie wiederholte ihre Frage und als er nicht antwortete, kam das linke dran.
Beim dritten Mal war es das rechte Nasenloch, danach das linke.
"So, genug gescherzt. Wenn ich jetzt kein Antwort bekomme, schneide ich dir ein Ohr ab."
Er presste die Lippen aufeinander und starrte sie trotzig an.
Als sie ihre Drohung wahr machte, fing er an zu schreien.
Wie die meisten Rohlinge, denen es Freude machte, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, konnte er selber keine ertragen.
Binnen kürzester Zeit erfuhren wir alles was wir wissen wollten.
Wenn er bei einer Frage zögerte, genügte es, ihm das blutige Messer zu zeigen, und sofort sprudelte die Antwort aus ihm heraus.

Wie wir vermutet hatten, waren die Frauen, Kinder und unsere Freunde zum Naturkundemuseum gebracht worden.
Im Keller befand sich der gut getarnte Eingang zur Unterirdischen Stadt.
Der konnte nur von innen geöffnet werden und wie die Wächter auf der anderen Seite kontaktiert werden konnten wussten nur der Oberst und dessen Stellvertreter. Und der war nicht zurückgekommen, nachdem er mit fünf seiner Männer die Frauen, Kinder und unsere Freunde mit der Bahn zum Museum gebracht hatte .
Der Adjutant und seine Kumpane kannten den Eingang nicht und wussten noch nicht einmal, in welchem Teil des Kellers er sich befand.
Der Trupp hatte die Stadt durch den Haupteingang verlassen.

"Schafft die Kerle in die Zellen, ich kann sie nicht mehr ertragen." ordnete Jürgen an. Schnell wurden sie weggebracht. Die Männer machten sich nicht die Mühe, ihnen die Beinfesseln abzunehmen. Je zwei von ihnen packten sie an den Füssen und schleiften sie weg.

Wieder saßen wir an dem großen Tisch und berieten uns.
In der Kantine wurde Kaffee und Tee zubereitet und jeder von uns bekam einen Pott des gewünschten Getränks.
"Wir müssen versuchen, sie zurückzuholen." sagte ich. "Wir können sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen."
"Natürlich nicht." stimmte Jürgen zu. "Aber es wird nicht einfach werden."
"Wir müssen diesen Dreckskerl von Oberst dazu bringen, uns Einlass zu verschaffen. Nur wie? Der lässt sich eher totschlagen, als dass er uns den Code verrät. Der lacht noch in der Hölle über unsere Verzweiflung, dass wir unsere Leute nicht retten können."
"Ich schlage vor, wir verfrachten ihn in die Bahn und wir fahren zum Museum. Dann schauen wir uns im Keller um, vielleicht finden wir ja selber Hinweise, wo der Eingang sein könnte. Zur Not warten wir ab, ob die Wächter wieder herauskommen, wie da, als wir uns vor den Amis versteckten."
Mangels einer besseren Idee stimmten mir die Anderen zu.
Max und Hannes gingen den Oberst holen. Sie hatten den Strick von den Knöcheln gelöst und führten den halb erstickten Mann zum hintersten Waggon. Max hielt das Ende des Seils, mit dem er ihn im Waggon an eine der Haltestangen band.
Hannes hatte ihm wieder die Unterhose in den Mund gestopft, weil er nicht aufhörte, sie zu beschimpfen.
Sie setzten sich ihm gegenüber um ihn zu bewachen.
Schnell füllten sich die freien Plätze mit Ober- und Unterirdischen, die sich bewaffnet hatten. Um die Kerle in den Zellen zu bewachen, hatte Ingetraut um Verstärkung aus dem Bunker geschickt. Es waren zwei Männer und zwei Frauen gekommen, die ausreichen sollten, auf zwölf gefesselte Männer aufzupassen.
Insgesamt waren wir um die fünfzig Personen, die sich auf den Weg machten.


Fabian startete den Motor des Triebwagens und wieder einmal fuhren wir in einen dunklen Tunnel ein.
Es dauerte nicht lange und unsere Fahrt endete im Bahnhof Naturkundemuseum. Weiter hätten wir nicht fahren können, denn eine andere U-Bahn stand dort auf dem Gleis.
Es musste sich um diejenige handeln, mit denen die Soldaten ihre Gefangenen transportiert hatten. Die Unterirdischen bestätigten meine Vermutung.
Fabian stieg kurz ins Führerhaus der anderen Bahn und zog den Schlüssel ab. Den hatten sie einfach stecken lassen. Was für eine Nachlässigkeit!
Gerade als Jürgen drei seiner Leute zur Erkundung vorausschicken wollte, tauchten plötzlich aus dem gegenüberliegenden Tunnel Leute mit der Waffe im Anschlag auf.
"Hände hoch! Keine falsche Bewegung!"
Wir standen wie erstarrt. Und in diesem Moment kamen weitere Bewaffnete die Treppen des Zugangs herunter, die ebenfalls auf uns zielten.
"Nomaden." flüsterte Jutta mir zu.
Wir standen mit erhobenen Armen da, und während uns die Einen bedrohten, entwaffneten uns die Anderen.
"Los! Die Treppen hoch!" Mit einer unmissverständlichen Bewegung seiner Schrotflinte bedeutete uns einer der Nomaden, uns ans Tageslicht zu begeben.
Auf der Straße stand wieder das bunte Sammelsurium an Fahrzeugen aller Art und ich erkannte sogar das eine oder andere wieder. Es waren die gleichen Nomaden, vor denen wir uns versteckt hatten. Dieses Mal zeigten die Motorhauben der Vehikel in die andere Richtung.
Warum waren sie zurückgekommen?
Beim Museum angekommen, trieben sie uns die Treppen hoch und durch das Eingangstor ins Innere.
In der großen Vorhalle saßen und standen einige Nomaden. An einem Schreibtisch saß eine alte Frau. Sie hatte ihr dichtes schneeweißes Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr vorne über der linken Schulter hing. Sie trug ein blaukariertes Männerhemd über einem gelben T-Shirt.
Ihre dunklen Augen schauten uns durchdringend an.
Hinter ihr stand ein jüngerer Mann. Eine Hand lag auf ihrer rechten Schulter, er sah der Frau sehr ähnlich, wahrscheinlich war er ihr Sohn.
Im Gegensatz zu ihr starrte er uns mit unverhohlenem Hass an.
Der Anführer unserer Fänger zeigte stolz auf uns. "Hier ist der Rest der Bande. Sie kamen gerade an. Da siehst du mal, diese Mistkerle lügen, wenn sie das Maul aufmachen. Sie wollten uns in Sicherheit wiegen, als sie uns erzählten, es kämen nur noch dreizehn von ihnen."
Die Frau musterte uns immer noch schweigend.
Schließlich sagte sie: "Ich glaube nicht, dass sie gelogen haben. Das sind keine Soldaten. Die gehören nicht zu denen."
"Ich glaube es doch." widersprach der Anführer. "Die waren bis an die Zähne bewaffnet."
"Wir suchen Angehörige und Freunde von uns, die von Soldaten entführt wurden." sagte ich.
"Halts Maul!" fuhr mich der junge Mann hinter ihr. "Ihr redet nur, wenn ihr gefragt werdet."
Ich trat vor und funkelte ihn an.
"Mit welchem Recht willst du mir den Mund verbieten? Glaubst du, ich lasse mir von einem Kind Befehle erteilen?"
Mit einigen schnellen Schritten war er hinter dem Schreibtisch hervorgekommen und stand jetzt dicht vor mir. Er überragte mich um fast einen Kopf, aber er machte mir keine Angst.
"Mit Pack wie euch machen wir kurzen Prozess!" wütete er.
Ich ballte meine rechte Hand zur Faust und ließ den Mittelfinger etwas vorstehen. Damit gab ich ihm einen kräftigen Schlag auf den Solarplexus und er brach nach Luft schnappend zusammen.
Sofort richteten sich mehrere Waffen auf mich. Ich ignorierte sie und trat näher an den Schreibtisch heran.
"Meine Gefährten und ich sind auf der Suche nach unseren Freunden, unsere Begleiter wollen ihre Frauen und Kinder wiederfinden. Gebt uns die Waffen zurück, damit wir weitermachen können."
Plötzlich kam Bewegung in die umstehenden Nomaden. Die vorderste Reihe teilte sich und ein Mann trat hervor.
Er war groß und schlaksig, hatte die eine Seite seines Schädels millimeterkurz geschoren. Dafür trug er das Haar auf der anderen Seite zu langen dünnen Zöpfen geflochten. Hose und Jacke waren grünschwarz gefleckt, die Füße steckten in weichen Stiefeletten.
"Hallo Lea." sagte er. "Wie ich höre, hast du immer noch die gleiche große Klappe."
"Hola Ramón." antwortete ich. "Wie ich sehe, hast du immer noch die gleiche bescheuerte Frisur."
Dann fielen wir uns in die Arme.
"Wie geht’s dir? Wo kommst du her? Was machst du hier?"
"Wie kommst du zu diesen Leuten? Warum seid ihr zurückgekommen? Habt ihr unsere Leute gesehen?"
Wir redeten beide gleichzeitig los und brachen auch gleichzeitig wieder ab.
Und lachten los.
Die Anführerin sah uns an und fragte dann: "Du kennst diese Leute?"
"Nein, nur sie. Sie ist meine Schwester."
Marc nahm meinen Arm. "Du hast mir nie erzählt, dass du einen Bruder hast."
"Habe ich auch nicht. Seine Eltern haben mich adoptiert, weil ich ihnen vor vielen Jahren das Leben gerettet habe."
"Sag das nicht so beiläufig." ermahnte mich Ramón. "Du erbst immerhin die Hälfte ihres Vermögens."
"Bürgst du für sie?" fragte die Frau.
"Mit meinem Leben." antwortete Ramón.

Die Frau stand auf, kam hinter dem Schreibtisch hervor und reichte mir die Hand.
"Willkommen bei meinem Clan. Ich bin Artemisia, meinen Sohn Leofric kennst du ja bereits. Wenn Ramón für euch bürgt, dann könnt ihr unmöglich zu diesem Abschaum gehören, der da unten," sie machte eine vage Handbewegung in Richtung Kellergeschoss, "in Saus und Braus lebt, während hier oben die Menschen sterben."
"Ich heiße Lea, das ist mein Mann Marc. Darf ich dir Jürgen und Ingetraut vorstellen. Sie sind so etwas wie die Clanführer der Ober- und Unterirdischen."
Während ich die drei vorstellte, bemerkte ich, dass weder Max und Hannes noch der Oberst zu sehen waren.

Leofric war inzwischen wieder auf den Beinen und beugte sich mit bleichem, verschwitzten Gesicht vornüber.
Er schien seinen Augen nicht zu trauen, als er uns in friedlichem Gespräch mit seiner Mutter sah.
Wir erzählten vom Überfall der Stadtleute und ihren Gräueltaten.
"Bitte gebt uns unsere Waffen zurück, wie müssen dringend eine Möglichkeit finden, in die Stadt zu gelangen um sie zu befreien." bat Jürgen.
"Das wird nicht nötig sein." bekam er zur Antwort. "Sie sind nicht dort."
"Was?"
"Kommt mit!" befahl Artemisia und wir folgten ihr
Ein Stockwerk tiefer führte sie uns durch einige Kellerräume, bis wir einen größeren Saal betraten, in dem viele Feldbetten aufgebaut waren.
"Schaut mal, wen wir euch bringen!" rief die Frau.
Köpfe ruckten hoch und kaum sahen uns die Leute, die dort auf den Betten saßen oder lagen, sprangen sie auf und umringten uns.
Zu unserer großen Freude waren alle Mitglieder unserer Gruppe anwesend und wir umarmten uns voller Freude.
Auch die Unterirdischen hielten ihre Frauen und Kinder in den Armen und alle weinten vor Freude.
Fast alle sahen ziemlich mitgenommen aus, einige hatten Verletzungen, die aber fachmännisch versorgt worden waren.
Unser Arzt beruhigte uns. "Es werden keine bleibenden Schäden zurückbleiben. Zumindest physisch nicht. Und psychisch sind sie stark. Sie haben zum Teil schon Schlimmeres mitgemacht."

Es herrschte lautes Stimmengewirr. Alle redeten gleichzeitig. Man stellte Fragen, wartete gar nicht auf Antworten, stellte sie noch einmal, fragte nach. Vor lauter Freude konnten wir uns kaum beruhigen.
Helma und Miriam nahmen mich zur Seite.
"Wo sind Hannes und Max? Ist ihnen etwas zugestoßen?"
"Ich glaube nicht." gab ich zur Antwort. "Sie bewachten im Zug den Oberst. Seit wir ausgestiegen sind, habe ich sie nicht mehr gesehen."

Artemisia und Ramón standen in der Tür und beobachteten uns. Nun war jegliches Misstrauen uns gegenüber verschwunden.
Sogar Leofric machte jetzt ein freundliches Gesicht. Nachtragend schien er nicht zu sein.
Ich ging gemeinsam mit den beiden Frauen zu ihnen hin und erzählte ihnen die Sache mit dem Oberst und unseren Freunden.
Wir bekamen die Erlaubnis zum Bahnhof zurückzugehen und nach ihnen zu schauen.
Ramón ließ sich nicht davon abhalten uns zu begleiten.
Wir gingen die Stufen zum Bahnsteig hinunter und stellten uns so, dass wir gut zu sehen waren.
"Max, Hannes!" rief Helma.
Ein Kopf tauchte an einem der Fenster des letzten Waggons auf.
"Helma!" rief Hannes und wenige Sekunden später sprangen beide Männer aus dem Wagen und rannten auf uns zu.
Die Vier umarmten und küssten sich.
Danach bombardierten sie uns mit Fragen, die wir so ausführlich als nötig beantworteten.
"Nun kommt schon mit, bald gibt es Mittagessen." forderte uns Ramón auf. "Wir können auch während des Essens reden."
"Jetzt glaube ich wirklich, dass er dein Bruder ist." frotzelte Marc.
"Wo er Recht hat, hat er Recht." sagte ich.
"Holen wir den Oberst und lernen wir eure neuen Freunde kennen." Max nahm Hannes am Arm und zog ihn Richtung U-Bahn.
Sie kletterten in den Wagen und kamen gleich darauf mit dem Oberst am Strick wieder heraus.
"Was hat der als Knebel im Mund? Eine Unterhose? Lustige Idee!" grinste Ramón.
Der Oberst warf ihm wütende Blicke zu, aber das beeindruckte ihn nicht im Mindesten.
Kurze Zeit später erreichten wir das Museum und unter den neugierigen Blicken der Nomaden führten wir unseren Gefangenen zu Artemisia.

Artemisia führte uns wieder in den Keller. Sie führte uns am Schlafraum vorbei bis ans Ende des Korridors. Sie schloss eine Metalltür auf und wir traten ein. Die hintere Hälfte des Raumes war durch Gitterstäbe in zwei Räume abgetrennt. Ein ideales Gefängnis.
Dort saßen sechs Männer in militärischen Uniformen auf dem Boden der unmöblierten Zelle. Sie schauten auf als wir eintraten.
Ahlborn trat an die Gitterstäbe und zeigte auf einen grauhaarigen Mann.
"Der war auch dabei, als sie die Busse aussperrten. Und diese Beiden ebenfalls." Er zeigte auf zwei jüngere Männer, einen braun- und einen schwarzhaarigen. "Die Anderen kenne ich nicht."
Zwei Männer des Clans traten vor. "Wie meinst du das, sie waren dabei, als die Busse ausgesperrt wurden? Welche Busse? Die mit den Angehörigen der Polizisten, die dieses Politikergesindel zum Flughafen eskortieren mussten?"
"Ja." antwortete Ahlborn kurz und knapp.
"Erzähl!"
Ahlborn fasste seinen vor einigen Tagen uns gegebenen Bericht zusammen.
Bei seiner Erzählung wurden die Gesichter der beiden Männer immer bleicher.
Als er schwieg, wandten sie sich dem Gefangenen zu.
Als sie den Oberst ansahen, konnten sie sich nur mit großer Mühe beherrschen. Ich konnte sehen, wie es in ihren Gesichtern arbeitete.
"Dieser Hurensohn ist also für den Tod unserer Familien verantwortlich."
"Nein." widersprach ihm sein Kollege. "Er war nur das ausführende Organ. Verantwortlich sind diejenigen, die ihm den Befehl dazu erteilten. Und deren Namen will ich wissen."
"Wir werden sie erfahren." versprach Artemisia.
"Oh ja." stimmte ihr Ramón freundlich lächelnd zu. "Und ich werde derjenige sein, der sie euch beschafft."
"Steckt ihn in die andere Zelle." befahl Ramón.
Max und Hannes zerrten den widerspenstigen Offizier in den leeren Käfig. Dort fädelte Max das freie Ende des Seils durch eine Metallöse in der Decke und zog es so straff, dass der Oberst nur stehen konnte. Und er war weit genug weg vom Gitter der anderen Zelle, so dass ihn seine Leute nicht aus seiner misslichen Lage befreien konnten.
Wir verließen den Raum und gingen zum Essen.

Und wie versprochen informierte uns Ramón über die Ereignisse vor unserer Ankunft.

"Wir haben euch beobachtet als ihr hier Rast gemacht habt. Dann seid ihr weitergezogen. Warum seid ihr zurückgekommen?"
"Ganz einfach. Einige Stunden nach unserem Aufbruch kamen unsere Späher zurück und meldeten uns einen Konvoi, von dem sie vermuteten, dass es Amis wären."
Einer der Laster schien einen Motorschaden zu haben und sie hatten beobachtet, wie schwere Kisten von diesem Fahrzeug auf die anderen verteilt wurden.
Schnell wurde ein Trupp zusammengestellt, der sich aufmachte, diesen Konvoi zu verfolgen und zu stoppen.
Sie kamen gerade bei den Transportern an, als die Fahrer die Motoren anließen um weiter zu fahren.
Als sie die Nomaden kommen sahen, eröffneten sie sofort das Feuer. Einer der Motorradfahrer wurde tödlich getroffen.
Nach einem kurzen, aber heftigen Feuergefecht waren die Nomaden Sieger geblieben. Auf den Pritschen der vier verbliebenen LKW entdeckten sie die Sklaven, von denen wie durch ein Wunder keiner getroffen worden war, und insgesamt elf Kisten voller Goldbarren.
Dazu kamen fünf Kisten mit Medikamenten, die ungleich wertvoller waren als das Edelmetall.
Sie schafften das defekte Fahrzeug von der Straße und schickten einen der Späher zurück zum Tross um Bericht zu erstatten.
Die Medizinkisten wurden in die "Klinik", ein umgebautes Wohnmobil, umgeladen, die Goldkisten ließen sie auf den LKWs.
Den Rest des Tages verbrachten sie damit ihren Kameraden zu beerdigen.
Für die toten Amerikaner schaufelten sie ein Gemeinschaftsgrab.
Die verängstigten Sklaven brauchten ziemlich lange, bis sie den Nomaden glaubten, dass sie ab sofort frei wären und gehen könnten, wohin sie wollten.
Alle baten darum, beim Clan bleiben zu dürfen. Keiner von ihnen hatte einen Ort oder Angehörige, zu denen er zurückkehren könnte.
Im Laufe des Abendessens erzählten sie dann vom Naturkundemuseum.
Allerdings hatte keiner von ihnen den Eingang zur Stadt gesehen. Die Kisten mit dem Gold und den Medikamenten standen am Fuß der Kellertreppe, bewacht von zwei Soldaten.
Die hatten auch dem Anführer, das war der, der Deutsch sprach, eine Mappe übergeben. Sie hatten die schweren Kisten hinauf- und zu den Fahrzeugen schleppen müssen. Einer hatte noch gehört, wie sich die Soldaten verabschiedeten. "Lasst euch nicht zu viel Zeit, der Minister wartet nicht gerne."
Als sie mit dem Aufladen fertig waren, hatten sie sich erschöpft auf der Ladefläche hingelegt.
Der Anführer hatte per Funk durchgegeben, dass sie Gold und Medikamente in Empfang genommen hätten und die Ware losgeschickt werden könne. Worum es sich dabei handelte, wurde nicht erwähnt.
"Also sind wir umgekehrt und wollten nach dem Zugang in die Stadt suchen. Bisher hatten wir keinen Erfolg. Wir haben inzwischen jeden Kellerraum mindestens zehn Mal genauestens untersucht, ebenfalls die Korridore. Nichts."
Eine größere Gruppe hatte sich einige Kilometer weiter versteckt um auf den Konvoi mit der Ware zu warten.

Im Bahnhof hatten sie ebenfalls Wachen aufgestellt, denn an den Gleisen, deren Oberseite keinerlei Rost aufwies, konnten sie erkennen, dass es noch Zugverkehr gab. Und da sie nicht wussten, wer da fuhr, gingen sie auf Nummer sicher.
So konnten sie unsere Leute befreien und die Soldaten gefangen nehmen.
Sie hatten sie genauso überrumpelt wie uns.
Natürlich hatten sie die Soldaten nach dem Zugang gefragt, aber trotz intensiver Befragung blieben sie bei der Behauptung, ihn nicht zu kennen. Man würde sie abholen kommen.
Bisher hatte sich allerdings niemand blicken lassen.
"Wir wissen, dass nur der Oberst und der Grauhaarige den Zugang kennen." erklärte Jutta.
"Einer von Beiden wird schon reden." sagte Ramón.
"Der Oberst wird nicht reden." Davon war ich überzeugt.
"Dann redet eben der Andere." meinte Ramón.
Aber darin sollte er sich täuschen. Als Artemisia den Auftrag gab, den Grauhaarigen zu holen, kamen die Clanleute, die sie geschickt hatte, mit der Hiobsbotschaft zurück, dass die Insassen der anderen Zelle ihn umgebracht hatten.
Er war mit voller Wucht gegen die Gitterstäbe geschlagen worden, so dass sein Schädel aufgeplatzt war.
Wir standen fassungslos vor der Zelle und schauten auf den verkrümmten Körper hinab, der in einer großen Blutlache lag.
"Er hat es befohlen." bekamen wir auf Leofrics Frage zu hören.
Irgendwie war es dem Oberst gelungen, seinen Knebel auszuspucken.
In der anderen Zelle kicherte er leise vor sich hin.
"Der ist ganz und gar irre." sagte Ich.
Die Anderen gaben mir Recht.

Inzwischen war es Zeit fürs Abendessen geworden. Als wir den Raum betraten, den die Nomaden als Speisesaal benutzten, saß Ramón schon vor einem vollen Teller.
Er grinste mich an. "Erster."
Wir ließen uns ebenfalls Essen geben und setzten uns zu ihm.
"Ich bin ehrlich neugierig, welche Waren die in der Stadt für so viel Gold und Medikamente bekommen sollen." sagte er mit vollem Mund.
"Wo ist die Mappe, die ihm die Soldaten gaben? Vielleicht steht´s da drin."
Er schluckte den Bissen, an dem er gerade gekaut hatte, hinunter und rief durch den Raum: "Leofric, habt ihr bei den Amis eine Mappe gefunden?"
"Was für eine Mappe?"
"Einer von ihnen müsste eine gehabt haben."
"Keine Ahnung. Ich weiß von keiner Mappe."
"Mist." murmelte er und wandte sich wieder seinem Teller zu.
"Bei den Mengen, die du täglich vertilgst, müsste man dich rollen können." lästerte ich.
"Nur kein Neid, Hermanita." konterte er.
"Nun erzähl schon, warum er dich deine Schwester nennt." forderte mich Marc auf.
"Das ist schnell erzählt." sagte ich.

"Ungefähr fünf Jahre, bevor wir uns kennenlernten, war ich zwischen Reutlingen und Tübingen auf der Schnellstraße unterwegs."
Es war ein herrlicher Spätherbsttag. Die Bäume hatten alle bunte Laubkleider angelegt und die Sonne schien aus einem tiefblauen Himmel, wie man ihn im Sommer nie zu sehen bekam.
Laut Wetterbericht sollte es der letzte schöne Tag dieses Herbstes sein, für den nächsten Tag hatten sie einen Temperatursturz, Regen und Sturm vorausgesagt.
Deshalb wollte ich mit meiner 550er Honda ( K Four, alles original, mein ganzer Stolz ) noch einmal auf die Schwäbische Alb fahren.
Auf dem Rückweg würde ich dann volltanken und sie für den Winter einmotten.
Auf halber Strecke setzte ich gerade zum Überholen eines Lasters an, als von hinten ein Kleintransporter angeschossen kam und mich zwang, den Überholvorgang abzubrechen. Ich kam ein wenig ins Schleudern, fast hätte ich noch das Heck des Lasters gestreift beim Wiedereinscheren.
Der hupte dem Irren noch hinterher und als ich ihn dann überholte, sah ich, wie der Fahrer immer noch den Kopf schüttelte.
Dann bog er nach Wankheim ab und ich fuhr Richtung Reutlingen weiter.
Weit vor mir sah ich den Kleintransporter wie er einem PKW, der ebenfalls gerade am Überholen war, dicht auffuhr und hupte, weil er nicht schnell genug Platz machte. Der Fahrer scherte viel zu knapp vor dem überholten Fahrzeug wieder ein, kollidierte mit dem linken Kotflügel und kam ins Schleudern. Während der überholte Wagen in den anderen knallte und beide von der Fahrbahn abkamen, raste der Unfallverursacher einfach weiter.
An der Unfallstelle stellte ich das Moto ab und lief zu den Verunglückten.
Der Fahrer des hinteren Wagens hing bewusstlos im Sicherheitsgurt. An der linken Schläfe hatte er eine große Beule.
Er war dem sich drehenden Fahrzeug in die Seite gefahren. Der Fahrer hing leblos über dem Lenkrad. Die Beifahrerin war wach, versuchte vergeblich die Tür zu öffnen. Ich lief um das Auto herum und zog am Türgriff. Es klemmte. Ich gab ihr ein Zeigen, das Fenster zu öffnen, es dauerte einige Sekunden, bevor sie begriff, was ich wollte. Zum Glück funktionierte der elektrische Fensterheber noch. Sobald das Fenster offen war, zog ich gleichzeitig am Griff und an der Tür. Sie ging auf.
Ich öffnete den Sicherheitsgurt und zog sie aus dem Sitz. Ich fragte sie, ob sie gehen könne, aber sie schaute mich nur verständnislos an.
"Como?" fragte sie.
Ich zog sie einfach ein Stück vom Auto weg und setzte sie ins Gras.
Plötzlich rief sie: "Fuego! Mi marido!" und wollte aufspringen.
Ich dreht mich um und sah, dass Rauch unter der Motorhaube hervorquoll.
Mist! Auch das noch.
Ich rannte zum Wagen zurück. Unmöglich, die Fahrertür zu öffnen, die war zu stark deformiert. Ich kroch auf den Beifahrersitz und versuchte um den Mann herumzugreifen um den Gurt zu öffnen.
Aussichtslos.
Aus der Hosentasche fummelte ich mein Taschenmesser heraus und schnitt ihn durch. Dann packte ich den Mann bei den Schultern und versuchte, ihn zuerst auf den Beifahrersitz und dann aus dem Wagen zu hieven.
Ich zog und zerrte mit aller Kraft. Zuerst dachte ich, ich würde es nicht schaffen, ihn über die Mittelkonsole auf den anderen Sitz zu bekommen. Der Schaltknüppel war im Weg und behinderte die Aktion massiv.
Inzwischen schlugen schon Flammen aus dem Motorraum und mir wurde Angst und Bange.
Dann gab plötzlich etwas nach und er rutschte ganz leicht weiter und wir landeten beide auf dem Boden neben dem Fahrzeug. Schnell rappelte ich mich auf und zog ihn weiter aus der Gefahrenzone. Ich legte ihn neben seine Frau, die inzwischen das Bewusstsein verloren hatte.
Keuchend ließ ich mich neben sie fallen, als mir siedend heiß der Fahrer im zweiten Wagen einfiel.
Ich rappelt mich auf und stolperte um den brennenden Wagen herum.
Zum Glück ließ sich seine Tür problemlos öffnen, auch der Sicherheitsgurt ging sofort auf.
Als ich ihn unter den Achseln fasste um ihn heraus zu ziehen, öffnete er die Augen und sah mich verwirrt an.
"Was ist los?" fragte er.
"Später! Schnell, steig aus! Das Auto brennt!"
Ein kurzer Blick von ihm genügte und er kletterte mit meiner Hilfe aus dem Wagen.
Schnell bückte er sich noch einmal und holte eine Mappe vom Beifahrersitz, dann ging er mit mir zu den beiden anderen.
Er setzte sich hin und hielt sich stöhnend den Kopf.
"Kannst du auf die Beiden aufpassen? Ich fahr zur nächsten Notrufsäule und hole Hilfe."
"Klar, kein Problem. Danke erstmal."
Ich lief zum Moto und wollte es starten, als ein LKW neben mir anhielt.
"Kann ich helfen?" fragte der Fahrer.
"Ja, kümmer dich bitte um die Verletzten, ich such ein Telefon und rufe den Notarzt."
"Ich hab CB-Funk. Das haben wir gleich."
Kurz darauf stieg er aus, sicherte die Unfallstelle und half mir anschließend dabei, die Beiden in die stabile Seitenlage zu bringen.
Dann stieg er wieder auf seinen Bock und kam mit einer kalten Getränkedose zurück, die er dem Verletzten gab, damit er seine Beule kühlen konnte.
Es dauerte nur wenige Minuten bis wir das Heulen von Sirenen hörten.
Zuerst traf die Feuerwehr ein und löschte das brennende Wrack.
Kurz darauf trafen die Notarztwagen ein, legten das Ehepaar auf Tragen und luden sie ein. Der Mann mit der Beule wurde vorsichtshalber auch mitgenommen.
Unterdessen kam die Polizei in einem Kleinbus an.
Einer der Beamten unterhielt sich kurz mit dem Notarzt und ich hörte ihn sagen: "So wie es aussieht alles halb so wild. Keine sichtbaren schweren Verletzungen."
Weder der LKW-Fahrer noch ich wurden gefragt, ob wir verletzt seien. Der Notarzt stieg ein und sie rasten mit Blaulicht und Sirene davon.
Die Polizisten wandten sich uns zu: "Wer von ihnen hat den Notruf abgesetzt`"
"Das war ich." meldete sich der Fahrer.
"Und Sie?"
"Ich habe die Verletzten aus den Fahrzeugen geholt." antwortete ich.
"Kommen Sie bitte beide mit, setzen wir uns in den Bus."
Plötzlich packte mich einer der Beamten am Arm und stützte mich. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass mir plötzlich die Beine wegsackten.
Er schob mich auf den Sitz im Fond des Fahrzeugs und schenkte mir aus einer Thermoskanne einen dampfend heißen Kaffee ein.
"So, jetzt bleiben Sie erst einmal ruhig sitzen, wir fangen dann mit dem jungen Mann hier an."
Der Fahrer machte seine Aussage, was nicht lange dauerte, wurde gebeten, in den nächsten Tagen im Polizeipräsidium vorbeizukommen um seine Aussage zu unterschreiben, und durfte weiterfahren.
Auch ich war schnell fertig mit meinem Bericht. Die Lust auf den Ausflug war mir vergangen und ich wollte nur noch nach Hause.
"In diesem Zustand fahren Sie mir nicht auf dem Motorrad heim. Mein Kollege wird es fahren und wir bringen sie nach Hause."
So kam es, dass meine Nachbarn was zu sehen und zu schwatzen bekamen.

Am nächsten Tag rief ich im Klinikum an und erkundige mich nach den Verletzten.
"Am Telefon geben wir grundsätzlich keine Auskunft an Leute, die wir nicht kennen." bekam ich zu hören.
Also fuhr ich hin. An der Rezeption wurde ich gefragt, in welchem Verwandtschaftsverhältnis ich zu den Verletzten stünde.
Als ich erklärte, ich sei nicht mit ihnen verwandt, hieß es: "Keine Auskunft!"
Nicht einmal als ich ihnen erklärte, dass ich sie aus den brennenden Fahrzeugen gezogen hatte, ließ sich die Frau an der Rezeption erweichen.
So fuhr ich unverrichteter Dinge wieder weg und fand mich damit ab, dass ich wohl nie erfahren würde, wer sie waren und wie sie den Unfall überstanden hatten.
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Beitragvon style1977 » 19.10.2016, 06:51

@Kavure´i : es geht weiter, super
style1977
 

Beitragvon Kavure´i » 22.10.2016, 03:31

Etwa drei Monate später fiel mir ein Mann auf, der mich zu beobachten schien.
Er war groß und hager, trug eine Tarnfleckenhose und ein dunkelgrünes T-Shirt. Wahrscheinlich hätte ich ihn gar nicht gleich bemerkt, hätte er nicht diese auffällige Frisur gehabt.
Eine Seite des Schädels war bis auf millimeterkurze Stoppeln geschoren, dafür hingen ihm auf der anderen Seite hunderte dünne Zöpfe bis auf die Schulter. So eine abgefahrene Frisur hatte ich vorher noch nie gesehen.
Zuerst begegnete er mir im Supermarkt, dann kaufte er beim Bäcker süße Stückle ein, während ich dort einen Kaffee trank. Das hätte noch Zufall sein können. Aber als er mir am nächsten Tag an der Tankstelle und kurz darauf in der Apotheke begegnete, wurde mir die Sache langsam unheimlich.

Am Abend lag ich auf dem Sofa und las ein Buch, als ich plötzlich das Gefühl hatte beobachtet zu werden.
Ich blieb noch einige Minuten ruhig liegen und tat, als würde ich weiterlesen.
Dann stand ich auf, nahm meine Teetasse und ging in Richtung Küche. Dort hatte mein Hund, auch damals ein Rhodesian Ridgeback, seinen Korb stehen. Ich rief ihn leise und er folgte mir ins Wohnzimmer.
Dort stellte ich die volle Tasse auf den Tisch, schlenderte zur Terrassentür, öffnete sie, und schickte ihn hinaus mit dem Befehl: "Such!"
Er schoss aus der Tür und fast sofort ertönte ein unterdrückter Schreckenslaut, gefolgt von einem dumpfen Aufprall.
Ich schaltete die Außenbeleuchtung an und ging, bewaffnet mit meinem längsten Küchenmesser, ins Freie.
Vor dem Wohnzimmerfenster lag ein Mann, auf ihm der Hund.
Wie ich schon vermutet hatte, war es der Kerl mit der irren Frisur.
"Was willst du von mir? Warum spionierst du mir nach?"
"Willst du nicht deinen Hund zurückrufen?"
"Nein."
"Er ist schwer, und er sabbert mich voll." Dafür dass ein 45-kg-Hund auf ihm lag und ihn mit gefletschten Zähnen anknurrte, war er erstaunlich ruhig.
"Was willst du von mir?" fragte ich noch einmal.
"Ich möchte mich bei dir dafür bedanken, dass du meinen Eltern das Leben gerettet hast."
"Was?"
"Du bist doch die Frau, die sie aus dem brennenden Auto gezogen hat."
"Ja."
"Würdest du jetzt bitte den Hund zurückrufen?"
Ich war so perplex, dass ich Leo das Kommando gab.
Der Typ rappelte sich auf und klopfte den Schmutz von seiner Kleidung, dann machte er einen Schritt auf mich zu und wollte mir die Hand geben.
Aber da hing ihm Leo schon am Handgelenk. Er biss nicht zu, hielt es aber fest und schon stand er stocksteif da und bewegte sich nicht mehr.
"Er mag es nicht, wenn mir Fremde zu nahe kommen."
"Schon gut. Würdest du bitte….."
"Leo, basta!" sagte ich und schon saß er brav neben mir, ließ mein Gegenüber aber nicht aus den Augen.
"Woher weißt du über mich Bescheid und wie hast du mich gefunden?" fragte ich ihn.
"Die Polizei war mir dabei behilflich."
"Das kann ja wohl nicht wahr sein! Die geben ohne mich vorher zu fragen, meinen Namen und meine Adresse heraus?" Ich war fassungslos.
Er grinste mich frech an: "Aber nein. Sie wissen nichts davon."
"Setzt dich dort an den Tisch! Ich will die ganze Geschichte hören. Willst du ein Bier?"
"Gerne."
"Leo wird dafür sorgen, dass du noch da bist, wenn ich zurückkomme."
"Pass auf!" Und schon fixierte er den Kerl und ich wusste, er würde ihn nicht weggehen lassen.
Ich stellte eine Flasche Bier und ein Glas vor ihn hin und setzte mich mit meinem Tee zu ihm.
"Womit soll ich anfangen?"
"Vielleicht mit deinem Namen?"
"Oh, disculpe. Mein Name ist Ramón Odilón Ortega Ayala."
"Kürzer geht es wohl nicht?" spottete ich.
"Das sagt die Richtige, zu brauchst zum Unterschreiben auch ein zweites Blatt." konterte er.
Ich musste lachen.
"Also. Wie bist du an meinen Namen und die Adresse gekommen?"

Zuerst hatte er sich im Klinikum erkundigt, aber die konnten ihm nichts über mich sagen. Die von der Rezeption erinnerte sich zwar noch daran, dass ich nach den Verletzten gefragt hatte, kannte aber natürlich meinen Namen nicht.
Dann war er zur Polizei gegangen, aber die hatten ihm selbstverständlich keine Auskunft über mich gegeben.
Er hatte der Sekretärin zwar das Versprechen abgerungen, mich anzurufen und zu fragen, die hatte es aber nicht getan, warum auch immer. Ich hatte jedenfalls keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.
Nach einer Woche war er noch einmal hingegangen und hatte nachgehakt. Die Frau hatte ihm erneut versprochen, mich zu fragen. Er hatte beobachtet, wie ihr Blick zu den Ordnern im Regal neben ihrem Schreibtisch gewandert war und hatte, als sie auch dieses Mal nicht bei ihm im Hotel anrief um ihm meine Entscheidung mitzuteilen, dem Büro in der Nacht einen Besuch abgestattet, war dort eingebrochen und hatte die Ordner durchgesehen, bis er die entsprechende Akte fand.
"Sag mal, du bist doch nicht ganz dicht, oder? Die müssen das doch gemerkt haben, dass jemand ins Büro eingebrochen ist."
"Wenn ich eine Tür öffne, merkt das hinterher keiner und auch der Schlüssel passt noch."
Als ich ihn fragte, warum er mich beobachtet und nicht einfach angerufen oder an der Tür geklingelt hatte, zuckte er nur mit den Schultern.
Als ich ihn näher kennenlernte, wurde mir klar, dass solche einfachen Lösungen einfach nicht sein Ding waren.

Das folgende Jahr war sehr ereignisreich.
Ramón führte mich öfter zum Essen aus, wir machten Ausflüge, ich zeigte ihm einiges vom Land.
Eines Tages bat er mich, ihn zur Botschaft seines Landes zu begleiten.
Dort teilte er mir mit, seine Eltern wollten mich adoptieren, um mir ihre Dankbarkeit zu zeigen.
Ich lehnte ab, denn das kam mir etwas übertrieben vor.
"Bitte, sie wollen dich als ihre Tochter haben, damit sie später eine Erbin haben."
"Was ist mit dir? Sie haben doch einen Sohn."
"Ich bin der Einzige, und wenn mir etwas zustoßen sollte, würde ihr Vermögen unter vielen nachrangigen Verwandten verteilt werden. Und das wollen sie nicht."
"Und dir macht es nichts aus, nicht mehr Alleinerbe zu sein."
"Nein."
Nach einigem Hin und Her gab ich mein Einverständnis.
Gefühlte hundert Dokumente mussten besorgt, geprüft und unterschrieben werden.
Als endlich alle Papiere in Ordnung waren, buchte Ramón einen Flug und ich kam zu ersten Mal in meinem Leben in den Genuss eines Erste-Klasse-Fluges.
Der zwölfstündige Flug nach Sao Paulo war keine Strapaze, auf den umgeklappten Luxussitzen konnte man richtig liegen und saß nicht eingepfercht in einem engen Sitz ohne Beinfreiheit fast aufrecht wie in der "Holzklasse". Wie üblich im Flugzeug, schlief ich sofort nach dem Essen ein und die Stewardess musste mich zum Frühstück wecken.
In Sao Paulo stiegen wir um in eine kleinere Maschine, die uns binnen zwei Stunden nach Asunción brachte.
Seine Eltern erwarteten uns in der kleinen Ankunftshalle und sie schlossen uns beide herzlich in die Arme.
Ich hatte sie ja nur kurz während der Rettungsaktion gesehen, und dann nicht wieder, aber sie gaben mir das Gefühl, sie hätten eine lang vermisste Tochter wiedergefunden.
Auf dem Parkplatz stiegen wir in ihren Wagen und sie fuhren mit uns zum Sheraton Hotel.
Dort gingen wir auf unsere Zimmer um uns zu duschen und umzuziehen.
Zum Abendessen führten sie uns in den Paulista-Grill und dort unterhielten wir uns.
Ich musste sie immer wieder bitten, etwas langsamer zu sprechen, da meine ungeübten Spanischkenntnisse nicht ausreichten, sie zu verstehen, wenn sie mit für sie normaler Schnelligkeit sprachen.
Ich hatte monatelang mit Ramón geübt, aber der hatte sich schnell auf meine Sprachkenntnisse eingestellt und auch entsprechend langsam gesprochen.

Eine Woche verbrachten wir in der Hauptstadt, sie fuhren mit mir kreuz und quer durch die Stadt. Zuerst zu Interpol, dann zur Polícia Nacional, zu Identificaciónes und einigen anderen Institutionen bis die Adoption schließlich unter Dach und Fach war.
Danach ging es zurück zum Aeropuerto Silvio Pettirossi. Im Bereich, wo die Privatmaschinen standen, wurde unser Gepäck in eine Cessna Citation Jet 525 eingeladen.
Ramón fragte seinen Vater, ob er fliegen dürfe und gleichzeitig kam von Beiden ein entsetztes "Dios mio, no!"
Ich sah wohl etwas verwirrt aus, deshalb erklärte mir seine Mutter, dass sie keine Lust auf Ramóns "Späße" hätten.
Beim letzten Mal, als er fliegen durfte, hatte er eine Motorpanne vorgetäuscht, sie im kontrollierten Sinkflug runtergebracht und - zugegebenermaßen - sicher gelandet.
"Ich wollte nur in Übung bleiben." verteidigte er sich, was ihm eine spielerische Ohrfeige seiner Mutter einbrachte.
"Du kannst üben, wenn du eine eigene Maschine hast und alleine darin sitzt." bestimmte sein Vater und gab dem älteren Mann, der unsere Koffer eingeladen hatte, den Befehl, sich ins Cockpit zu begeben.
Auf dem Pilotensitz hatte bereits ein anderer Mann Platz genommen und startete den Motor.
Wir vier nahmen auf den bequemen Ledersitzen im hinteren Bereich Platz und schnallten uns an.
Wir hoben ab und flogen über Luque und Mariano Roque Alonso Richtung Chaco. Unter uns blieben die Häuser des Städtekonglomerats, die Puente Remanso und der Fluss zurück. Danach breitete sich die eintönige flache Landschaft des Chaco bis zum Horizont aus.
Wir flogen so niedrig, dass ich viele Einzelheiten am Boden erkennen konnte.
Die Transchacostraße, auf der spielzeuggroße Fahrzeuge unterwegs waren, die Erdstraßen die davon wegführten, die typischen Chacopalmen, der flaschenförmige Samu´u, vereinzelte Häuser, ab und zu ein Reiter und natürlich Rinder, die zu Hunderten die weite Graslandschaft bevölkerten.
Nach nur zwei Stunden Flug zeigte Ramón auf eine Ansammlung von Gebäuden.
"Wir sind gleich da. Da unten liegt die Estancia Ñande Róga.
Einige Menschen, die dort mit Arbeiten beschäftigt waren, schauten auf und winkten uns zu.
Der Pilot war ein Könner. Er setzte sanft auf der kleinen Landebahn auf und brachte das Flugzeug exakt an ihrem Ende zum Stehen.
Der Copilot stand auf und öffnete die Tür. Zwei Männer kamen mit einer Treppe und wir stiegen aus.
Ich stand auf der Landebahn und schaute mich staunend um.
Das Herrenhaus war aus Sichtziegeln gebaut und hatte ein Walmdach. Vorne befand sich eine große Veranda, auf der bequeme Sessel um einen niedrigen Tisch herum standen. Es gab auch einen rustikalen Esstisch mit massiven Bänken.
Weiter entfernt standen mehrere kleinere Häuser, alle mit kleiner Veranda, verputzt und in verschiedenen bunten Farben gestrichen.
Am beliebtesten waren Rosa, Hellblau, Hellgrün und Gelb. Eines leuchtete in einem satten Orange und eines in Lila.
Nur das Haupthaus war von einem Rasen umgeben, ansonsten wuchs das Gras nur spärlich.
Fast bei jedem Haus wuchs eine Santa Rita, ihre Scheinblüten leuchteten in Rosa, Lila, Rot und Weiß.
"Los komm! Ich führ dich nachher herum, ich hab Hunger und Durst." Ramón nahm mich am Arm und führte mich zu den Sesseln.
Eine ältere Frau trat aus dem Haus und schaltete den Ventilator über der Sitzgruppe ein.
"Agua? Cerveza? Jugo?" fragte sie.
Ich entschied mich für einen Ananassaft, Adelina wollte Wasser und Ramón und Odilón bestellten Bier.
"Gefällt es dir?" wollte Odilón wissen.
"Sie hat doch noch gar nichts gesehen." meinte Adelina.
"Doch, es ist schön hier." sagte ich.
Während wir aufs Essen warteten, erzählten mir meine Adoptiveltern mehr über die Hacienda.
Sie bestand aus 127 000 Hektar Land, alles eingezäunt, ein kleiner Fluss durchquerte sie und speiste mehrere künstlich angelegten Tränken für die rund 80 000 Rinder und 200 Pferde.
Etwa 20 Hektar waren mit Kamerungras bepflanzt, weitere 50 Hektar waren mit verschiedenen Bäumen aufgeforstet worden.
Das Herrenhaus hatte 500 qm Dachfläche, davon waren 80 qm überdachte Veranda.
Für das Personal gab es 12 kleine Häuser. Dort lebten sie mit ihren Familien.
Für die 16 Kinder hatte Odilón eine Lehrerin angeheuert und eine kleine Schule gebaut.
Inzwischen hatte die Haushälterin den Tisch gedeckt und kurze Zeit später genossen wir ein ausgezeichnetes Mittagessen.
Zum Nachtisch gab es Kaffee und Kuchen und während Ramón sich damit vollstopfte, fielen mir fast die Augen zu.
Der Jetlag machte mir zu schaffen.
Adelina rief nach Belén und die beauftragte ein junges Mädchen, mir mein Zimmer zu zeigen.
Ich entschuldigte mich und ging ihr nach.
Mein Zimmer entpuppte sich als ein kleines Apartment. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad und sogar eine Kochnische.
Meine Koffer waren ausgepackt, die Kleider in den Schrank und die Kommode eingeräumt worden. Meine persönlichen Sachen standen und lagen auf der Kommode.
Mein Pyjama lag auf dem Bett.
Ich begab mich ins Bad, duschte ausgiebig. Ich schaltete die Klimaanlage aus und den Deckenventilator ein und kaum lag ich im Bett, da schlief ich auch schon.

Die nächsten vier Wochen vergingen wie im Flug.
Ramón zeigte mir alles.
Zuerst stellte er mich allen Angestellten vor. Es waren so viele, dass ich mir bis zur Abreise nicht alle Namen merken konnte.
Die nähere Umgebung erkundeten wir zu Pferd. Die weitere auf Enduros.
Ich konnte es nicht glauben, dass ich von all diesem Reichtum irgendwann einmal die Hälfte erben würde.
Adelina und Odilón hätten mich am Liebsten gleich für ganz da behalten, aber ich wollte wieder nach Deutschland zurück, hatte ich dort doch eine eigene Existenz aufgebaut.
Und da war auch noch Leo, der bei Freunden darauf wartete, dass ich wieder nach Hause kam.

In den folgenden drei Jahren verbrachte ich immer wieder einige Wochen auf Ñande Róga. Manchmal war Ramón da, manchmal nicht.
Er war geschäftlich auf der ganzen Welt unterwegs.
Auf meine Frage nach seinem Beruf hatte er gesagt, er wäre Militärberater.
Dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach, erfuhr ich eher durch Zufall.

Dann waren Adelina und Odilón plötzlich nicht mehr erreichbar.
Die Telefonnummer funktionierte nicht mehr. Ich versuchte Ramón zu erreichen, aber da ich nie wusste, wo er sich gerade herumtrieb, war das ein fast aussichtsloses Unterfangen.
Nachdem ich einige Wochen lang alle Hebel in Bewegung gesetzt und nichts erreicht hatte, buchte ich einen Flug.
Im Flieger hatte ich einen Fensterplatz gebucht, dieses Mal in der Touristenklasse, denn aus eigener Tasche konnte ich mir kein Ticket für die erste Klasse leisten. Ich verstaute mein Handgepäck und setzte mich auf meinen Platz.
Neben mir nahm schnaufend eine sehr beleibte ältere Frau Platz, die sofort anfing, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
Das würde ein anstrengender Flug werden.
Kurz vor dem Abflug kam eine Stewardess und forderte mich auf, sie zu begleiten.
"Nehmen Sie bitte Ihr Handgepäck und kommen sie mit."
Alle Augen waren auf mich gerichtet, als ich ihr in Richtung vordere Tür folgte. Ich erwartete, dass ich das Flugzeug verlassen sollte, aber sie ging an der geöffneten Tür vorbei und brachte mich in die erste Klasse.
"Nehmen Sie bitte hier Platz." sagte sie und wies mir einen der Sessel zu.
"Ich habe kein Ticket für die erste Klasse." erklärte ich und wollte ihr meine Bordkarte reichen.
"Das Ticket wurde für sie hinterlegt. Entschuldigen Sie bitte, dass meine Kollegin am Schalter das nicht bemerkt hat."
Ich zuckte mit den Schultern und nahm Platz.
Außer mir waren nur noch drei weitere Passagiere anwesend, alles Männer in sehr teuren Anzügen, die mein Outfit, bestehend aus Jeans, Bluse und Turnschuhen missbilligend musterten.
Ich ignorierte sie, ließ mir einen Guavensaft bringen und packte mein Buch aus.
Der Steward brachte einem der Männer ein Glas Wein. Dieser fragte ihn dann: "Was ist los? Warum stehen wir noch hier? Wir sollten schon seit einer Viertelstunde in der Luft sein."
"Einer der Passagiere fehlt noch. Er wird gleich hier sein. Bitte noch ein wenig Geduld."
"Unglaublich was einem heutzutage zugemutet wird." maulte der Anzugträger.
Mir war es egal und ich vertiefte mich wieder in mein Buch.
Dann hörte ich schnelle Schritte im Zugangstunnel, eine der Stewardessen sagte: "Da sind Sie ja. Willkommen an Bord. Bitte begeben Sie sich an Ihren Platz." Die Tür wurde geschlossen.
Ich dachte gerade, es würde mich interessieren, auf wen da gewartet worden war und der dann auch noch so freundlich begrüßt wurde, obwohl er alle aufgehalten hatte, als sich jemand neben mir auf den Sitz fallen ließ.
"Disculpe, dass ich dich warten ließ Hermanita, aber ich konnte nicht eher kommen."
"Ramón! Ich habe wochenlang versucht, dich zu erreichen."
"Ich weiß. Es tut mir leid, aber ich konnte mich nicht bei dir melden, ohne dich in Gefahr zu bringen."
Er umarmte mich kurz und setzte sich, ermahnt vom Steward, und legte den Sicherheitsgurt an.
Hatten die honorigen Geschäftsleute mich schon mit Missfallen betrachtet, so waren sie bei Ramóns Anblick regelrecht entsetzt.
Wie üblich trug er eine Hose mit Tarnfleckenmuster, ein grünes T-Shirt und Schnürstiefel. Zur Abwechslung trug er dieses Mal ein rotkariertes Holzfällerhemd über dem Shirt.
Seine Frisur trug noch zusätzlich dazu bei, dass er angestarrt wurde.
Natürlich störte er sich nicht im Geringsten daran.
Zehn Minuten später waren wir auf dem Rollfeld und kurz darauf hob die Maschine ab.
Mir war gleich aufgefallen, dass er noch nicht ein einziges Mal gelächelt hatte. Er war ungewohnt ernst.
"Was ist los?" wollte ich wissen. "Adelina und Odilón sind nicht zu erreichen, auch Pablino geht nicht ans Telefon. Die von der Botschaft konnten mir nicht helfen und keiner deiner Freunde, über die ich dich sonst erreichen kann, wusste, wo du bist."
"Du musst jetzt stark sein. Unsere Eltern sind tot."
"Was?" rief ich aus, was mir erneut missbilligende Blicke einbrachte. "Was ist passiert?" fuhr ich leise fort.
Ramón war von Freunden über den Tod seiner Eltern informiert worden. Das war vor fast drei Monaten gewesen. Er hielt sich damals gerade in Polen auf. Die Freunde hatten ihm auch gesagt, dass es bei dem Unfall, bei dem die Beiden umgekommen waren, nicht mit rechten Dingen zugegangen sei und er vorsichtig sein sollte.
Die Eltern waren mit dem Wagen auf der Transchacostraße von einem Besuch bei Freunden kommend Richtung Estancia gefahren. Als sie einen Tanklastzug überholten, zog der plötzlich nach links und fuhr ihrem Wagen in die Seite. Das Fahrzeug dreht sich einige Male um die eigene Achse und kam dann zum Stehen. Vor den entsetzen Augen eines Zaunreparaturtrupps setzte der Tanklaster zurück und fuhr noch einmal mit voller Wucht ins das Wrack, schob es von der Fahrbahn und fuhr dann weiter.
Als die Polizei einen Tag später den Tanklastzug fand, lag im Führerhaus auf dem Beifahrersitzt ein Mann mit einem Einschussloch in der Schläfe, den der Eigentümer des LKWs als seinen Angestellten und Fahrer des Fahrzeugs identifizierte.
Am gleiche Tag fanden die Arbeiter der Estancia Pablino, den Verwalter, mit dem Gesicht nach unten in einer der Viehtränken treibend.

Ramón war über die grüne Grenze eingereist und hatte seine Fühler ausgestreckt.
Inzwischen lag ein Embargo auf der Estancia. Ein Parlamentarier hatte es verhängen lassen, weil er herausgefunden hatte, dass das Land während der Strößnerzeit erworben worden war und er behauptete, es sei Staatsland gewesen, das unsere Eltern unrechtmäßig erworben hätten.
Das war natürlich Unsinn, denn sie hatten es dem Vorbesitzer abgekauft, dessen Familie es schon seit Generationen besessen hatte.
Aber nun lag diese Anschuldigung auf dem Tisch, der Titel war seltsamerweise nirgendwo aufzufinden, und nun lag es an uns, zu beweisen, dass die Anschuldigung falsch war.
"Dieser Politverbrecher will unsere Estancia und ich bin sicher, er hat den Mordauftrag erteilt."
"Was können wir tun?" wollte ich wissen.
"Du nicht viel." erwiderte er. "Ich leg den Kerl um und alle seine Mitwisser und Helfershelfer auch."
"Das ist doch nicht dein Ernst, oder?"
"Über so etwas mache ich keine Witze."
"Bist du ganz sicher, dass der es war?"
"So sicher, wie man sein kann. Ich werde noch einige Beziehungen spielen lassen. Ein paar Leute sind mir noch einen Gefallen schuldig. Und danach werde ich es sicher wissen."
"Wenn du die Beweise hast, möchte ich sie sehen. Und wenn ich der Meinung bin, dass sie stichhaltig sind, helfe ich dir."
Mir saß ein dicker Kloss im Hals und ich konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen aus den Augen quollen.
Er wollte etwas erwidern als der Steward kam und uns die Speisekarte brachte.
Verstohlen tupfte ich die Augen trocken und suchte mir eins der Menüs aus, obwohl ich gar keinen Hunger hatte.
Ramón bestellte sich ein Bier und ich noch einen Saft.
"Ich möchte dich lieber aus dieser Sache raushalten." sage er.
"Keine Chance. Ich will ihre Mörder tot sehen. Und auch die Mörder von Pablino."
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Kavure´i
 

Beitragvon Wecki » 30.10.2016, 12:03

Mankei hat geschrieben:Hallo

Zuerst danke für das Feedback, habe heute viel geschrieben, verworfen und wieder neu geschrieben, hoffe es passt so.
Im Hintergedanken habe ich auch schon eine Reaktion auf Kavure'i s Aktion, bin also gespannt.
Deswegen heute ein paar News aus dem Bunker und Infos zum Krieg.

@Kavure'i

Der Ort ist Landsberg/Lech (Postleitzahl 86899)

Mankei


Servus Mankei,
ja ich weiß, ich bin sehr weit hinterher aber ich kann auch nur lesen wenn ich Zeit habe...!
Ist ja interessant...ich komm nähmlich aus der Nähe von Landsberg, bloß ein paar Minuten..!
Tätsächlich gibts in und um Landsberg Schutzeinrichtungen wie zum Beispiel die
Schloßberg-Garage oder den Bunker in Igling...!

Grüße
Wecki
Wecki
 

Beitragvon Kavure´i » 31.10.2016, 03:02

"Warum hast du mir nie von Ramón und all dem erzählt?" fragte mich Marc.
"Weil ich sie darum gebeten habe." mischte sich Ramón ein. "Ich habe sie aus ihrem behüteten Leben herausgerissen und bin schuldig an ihr geworden."
"Wie meinst du das?"
"Ich habe es zugelassen, dass sie in mein Leben hineingezogen wurde, anstatt ihr zu erzählen, dass der Unfalltod meiner Eltern ein tragisches Ereignis war, sie nicht in einen Flieger nach Hause gesetzt und das Problem mit der Hacienda alleine gelöst habe, erlaubte ich ihr mir zu helfen und lehrte sie das Töten."
Marc sah mich an. "Irgendwie konntest du mich nie davon überzeugen, dass du vor unseren Schießübungen noch nie eine Waffe in der Hand hattest."
"Du hast nie was gesagt."
"Natürlich nicht. Ich war stolz auf dich als du immer die besten Ergebnisse hattest."
"Und du hast mich nie gefragt."
"Nein. Wir hatten uns am Anfang unserer Beziehung darauf geeinigt, dass wir nur das von uns erzählen, was wir wollen. Du hast deine Geheimnisse, ich hab meine."
Ich umarmte meinen Mann und drückte ihn ganz fest.
"Du bist das Beste, was mir im Leben je zugestoßen ist."
"Wenn es nicht so wäre, würde er schon nicht mehr leben." mischte sich Ramón ein.
"Was?"
"Ich habe meine kleine Schwester die ganzen Jahre über im Auge behalten. Und dich auch."
"Ramón! Du hattest mir versprochen, dich nicht mehr in mein Leben einzumischen."
"Da habe ich gelogen."
Er boxte Marc spielerisch gegen die Schulter, grinste ihn frech an und sagte: "Ich mag dich Schwager. Ich mochte dich von Anfang an. Auch wenn du Lea nie von deiner Vergangenheit als Söldner erzählt hast."
Jetzt war es an mir, meinen Mann mit offenem Mund anzustarren.
"Ihr zwei passt so gut zueinander." lachte mein Adoptivbruder.
"Wie ist es denn weitergegangen, habt ihr euer Erbe zurückbekommen?"
"Später. Wichtiger ist jetzt, wie wir in die Stadt hineinkommen."
"Warum? Unsere Freunde sind alle hier."
"Weil es keine Ruhe geben wird bevor wir diesen Sumpf ausgetrocknet haben." Plötzlich stand Artemisia bei uns und ich konnte nicht sagen, wie lange sie uns schon zugehört hatte.
"Wir müssen die Arbeitssklaven da rausholen. Und die Frauen und Kinder, die die Oberen entführt haben." pflichtete ihr Ahlborn bei.
"Dafür müssen wir den Eingang finden. Aber wenn wir ihn gefunden haben, sind wir noch lange nicht in der Stadt. Wie wir wissen, wird er bewacht." sagte Marc. "Wir haben die Wachen gehört und gesehen."
"Wir sollten uns noch einmal den Oberst vornehmen." schlug Leofric vor.
Wir stimmten ihm zu, und Artemisia bat einige ihrer Leute ihn herzubringen.

Obwohl er stundenlang gefesselt hatte stehen müssen, immer in der Gefahr sich selbst zu erhängen, sollte er schwach werden oder einschlafen, gebärdete er sich wieder wie ein wildes Tier. Er wehrte sich gegen die Männer, die ihn in den Raum zerrten. Ich konnte nicht umhin, seine Kraft zu bewundern. Das war kein Mensch, das war eine Bestie.
Die Männer drückten ihn mit großer Mühe auf die Knie und Max brachte wieder den Strick an der Fußfessel an.
Es dauerte aber nicht lange, bis wir es aufgaben ihn zu befragen. Denn sobald wir ihm den Knebel aus dem Mund nahmen, überschüttete er uns mit Beleidigungen und verfluchte uns.
"Lasst es mich mit ihm probieren." bat Miriam. "Er wird singen wie Jamil."
Artemisia zog fragend die Augenbrauen hoch. Schnell erklärte ihr Max was es damit auf sich hatte.
Nachdenklich musterte sie erst Miriam und dann den Oberst.
"Der ist aus anderem Holz geschnitzt. Aber wenn es keine andere Lösung gibt, dann komme ich auf dein Angebot zurück."
Der Oberst grinste nur höhnisch. "Aus mir kriegst du nichts raus du Schlampe."
Miriam hob den Knebel auf und stopfte ihm den wieder in den Mund.
"Du überschätzt dich Bursche." sagte sie und hielt ihm die Nase zu. Sie ließ erst los, als er ohnmächtig zusammenbrach.
Artemisia fragte uns, ob wir morgen mit ihr zusammen noch einmal den Keller absuchen würden.
"Vielleicht fällt euch etwas auf, was wir übersehen haben."
Natürlich waren wir dazu bereit.

Inzwischen war es so spät geworden, dass es Zeit wurde, sich schlafen zu legen.
Wir bekamen Feldbetten im großen Schlafsaal zugewiesen. Wir schoben die Betten dicht nebeneinander und legten uns hin.
"Wann bekomme ich den Rest der Geschichte zu hören?" fragte mich Marc.
"Wenn du mir von deinem früheren Leben erzählt hast." stichelte ich.
Er lachte.
Und kurze Zeit später hörte ich an seinen regelmäßigen Atemzügen, dass er eingeschlafen war.
Dafür hatte ich ihn schon immer beneidet.
Ich lag noch eine Weile wach und dachte darüber nach, wie wir den Eingang zur Stadt finden könnten.
Ich war schon am Hinüberdämmern als mir der Gedanke kam.
Die Tunnelkinder!
Mit diesem Gedanken schlief ich endlich ein.

Nach einer reichlich kurzen Nacht wurde ich von den Geräuschen der Menschen geweckt, die dabei waren, sich für den Tag fertig zu machen.
Müde und leicht missmutig stand ich auf und suchte die Toilette auf. Erst musste ich bei den Kabinen warten und anschließend bei den Waschbecken. Das hob meine Laune nicht gerade.
Ich hätte so gerne mal wieder eine Dusche genommen, musste mich aber mit einer Katzenwäsche am Waschbecken begnügen und auch meine getragene Kleidung wieder anziehen, da keiner von uns welche zum Wechseln hatte.
In ziemlich mieser Laune begab ich mich in den Speiseraum, wo meine Freunde schon am Tisch saßen. Sie hatten mir einen Platz freigehalten und ich setzte mich zu ihnen, sobald ich mein Frühstück geholt hatte.
Calvin unterhielt sich angeregt mit Ramón. Er freute sich, einen weiteren Verwandten gefunden zu haben.
Ich setzte mich neben Marc und trank meinen Kaffee aus. Dann rührte ich lustlos in der Gemüsesuppe herum, in der einige Brocken Fleisch schwammen.
Was hätte ich für frische Brötchen mit Butter und Marmelade gegeben!
"Wenn dir deine Suppe nicht schmeckt, kann ich sie dann haben?" fragte Ramón.
Ich schob ihm die Schale rüber und meinte: "Gerne, ich mag kein Rattenfleisch."
"Ratte? Ich dachte es sei Igel." erwiderte er und löffelte die Schale aus.
"Fuchs." sagte eine der Clanfrauen im Vorbeigehen.
Inzwischen war Marc aufgestanden und hatte mir eine zweite Tasse Kaffee mitgebracht.
Nachdem auch diese leer war, wandte ich mich an Ingetraut und fragte sie, ob sie die Tunnelkinder holen könnte, die den Bunker entdeckt hatten.
Nach einem kurzen Gespräch mit Artemisia brachen Jürgen, Jutta, Ingetraut und einige weitere Ober- und Unterirdische mit der U-Bahn auf um die Kinder zu holen.
Die Zeit, die sie brauchen würden um zurückzukommen, wollten wir dazu nutzen, uns im Keller umzusehen.
Die meisten Räume waren mit Schränken und Vitrinen, gefüllt mit Exponaten, vollgestellt. Wäre ich alleine gewesen, ich hätte mich beim Betrachten der Ausstellungsstücke und dem Lesen der Beschreibungen über Stunden beschäftigt. So konnte ich voller Bedauern nur kurze Blicke darauf werfen.
Die Tür konnte hinter jedem dieser deckenhohen Schränke verborgen sein, es könnte auch eine Falltür im Boden sein, verborgen unter einer Vitrine oder Kommode.
Sie konnte allerdings auch so beschaffen sein wie der Eingang zum Bunker in der russischen Botschaft.
Ich hatte große Hoffnungen in die Kinder gesetzt. Angesichts der großen Anzahl der Räume und den vielen Möglichkeiten, kamen mir Zweifel.
Die sprach ich auch aus.
"Einen Versuch ist es wert." meinte Leofric.

Zur Mittagszeit waren unsere Berliner immer noch nicht zurück.
"Wozu brauchen die nur so lange?" fragte Hannes.
"Hoffentlich ist nicht irgendwas passiert." meinte Helma.
"Lasst uns an die frische Luft gehen." schlug Marc vor. "Ich fühle mich schon wie eine Mumie bei all dem Staub."
"Und du siehst auch fast wie eine aus." lachte ich.
"Du auch. Übrigens, du hast eine Spinne im Haar."
Hektisch strich ich mit beiden Händen über den Kopf und versuchte, das Tier abzustreifen. Das Einzige, was mir an den Händen kleben blieb, war ein Stück altes, staubiges Spinnennetz mit einer toten Fliege darin.
Alle lachten, nur ich fand es nicht witzig. Im Stillen schwor ich Rache.
Zuerst gab es die obligatorische Suppe. Dieses Mal aß ich sie, denn mein Magen knurrte wie ein wütender Hund.
Und wie heißt es so schön? Der Hunger treibt´s rein.
Danach setzten wir uns vor das Museum in die Sonne. Die meisten Nomaden waren ebenfalls draußen, genossen das schöne Wetter und beaufsichtigten die Kinder beim Spielen.
Plötzlich hörten wir laute Stimmen und eine größere Gruppe Nomaden schlängelte sich durch die Reihen der abgestellten Fahrzeuge.
Einige führten gefesselte Männer in Uniform, an ein Seil angebunden.
Schnell waren sie von den Anderen umringt, die aufgeregte Fragen stellten.
Auch wir gesellten uns dazu, wollten wissen wer die Uniformierten waren.
Aber einer der Ankömmlinge erhob die Stimme und rief: "Ihr werdet alles erfahren, aber jetzt lasst uns erst einmal durch. Wir wollen die Gefangenen sicher einsperren. Und wir haben Leute dabei die Hilfe brauchen und versorgt werden müssen."
Sofort wurde ihnen eine Gasse frei gemacht und sie trieben ihre Gefangenen die Treppen zum Museum hoch.
Eine Reihe Nomaden folgte, von denen jeder eine Frau oder einen Mann stützte, einige trugen Kinder auf der Schulter oder in den Armen.
Diese Menschen sahen krank aus und waren am Ende ihrer Kräfte.
Wir halfen, sie die Treppen hinauf und dann hinunter in den Speisesaal zu führen. Dort setzten wir sie an die Tische und binnen kürzester Zeit stand vor jedem von ihnen eine Schale mit Suppe und ein Becher Wasser.
Ich stand in der Tür und zählte 14 Männer, 16 Frauen und 20 Kinder.
Von den Gefangenen war nichts zu sehen.
Nach dem Essen brachten die Nomaden die Neuankömmlinge in einen Kellerraum, in dem sie neue Feldbetten aufgestellt hatten.

Im Speisesaal saßen jetzt die Nomaden, die sie gebracht hatten vor vollen Tellern.
Artemisia wartete, bis sie gegessen hatten, dann stellte sie die Frage, die uns allen auf der Zunge brannte: "Wer sind diese Leute?"
Einige der Gruppe begannen gleichzeitig zu reden, einigten sich dann schnell auf einen Sprecher und der erzählte uns, was wir wissen wollten.
"Du hast uns gesagt, wir sollten die LKWs der Amis bewachen und aufpassen, ob sie jemand suchen kommt. Wir versteckten uns in den Ruinen dieser alten Tankstelle und in den Büschen auf der anderen Straßenseite."
Es dauerte ziemlich lange, aber endlich hörten sie Motorengeräusch, das sich näherte. Gespannt warteten sie auf das Auftauchen der Fahrzeuge. Es waren vier. Ein Motorrad, ein Jeep und zwei Kleinlaster.
Der Motorradfahrer kam als Erster bei den LKWs an. Sein Sozius sicherte ihn mit dem Gewehr im Anschlag. Sie stiegen ab und näherten sich vorsichtig den Lastern. Als sich nichts rührte, winkten sie den Anderen zu und sie kamen heran.
Alle Fahrer und Beifahrer trugen die gleiche Uniform wie die Männer, die das Gold abgeholt hatten und bei dem Schusswechsel getötet worden waren. Sie stiegen aus und sahen sich die abgestellten Fahrzeuge an.
"Damnded. Look here! Bullet holes!" rief einer.
"Here´s the same. And a lot of blood."
"What´s goin´on? Where are the drivers?"
Zwei von ihnen hatten bei einem der Laster die Plane geöffnet und waren auf die Pritsche gestiegen.
Einer streckte den Kopf heraus und sagte: "What a fucking queer thing! Nobody touched the gold. It´s just inhere in the box."
Schnell untersuchten sie die anderen Fahrzeuge und fanden zu ihrem Erstaunen die Goldkisten allesamt unberührt vor.
Sie standen alle acht dicht beisammen, als sie in ihrem Rücken plötzlich das Geräusch von Waffen hörten, die durchgeladen wurden.
"Don´t move! Hands up! We want to see them."
Einer griff trotzdem nach seiner Waffe und bezahlte diesen Versuch mit dem Leben.
Die anderen rührten sich daraufhin nicht mehr, bis sie entwaffnet und gefesselt worden waren.
Die Nomaden untersuchten die Kleinlaster und fanden dort dicht gedrängt die Männer, Frauen und Kinder vor, die aneinander gefesselt waren und sich kaum rühren konnten.
Ängstlich blinzelten sie ins Sonnenlicht als die Plane geöffnet wurde.
"Bitte, gebt uns zu trinken. Wenigstens den Kindern." bat eine der Frauen.
Die Nomaden lösten ihnen die Fesseln und halfen ihnen beim Absteigen. Sie suchten alle ihre Wasservorräte zusammen und verteilten sie an die halbverdursteten Menschen.
Viele hatten aufgeplatzte Lippen, einige der Kinder waren kaum noch bei Bewusstsein.
Sie achteten darauf, dass alle nur in ganz kleinen Schlucken tranken, mit längeren Pausen dazwischen.
Schnell waren alle Wasserflaschen geleert, die Leute immer noch durstig.
Zwei der Männer machten sich im Jeep auf die Suche nach Wasser und fanden schon bald einen kleinen Bach und konnten dort die Flaschen auffüllen.
Sie mussten die Menschen einige Stunden ausruhen lassen, bevor sie ihnen wieder auf die Laster halfen. Die Gefangenen warfen sie auf die Pritschen der Goldtransporter und sie fuhren alle Fahrzeuge bis zu der Stelle, an der die ersten Nomadenfahrzeuge standen.
Zwei waren auf dem erbeuteten Motorrad vorausgefahren um die Wachen dort zu informieren.
Den letzten Kilometer mussten sie zu Fuß gehen.
"Wir können davon ausgehen, dass diese Menschen mit dem Gold bezahlt werden sollten, das wir erbeutet haben." sagte Max.
"Die zahlen aber gut für ein paar Leute."
"Ich würde eine neue Gruppe zu der Stelle schicken, wo wir die Amis geschnappt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass mindestens noch eine Lieferung kommen wird." regte Leofric an. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die in der Stadt für 50 Personen so viel Gold geben. In jeder der elf Kisten waren 10 Barren. Da muss noch mehr kommen."
Der Junge war nicht so hirnlos, wie ich ihn anfangs eingeschätzt hatte. Er hatte sicherlich recht und seine Mutter sah das genauso.
"Wollt ihr noch einmal los oder sollen Andere gehen?" fragte sie.
"Kein Problem, ich geh noch mal." sagte der Sprecher der Gruppe. "Wie sieht es bei euch aus?" wandte er sich an seine Mitstreiter.
Die standen wortlos auf und gingen zur Treppe.
"Wir nehmen die Laster mit dem Gold wieder als Köder mit."
"Ja, gute Idee."
Und schon waren sie die Treppe hinauf und außer Sicht.
"Sollen wir uns die Amis vornehmen?" wollte Miriam wissen. "Mich interessiert, warum sie die Menschen so schlecht behandelt haben. Sie müssten doch ein Interesse daran haben, sie in gutem Zustand abzuliefern. Schließlich bekommen sie eine Menge Gold für sie."
"Ich gehe mit." sagte Calvin. "Wenn ihr nichts dagegen habt, kann ich euch dolmetschen."
"Lasst uns erst einmal fragen, ob einer Deutsch kann. Du lässt dir nicht anmerken, dass du Englisch kannst und wir tun alle so, als könnten wir keins."
Es stellte sich heraus, dass sie alle Deutsch konnten. Zumindest so viel, dass sie Artemisias Fragen beantworten konnten.
Sie stellten sich nicht quer sondern gaben bereitwillig Auskunft.
Die Sklaven, und etwas anderes waren die Gefangenen nicht für sie, hatten sie nicht aus eigenem Antrieb misshandelt. Diesen Befehl hatten sie vom Oberst bekommen. Damit sollten sie kirre gemacht werden.
"Ich war dagegen, aber dieser Oberst ist ein gefährlicher Psychopath und sehr nachtragend wenn man seine Befehle nicht befolgt." erklärte einer der Amis in sehr gutem Deutsch. "Selbst unser General fürchtet sich vor ihm."
Auf Max´ Frage, ob noch mehr Sklaven kämen, antwortete er, dass noch weitere zweihundertfünfzig Personen auf dem Weg wären. Es hatte eine kleine Panne beim Sammeln gegeben. Die in der Stadt hatten insgesamt je hundert Männer, Frauen und Kinder geordert. Männer und Frauen hatten sie genügend, da hätten sie ohne Probleme sofort zweitausend schicken können. Woran es haperte, waren Kinder.
Um den Oberst zu beruhigen, waren sie vorausgeschickt worden. Die restliche "Lieferung" würde wohl Morgen im Laufe des Tages eintreffen.
Es würden zehn Kleinlaster für die Sklaven und fünf Begleitfahrzeuge sein. Also mussten die Nomaden mit mindestens dreißig Bewaffneten rechnen.
Artemisia schickte noch fünfzig weitere Nomaden, um den Sklavenkonvoi in Empfang zu nehmen.
"Wir gehen kein Risiko ein."
Danach gab sie Anweisungen für die Unterbringung weiterer Befreiter und der Vorbereitung von Mahlzeiten für sie.
Und sie ließ weitere Zellen vorbereiten.
"Was werdet ihr mit den gefangenen Amis machen?" fragte ich.
"Sie werden hingerichtet."
"ist das nicht zu hart?"
"Nein. Sie verschonen uns nicht, wir sie nicht. Wenn wir aufeinandertreffen, bleibt nur eine Seite am Leben."

Inzwischen dämmerte es und Jürgen und Ingetraut waren noch nicht zurück.
So langsam machten wir uns Sorgen um sie.
"Ich denke, wir sollten nachsehen gehen, wo sie bleiben." Claudia, die bei uns zurückgeblieben war, machte diesen Vorschlag.
"Wir sollten zwei Gruppen bilden." schlug ich vor.
"Die eine geht durch die Tunnels, d.h. sie nimmt die U-Bahn, die noch unten steht, die andere macht sich oberirdisch auf den Weg."
"Das ist eine gute Idee." Claudia zog den Schlüssel der U-Bahn aus der Hosentasche. "Den hat mir Fabian gegeben. Für alle Fälle."
"Unsere Gruppe möchte ich möglichst klein halten. Marc, Lea und ich werden uns oberirdisch zum Hotel begeben und auskundschaften, was los ist." bestimmte Ramón.
"Claudia, du fährst mit so vielen Leuten, wie du in die Waggons quetschen kannst, zu eurem Stützpunkt. Vielleicht steigt ihr eine Station vorher aus und nähert euch zu Fuß. Sobald wir uns beim Hotel und der Botschaft umgesehen haben, kommen wir zu euch. Sollte im Bahnhof alles in Ordnung sein, dann bindet ein rotes Tuch am Treppenaufgang fest. Wenn wir keines sehen, kommen wir zur vorigen Station. Seid ihr einverstanden?"
Alle nickten.
Wir rüsteten uns mit Waffen und ausreichend Munition aus und wollten uns gerade auf den Weg machen, als Calvin zu uns stieß.
"Artemisia. Schick noch mehr von deinen Leuten zur Verstärkung des Empfangskomitees aus. Es kommen nicht zehn Laster mit fünf Begleitfahrzeugen, sondern die doppelte Anzahl. Ich habe mich neben der Tür der Zelle versteckt und sie belauscht."
"Danke Calvin. Leofric! Du suchst dir noch einmal fünfzig Mann aus und fährst selber mit hin. Seht zu, dass ihr eine Schießerei vermeidet, damit den Sklaven nichts passiert."
Leofric fragte wer mitkommen wolle und binnen weniger Minuten zog er mit mehr als fünfzig Männern und Frauen im Schlepptau ab.
"Jetzt weißt du, warum jeder von denen den Tod verdient hat." sagte Artemisia zu mir.
"Wir müssen los." drängte Ramón.
Ich hängte mir den Rucksack über und war bereit.
Zu unserer Gruppe gesellten sich noch Calvin und Hannes. Ramón wollte zuerst ablehnen, stimmte dann aber zu. Calvin war ein erfahrener Soldat und Kämpfer und Hannes tötete schnell und lautlos mit seiner Armbrust.
Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie Claudia mit ihren Leuten die Treppe zur U-Bahn hinunterging.
Automatisch überprüfte ich, ob meine Waffen an ihrem Platz und ich genügend Magazine in den Taschen hatte. Ich sah, wie Marc Ramón angrinste und der ihm zuzwinkerte. Die Beiden schienen sich prächtig über mich zu amüsieren.
Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich mich wirklich darüber freuen sollte, dass sie sich so gut zu verstehen schienen.
Dann entschied ich mich dafür.
Wir waren losgegangen, als die Sonne gerade hinter den Dächern verschwunden war. In den Häuserschluchten war es schon richtig dunkel. Anfangs kamen wir noch an Kochfeuern der Nomaden vorbei, dann ließen wir die letzten Fahrzeuge hinter uns.
Wir kannten den Weg zum Hotel von unserem letzten Marsch. Um unliebsame Überraschungen zu vermeiden hielten wir uns dicht an den Hausmauern und versuchten, so wenig als möglich Geräusche zu machen.
Nach geschätzt der Hälfte der Strecke gab Calvin den geflüsterten Befehl zum Anhalten.
"Da kommen Leute. Viele."
Wir horchten angestrengt und tatsächlich - es näherte sich eine größere Anzahl Personen, die genau wie wir versuchten, Lärm zu vermeiden.
"Los! Hier herein!" Hannes hatte eine Haustür geöffnet und wir schlüpften ins Innere.
Dejavú. Wieder stand ich an einem staubigen Fenster und spähte auf die Straße hinaus.
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Beitragvon Mankei » 31.10.2016, 21:52

Hallo Wecki

Um den Bunker zwischen Landsberg und Igling ging es in meiner Geschichte.
Ich komme aus LL also sind wir ja fast Nachbarn.
Den Schloßbergtunnel kannte ich bis zum Beginn meiner Geschichte gar nicht, habe dort zwar schon oft geparkt wusste aber nicht das es sich um einen Bunker für bis zu 15000 Menschen handelt. Er wurde 1993 fertiggestellt, wird in Friedenszeiten als Parkhaus verwendet und gilt als sehr Atomsicher (Quelle Links sind nur für registrierte User sichtbar.).
Im Iglinger Bunker war ich in meiner Kindheit bei mehreren "Tag der offenen Tür - Veranstaltungen", war immer ein atemberaubendes Ereignis für mich.
Die Orte, Kasernen, Wegbeschreibungen aus meinem Teil der Geschichte sind alle real, trifft aber auch bei Kavure'i zu, wobei sie es bestimmt schwerer hat als ich, sie gondelt ja durch ganz Deutschland während es bei mir nur ein paar Orte gab.

Gruß Mankei
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Beitragvon Kavure´i » 01.11.2016, 01:51

Hola Mankei

und da kommt noch hinzu, daß ich die Gegenden gar nicht kenne, sondern nur über Luftbildaufnahmen und Beschreibungen aus dem Internet.
Persönlich kenne ich nur das Schwabenland ein wenig.
Deshalb mögen mir die Leser, die die Gegenden über die ich schreibe, kennen, Fehler verzeihen.

Kavure´i
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 19.11.2016, 03:24

Es war eine sehr disziplinierte Truppe die sich näherte. Es wurde nicht gesprochen, keiner räusperte sich oder hustete.
Und wieder einmal hielten sie genau unter unserem Fenster an.
Einer gab leise den Befehl zum Anhalten.
Drei von ihnen sonderten sich von der Truppe ab und setzten sich auf die Stufen vor dem Haus.
"Wie spät ist es?" fragte einer.
" 22 Uhr 43" kam die Antwort.
"Noch über eine Stunde bis die zweite Gruppe eintrifft. Wir sind zu früh. Die Männer sollen sich zweihundert Meter zurückziehen und sich noch eine Weile ausruhen. Hier sind wir zu nahe dran und könnten zufällig entdeckt werden."
Ein weiterer Befehl und die Unbekannten zogen sich genauso leise zurück wie sie gekommen waren.
Nur die Drei blieben sitzen.
"Die Männer wissen, was sie zu tun haben?"
"Natürlich!"

"Verdammt! Die wollen die Nomaden überfallen." flüsterte Marc.
"Wir müssen sie warnen."
"Ich gehe." bot sich Calvin an.
"Gut. Artemisia soll zusammen mit Sonja und dir die Verteidigung organisieren. Wir Anderen machen uns wieder auf den Weg."
Ramón war nicht der Einzige, der befürchtete, dass Jürgen und seinen Leuten etwas zugestoßen war.
Lautlos wie ein Geist verschwand Calvin. Geräuschlos öffnete und schloss er eine Tür, die hinter dem Haus nach Draußen führte.
Wir warteten noch einige Minuten um zu sehen ob Alles ruhig blieb, dann folgten wir ihm, wandten uns aber in die entgegengesetzte Richtung.
Da wir nicht wussten, wie groß die Truppe war, nahmen wir eine der Parallelstraßen um uns der Botschaft zu nähern.
Sie hatten nirgendwo Streifen oder Wachen eingesetzt und so kamen wir unbehelligt bis zur ehemaligen russischen Botschaft.
Wir näherten uns vorsichtig dem Gebäude, hielten uns im Schlagschatten der Häuser und blieben oft stehen um zu Lauschen.
Plötzlich berührte mich Ramón am Handgelenk. Damit bedeutete er mir, ich solle anhalten. Ich gab Marc und Hannes ebenfalls das Zeichen und wir verharrten reglos und atmeten nur flach.
Da hörte ich es. Ein leises Rascheln von Stoff, ein kaum hörbares Schniefen. Da war jemand.
Ramón tippte mir drei Mal auf den Handrücken. Er hatte drei Personen ausgemacht. Dann strich er mir über den Unterarm und verschwand.
Ich wusste, er würde sich um diese Leute kümmern.
Es dauerte nur wenige Minuten bis er zurückkam. Ich hörte ihn kommen, und wusste, dass er es war, weil er zwei Mal leicht mit dem Fingernagel über die Hauswand kratzte.
Er gab Hannes ein Zeichen mitzukommen.
Marc und ich kauerten in einem Hauseingang und warteten.
Dieses Mal dauerte es viel länger und beinahe hätten wir die Geduld verloren.
Dann hörte ich wieder das leise Kratzen und gleich darauf waren sie wieder bei uns.
Hannes informierte uns, dass er zwei Wachen, die auf umliegenden Dächern postiert gewesen waren, mit seiner Armbrust erledigt hätte.
Ramón hatte im Vorfeld die Drei, die er bemerkt hatte ausgeschaltet, sie hatten sich ganz in der Näher versteckt gehalten.
Von unseren Freunden hatten sie nichts gehört oder gesehen.
"Gehen wir rein." sagte ich.
Da Marc und ich die Eingänge kannten, gingen wir vor.
Wir näherten uns langsam dem Eingangstor. Kein Laut war zu hören. Entweder hatten Hannes und Ramón alle erwischt oder sie waren richtig gut.
Plötzlich roch ich es. Ein Mischung aus Schweiß und Lederfett.
Ein leichtes Antippen von Marcs Handrücken ließ ihn aufmerken. Einige Minuten verharrten wir bewegungslos, lauschten, versuchten Bewegungen in den Schatten auszumachen.
Dann ein zweimaliges Antippen meines Handgelenks. Und ein leichtes Streifen nach links und nach rechts.
Auch ich hatte geglaubt, neben dem Tor etwas gesehen zu haben. Schatten, die dunkler waren, als sie sein sollten.
Wir zogen uns eine kleine Strecke weit zurück.
"Ich den Linken, du den Rechten." wisperte Marc.
"Gut."
Ich schlug einen weiten Bogen und näherte mich dem Eingang von der Seite.
Das letzte Stück schob ich mich nur noch zentimeterweise voran.
Und endlich konnte ich ihn sehen. Er lehnte direkt neben dem Eingang, hatte mir das Profil zugewandt.
Mit zwei schnellen Schritten war ich bei ihm und schlug ihm den Griff meiner Pistole kräftig gegen die Schläfe.
Ein hässliches Knacken ertönte und er sackte zusammen.
"Was zum Teufel ist………." hörte ich den Anderen flüstern, dann brach auch er in die Knie.
Einen Augenblick später tauchten Hannes und Ramón auf und mit vereinten Kräften schleppten wir die Toten vom Eingang weg.
Marc hatte seinen erstochen, meiner hatte den Schlag auf den Kopf nicht überlebt.
In Actionfilmen bekommen die Helden x Mal einen Schlag mit einer Waffe ab und haben anschließend nur Kopfweh.
Im wahren Leben muss man ziemlich hart zuschlagen um jemanden bewusstlos zu schlagen und keiner kann das dosieren. Die meisten dieser Schläge enden deshalb tödlich.

Ich legte ein Ohr an die Tür. Drinnen war alle ruhig. Ich probierte den Drücker und drückte vorsichtig gegen die Tür. Sie war nicht abgeschlossen. Wir schlüpften hinein und schlossen sie hinter uns.
Im Gang war es stockdunkel und wir tasteten uns an der Wand entlang Richtung Kellertreppe.
Auch die Kellertür war unverschlossen und als ich sie öffnete, musste ich geblendet die Augen schließen. Im Untergeschoss brannte Licht.
Marc ließ sich auf den Boden nieder und streckte den Kopf durch den Türspalt.
"Die Luft ist rein, keiner da." sagte er und stand auf.
Wir gingen die Treppe hinunter und den leeren Gang bis zu der Stelle, an der wir die verborgene Tür zum Bunker wussten.
Marc streckte sich und drückte auf den versteckten Klingelknopf.
Wir stellten uns so, dass die Kamera uns erfassen konnte und nach einigen Minuten drehte sich die Tür um ihre Mittelachse und wir schauten in die Läufe von Schrotflinten. Zwei der Männer schauten schnell in Richtung Treppe und scheuchten uns dann ins Innere des Bunkers.
Die Geheimtür wurde geschlossen und wir fanden uns kurz darauf in der Kantine wieder.
Ingetraut und Jürgen schlossen uns in die Arme, sichtlich erfreut und erleichtert uns zu sehen.
"Wie seid ihr durchgekommen? Da draußen lagert eine ganze Armee."
"Nicht mehr. Die sind jetzt alle in der Nähe des Museums und wollen die Nomaden umbringen."
"Um Himmels Willen! Wir müssen sie warnen!"
"Keine Panik! Calvin hat sie informiert. Die werden ins offene Messer laufen." lachte Ramón.
"Wer sind die überhaupt?" fragte Hannes.
"Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie kommen aus der Stadt." meinte Jürgen.
"Das denke ich auch. Was mich interessieren würde ist, warum sie es plötzlich auf uns abgesehen haben. All die Jahre wussten sie von uns und haben uns trotzdem in Ruhe gelassen." Ingetraut sah uns fragend an, als vermute sie, wir wüssten die Antwort auf ihre Frage.
"Setzt euch erst einmal."
"Gute Idee." sagte ich. "Gibt es noch was zu Essen und vielleicht einen Kaffee oder Tee?"
"Der Eintopf ist alle, aber ihr könnt Brot und Wurst aus der Dose bekommen."
"Na wenn sich das nicht gut anhört." kam es von Ramón.
"Aber vorher würde ich mir gerne die Hände waschen. Marc, dir würde ich das auch raten."
Marc sah auf seine Hände und stimmte ihm zu. Das Blut des Mannes klebte noch an ihnen.
"Und nach dem Essen eine Dusche und frische Klamotten. Ich wundere mich, dass mich die Männer draußen nicht schon von Weitem gerochen haben."
Alle meine Wünsche wurden erfüllt: Brot und Wurst, Kaffee, eine heiße Dusche und frische Kleidung.
Und anschließend ein sauberes, weiches Bett zusammen mit Marc in einem separaten Raum.

Während des Essens brachten wir die Leute im Bunker auf den neuesten Stand.
Und Jutta erzählte uns, wie sie gerade bei der Botschaft angekommen waren, als sie die Truppe aufmarschieren sahen.
Sie kamen gerade an der Bunkertür an, als Ingetrauts Leute sie schließen wollten. Ihre Wachen hatten die Soldaten rechtzeitig entdeckt und Alle nach Unten geschickt.
Kaum hatte sich die Tür geschlossen, stürmten die Fremden in den Kellerraum, fanden jedoch nur einen leeren Gang vor.
Nachdem sie alle Kellerräume untersucht hatten, waren sie unverrichteter Dinge wieder abgezogen.
Gerade als wir erzählten, dass wir die zurückgelassenen Wachen unschädlich gemacht hatten, gesellte sich Oleg zu uns.
Sein Gesicht war immer noch grün und blau verfärbt, aber die Schwellungen waren deutlich zurückgegangen und seine Kräfte waren fast vollständig zurückgekehrt.
Seine Niedergeschlagenheit war verschwunden seit er Sonja am Leben wusste.
Er begrüßte mich und Marc mit einer Umarmung und Ramón mit Handschlag.
Jürgen hatte ihm sofort nach seiner Ankunft erzählt, dass Sonja und unsere anderen Freunde am Leben waren. Seither lächelte er wieder, seine Augen hatten den toten Eindruck verloren und er hatte mit Appetit gegessen.
Am liebsten wäre er sofort losgezogen um beim Kampf gegen die Angreifer zu helfen. Ramón erklärte ihm, dass die Nomaden mit diesem Problem alleine fertig werden würden.
"Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns verteidigen müssen. Unsere Gruppe hat schon viele Angriffe abgewehrt."
"Aber dieses Mal werden sie von mindestens zwei, wenn nicht drei Gruppen angegriffen, wenn man die Amis, die mit den Sklaven kommen, mitrechnet." wandte Oleg ein.
"Die werden erst Morgen im Laufe des Tages eintreffen. Bis dahin haben sie die aus der Stadt erledigt. Immer eins nach dem anderen." erwiderte Ramón.
"Bist du da nicht ein wenig zu optimistisch?"
"Nein. Wir sind Spezialisten im Häuser- und Straßenkampf. Da macht uns so schnell keiner was vor. Die Soldaten aus der Stadt mögen gut gedrillt sein, aber Kampferfahrung haben sie keine. Sie sind die letzten Jahre aus der Übung gekommen."
Oleg dachte gründlich darüber nach, so wie es seine Art war, und gab ihm schließlich Recht.
"Und da wir eh nichts ausrichten können, würde ich vorschlagen, wir legen uns schlafen. Ich habe das Gefühl, seit Tagen kein Auge zugehabt zu haben."
Sobald er diese Worte geäußert hatte, fing ich an zu gähnen. Mir wurde schlagartig bewusst, wie müde ich war.

Aber sobald ich im Bett lag, floh mich der Schlaf. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, versuchte es mit Atemübungen und Schäfchenzählen.
Nichts half.
Schließlich gab ich es auf und zog mich leise, um Marc nicht zu wecken, wieder an.
In der Kantine war noch Betrieb. Ich ließ mir Tee geben und setzte mich an einen der freien Tische.
Ich war hellwach, meine Gedanken kreisten um den Angriff. Kämpften und starben unsere Freunde gerade?
Konnten sie den Angriff abwehren?
Und dann der Vorfall mit den Wachen. Wir hatten gehandelt wie wir mussten. Und trotzdem. Wir hatten Menschenleben ausgelöscht.
Wären wir ihnen nicht zuvorgekommen, hätten sie uns getötet.
Aber ans Töten konnte ich mich nicht gewöhnen. Ich wusste, dass es wichtig war nicht abzustumpfen. Um Mensch bleiben zu können.
Warum nur kam ich in den letzten Jahren immer wieder in Situationen, in denen es dazu kam, Menschen töten zu müssen?
Trübselig schaute ich in meine Teetasse, nahm einen Schluck und verzog angewidert das Gesicht. Ich hasse kalten Tee oder Kaffee.
Ich stand auf, brachte die zu drei Vierteln volle Tasse zurück und ließ mir eine mit frischem, heißem Tee geben.
Als ich zu meinem Platz zurückkehrte, saßen Marc und Ramón dort.
"Was ist los? Warum seid ihr nicht im Bett?" fragte ich.
"Und du?" gab Marc zurück.
"Ich konnte nicht einschlafen."
Marc war aufgewacht und hatte den Platz neben sich leer gefunden. Als ich nach einigen Minuten nicht zurückkam, stand er ebenfalls auf.
Auf dem Weg zur Kantine war er Ramón begegnet und sie beschlossen, mir Gesellschaft zu leisten.

"Wenn wir schon nicht schlafen können, könntet ihr Beiden mir erzählen, was ihr getan habt, um eure Eltern zu rächen." forderte Marc uns auf.
"Erzähl du." sagte ich zu Ramón.

"Einer meiner Freunde holte uns vom Flughafen ab und brachte uns in sein Haus."
Es liegt mitten in Asunción. Auf den Hauptverkehrsstraßen rollte der Verkehr, es war laut und die Luft von den vielen Abgasen kaum atembar.
Aber nur drei Quader von der Avenida España entfernt, war davon nichts mehr zu hören und zu riechen.
Das Anwesen war von einer hohen Mauer umgeben und als wir dort ankamen, öffnete ein Angestellter das Tor und schloss es hinter uns.
Ernesto fuhr einen kurzen Kiesweg entlang und parkte den Wagen unter dem Carport.
Eine junge Angestellte zeigte uns unsere Zimmer und nach einer Dusche und dem Wechseln der Kleidung trafen wir uns auf der Veranda, wo schon eisgekühlte Getränke bereitstanden.
Und zum ersten Mal seit ich meinen Adoptivbruder kannte, sah ich ihn in anderen Klamotten.
Er trug eine leichte weiße Baumwollhose und eins der bestickten Hemden, die hier Ao po´i genannt werden. Und statt der Schnürstiefel hatte er leichte Slipper an.
Ich hatte eine rote Baumwollhose, eine luftige, buntgemusterte Bluse und Sandalen gewählt.
Ernesto saß schon in einem der Sessel und wartete auf uns.
"Was hast du herausgefunden?" Wie gewohnt kam Ramón ohne große Vorreden auf den Punkt.
"Nicht allzu viel, wenn man bedenkt, wie viel Geld ich unter die Leute gebracht habe. Da muss ein ganz hohes Tier dahinterstecken. Die Leute haben Angst. Sie wollen nicht reden."
"Dann fang mit dem an, was du hast."
"Dieser Parlamentarier der deine Eltern beschuldigte, das Land unrechtmäßig erworben zu haben, ist nur ein aufgeblasener Popanz, der sich wichtigmachen will. Er steht den sogenannten Landlosen nahe, will sich deren Wählerstimmen sichern. Er hat den Tipp wohl von dem- oder denjenigen bekommen, die euer Eigentum wollen und sie benutzen ihn nur."
"Woher willst du das wissen?"
"Ganz einfach. Er hat den Antrag gestellt, dass die Estancia unter den Landlosen aufgeteilt werden soll, sobald bewiesen ist, dass der Titel nichts wert ist."
"Mierdas! Dann fangen wir wieder ganz von vorne an."
"Können wir nicht in Erfahrung bringen, von wem der Tipp kam?" fragte ich.
"Das habe ich schon abgeklärt. Es war ein anonymer Hinweis, geschrieben per email aus einem Internetcafé mit einer nur für diesen Zweck angelegten Adresse."
Ernesto schob Ramón ein Blatt Papier hin.
"Hier ist die Liste der Leute, die in diesen Fall verwickelt sind. Jedenfalls alle, von denen ich bisher weiß.
Adalberto José Estigarribia Mendoza, Abgeordneter der Coloradopartei
Rodrigo Juan Faber Lezguimon, Staatsanwalt
Mirtha Belén Giménez Alberoa, Richterin
Luz Carmen Giménez Balboa, Notarin
Danach folgten noch die Namen einiger untergeordneter Polizisten und Gerichtsgehilfen, Angestellten des Katasteramtes, usw.
"Das größte Problem ist, dass der Titel tatsächlich nicht auffindbar ist, so behaupten sie jedenfalls."
"Vater bewahrte ihn im Tresor auf."
"Da haben sie ihn nicht gefunden. Behaupten sie. Nur persönliche Papiere, zwei Goldbarren und 271 Millionen in bar. Das Gold und das Geld wurde natürlich eingezogen. Und ist sicherlich inzwischen so spurlos verschwunden wie der Titel."
"Die haben den Tresor aufgebrochen?" staunte ich.
"Nein. Den Schlüssel fanden sie bei Don Odilòn am Schlüsselbund."
Ich fragte nach Kaffee und kurze Zeit später bekam ich ihn serviert. Unterdessen überlegten wir, was wir mit den Informationen anfangen konnten und kamen zu dem Schluss, dass wir bisher nichts in Händen hatten.
Ich plädierte dafür, den Abgeordneten noch nicht ganz von der Liste der Verdächtigen zu streichen, denn sein Antrag konnte genauso gut auch eine Finte sein.
Ernesto meinte aber, dass er das nicht glaube, denn es wäre wenig ratsam, die Landlosen für dumm zu verkaufen. Die waren nämlich keine harmlosen armen Leute, die nur ein Stück Land zum Leben wollen.
Er erklärte mir, dass diese Leute eine straff geführte Organisation hätten, deren Anführer große Ländereien besäßen und dicke SUVs fuhren.
Alle, die bei einer eventuellen Landaufteilung partizipieren wollen, müssen monatliche Beiträge an die Anführer bezahlen, wer am Tag der Verteilung mit seinen Beiträgen nicht auf dem Laufenden ist, geht leer aus. Sie sind sehr gut organisiert und schwer bewaffnet. Sie scheuen sich nicht, die Eigentümer der besetzten und von ihnen begehrten Grundstück massiv zu bedrohen, sie in ihrer Arbeit zu behindern, nicht selten wurden schon Angestellte, Familienangehörige oder die Eigentümer selbst von ihnen ermordet.
Sollten sie herausfinden, dass der Parlamentarier sie betrügen wolle, würde es ihm schlecht ergehen.
Damit schied er wohl doch aus.
"Was ist mit dem Staatsanwalt und der Richterin? Kannst du nicht herausfinden, von wem sie ihre Weisungen bekommen?" wollte ich wissen.
"Bisher von Estigarribia." erwiderte Ernesto.
Wieder eine Sackgasse.

Auf der Straße ertönte eine Hupe. Der Angestellte, der unter dem Mangobaum beim Tor saß und Tereré trank, sprang auf und öffnete es.
Ein kleiner Geländewagen fuhr herein und wurde neben Ernestos Wagen eingeparkt.
Eine Frau stieg aus, öffnete die hintere Tür und ließ ein Mädchen aussteigen.
Das Kind lief auf die Veranda zu und rief: "Papá, weißt du, was wir heute in der Schule gemacht haben?"
Dann blieb es wie angewurzelt stehen, sah Ramón an und jubelte: "Tio Ramón, Mamá, der Tio ist da." Dann warf sie sich ihm in die Arme.
Er war aufgestanden, hob sie hoch und wirbelte sie herum. "Elena, du wirfst mich ja um." lachte er.
Dann begrüßte er Ernestos Frau.
Maria war mir sofort sympathisch. Sie war klein, hatte eine sehr frauliche Figur, langes schwarzglänzendes Haar und kluge braungrüne Augen.
Sie umarmte mich und sagte zu ihrer Tochter: "Elena, das ist deine Tia Lea." Und sofort hing das Mädchen an mir und umarmte auch mich.
Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte die selben Augen und das gleiche Lächeln.
"Geh dich umziehen, dann essen wir." bekam Elena Bescheid. "Entschuldigt mich, ich komme gleich wieder."
Eine halbe Stunde später waren Beide wieder da.
Maria hatte sich ein leichtes Sommerkleid angezogen und trug statt der Pumps nun Sandaletten, Elena hatte ihre Schuluniform gegen Shorts und Top getauscht und Schuhe und Kniestrümpfe gegen Flipflops.
Nach dem Mittagessen fuhren Maria und Elena zu einer Freundin, damit wir in Ruhe weiterreden konnten.
Sie wusste, worum es ging, wollte aber nicht, dass Elena etwas mitbekam.

Es dauerte allerdings nicht mehr lange bis wir uns eingestanden, dass wir mit den bisherigen Informationen nicht weiterkamen.
"Morgen fahre ich zur Estancia. Ich muss mit Rubén sprechen."
Ernesto klärte uns darüber auf, dass das Gericht einen neuen Verwalter eingesetzt hatte.
Der war schon wenige Tage nach dem Tod der Eltern mit Frau und Kindern dort eingezogen, hatte es sich im Haupthaus bequem gemacht und schaltete und waltete nach Belieben.
Die Angestellten durften auf Anweisung der Richterin die Estancia nicht verlassen, da sie angeblich unter dem Verdacht standen, bei der Ermordung ihrer Arbeitgeber mitgewirkt zu haben. Bewaffnete Sicherheitskräfte sorgten dafür, dass die Anordnung befolgt wurde.
"Da kannst du nicht einfach hinfahren und mit den Leuten reden. Das werden die nicht zulassen."
"Keine Sorge, die bekommen mich nicht zu Gesicht."
"Ich begleite dich." sagte ich.
"Kommt nicht in Frage. Du bleibst hier bei Ernesto."
"Wenn du mich nicht mitnimmst, komme ich alleine nach." drohte ich.
Zuerst sah es danach aus, als würde Ramón mit mir streiten wollen, dann schwieg er nachdenklich einige Minuten lang und lenkte schließlich ein.
"Bueno. Dann verschieben wir die Reise um einige Tage." sagte er. "Ernesto, wir fahren zum Sommerhaus. Du packst alles ein, was wir für einen Crashkurs brauchen."
"Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?" fragte der.
"Nein. Aber anders geht es nicht."
Ernesto nickte und ging.
"Was bedeutet das jetzt?" wollte ich wissen. "Was ist das Sommerhaus?"
"Das wirst du morgen erfahren, Hermanita." antwortete er und ließ sich kein weiteres Wort darüber entlocken.
Am späten Nachmittag kamen Maria und Elena zurück und wir verbrachten noch einige ausgelassene Stunden am und im Pool.
Ramón und Elena bespritzen sich gegenseitig mit Wasserpistolen, wir tauchten uns gegenseitig unter, so albern hatte ich Ramón noch nie erlebt und selber konnte ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Blödsinn gemacht hatte.

Als Maria erfuhr, dass wir zum Sommerhaus fahren wollten, sagte sie: "Ich komme mit."
Elena war außer sich vor Freude, als sie hörte, sie dürfe für zwei Wochen zu ihrer Tia Nilda und ihrer Prima Zelda.
"Was hat es denn nur auf sich mit diesem Sommerhaus?" fragte ich Maria. "Keiner will mir sagen, was wir dort machen werden."
"Wir werden dir beibringen zu kämpfen und wenn nötig zu töten." klärte sie mich auf.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 05.12.2016, 02:09

Nach dem Abendessen saßen wir noch im Quincho zusammen.
Ramón erklärte mir seinen Plan.
Er wollte als Reiseführer auftreten und ich sollte die Touristin spielen. Er würde sich in den nächsten Tagen einen Bart zulegen und ich sollte meine blonden Haare etwas dunkler färben.
Mich kannten sowieso nur die engsten Freunde der Familie und Ramón hatte die letzten Jahre die meiste Zeit außerhalb des Landes verbracht. So war kaum anzunehmen, dass unsere Tarnung auffliegen würde.
Gerade als wir uns überlegten, wie wir uns unauffällig der Estancia nähern konnten um unsere Angestellten sprechen zu können, kam Ernestos Haushälterin zu uns an den Tisch.
"Entschuldigen Sie bitte, Don Ernesto, der Wächter sagt, am Tor ist ein Mann der Sie sprechen möchte."
"Jetzt? Um diese Zeit? Was will er?"
"Das möchte er nur Ihnen persönlich sagen. Er sagte, es gehe um Don Odilón und Ña Adelina."
"Bring ihn her. Der Wächter soll ihn im Auge behalten"
Einige Minuten später betrat ein junger Mann den Garten. Unter den Arm geklemmt trug er eine Mappe. Über der Schulter eine Umhängetasche.
Ein paar Schritte vor dem Tisch blieb er stehen und begrüßte zuerst den Hausherrn und dann uns andere.
"Buenas noches, bitte entschuldigen Sie die späte Störung, aber ich muss Sie dringend sprechen Don Ernesto."
"Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht." erwiderte der.
"Nein, natürlich nicht. Bitte, ich muss Sie sprechen. Unter vier Augen."
"Wenn es um meine verstorbenen Freunde geht, dann können sie frei sprechen."
Er zeigte auf Ramón und mich: "Das sind die Kinder der Beiden und vor meiner Frau habe ich keine Geheimnisse."
Der Mann sprach uns sein Beileid aus, dann stellte er sich vor.
"Mein Name ist Federico Luis Cardozo Torres. Ich bin einer der Gehilfen der Richterin Alberoa."
Das schlug ein wie eine Bombe.
"Was?" rief Maria.
"Was will sie von uns?" fragte Ernesto.
"Die Richterin? Nichts! Sie weiß nicht, dass ich hier bin."
"Und das sollen wir glauben?"
"Das überlasse ich Ihnen. Schauen Sie sich bitte die Dokumente an, die ich mitgebracht habe und entscheiden Sie dann." bat Federico.
"Und setzen Sie sich bitte zu uns an den Tisch." forderte ich ihn auf.
Er schaute mich verblüfft an, kam nach einem Blick auf Ernesto und dessen zustimmendem Nicken, meiner Aufforderung nach.
Er schien sich äußerst unbehaglich zu fühlen und setzte sich steif und aufrecht auf die Bank.
Ich nahm ein sauberes Glas und fragte ihn: " Bier, Saft, Wasser?"
"Danke, nichts."
Ich schenkte Wasser ein und schob ihm das Glas hin.
Dann saßen wir in unbehaglichem Schweigen einige Minuten nur da.
"Worum geht es? Welche Dokumente befinden sich in der Mappe?" Wieder kam Ramón ohne Umschweife auf den Punkt.
Federico schien das nur recht zu sein, denn ohne ein weiteres Wort schob er ihm die Kladde hin.
Ramón öffnete sie und schaute sich das erste Blatt an, dann das zweite und das dritte. Seine Augenbrauen gingen immer mehr in die Höhe, je mehr Papiere er überflog.
"Was sind das nun für Papiere?" fragte ich.
"Die Kopie der anonymen Anzeige, dass meine Eltern die Estancia unrechtmäßig erworben hätten, die Email des Abgeordneten, der das Katasteramt um eine Abschrift des Eintrags ersucht, eine Kopie der Abschrift und die Aktennotiz, dass alle Papiere in Ordnung seien und es sich bei der Estancia keinesfalls um ehemaliges Regierungsland gehandelt habe, eine erneute Anfrage mit dem Auftrag, den Verkauf noch einmal "richtig" zu prüfen, die Antwort eines anderen Angestellten, dass sie die Einträge auf Unregelmäßigkeiten abklopfen würden, noch ein Schreiben, man habe den begründeten Verdacht, dass es Mauscheleien gegeben habe, ein Schreiben an den Staatsanwalt, in dem Anzeige gegen Odilón und Adelina gemacht wurde, das Schreiben der Staatsanwaltschaft an die Eltern, die Antworten, die sie schickten, die Schreiben der Anwälte, die Anordnungen der Richterin an Behörden und die Polizei, die Gutachten der Behörden, die Vollmachten der Notarin für den Verwalter, die Protokolle der Polizisten, die den "Unfall" aufnahmen, alle Zeugenaussagen, der Autopsiebericht, einfach alles."
Ramón sah unseren Besucher aufmerksam an.
"Wie sind Sie an all diese Papiere gekommen? Dafür, dass sie angeblich nur ein Gehilfe sind, konnten sie unbemerkt all diese brisanten Dokumente zusammentragen?"
"Eben deshalb, weil ich ein Niemand bin. Wer bemerkt schon einen Gehilfen? Wir sind allgegenwärtig, immer in der Nähe um auf Botengänge geschickt zu werden, Papiere zu kopieren, sie von A nach B zu tragen, hier eine Mappe abholen, dort eine hinbringen, das liegengebliebene Feuerzeug aus dem Büro zu holen, Wasser oder Kaffee zu servieren. Wir sind anwesend, aber keiner bemerkt uns bevor er uns braucht. Wir fallen nicht auf, weil es unsere Aufgabe ist, überall und nirgends zu sein."
Genau so funktionierte das.
Ein Gehilfe geht ins Büro der Chefin, kommt mit einem Ordner heraus und geht an den Kopierer……alles normal.
Ein Gehilfe steht in der Nähe der Chefin, wenn sie mit dem Staatsanwalt, der Notarin, usw. spricht…….er wartet auf Aufträge.
Ein Gehilfe verlässt mit einer Mappe unterm Arm das Gebäude……keinem fällt es auf.
"Jetzt wissen wir, WIE Sie es gemacht haben, aber immer noch nicht WARUM." sagte ich.
"Ich möchte, dass Sie diese Verbrecher zur Strecke bringen."
"Wen genau meinen sie damit?" wollte Ernesto wissen.
"Den Staatsanwalt, die Richterin und ihren Mann und die Notarin."
"Den Abgeordneten nicht?"
"Wegen mir auch den, auch wenn die ihn nur für ihre Zwecke benutzen, er ist durch und durch korrupt. Er lässt sich von den Organisatoren der Landlosen schmieren, damit er ihre Forderungen im Parlament einbringt. Mit meiner Chefin und ihren Kumpanen hat er allerdings nichts zu tun."
"Sie scheinen gut Bescheid zu wissen." sagte Maria.
"Ich sehe und höre viel."
"Wieso zeigen Sie Ihre Chefin und die Anderen nicht an?" Alle Augen richteten sich auf mich.
Da hatte ich wohl eine sehr dumme Frage gestellt.
"Wir sind hier nicht in Deutschland." war Ramóns Kommentar. Mehr sagte er nicht.
"Ich möchte, dass sie diese Bande aus dem Verkehr ziehen." Er schaute Ramón und mich an. "Ihre Eltern sind nicht die Ersten, die sie auf dem Gewissen haben. Sie suchen sich wertvolle Immobilien aus, kundschaften die Hintergründe aus, und wenn es ihnen gefahrlos erscheint, dann schlagen sie zu. Seit ich von ihren Machenschaften weiß, sind Don Odilón und Ña Adelina schon die siebten Opfer, deren Vermögen sie sich unter den Nagel gerissen haben. Und ich arbeite erst seit drei Jahren bei der Richterin."
"Warum kommen sie ausgerechnet zu mir?" hakte Ernesto nach.
"Weil ich gehört habe, dass sie ein alter Freund der Familie sind. Ich hoffte, sie würden die Unterlagen an Ramón weiterleiten. Und ich war mir sicher, er würde seine Eltern rächen. Er hat die Fähigkeiten dazu." Er wandte sich Ramón zu. "Dass ich Sie hier antreffen würde, konnte ich nicht wissen, aber ich bin froh darüber, dass Sie hier sind. Bitte, legen Sie diesen Kriminellen das Handwerk, damit sie nicht noch mehr Menschen ins Unglück stürzen."
Ramón sah den jungen Mann nachdenklich an.
"Ich danke Ihnen, dass sie all diese Dokumente gesammelt und hergebracht haben. Sie sind ein sehr mutiger Mann."
Federico zog einen Hefter aus seiner Umhängetasche.
"Hier habe ich noch etwas für Sie." sagte er und schob ihn über den Tisch.
"Eine beglaubigte Abschrift des Titels der Estancia." rief Ramón aus.
"Das Original ist bisher nicht aufgetaucht." erläuterte der Gehilfe. "Sie suchen ihn verzweifelt, denn solange sie ihn nicht in Händen haben und ihn vernichten, kann ihr Helfer im Katasteramt die Seite mit dem Eintrag nicht verschwinden lassen. Suchen Sie sich einen Notar ihres Vertrauens und verifizieren sie die Kopie."
"Woher haben Sie die Kopie?"
"Der Verwalter fand sie bei den Unterlagen Ihrer Eltern und schickte sie an die Notarin. Ich musste vorgestern etwas zu ihr bringen, sie war gerade nicht im Büro und die Kopie lag zusammen mit anderen Dokumenten auf einem Stapel."
"Wenn sie sie jetzt vermisst, wird sie Sie verdächtigen."
"Sicherlich nicht. Denn nachdem ich sie an mich genommen hatte, ging ich wieder und kam eine halbe Stunde später zurück. Da saß sie an ihrem Schreibtisch. Sie weiß nicht, dass ich zuvor alleine dort war."
"Sie sind ein hohes Risiko eingegangen." wunderte sich Maria.
"Manchmal muss man das." erwiderte Federico.
"Was kann ich im Gegenzug für Sie tun?" fragte Ramón.
"Hier! Auf diesem Zettel stehen die Namen der sechs vorigen Opfer und die Ihrer Eltern. Tragen sie ihn bei sich, bis sie diese Verbrecher unschädlich gemacht haben."
Mit diesen Worten erhob er sich, nickte uns allen zu und wandte sich zum Ausgang.
Der Wächter, der in größerem Abstand gewartet hatte, nahm ihn in Empfang und brachte ihn zum Tor.

Wir saßen einige Minuten schweigend da.
"Vor einer halben Stunde hatten wir nicht eine einzige Information und jetzt liegen alle wichtigen Papiere fein säuberlich geordnet hier auf dem Tisch. Ich fasse es nicht!" Ernesto stand auf und ging auf der Veranda auf und ab.
"Woher weiß dieser junge Mann, dass du die Fähigkeiten dazu hast, unsere Eltern zu rächen?" fragte ich.
"Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn nicht, und er kannte mich jedenfalls auch nur vom Hörensagen, denn als er kam, wusste er nicht, wer ich bin."
"Für seinen geringen gesellschaftlichen Status scheint er mir sehr gut informiert zu sein. Es wäre mir lieb, wenn wir ein paar Informationen über ihn bekommen könnten." sagte Ramón.
Maria zog ihr Celular aus der Tasche und wählte eine Nummer.
Als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete, sagte sie ihm nach der Begrüßung den Namen unseres späten Gastes.
"Ich möchte alles über diesen Mann wissen. Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer, Beruf, Arbeitsplatz, Familienstand, usw. Nein, er hat nichts ausgefressen. Er hat uns einen großen Gefallen getan und wir möchten uns dafür revanchieren. Nein, eben nicht, er hat nichts dafür verlangt. Ja natürlich, unauffällig. Er soll es nicht erfahren. Gracias."
Sie legte auf und lächelte. "Spätestens Morgen Mittag wissen wir alles über Federico Luis Cardozo Torres. Wahrscheinlich mehr als er selber."
"Mboi sy?" fragte Ernesto.
"Wer sonst?"
"Wer ist das?" wollte ich wissen. Und warum heißt er Gottesanbeterin?"
"Nicht er, sie. Und sie wird so genannt, weil sie still in ihrem Büro sitzt und Informationen sammelt. Und zuschlägt, wenn die Beweise ausreichen."
"Eine Polizistin?"
"Nein, eine Staatsanwältin. Die einzige, die ich kenne, die nicht korrupt ist. Es hat schon unzählige Versuche gegeben, sie aus dem Amt zu entfernen. Alle sind gescheitert. Sie weiß zu viel und hat angeblich Akten über jeden, der wichtig und mächtig ist. Und Abschriften davon liegen bei einem Freund im Ausland, der sie veröffentlichen wird, sollte ihr etwas zustoßen. So lautet jedenfalls die Legende. Und ich wette, sie ist wahr."
"Und warum hilft sie dir?"
"Weil sie meine älteste Freundin ist. Und weil wir ihr Kopien dieser Dokumente zukommen lassen werden, für ihr Geheimarchiv."
"Würdest du bitte diese Mappe und die Kopie in deinem Safe einschließen? Und dann sollten wir schlafen gehen. Morgen früh 5 Uhr ist Abfahrt."

Um halb 5 Uhr saß ich beim Frühstück, meine Tasche hatte ich ja noch nicht ausgepackt gehabt, so dass ich nur den Kulturbeutel wieder einpacken musste.
Die anderen Drei sahen genauso müde aus wie ich, hielten sich an ihren Kaffeetassen fest und kauten lustlos auf ihrem Frühstück herum.
Schlag 5 Uhr saßen wir im Auto, der Portero öffnete und schloss das Tor und Ernesto lenkte den Wagen auf die Avenida España, bog in die Choferes del Chaco ein und fuhr Richtung Flughafen. Zuerst dachte ich, wir würden irgendwohin fliegen, aber dann bog er nach Luque ab und chauffierte uns über Areguá nach Ypacaraí und fuhr dort auf die Ruta 2 Richtung Caacupé.
Bis Caacupé waren wir etwas mehr als eine Stunde unterwegs, da wir nur Asphaltstraßen hatten.
Aber schon bald bog er rechts ab und wir fuhren auf einer Asphaltstraße, die grossteils aus geflickten und bestehenden Schlaglöchern bestand.
Zwei weitere Kilometer später bog er links ab und wir holperten über Kopfsteinpflaster.
Inzwischen waren die Straßen belebt. Autos überholten Laster, ohne Rücksicht auf den Gegenverkehr, dazwischen lavierten sich Motorradfahrer durch, kaum einer trug Helm oder Schutzkleidung, Nummernschilder suchte man vergebens.
Ernesto war diesen Verkehr gewohnt und steuerte den Wagen geschickt durch das Chaos. Dabei nahm er mehr als einem Auto die Vorfahrt, streifte beinahe einen Motorradfahrer und hupte mehrere Fußgänger von der Straße.
Nur einmal legte er eine Vollbremsung hin. Beinahe wäre ihm ein Hund ins Auto gelaufen. Dem hupte er dann auch und scheuchte ihn von der Straße.
Einen Hund zu töten brachte Unglück, also passte man besser auf.
Langsam wurde es einsamer, es begegnete uns nur noch vereinzelt ein Ochsenkarren, einmal mussten wir dem Bus Platz machen, einige Schulkinder und Landarbeiter winkten uns zu.
Auf halber Strecke hörte das Kopfsteinpflaster plötzlich auf und wir fuhren in einen unbefestigten Hohlweg ein. Die Fahrbahn war wellig und auf einer Seite hatte das Regenwasser einen mehr als metertiefen Graben ausgewaschen. Nach gut 500 Metern ging das Pflaster weiter, wenn auch stellenweise nur auf einer Seite des Weges.
Irgendwann, es kam mir vor wie Stunden, bogen wir scharf rechts in einen sehr schmalen Sandweg ein, der leicht zu übersehen war, wenn man nicht wusste, dass es ihn gab. Nach einigen hundert Metern hielt Ernesto vor einem Tor aus Maschendraht.
Er hupte, und ein Mann, der im Schatten zweier großer Mangobäume gesessen hatte, stand auf und öffnete das Tor.
Er fuhr das Auto unter den Carport und wir stiegen aus.
Die Drei begrüßten den Mann und stellten ihn mir als den Capatáz des Terrenos vor.
"Du hättest mich früher anrufen sollen, Don Ernesto, wir konnten das Haus nicht für euch vorbereiten. Nilda ist noch nicht fertig mit dem Herrichten der Zimmer."
"Kein Problem Lucio, wir wollen Lea sowieso zuerst ein wenig vom Terreno zeigen, lasst euch Zeit."
Ich war unterdessen einige Schritte Richtung Tor gegangen und bewunderte die Aussicht. Man hatte einen großartigen Ausblick auf ein Tal und eine Hügelkette, das Wetter war schön, die Luft klar und man konnte sicherlich 30 Kilometer weit sehen.
"Gefällt es dir?" fragte mich Ramón.
"Es ist wunderschön hier. Wem gehört das hier?"
"Uns."
"Wie kommt es, dass hier noch kein Verwalter sitzt."
"Weil es auf meinen Namen läuft und mir erst seit gut zehn Jahren gehört. So viel können sie nicht verdrehen um behaupten zu können, es sei während der Strößnerzeit unrechtmäßig erworben worden."
In der Zwischenzeit hatte Lucio die Tasche mit den Waffen aus dem Wagen geholt und trug sie uns hinterher, als wir zu einer kleinen Felsplatte hochgingen und uns von dort aus buchstäblich in die Büsche schlugen.
Es gab nur einen schmalen Fußweg und wir folgten ihm im Gänsemarsch bis zu einer Mulde im Gelände. Sie hatte die Form eines Halbkreises, in der Rundung stiegen Felswände bis drei Meter hoch und am Scheitelpunkt steckten Pfosten in der Erde, verbunden mit Latten, auf die Sperrholzplatten geschraubt waren.
Der Konstruktion gegenüber lagen Bretter auf Baumstümpfen.
Lucio öffnete die Tasche, holte Zielscheiben heraus und tackerte sie auf die Platten. Dann nahm er die Waffen heraus und legte sie auf eine der primitiven Bänke, die Munition stapelte er daneben.
Ramón setzte sich daneben und gab mir ein Zeichen, mich neben ihn zu setzen.
Er drückt mir eine der Waffen in die Hand.
"Das ist ein Revolver. Diesen Hebel drückst du, damit klinkst du die Trommel aus und du kannst die Patronen einstecken. Zum Schließen drückst du die Trommel einfach wieder in die Ursprungsposition. Damit ist der Revolver geladen."
Während er die Erklärung abgab, zeigte er mir, wie es ging.
Danach nahm er die Patronen wieder aus der Trommel, drückte sie an ihren Platz und gab mir die Waffe in die Hand.
"Jetzt du."
Unbeholfen nahm ich ihm die Waffe ab, versuchte, gleichzeitig den Hebel zu drücken und die Trommel auszuschwenken. Ich stellte mich dabei an wie der erste Mensch.
Als ich es endlich geschafft hatte, fielen mir natürlich erst einmal zwei der Patronen herunter. Bis ich alle sechs in die Trommel gefummelt hatte und die wieder an ihrem Platz eingerastet war, vergingen einige Minuten.
Ramón ließ mich die Aktion mehrmals wiederholen. Mit jedem Mal ging es besser und schließlich ging es ganz einfach und schnell.
Dass man eine geladene Waffe niemals auf andere Menschen richten durfte, es sei denn, es wäre ein Feind, musste er mir nicht erklären, ich hatte genügend Krimis gelesen und gesehen.
Was ich nicht gewusst hatte war, dass man auch nicht in die Luft schießen durfte, die Kugel könnte so herunterkommen, dass sie jemanden traf und schwer verletzte oder tötete.
Dann wurde mir beigebracht, welche Haltung man zum Schießen einnimmt, wie man die Waffe hält, sich ein Auge zum Zielen aussucht, den Druckpunkt findet und schließlich schießt.
Die ersten Schüsse gingen daneben, ich hatte mich in Erwartung des Knalls instinktiv verkrampft.
Maria tröstete mich: "Immerhin hast du die Platte getroffen."
Sie zeigte mir, wie sich die Position des Zeigefingers am Abzug auf die Richtung auswirkte.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich dem schwarzen Punkt in der Mitte nahe kam.
Nach einer Stunde verordnete Ernesto mir eine Pause und die Anderen schossen.
Es sah so einfach aus.
Maria trat vor und leerte ihr Magazin und alle Schüsse saßen sehr nahe der Mitte oder genau darin. Dabei hatte es den Anschein gehabt, als hätte sie gar nicht gezielt.
Bei den Männern war es ebenso.
Da wusste ich, dass ich noch einen langen Weg vor mir hatte.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 15.12.2016, 03:29

Inzwischen hatte sich die Kantine langsam wieder gefüllt.
Ein Blick auf die Uhr über der Essensausgabe informierte mich darüber, dass draußen bereits die Sonne aufgegangen war.
Und wir hatten noch nichts von unseren Freunden gehört.
Ingetraut, Jürgen und Oleg setzten sich zu uns. Als sie ihre Tabletts mit dem Frühstück auf den Tisch stellten, fing mein Magen an zu knurren.
Ich stand auf und holte mir ebenfalls etwas zu essen. Dicht gefolgt von Marc und Ramón. Hannes stand schon in der Schlange, wünschte uns einen guten Morgen und setzte sich zu uns.
Kaum hatte ich den letzten Bissen gegesssen, verkündete Oleg, dass er es nun leid sei, hier nur herumzusitzen.
"Ich gehe zum Museum, ich will endlich wissen, was da draußen vor sich geht."
"Ich geh nur noch schnell für kleine Jungs, dann komme ich mit." sagte Ramón.
Eine halbe Stunde später standen wir vor der in der Mauer versteckten Tür.
Einer der Wächter saß vor dem Monitor, auf den die Bilder der Überwachungskamera übertragen wurde.
"Alles ruhig. Nicht mal eine Maus ließ sich die Nacht über sehen."
Trotzdem sicherten zwei mit Schrotflinten bewaffnete Oberirdische den Eingang, als wir ihn öffneten und den leeren Flur betraten.
Sie blieben dort stehen, bis wir die Tür zum Keller geöffnet und vorsichtig hinaus gespäht hatten.
Die Tür würde noch weitere fünf Minuten offen bleiben, damit wir schnell ins Innere des Bunkers fliehen konnten, sollten wir auf der Straße auf Feinde treffen.
Wir, das waren Marc, Ramón und ich, Ingetraut, Jürgen, Oleg und Hannes.
Als erstes wollten wir zum Hauptquartier der Unterirdischen gehen um nach Claudia und ihren Leuten zu schauen.
Wir näherten uns dem Bahnhof vorsichtig und beobachteten den Aufgang.
"Kein rotes Tuch zu sehen." flüsterte ich.
Ein schlechtes Zeichen.
"Gehen wir zur nächsten Station und nähern uns dem Bahnhof durch den Tunnel." schlug Jürgen vor.
Ich verzog das Gesicht. Ich hasste das Herumstolpern im Gleisbett, noch dazu im Dunkeln.
"Wir nehmen den Wartungsgang." sagte er. Das ist der Boden eben und es gibt Licht."
"Hoffentlich begegnen wir keinen Kannibalen." meinte Ingetraut.

Hannes schlich die Treppe hinunter, gab Entwarnung und winkte uns zu.
Jürgen öffnete mit seinem Universalschlüssel die Tür zum Wartungsgang, schaute nach rechts und links und betrat den Gang. Dort blieb er stehen, schnupperte wie ein Hund. Dann gab er uns das Zeichen, ihm zu folgen und marschierte los.
"Keine Kannibalen im Gang."
"Woher weißt du das?"
"Du würdest sie riechen."
Schweigend gingen wir im Gänsemarsch hinter ihm her.
Nachdem wir einige Türen passiert hatten, blieb er an einer weiteren stehen, drückte die Klinke langsam nach unten und öffnete die Tür einen Spalt weit.
Und schaute in den Lauf einer Pistole.
Bevor er reagieren konnte, rief eine Stimme: "Jürgen! Oh Mann! Fast hätte ich dich erschossen!"
Die Tür wurde aufgerissen und einer der Unterirdischen forderte uns auf, heraus zu kommen. Fünf schwer bewaffnete Unterirdische standen vor der Tür, die Waffen im Anschlag.
"Alles in Ordnung bei euch?" wollte Jürgen wissen.
"Nein, ganz und gar nicht." erklang Claudias Stimme. "Wir haben drei unserer Leute verloren, zwei sind ziemlich schwer verletzt und fünf leicht."
"Was ist passiert?"
"Wir haben uns wie ihr durch den Tunnel angeschlichen. Zwei Mann von denen hielten Wache, die wir problemlos überwältigen konnten. Die anderen zwölf saßen am Tisch und ließen es sich gut gehen. Es waren lauter junge, unerfahrene Burschen. Wir entwaffneten sie und als wir gerade dabei waren, sie zu fesseln, kamen Andere aus ihren Verstecken und eröffneten das Feuer auf uns. Übrigens ohne Rücksicht auf ihre eigenen Leute, die waren nur als Köder für uns gedacht und zählten für sie nicht. Sieben von ihnen sind tot, die anderen mehr oder weniger schwer verletzt."
Da die Unterirdischen kampferprobt waren, hatten sich nicht Alle an der Gefangennahme beteiligt. Die Meisten waren im Tunnel geblieben, damit sie sich nicht gegenseitig im Weg waren.
Als die Schüsse fielen, kamen sie aus dem Tunnel und schossen auf die Angreifer. Drei von ihnen konnten sie lebend gefangen nehmen, die übrigen vier waren tot oder erlagen bald darauf ihren Verletzungen.
"Wir haben uns so gut als möglich um die Verletzten gekümmert. Wir konnten sie nicht zu euch in den Bunker bringen, denn Paul hat sich zur Botschaft geschlichen und dort Wachen an den Ausgängen und Scharfschützen auf den Dächern gesehen."
"Jetzt könnt ihr sie hinbringen, der Weg ist frei."
Sofort wurden die Verwundeten auf Tragen gelegt und Richtung Bunker getragen. Auch die Feinde.
Unter den drei Überlebenden schien deren Anführer zu sein.
Als Claudia ihn befragte, gab er offen zu, dass die jungen Burschen nur als Köder für uns gedacht gewesen waren.
"Ihr opfert eure eigenen Kinder?" frage ich. Der Offizier grinste nur höhnisch.
"Junge Plebs, die dachten, sie hätten das große Los gezogen, als wir sie holten und angeblich zu Rekruten machten."
Diese Kaltschnäuzigkeit schockierte sogar Ramón.
"Warum stellen wir diese Hurensöhne nicht einfach an die Wand?" fragte er.
"Weil wir noch einige Informationen von ihnen wollen." sagte einer der Unterirdischen.
"Das Einzige, was ihr wissen müsst ist, dass unsere Leute bald kommen und euch fertigmachen werden. Es war an der Zeit, euch und das Nomadengesindel auszurotten. Wir haben viel zu lange dabei zugesehen, wie ihr euch ausgebreitet habt."
"Meinst du mit deinen Leuten diejenigen, die gestern Nacht unser Lager angreifen wollten?" fragte Ramón. "Oder die Wachen und Scharfschützen bei der Botschaft?"
Der Offizier presste die Lippen aufeinander und schwieg.
"Die Wachen und die Scharfschützen sind bereits in der Hölle, und ich hoffe, die, die meine Leute überfallen wollten, auch. Eure Amifreunde werden wir ihnen hinterher schicken."
Bei Ramóns Worten waren die Drei blass geworden und schauten sich betroffen an.
"Sperrt sie in die Zellen, mit denen befassen wir uns später. Ich will endlich wissen, wie es unseren Freunden beim Museum geht."
Obwohl ich den Unterirdischen eigentlich nichts zu befehlen hatte, führten sie doch meine Anordnung aus.
Claudia bestimmte eine Handvoll ihrer Leute, die als Wachen zurückbleiben mussten.
Wir Anderen marschierten durch den Wartungstunnel zurück und wollten mit der im Tunnel versteckten Bahn bis eine Station vor dem Museum fahren.
Als wir dort ankamen, hörten wir jemanden pfeifen. Zwei lange und einen kurzen Pfiff.
Ich schaute Ramón an und der nickte lächelnd. Der Code, der bedeutete: Ich bin ein Freund.
Er beantwortete den Pfiff auf die gleiche Art und schickt einen langen Pfiff hinterher. Das bedeutete: Zeig dich.
Aus dem Schatten der Treppe löste sich eine kleine Gestalt und ein etwa vierzehnjähriger Junge kam auf uns zu. Sobald er Ramón erspähte, lief er auf ihn zu und redete sehr schnell auf Spanisch auf ihn ein.
Ich klatschte in die Hände und rief laut: JA! Sie haben es geschafft!"
Jürgen sah mich an. "Was?"
"Sie haben den Trupp in einen Hinterhalt laufen lassen, die Meisten sind tot, einige konnten sie gefangen nehmen. Und das Beste ist, selber haben sie keine Verluste erlitten."
Nun redeten Alle aufgeregt durcheinander, bestürmten Ramón und den Jungen mit Fragen. Mein Adoptivbruder bat um Ruhe und sagte: "Kommt, wir fahren hin, Artemisia will uns sehen."
Wir bestiegen die Bahn und fuhren direkt bis zum Bahnhof Naturkundemuseum. Ramón und der Junge saßen nebeneinander und unterhielten sich auf Spanisch. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Allerdings war ich mir sicher, ihn im Lager der Nomaden bisher nicht gesehen zu haben.
Dann kam mir die Erleuchtung. Er sah Ramón ähnlich. Die leicht schrägen Augen, die Form der Nase, das spitze Kinn.
"Hola mi sobrino, como te llamas?" (Hallo mein Neffe, wie heißt du?) fragte ich ihn.
"Hola tia, me llamo Felipe." antwortete er.
"Woher weißt du es?" fragte mich Ramón.
"Er sieht dir ähnlich."
"Hoffentlich nicht!" sagte der Junge und grinste seinen Vater frech an.
"Womit habe ich so einen Sohn verdient?" seufzte mein Bruder.
"Oh, da könnte ich dir schon einige Gründe anführen." erwiderte ich.
Felipe lachte schallend.
"Ich mag dich, tia Lena."
"So ergeht es einem, wenn man alt und schwach geworden ist und sich nicht mehr wehren kann." jammerte Ramón.
Jetzt lachten wir alle.
Wir flachsten noch eine Weile herum, bis wir am Ziel angekommen waren.
Als wir im Bahnhof einfuhren, wurden wir von bewaffneten Nomaden erwartet. Als sie uns erkannten, ließen sie die Waffen sinken und begrüßten uns.
Einer von ihnen sagte: "Kommt, Artemisia wartet schon. Sie will euch sprechen."

Als wir auf die Straße traten, sahen wir, wie die Nomaden dabei waren, die Leichen der Angreifer wegzuschaffen. Sie schleppten sie in die angrenzenden Häuser um sie in den Kellern abzulegen.
Unser Führer informierte uns darüber, dass sie achtzig Leichen gezählt hätten.
Ich wunderte mich darüber, dass sie mit so einer kleinen Truppe einen Angriff gewagt hatten. Allerdings hatten sie geglaubt, ahnungslose Menschen im Schlaf zu überraschen. Es hätte gelingen können.
Calvin hatte auf dem Weg zum Museum die Nomaden, die bei den Fahrzeugen geblieben waren, gewarnt. Die hatten sich leise zurückgezogen und sich in den Häusern auf die Lauer gelegt.
Punkt Mitternacht waren die Stadtsoldaten gekommen. Lautlos hatten sie sich angeschlichen, durchsuchten die Fahrzeuge und drangen immer weiter vor in Richtung Museum.
Sobald alle auf dem Platz vor dem Museum angelangt waren, hatten die Nomaden sie aus den Fenstern unter Beschuss genommen. Sie hatten keine Chance gehabt. Es war so schnell gegangen, dass sie selber kaum einen Schuss abgefeuert hatten.
Nur einigen von ihnen war es gelungen, sich in eins der Häuser zu retten, aber die sich darin befindlichen Nomaden hatten sie gefangen genommen.
Von Leofric und seinen Leuten, die auf die Ankunft der Amis warteten, gab es noch keine Nachricht.

Artemisia fanden wir im Keller des Museum.
Sie und einige Nomaden untersuchten eine der Wände.
"Hier in diesem Raum ist der Eingang zur Stadt. Aber wir können nicht herausfinden, wie der Eingang zu öffnen ist."
"Woher wisst ihr das?"
"Woher wisst ihr das?"
"Vier der Angreifer sind ins Museum geflohen und haben sich in diesem Raum verschanzt. Als wir die Tür endlich aufgebrochen hatten, waren sie verschwunden. Wir haben schon auf jeden einzelnen Ziegelstein dieser Wand gedrückt, es bewegt sich nichts. Die anderen Wände können es nicht sein, denn die sind aus Beton."
"Wahrscheinlich haben sie die Tür von innen verriegelt." vermutete ich.
"Vielleicht. Aber damit würden sie Anderen den Fluchtweg versperren." meinte Hannes.
"Glaubst du, dass sie sich darüber Gedanken machen?" fragte Marc. "Denk mal an die Rekruten, die sie kaltblütig geopfert haben."
"Ich denke, jetzt ist es an der Zeit das Mädchen zu holen, das den Stein entdeckt hat, mit dem sich der Bunker öffnen lässt." sagte ich.
"Das ist eine gute Idee." stimmte mir Ingetraut zu. "Ich gehe sie holen."
"Einige meiner Leute werden dich begleiten." bestimmte Jürgen. "Wer weiß, wie viele von denen sich noch draußen rumtreiben."
Keine Viertelstunde später stieg sie mit ihren Begleitern die Treppe zum Bahnhof hinunter und die Bahn verschwand im Tunnel.
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Beitragvon Kavure´i » 27.12.2016, 01:51

Hola

mal eine kurze Zwischenfrage: Habt ihr noch Interesse an Fortsetzungen oder soll ich "zu Potte" kommen?

Kavure´i
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Kavure´i
 

Beitragvon Andiamos » 28.12.2016, 18:32

AUF JEDEN FALL, KAVURE !! :D
Ich verschlinge eure Geschichten alle und warte schon immer darauf, dass es weitergeht. :D :D

LG
Angelika
Andiamos
 

Beitragvon Prepper86 » 29.12.2016, 11:31

Ja bitte Kavure :-)
Prepper86
 

Beitragvon HAuch » 29.12.2016, 20:59

Ja bitte Kavure :-) viiieeeele Fortsetzungen !!!!

warte schon

fg

Hauch
HAuch
 

Beitragvon Kavure´i » 31.12.2016, 21:46

Mir war, als hätte ich etwas Wichtiges vergessen.
Ein Gedanke entzog sich mir, es war wie eine Gestalt, die man nur aus den Augenwinkeln sehen konnte, die sofort verschwand, wenn man sie näher anschauen wollte.
"Was grübelst du?" fragte Marc.
"Ich weiß nicht, irgendetwas Wichtiges, aber es fällt mir nicht ein."
"Du wirst schon noch drauf kommen, hör einfach auf, daran zu denken."
"Ich weiß nur, dass es sehr wichtig ist."
"Ich bin jedenfalls gespannt, ob das Kind auch diesen Eingang finden wird."
"Danke! Jetzt hab ich´s! Der Eingang!"
Marc schaute mich verständnislos an.
"Ein Eingang ist auch ein Ausgang. Wenn die von hier in die Stadt gelangen, können sie auch umgekehrt von der Stadt hierher kommen."
Ich rannte zum Museum zurück und traf dort auf Ramón und Calvin.
"Wir müssen den Keller abriegeln, verbarrikadiert den Raum, wo der Eingang zur Stadt ist. Schnell!"
Die Beiden reagierten sofort.
Calvin zog seine Waffe und spurtete die Treppe hinauf, Ramón gab Alarm und folgte ihm mit einem Trupp Nomaden im Schlepptau.
Artemisia und die Leute, die nach dem Eingang suchten, verließen den Raum, schlossen die Tür und mit vereinten Kräften rückten sie schwere Metallschränke davor.
Wachen wurden aufgestellt.

Inzwischen hatten die Nomaden in fast allen Häusern entlang der Straße Bewaffnete postiert.
Sie standen an den Fenstern der obersten Stockwerke und hielten nach weiteren Soldaten Ausschau.
Die Hintereingänge der Häuser waren verrammelt worden, die Seitenstraßen wurden bewacht.
Artemisia und Miriam hatten versucht, aus den Gefangenen Informationen herauszuholen, aber es stellte sich ganz schnell heraus, dass außer den Offizieren niemand über die genauen Befehle Bescheid wusste, und auch keiner von den einfachen Soldaten oder Mannschaftsgraden die geheimen Eingänge zur Stadt kannte.
Also wollten sie sich noch einmal den Oberst vorknöpfen.
Der hatte sich inzwischen mehrfach fast selber erdrosselt, weil auch diese Bestie von Mann nicht über unbegrenzte Kraft verfügte.
Nach dem vierten oder fünften Mal hatten ihm die Wächter den Strick vom Hals genommen und ihn, verschnürt wie ein Paket, auf den Boden gelegt.
Als er in die Kantine gebracht wurde, hätte ich ihn beinahe nicht wiedererkannt.
Seine Haut war grau vor Erschöpfung, er hatte violette Ringe unter den blutunterlaufenen Augen, die er vor Müdigkeit kaum noch offen halten konnte. Und dieses Mal wehrte er sich nicht gegen seine Bewacher, dafür fehlte ihm augenscheinlich die Kraft.
Er konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen, hätten ihn die beiden Nomaden nicht gestützt, er wäre gefallen.
Und genau das geschah, als sie ihn losließen.
Er sank auf die Knie, ließ den Kopf hängen und atmete schwer.
Mit einem anderen Menschen hätte ich wohl Mitleid gehabt, mit ihm nicht.
Artemisia begann wieder, ihm Fragen nach dem Eingang zur Stadt und den Plänen der Oberen zu stellen.
Dieses Mal antwortete er nicht mit Unflätigkeiten, sondern schüttelte nur den Kopf.
"Bringt ihn zurück in die Zelle." ordnete Artemisia an. "Und sorgt dafür, dass er weiterhin keinen Schlaf bekommt."

Das Schiebefenster von der Küche zur Kantine wurde geöffnet.
Eine Gruppe Nomaden, die schon davor gewartet hatte, wurde bedient.
Kaum hatten sie gegessen, standen sie auf und gingen. Wenig später, wir hatten uns inzwischen unsere Ration geholt, kam ein anderer Trupp und bekam sein Essen.
"Wachablösung." erklärte Ramón mit vollem Mund.
Ich holte mir noch einen Kaffee, aber ich hatte ihn erst zur Hälfte ausgetrunken, da fielen mir fast die Augen zu.
Die letzte Nacht war anstrengend gewesen, geschlafen hatte ich auch nicht.
Ich stand auf und machte mich auf in Richtung Schlafsaal.
Als ich sofort eine freie Dusche fand, nutzte ich das aus. Wenige Minuten später lag ich auf dem Feldbett. Kaum berührte mein Ohr das Kopfkissen, schlief ich auch schon.

Vorsichtig näherte ich mich der Böschung. Zentimeter um Zentimeter schob ich mich vorwärts, versuchte jedes Geräusch zu vermeiden.
Oben angekommen, spähte ich durch die Blätter eines Busches, um die Leute zu beobachten, die wenige Meter von mir entfernt ihren Geschäften nachgingen.
Sie hatten Rinder zusammengetrieben und sie in einen Coral gesperrt.
Ein Viehtransporter mit Anhänger war rückwärts an die Rampe des Corals gefahren und die Vaqueros trieben die Rinder mithilfe von Elektroviehstöcken die Rampe hinauf.
Es waren Profis am Werk und so dauerte es nicht lange, bis der LKW voll beladen war.
Der Fahrer nahm Papiere entgegen und fuhr los.
Einer der Männer zahlte die Viehtreiber aus, und einer nach dem anderen stieg auf sein Pferd und ritt davon.
Am Ende blieben nur der Geldgeber und ein weiterer Mann zurück.
Beide waren gut gekleidet und hatten der Arbeit nur zugesehen.
"Sobald die Rinder im Schlachthof eingetroffen sind, werden wir Ihnen das Geld auf Ihr Konto gutschreiben."
"Ich vertraue darauf." erwiderte der Andere.
"Natürlich Don Gerardo."
Gerardo García Torres, der "Verwalter", den die korrupte Richterin für die Estancia unserer Eltern eingesetzt hatte.
Der mitsamt Frau und Kindern, zwei jugendlichen Töchtern, in Ramóns Elternhaus eingezogen war und seither alles zu Geld machte, was er verkaufen konnte.
"Wann wollen Sie die nächste Ladung haben?" fragte er.
"Wie lange werden Sie brauchen, um dieselbe Anzahl an Rindern zum Abtransport bereit zu haben?"
"Würde es Ihnen heute in einer Woche passen?"
"Eher in zehn Tagen."
"Gut."
"Auf diese Gelegenheit habe ich schon lange gewartet. Diese Brangus-Rinder erzielen einen wesentlich höheren Preis im Schlachthof als die mageren Brahman. Leider bin ich früher nicht an sie herangekommen. Don Odilón ließ sie viel zu gut bewachen."
"Da hatten sie ja großes Glück, dass er diesen Unfall hatte." lachte Gerardo.
"Mit ein wenig Nachhilfe von mir." grinste der Andere. "Das waren zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wurde ich gut für die Liquidierung dieses lästigen Mannes bezahlt, zum anderen können wir uns jetzt den Erlös aus dem Verkauf der Rinder teilen. Mit den offiziellen Papieren von Ihnen bekommen wir natürlich den regulären Preis."
"Sie haben den Unfallfahrer bezahlt? Und wenn er sie nun erpresst?"
"Der erpresst niemanden, der ist so tot wie der Speditionsfahrer."
Vorsichtig, ohne ein Geräusch zu verursachen, schob ich meine Pistole durch die Zweige des Busches, der mich vor den Blicken der beiden Männer verbarg. Durchgeladen hatte ich schon vorher, den Schalldämpfer aufgeschraubt auch.
Ich zielte, hielt den Finger kurz am Druckpunkt, hielt die Luft an und schoss.
Der Kopf des Mörders von Odilón und Adelina zerplatzte wie eine reife Melone. Gerardo wurde mit Blut und Hirnmasse bespritzt und schrie vor Entsetzen laut auf.
Ich wollte gerade die Pistole durchladen, als mich Marc an der Schulter packte und sagte: "Steh auf! Leofric und seine Leute sind zurück. Sie haben die Amis erledigt und alle Sklaven befreit."

Ich schüttelte den Traum ab und setzte mich auf.
Wie oft hatte ich in den letzten Jahren diesen Traum gehabt!
Eusebio Cadenas war der Erste gewesen, den ich in meinem Leben getötet hatte. Und obwohl ich deswegen weder Gewissensbisse noch schlaflose Nächte gehabt hatte, träumte ich immer wieder davon.

Auf dem Platz vor dem Museum herrschte geordnetes Chaos.
Die Nomaden, die sich zur Befreiung der Sklaven aufgemacht hatten, brachten diese gerade in kleinen Gruppen oder einzeln zur Treppe. Dort übergaben sie sie an ausgeruhte Mitstreiter, die ihnen Wasser gaben und Essen versprachen.
Dieses Mal waren die Nomaden leider nicht ungeschoren davon gekommen.
Auf improvisierten Tragen brachten sie zuerst die Verletzten und dann die Toten.
Leofric war leicht verwundet worden, eine Heilerin sah sich die Schusswunde am linken Oberschenkel an, desinfizierte den Streifschuss und legte einen Verband an. Ungeduldig ließ er die Prozedur über sich ergehen, er wollte so schnell als möglich seiner Mutter Bericht erstatten.
Auch wir wollten natürlich hören, was er zu erzählen hatte.
Helma organisierte zusammen mit weiteren Personen, die sich auf die Behandlung von Verletzungen verstanden, den Transport der Verletzten zum Bunker. Bis auf zwei Heiler, die diejenigen behandeln sollten, die nur geringfügige Verletzungen davongetragen hatten, machten sich alle anderen zur Krankenstation im Bunker auf.
Ich zählte siebzehn Tragen mit teilweise sehr schwer verwundeten Nomaden.
Jürgen hatte per Funk die U-Bahnen zurückgerufen und nur wenige Minuten später fuhren sie im Bahnhof ein. Die Helfer und Heiler luden die Verletzten ein und die Bahnen fuhren los.
Für neun Nomaden kam jede Hilfe zu spät. Sie waren entweder im Kampf gefallen oder auf dem Rückweg zum Museum ihren schweren Verletzungen erlegen.
Was mich besonders traurig machte war, dass unter den Toten ein vierzehnjähriger Junge und ein fünfzehnjähriges Mädchen waren.
"Das Leben ist hart geworden." sagte Ramón. "Mit vierzehn gelten sie als Erwachsene. Sie waren gute Schützen und haben sich freiwillig gemeldet."
Ich wusste, dass in noch gar nicht so lange vergangenen Zeiten vierzehn die Grenze zum Erwachsenen war.
Mit Erreichen dieses Alters begann früher die Lehr- oder Arbeitszeit für junge Menschen.
Trotzdem machte mich der Tod dieser Jugendlichen sehr traurig.
Inzwischen bekamen die befreiten Sklaven nach und nach eine Schüssel Eintopf und in der Pfanne gebackenes Fladenbrot.
Die meisten von ihnen schlangen es heißhungrig hinunter, andere kauten andächtig ihr Brot.
Marc fragte einen der Kämpfer, der einen blutigen Verband an der rechten Hand hatte, nach den gefangenen Amis.
"Welche Gefangenen?" bekam er zur Antwort.
"Ihr müsst doch Gefangene gemacht haben." meinte Hannes.
"Dieses Mal nicht."
"Keiner hat sich ergeben?"
"Sie wissen, was wir mit Überlebenden machen."
Wir fragten nicht weiter. Wie Ramón bemerkt hatte: Das Leben war hart geworden. Die Welt, in der wir aufgewachsen waren, existierte nicht mehr. Es herrschte das Recht des Stärkeren. Überleben funktionierte nur in festgefügten Gemeinschaften mit strengen Regeln.
Mitleid und Hilfsbereitschaft für Menschen, die nicht diesen Gemeinschaften angehörten, waren aussterbende Tugenden.
Mit Feinden wurde kurzer Prozess gemacht. Was sollte man auch anderes tun? Gefängnisse existierten nicht mehr, ebenso wenig wie eine Justiz. Niemand war dumm genug, seine Feinde am Leben zu lassen. Auch Verbrecher in den eigenen Reihen verschonte man nicht. Sonst gäbe man ihnen nur eine weitere Gelegenheit, Schaden anzurichten.
"Kommt mit in die Kantine, Leofric erstattet Bericht und meint, ihr solltet dabei sein."
Wir folgten dem Nomaden, der geschickt worden war, uns zu holen.

Artemisia saß bereits mit den Familienoberhäuptern in der Kantine.
Mit am Tisch saßen Jürgen und Claudia, für die Oberirdischen ein junger Mann, den ich noch nicht kannte.
Miriam, Max, Ahlborn, Oleg und Sonja waren schon dort als ich mit Marc und Hannes dazu kam.
"Setzt euch."
Ich holte noch schnell einen Becher Kaffee für mich und Marc und quetschte mich auf die Bank zwischen ihm und Miriam.
Leofric stand auf und sagte: "Lasst uns zuerst die Seelen der gefallenen Kämpfer freigeben, damit sie ins Zwischenreich gelangen können um wiedergeboren zu werden."
Die Nomaden legten die rechte Hand aufs Herz.
Nach kurzem Zögern schlossen wir uns ihnen an.
"Sebastian. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren." begann er.
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück!" sagten alle im Chor.
"Sabine. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Bertram. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Tobias. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Klara. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Volker. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Corinna. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Wolfgang. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
"Nico. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren."
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück."
Ich merkte mir vor, Ramón nach dem Ursprung dieses Rituals zu fragen.

"Und nun berichte." forderte Artemisia ihren Sohn auf.
"Wir stellten ihnen die gleiche Falle wie zuvor. Wir fuhren die Laster mit den Goldkisten in Höhe der Tankstelle an den Straßenrand und schickten Kundschafter aus, die uns melden sollten, wenn der Konvoi kam."
Die Späher waren auf Fahrrädern unterwegs um sich nicht durch Motorenlärm zu verraten.
Leofric und seine Leute wurden auf eine harte Geduldsprobe gestellt.
Erst als der Vormittag des nächsten Tages schon zur Hälfte um war, kamen die Kundschafter zurück und meldeten die anrückenden Fahrzeuge.
Schnell versteckten sich alle in den Ruinen der umliegenden Gebäude.
Auch dieses Mal hielten die Amis in einiger Entfernung an und schickten drei Motorradfahrer mit bewaffnetem Sozius zum Erkunden der Lage voraus.
Während die Fahrer auf ihren Maschinen sitzen blieben, näherten sich die Beifahrer mit den Waffen im Anschlag den verlassenen LKWs.
Einer von ihnen sicherte, die beiden anderen hoben vorsichtig die Plane eines der Laster hoch und schauten ins Innere.
"Empty. There´s only a wooden box inside." rief einer von ihnen.
Als sie bei allen Lastern das Gleiche vorfanden, kletterte einer von ihnen auf die Ladefläche und öffnete eine der Kisten.
"I can´t believe it! Gold! This fuckin´ box is full of gold!" rief er.
Die Fahrer bockten ihre Motorräder auf und gesellten sich dazu. Der im Inneren reichte ihnen einen Goldbarren heraus. Sie ließen ihn von Hand zu Hand gehen und gaben ihrem Erstaunen lautstark Ausdruck.
Sie bewunderten immer noch den glänzenden Ziegel, als die ersten Fahrzeuge der Kolonne bei ihnen eintrafen.
Aus dem vordersten Fahrzeug, einem Geländewagen, stiegen zwei Offiziere aus, die den Soldaten in harschem Ton befahlen, den Barren wieder in die Kiste zu legen und das Maul zu halten.
Widerwillig gehorchte der Mann.
Inzwischen war der Konvoi zum Stehen gekommen, da der Geländewagen die Straße blockierte.
Einige Fahrer stiegen aus und wollten wissen, was los sei.
In diesem Moment gab Leofric den Befehl zum Angriff.

Bevor die Angegriffenen wussten, wie ihnen geschah, lagen mindestens zehn von ihnen tot oder verletzt am Boden.
Aber es waren kampferprobte Männer. Nach der ersten Schrecksekunde warfen sie sich in Deckung und schossen zurück.
Der Kampf dauerte über eine Stunde und wurde erbittert geführt.
Die Soldaten wussten, dass sie kein Pardon zu erwarten hatten und verteidigten sich bis zur letzten Patrone.
Am Ende zählten die Nomaden vierundfünfzig tote Amerikaner. Die achtzehn Verletzten erschossen sie ohne Gnade.
Auf den Ladeflächen der Truppentransporter fanden sie die Sklaven. Wie schon die zuerst Befreiten, waren sie eng zusammengepfercht und aneinander gekettet.
Während des Kampfes hatte nicht einer von ihnen auch nur einen Laut von sich gegeben. Selbst die Kinder hatten weder geweint noch geschrien.
"Wir wollten sie nicht auf uns aufmerksam machen. Sie hätten uns töten können, einfach so, nur damit ihr uns nicht befreien könnt." sagte einer der Männer.
"Oder sie hätten womöglich versucht uns als Schutzschilde zu benutzen." meinte ein anderer.
Sie waren in besserer Verfassung als die Ersten, denn sie hatten unterwegs Wasser bekommen. Allerdings waren alle erschöpft und hungrig.
Und halbtot vor Angst.
Die Nomaden kümmerten sich um ihre Verletzten, die sofort weggetragen wurden um möglichst schnell Hilfe zu bekommen.
Danach wurden die Fesseln der Sklaven gelöst und man half ihnen beim Absteigen.
"Wir haben jetzt außer den Goldtransportern zehn Truppentransporter, zwei Lieferwagen, vier Geländewagen und drei Motorräder erbeutet.
Dazu kommen die Waffen und Ausrüstungsgegenstände der Amis. Auch von ihrer Kleidung ist noch einiges brauchbar. Einer der Lieferwagen ist voller Lebensmittel, der andere enthält weitere Waffen und Munition, Reservekanister mit Diesel, Werkzeugkästen und Ersatzteile für die Fahrzeuge. Alles in allem viele Dinge, die wir gut gebrauchen können."
"Was habt ihr mit den Leichen gemacht?"
"Sie liegen bei ihren Kumpanen in einem der Tanks der Tankstelle. Durch den Deckel ist alles dicht und es wird keinen Verwesungsgestank geben."
"Gut gemacht!"

Die Kämpfer waren todmüde und wollten nur noch unter die Dusche, Schmutz und Blut abwaschen und dann schlafen.
Langsam ließ die Hektik nach. In den Kellerräumen des Museums hatte es reichlich Platz, um alle befreiten Sklaven unterzubringen. Aber es mangelte an Feldbetten und Decken. Auch die Lebensmittel gingen zu Ende.
Entgegen der Aussagen der gefangenen Amerikaner waren zwar mehr als zweihundertfünfzig Sklaven gebracht worden, aber die doppelte Menge war es doch nicht.
Artemisia bekam einen Bericht, in dem stand, dass es je einhundert Frauen, Männer und Kinder waren.
Danach folgte eine genaue Auflistung aller Fahrzeuge und Gegenstände.
Schließlich waren alle Befreiten untergebracht. Sie waren Schlimmeres gewohnt, als auf einer Decke auf dem Boden schlafen zu müssen und beschwerten sich nicht.

Gerade als es dunkel wurde, kam Ingetraut mit ihren Begleitern und zwei Kindern zurück.
Eins der Kinder war das Mädchen, das den Eingang zum Bunker entdeckt hatte, das andere ein schlaksiger Junge.
"Sie wollte ohne ihn nicht gehen." erklärte Ingetraut. "Nun wollen wir sehen, ob sie den Eingang zur Stadt finden können."
"Gehen wir in den Keller." sagte Ramón.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 17.01.2017, 03:04

Wir beendeten die Schießübungen kurz vor Mittag.
"Gehen wir essen." sagte Ramón.
Zurück beim Wohnhaus empfing uns eine große, kräftige Frau.
"Don Ramón, wie schön, dich zu sehen. Und endlich darf ich Ña Lea kennenlernen." Mit diesen Worten umarmte sie erst Ramón und dann mich.
Auf dem überdachten Balkon stand ein Tisch mit eisgekühlten Getränken bereit. Ich nahm mir ein Glas Eiswasser und lehnte mich ans Geländer, um die Aussicht zu genießen.
Kurz darauf gab es Mittagessen. Nudeln mit Fleischsoße, Mandioka, Brot und Sopa Paraguaya.
Da für diesen Tag keine weiteren Aktionen geplant waren, duschte ich und legte mich aufs Bett. Ich wollte nur kurz die Augen schließen.
Maria weckte mich zum Abendessen.
Obwohl ich den ganzen Nachmittag verschlafen hatte, lag ich drei Stunden später schon wieder im Bett und schlief auch sofort wieder ein.
Der nächste Tag begann sehr früh.
Frühstück gab es um halb 5 Uhr und anschließend wurde ich in die Geheimnisse der Selbstverteidigung eingeweiht.
Laut Ernesto würden sie mir nur das Allernötigste beibringen.

Die nächsten beiden Wochen lernte ich meinen Körper kennen. Ich hatte Schmerzen an Stellen, an denen ich nie und nimmer Muskeln vermutete hätte.
Ich hatte überall blaue Flecken und Abschürfungen, hatte mir den kleinen Finger der linken Hand ausgerenkt und den rechten Fuß vertreten.
Hätte ich aufgezählt, was mir NICHT wehtat, wäre ich sehr schnell damit fertig gewesen.
Zwischen den Übungen gab es dann als "Erholung" Schießübungen.
Nachdem ich mit dem Revolver einigermaßen zurechtkam, drückte mir Ernesto eine Pistole in die Hand.
Eine Ruger Mark III Hunter.
Der lange Lauf behagte mir, die Treffsicherheit stieg.

Wieder einmal hatte mich Ramón im Schwitzkasten.
"Hermanita, du lernst es nie." spottete er.
Ich japste nach Luft und erschlaffte. Er ließ mich vorsichtig zu Boden gleiten und als er sich über mich beugte um nach mir zu sehen, nahm ich ihn in die Beinschere und brachte ihn zu Fall.
Da er nicht damit gerechnet hatte, schlug er ziemlich hart auf.
"Was für ein mieser Trick!" stöhnte er.
Ernesto und Maria lachten.
"Wir sind hier nicht im Dojo. Wenn du im Ernstfall überleben willst, musst du mit ALLEN Mitteln kämpfen. Im wirklichen Leben gibt es im Kampf keine Regeln. Du sollst nicht schön kämpfen, du sollst gewinnen." zitierte ich ihn.
"Lässt du mich aufstehen?"
Ich ließ ihn los, und rollte mich weg. Und schon war er auf die Stelle gesprungen, an der ich gerade noch gelegen hatte.
Ein Tritt von mir in die Seite ließ ihn erneut zu Boden gehen. Und bevor er wieder aufstehen konnte, hatte er mein Messer an der Kehle.
Ernesto klatschte in die Hände und beendete so offiziell den Kampf.
"Fünf zu Vier für Lea." sagte er. "Ich denke, das reicht jetzt. In der kurzen Zeit hat sie viel gelernt. Morgen ruhen wir uns aus und übermorgen müssen wir nach Asunción zurück."
Maria wollte die Nacht und den nächsten Tag bei einer Tante von ihr verbringen, die nur einige hundert Meter weiter lebte.
Ramón verkündete, er würde in die Stadt fahren und erst am nächsten Mittag wieder zurückkommen. Aus dem Grund machte er ein Geheimnis.
Also blieben Ernesto und ich alleine zurück. Er hatte keine Lust, seine Frau zur Verwandtschaft zu begleiten.
Wir saßen auf dem Balkon und tranken zur Feier des Tages Bier. Bisher hatte es keine alkoholischen Getränke gegeben.
Ich bemerkte schnell, dass Ernesto keinen Alkohol vertrug. Schon nach der dritten Dose Bier wurde seine Aussprache etwas undeutlich.
In meinem Glas mischte ich immer nur einen Schluck Bier mit viel Limo, denn ich trinke normalerweise gar keinen Alkohol.

Er lobte mich noch einmal für meinen Einfall beim Kampf und meinte, es sei nicht einfach, Ramón zu besiegen. Ich sagte ihm, dass es mir ja nur gelungen sei, weil es doch kein Kampf um Leben und Tod gewesen sei und er dachte, er hätte mich versehentlich verletzt.
"Das stimmt. Normalerweise kommen ihm seine Gefühle nicht in die Quere."
"Wie meinst du das?"
Ernesto begann von etwas anderem zu reden, er hatte bemerkt, dass er etwas Falsches gesagt hatte.
Nun hatte er mich aber neugierig gemacht. Mir fiel einmal mehr ein, dass ich von meinem Adoptivbruder so gut wie gar nichts wusste.
Zwei weitere Dosen Bier machten Ernesto dann doch gesprächig.
"Weißt du, womit Ramón sein Geld verdient?"
"Soweit ich weiß, ist er Militärberater."
"So nennt er das also."
"Warum? Stimmt das etwas nicht?" fragte ich.
"Nun ja, manchmal macht er das sogar. Er hilft bei der Ausbildung von Spezialkräften und bildet Scharfschützen aus."
"Ja und? Dann stimmt es doch, was er sagt."
"Schon, aber es ist nur die halbe Wahrheit."
"Nun hör endlich auf zu gackern und leg Eier!" forderte ich ihn auf.
Er druckste noch eine Weile herum, aber eine weitere Dose Bier später ließ er dann die Katze aus dem Sack.
"Ramón ist ein Auftragskiller."
Das verschlug mir die Sprache, ich konnte Ernesto nur ungläubig anstarren.
"Woher weißt du das?" wollte ich wissen.
"Weil ich bis vor einiger Zeit mit ihm zusammengearbeitet habe. Dann lernte ich Maria kennen und Ramón hat mir nicht mehr erlaubt, ihn zu begleiten. Er will nicht, dass sein Patenkind den Vater durch seine Schuld verliert. Inzwischen mache ich nur noch die Schreibtischarbeit für ihn."
"Er bring einfach irgendwelche Leute um, die ihm nichts getan haben, nur weil ihn jemand dafür bezahlt?"
"Im Prinzip ja, aber er ist sehr wählerisch darin, welche Aufträge er annimmt."
Ramón hatte einen sogenannten Agenten. Der wurde von den Auftraggebern kontaktiert. Sie lieferten die Informationen und nachdem Ramón sie geprüft hatte, entschied er, ob er den Auftrag annahm oder nicht.
Ernesto prüfte die Fakten ebenfalls, recherchierte im Internet, ließ seine Kontakte spielen und sammelte alles, was es über das "Zielobjekt" zu erfahren gab.
Ramón machte das Gleiche und dann verglichen sie ihre Ergebnisse.
Nur wenn er der Meinung war, dass das Opfer den Tod verdiente, gab er seinem Agenten den Auftrag, über das Honorar zu verhandeln. Wurden sich beide Parteien einig, war der Handel perfekt.
Oftmals bekam er Vorgaben von den Auftraggebern, wann oder zu welcher Gelegenheit er zuschlagen sollte. Manchmal auch über die Art und Weise.
Er dagegen hatte klare Regeln.
Er tötete grundsätzlich keine Kinder, keine schwangeren Frauen, keine Unbeteiligten wie Mitarbeiter, Angestellte und zufällig anwesende Personen.
Bei der Aktion durfte nur die Zielperson ums Leben kommen.
Sollten Unbeteiligte zu Schaden kommen können, brach er die Aktion ab.
Wenn ein Auftraggeber mit diesen Bedingungen nicht einverstanden war, gab es keinen Kontrakt.
"Und dann geht er hin, und bringt einfach einen Menschen um?" Ich konnte es immer noch nicht glauben.
"Und was sind das für Leute, die einen Mord in Auftrag geben?"
"Meistens sind es Verbrecher, sowohl die Auftraggeber als auch die Opfer. Da will ein Drogenboss das Gebiet eines anderen übernehmen, zwei Warlords wollen einen dritten loswerden……"
Aber er hatte auch schon den Auftrag einer Familie angenommen, den korrupten Polizeichef zu eliminieren, der einem der Söhne ein Verbrechen untergeschoben hatte, weil er unbedingt einen Fahndungserfolg brauchte.
"Halten sich die Auftraggeber denn an seine Regeln? Was will er machen, wenn sie es nicht tun?"
"Wer Ramón beauftragt weiß, dass er sich besser daran hält."
"Warum das?"
Vor gut zehn Jahren hatte er den Auftrag angenommen, den Boss einer Mädchenhändlerbande auszuschalten. Die Auftraggeber verlangten, dass Ramón ihn mit seinem Wagen in die Luft sprengen sollte. Damit sollten mögliche Nachahmer abgeschreckt werden.
Er bekam den Hinweis, der Mann würde an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit in seinem Fahrzeug außerhalb der Stadt alleine unterwegs sein um auf freier Strecke jemanden zu treffen.
Er montierte einen Sprengsatz unter dem Wagen und stellte eine Zeit ein.
Das Auto flog in die Luft.
Aus den Nachrichten erfuhr Ramón, dass der Mann, den die meisten Menschen als Chef eines großen Möbelhauses kannten, an diesem Tag mit seiner Frau und den beiden Kindern einen Ausflug zu einem Freizeitpark machen wollte.
Alle vier kamen bei der Explosion ums Leben.
Auf seinem Konto fand er den vierfachen vereinbarten Preis vor.
Da es sich wie gewöhnlich um ein Sperrkonto handelte, auf das die vereinbarte Summe im Voraus einbezahlt werden musste , war ihm klar, dass die Auftraggeber gewusst hatten, dass die Familie mit im Auto sitzen würde. Man hatte ihm vorsätzlich eine falsche Information gegeben.
Und war wohl der Meinung gewesen, die hohe zusätzliche Summe würde ihn dazu bringen, seine Regeln zu vergessen.
Gut zwei Jahre später fand die Polizei in einer Hotelsuite zwei tote Männer. Bei beiden steckte eine Rolle Geld im Mund. Und es lag ein Blatt mit einer mysteriösen Botschaft - so nannte es der Nachrichtensprecher, der darüber berichtete - auf der Brust des einen.
Darauf stand: Keine Kinder, keine schwangeren Frauen, keine unbeteiligten Personen.
Die Polizei wusste sich keinen Reim darauf zu machen.
Diejenigen, denen die Botschaft galt, schon.
"Seither hat es keiner mehr gewagt, ihn für dumm zu verkaufen."
"Ein Killer mit Prinzipien." Ich war immer noch fassungslos.
"Warum tut er das?"
"Weil er es gut kann. Er ist einer der Besten in dieser Branche und sehr gefragt."
Ernesto erzählte mir, dass er viel mehr Anfragen bekäme, als sie je bewältigen könnten. Ramón war teuer. Aber dafür war der Erfolg garantiert. Noch nie hatte er versagt.
Viele wollten seine "Dienste" in Anspruch nehmen, aber er war sehr wählerisch.
"Wussten Adelina und Odilón davon?"
"Natürlich nicht! Außer mir und Maria weißt nur noch du davon."
"Und er wurde noch nie verdächtigt?"
"Nein. Wir sind sehr vorsichtig und agieren unauffällig."
Da musste ich dann doch lachen.
"Unauffällig? Ramón und unauffällig? Mit seinen bescheuerten Frisur und den auffälligen Klamotten?"
"Das ist Teil seiner Tarnung. Wer vermutet, dass ein Killer so auffällig herumläuft? Er gilt bei der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis als etwas seltsam. Er pflegt sein Image als Exzentriker. Es macht ihm nichts aus, dass die meisten Leute denken, er sei nicht ganz richtig im Kopf."
"Er IST nicht ganz richtig im Kopf." sagte ich.
Ernesto nickte ernst, leerte eine weitere Dose Bier. Dann stand er auf und torkelte in sein Schlafzimmer.
Ich saß noch lange da und dachte über das Gehörte nach.
Mein Adoptivbruder war ein Mörder.
Und seltsamerweise änderte das meine Gefühle für ihn nicht im Geringsten.

Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück einem völlig verkaterten Ernesto gegenüber.
Er hielt sich an einer großen Tasse schwarzen Kaffees fest und warf mir immer wieder einen verstohlenen Blick zu.
"Was ist los?" fragte ich ihn.
"Ich war gestern ziemlich betrunken, oder?"
"Ja schon, aber du hast es immerhin ohne Hilfe ins Bett geschafft."
"Worüber haben wir gesprochen?" wollte er wissen.
"Über euer Unternehmen."
Er schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte laut.
"Soll ich dir eine Kopfschmerztablette holen?"
"Er wird mich umbringen!" jammerte er.
"Warum denn das?"
"Weil du mit diesem Wissen in Gefahr bist."
"Ich werde ihm nicht sagen, dass du es mir erzählt hast."
Er nahm die Hände vom Gesicht und sah mich dankbar an.
"Ich schwöre, ich werde mich nie wieder betrinken."
"Und schon hat du einen Meineid geschworen."
Ein gut gelaunter Ramón setzte sich zu uns an den Tisch. Eine Minute später brachte Nilda einen Teller und Besteck für ihn. Schnell nahm ich mir Wurst und Käse auf meinen Teller und sicherte mir drei Hörnchen, denn kurz darauf waren die Platten abgeräumt.
Ich staunte immer wieder, was dieser Mann an Essen in sich hineinstopfen konnte, ohne ein Gramm zuzunehmen.
Ernesto schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein und schielte immer wieder zu seinem Freund hinüber.
Nach einigen Minuten entspannte er sich sichtlich. Ramón hatte von unserem Gespräch nichts mitbekommen.
Glück gehabt.
"Du musst etwas essen, damit sich dein Magen beruhigt, dann gehen auch die Kopfschmerzen weg."
Ernesto nahm ein Hörnchen und begann lustlos daran zu knabbern. Er schaffte es kaum, die Bissen hinunterzuwürgen.
Ich stand auf und holte aus meinem Zimmer Kopfschmerztabletten für ihn. Zwei der Brausetabletten löste ich in einem Glas Wasser auf und forderte ihn auf, es auszutrinken.
Eine halbe Stunde später ging es ihm besser.
Ramón fragte mich, ob ich noch einmal Lust auf eine Schießübung hätte und ich sagte ja.
Ernesto winkte ab.
"Heute nicht. Mein Kopf. Du verstehst schon."
Wir lachten und machten uns auf den Weg zum Übungsplatz.

Zum Abendessen war auch Maria wieder da und wir ließen den Abend ausklingen, indem wir noch einmal einen wunderschönen Sonnenuntergang genossen und uns unterhielten.

Um nicht in den Berufsverkehr zu kommen, fuhren wir am nächsten Morgen schon sehr früh weg.
Wir verabschiedeten uns von Nilda und Lucio, versprachen, bald wieder zu kommen. Mit großem Bedauern verließ ich diesen wunderschönen Ort.

Auf dem Heimweg holten wir Elena ab.
Einerseits freute die sich, ihre Eltern und uns wiederzusehen, andererseits wäre sie gerne noch bei Tante und Cousine geblieben.

Bis wir dann in ihrem Zuhause ankamen, war es schon fast Mittag und nachdem wir uns frisch gemacht und umgezogen hatten, wartete schon das Mittagessen auf uns.
Eine Stunde später kam ein Bote und gab einen Umschlag für Maria ab.
Er enthielt den Bericht von Mboi Sy. Darin war alles aufgeführt, was sie über Federico Luis Cardozo Torres hatte herausfinden können.
Er war 26 Jahre alt, verheiratet und hatte eine vierjährige Tochter.
Er hatte ein staatliches Colegio besucht und anschließend an der Uni Norte in Fernando de la Mora angefangen, Rechtswissenschaften zu studieren. Er hatte den Notarberuf angestrebt.
Ein Jahr vor den Abschlussprüfungen war sein Vater tödlich verunglückt und Federico hatte sein Studium abbrechen müssen.
Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und lernte dabei seine zukünftige Frau Celia kennen.
Als er eine Arbeitsstelle bei Gericht bekam, heirateten sie und die Tochter kam zur Welt.
Der alte Richter, der ihn eingestellt hatte, ging in Pension und seine Nachfolgerin übernahm den fleißigen jungen Mann.
Obwohl er seine neue Chefin schnell durchschaute, konnte er nicht einfach kündigen, denn seine Tochter litt an einem angeborenen schweren Herzfehler und die Medikamente waren teuer.
Sie hatten ein Konto bei einer Kooperative, auf das sie jeden übrigen Guarani einzahlten, um auf die lebensrettende Operation zu sparen.
Viel hatte sich dort allerdings noch nicht angesammelt.
Federico war beliebt bei seinen Kollegen und galt in der Nachbarschaft als ehrlich, fleißig und hilfsbereit.
"Da hätte ich doch erwartet, dass er zumindest um einen Geldbetrag gebeten hätte, um Medikamente für das Kind zu kaufen." wunderte sich Maria.
"Hier steht noch, dass Federicos Chefin heute Morgen einen Wutanfall gehabt hätte als ihr die Notarin mitteilte, dass sie die Kopie des Titels der Estancia nicht finden konnte. Daraufhin ließ sie sich alle Unterlagen bringen, die mit dem Fall zusammenhängen und will sie zusammen mit der Notarin und ihrem Mann genau durchgehen."
"Woher weiß deine Freundin denn das?" fragte Ernesto.
"Sie hat überall Leute, die Augen und Ohren für sie offen halten."
"Wir müssen Federico in Sicherheit bringen. Heute noch. Ebenso seine Frau und das Mädchen."
"Ich hole ihn bei Gericht ab und fahre mit ihm zu seiner Familie. Er kennt mich und wird mir vertrauen." Maria stand auf und ging sich umziehen. Zehn Minuten später fuhr sie weg.

Die nächsten beiden Stunden verbrachten Ramón und Ernesto am Telefon.
Ich konnte ihnen nicht helfen, holte mir ein Buch aus meinem Rucksack und setzte mich damit auf einen Liegestuhl am Pool.
Als ich bemerkte, dass ich die gleiche Seite bereits zum vierten Mal las, ohne mich an das Gelesene erinnern zu können, gab ich es auf.
Ich schloss das Buch und legte es beiseite.
Elena kam und setzte sich zu mir. Sie hatte tausend Fragen über mich und Deutschland und sie lenkte mich damit von meinen Gedanken über Ramón, unser Vorhaben und die Gefahr für Federico ab.

Gegen 17 Uhr kam die Haushälterin und forderte Elena auf, sich umzuziehen.
"Warum? Gehen wir weg?" fragte sie.
"Ja, wir beide. Zuerst gehen wir Pizza essen und dann gehen wir ins Kino und schauen uns den Film Avatar an."
Elena jubelte und rannte in ihr Zimmer.
Nach wenigen Minuten kam sie fertig umgezogen zurück und wartete ungeduldig auf die Haushälterin.
Der Pförtner öffnete das Tor und die Beiden stiegen in ein wartendes Taxi ein.

Keine Viertelstunde später hupte es am Tor und Marias kleiner SUV fuhr in den Hof.
Federico war bleich, seine Frau machte einen verstörten Eindruck.
Maria führte sie ins Esszimmer, wo bereits ein kaltes Abendessen auf uns wartete.
Während des Essens entspannten sich die Beiden etwas und Maria erzählte, dass sie einfach ins Büro marschiert sei und Federico zum Mitkommen aufgefordert hatte.
Gerade als sie das Gebäude verließen, kam ein Kollege hinterhergerannt um ihm mitzuteilen, die Richterin wolle ihn sprechen.
"Ich komme gleich." hatte er geistesgegenwärtig erwidert. "Ich spreche nur kurz mit der Ärztin meiner Tochter. Sag der Richterin, es dauert nicht lange."
Als der Kollege wieder im Gebäude verschwunden war, eilten sie zum Auto und fuhren zu Federicos Zuhause.
"Packt nur das Nötigste zusammen. Und beeilt euch! Und nehmt vor Allem alle eure Papiere und wichtigen Unterlagen mit."
Federico holte eine Mappe aus dem obersten Fach des kleinen Kleiderschranks und packte sie in eine kleine Reisetasche.
"Da ist alles drin." meinte er.
Sie hatten nicht allzu viel einzupacken. Ihre gesamte Habe passte in eine große Reisetasche, die des Kindes in die kleine.
Die ganze Aktion dauerte keine halbe Stunde und sobald alle im Wagen saßen, fuhr Maria los.
Als sie etwa zweihundert Meter vom Haus entfernt waren, kam ihnen mit hoher Geschwindigkeit ein großer Geländewagen entgegen. Im Rückspiegel konnte Maria sehen, wie das Fahrzeug vor Federicos Haus anhielt, mehrere Männer heraussprangen und im Haus verschwanden.
Sie gab Gas und fuhr so schnell als möglich nach Hause.
"Das war mehr als knapp." bemerkte Ernesto.
"Würde mir jetzt bitte jemand erklären, was eigentlich los ist?" fragte Celia.
"Wir haben eine neue Arbeitsstelle für Ihren Mann. Und für Sie." sagte Ernesto.
"Ein Freund von mir sucht seit längerer Zeit ein Verwalterehepaar für sein Anwesen und ich habe ihm euch empfohlen."
"Und wo liegt dieses Anwesen?" fragte Celia.
"In der Nähe von Salamanca in Spanien. Ihr fliegt in einer Stunde." sagte Ramón.
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Kavure´i
 

Beitragvon Andiamos » 17.01.2017, 16:00

Ach schade... schon wieder zuende gelesen... :(
Ich hoffe, es geht bald weiter.

Liebe Grüße
Angelika
Andiamos
 

Beitragvon Kavure´i » 14.02.2017, 04:20

Wir stiegen die Kellertreppe hinab und versammelten uns im Flur vor dem Raum, in dem die Nomaden den Eingang zu U-Berlin vermuteten.
Einige kräftige Männer rückten die Schränke zur Seite. Einer legte ein Ohr an die geschlossene Tür und lauschte.
Er stellte sich neben die Tür, drückte die Klinke herunter und öffnete sie. Ein Blick durch den Spalt genügte und er gab Entwarnung.
Die Nomaden, die mit schussbereiten Schrotflinten bereit gestanden waren, senkten ihre Waffen.
Der Raum war leer. Keine Stadtsoldaten lauerten dort.
Ingetraut führte die beiden Kinder hinein und bat sie, sich das Zimmer genau anzuschauen, ob sie eine verborgene Tür entdecken könnten.
Wir Anderen warteten draußen und schauten dabei zu, wie sich die Kinder gründlich umsahen.
Sie musterten die Wände und den Fußboden, berieten sich und schüttelten dann den Kopf.
"Da ist nichts." meinte das Mädchen. Der Junge nickte bestätigend.
"Das kann nicht sein. Es sind Soldaten in diesen Raum gegangen und verschwunden." sagte Artemisia zu den Kindern.
Die Beiden schauten sich an und begannen noch einmal damit, Wände und Fußboden genau zu untersuchen.
Nichts.
Katy, so hieß das Mädchen, zeigte auf einen Punkt in der Mitte des Raums.
"Hier sind oft Leute gestanden und sie haben etwas hingestellt."
"Aber da ist keine Tür im Boden." sagte Otto, der Junge. "Der Boden ist aus einem Stück."
Katy ging auf die Knie und untersuchte den Fußboden noch einmal ganz genau. Wieder schüttelte sie den Kopf.
Dann, als hätte sie eine Eingebung, hob sie den Kopf und schaute zur Decke.
"Da! Da ist ein Ring!"
Ingetraut sah ebenfalls nach oben. "He! Ich glaube, da ist eine Klappe. Wie bei den Dachbodentreppen."
Sie sah sich um. "Aber die Stange mit dem Haken zum Herunterziehen ist nicht da."
"Die werden sie mitgenommen haben." sagte ich.
Einer der Nomaden ging und kam kurze Zeit später mit einer Latte, in der ein umgebogener Nagel steckte, zurück.
Er hakte sie in den Ring ein und zog. Die Klappe bewegte sich nicht.
"Von innen verriegelt. Das war zu erwarten."
"Holt eine Leiter." befahlt Artemisia.
Auch von der Leiter aus ließ sich die Klappe nicht öffnen.
"Wir werden sie aufsprengen müssen." meinte Leofric.
"Und damit die Soldaten auf der anderen Seite warnen. Die können ein Tontaubenschießen veranstalten. Wir können nur einzeln über die Treppe einsteigen." Der Einwand kam von Marc.
"Zu allererst bringen wir die Kinder wieder nach Hause." sagte Ingetraut.
"Das habt ihr gut gemacht." lobte sie Katy und Otto.
Die Beiden strahlten.
"Und dann sollten wir einen Schlachtplan ausarbeiten. Wir können nicht einfach in die Stadt eindringen und uns dann überlegen, was wir machen wollen."
"Da hast du Recht, Max." sagte Artemisia. "Setzen wir uns mit Ahlborn zusammen und schauen wir, ob wir aus einem der Soldaten etwas Brauchbares herausbekommen."
Der Raum wurde wieder verschlossen, die Schränke vor die Tür geschoben und Wachen aufgestellt.

Zwei Tage später hatten wir so etwas wie einen groben Stadtplan gezeichnet.
In Verbindung mit einem alten Stadtplan, auf den wir ein Transparentpapier gelegt hatten, hatten wir mit Hilfe Ahlborns und Aussagen einiger Soldaten eine ungefähre Vorstellung davon, wie es dort unten aussah.
Das Haupttor war bekannt.
Der geheime Eingang im Museum auch.
Außerdem kannten die U-Bahnfahrer noch 4 Eingänge, die ebenfalls eingezeichnet wurden.
Ahlborn kannte die Lage des Villenviertels und der Arbeiterquader, ebenso die der Verarbeitungsfabriken und Anbautunnels.
Die Befragung der Soldaten brachte Erkenntnisse über die Lage des Verwaltungsviertels.
Einer der Unteroffiziere hatte ihnen gezeigt, wo die Villen der Minister und Staatssekretäre lagen, wo das Haus des Oberst lag, hatte ihnen gesagt, wer die Befehle gab, wer für die Koordination zuständig war, wer die Hinrichtungen anordnete, wer auf die Idee mit den Kannibalen gekommen war und erklärte beiläufig, was es mit der kryptischen Bemerkung Peters auf sich hatte, als er Ahlborn gegenüber bemerkte, jetzt fehlten ihm nur noch vier.
Leute der Administration, die sich etwas zuschulden kommen ließen, wofür einer der Plebs die Todesstrafe erleiden musste, wurden mit Verbannung bestraft. Sie wurden aus der Stadt geworfen.
Sie konnten unter bestimmten Umständen wieder eingelassen werden.
Sie mussten für die U-Berliner eine vorher festgelegte Anzahl Aufträge erledigen, je schlimmer das Vergehen, umso höher die Anzahl. Fielen diese zur Zufriedenheit der Oberen aus, durften sie wieder zurück in die Stadt.
Lehnten sie einen Auftrag ab oder versagten sie, war die Verbannung dauerhaft.
Peter hatte mit dem Auftrag, Ahlborn an die Kannibalen auszuliefern, bis auf fehlende vier Aufträge alle zur Zufriedenheit erledigt.
Was er verbrochen hatte, wusste der Unteroffizier nicht, aber es musste etwas Gravierendes gewesen sein, denn er war zu fünfzig Aufträgen verurteilt worden.
Er war der Liebling der militärischen Führung, weil er völlig skrupellos jeden Auftrag ausführte. Deshalb hatte er auch einen Sender.
Insgesamt hatte er zwölf Plebs an die Nomaden ausgeliefert, einundzwanzig kleinere und größere Gemeinschaften ausspioniert und dabei mitgeholfen, die Mitglieder zu versklaven und nach U-Berlin zu bringen.
Er war es gewesen, der Ingetrauts Vorgänger ermordet hatte, als der herausfand, dass er für die Stadt spionierte.
Die Oberirdischen hatten ihn erstochen in einem der leerstehenden Häuser gefunden und nie herausgefunden, wer der Täter war.
Er war einer der Kontaktleute zu den Arabs und überbrachte ihnen die Bestellungen und die Informationen über Datum und Ablauf der Transaktionen.
Wie viele solcher Verbannter es gab, wusste der Soldat nicht. Aber viele von ihnen verschwand spurlos. Einige hatten sich auch nach Ausführung von einem oder zwei Aufträgen schlichtweg geweigert, weitere auszuführen. Meistens dann, wenn es darum ging, Plebs an die Kannibalen auszuliefern.
Zum Abschluss der Befragung sagte er : "Ich weiß, dass ihr mich hinrichten werdet. Aber versprecht mir, dass ihr den Oberst nicht verschont."
"Warum das?" fragte ich.
"Weil er das Tor geschlossen hat, bevor alle Busse im Inneren waren. Schickt diesen Hurensohn in die Hölle, wo er hingehört."
"Ich dachte, die waren unnütze Fresser für euch." warf ihm Ahlborn vor.
"Nicht für uns. Für die Politiker und für den Oberst." erwiderte der Mann.
"Wir haben es erst Wochen später erfahren."
"Warum habt ihr all die Jahre mitgemacht?"
"Warum hast DU all die Jahre mitgemacht?"
"Weil ich Angst um meine Frau und meine Töchter hatte."
"Wir haben auch Frauen und Kinder. Und die sind genauso Geiseln wie eure. Was glaubst du denn? Du bist doch auch in den Bus eingestiegen und wolltest euch in Sicherheit bringen. Hast DU an all die Menschen gedacht, die von den Arabs umgebracht werden würden, während ihr in Sicherheit wart? Nein? Siehst du!"
Ahlborn senkte den Kopf und sagte nichts mehr.
"Der Minister hat eine Elitetruppe um sich versammelt. Es sind zweihundert Mann, die dem Oberst unterstehen. Die haben keine Familie und leben getrennt von allen anderen im Villenviertel in einer Kaserne. Wenn einer von uns aufmuckt, bekommt er `Besuch` und wird beim ersten Mal `verwarnt`. Wer danach noch keine Ruhe gibt, wird verbannt. Oder gleich eliminiert. Die Männer des Oberst sind nur ihm und dem Minister loyal und führen jeden Befehl ohne zu zögern aus. Dafür bekommen sie alle Vergünstigungen, die die Stadt zu bieten hat."
"Wie viele von ihnen außer dem Oberst sind noch hier draußen?" wollte ich wissen.
"Er, sein Adjutant und acht weitere. Die anderen sind in der Stadt geblieben um dafür zu sorgen, dass wir hier draußen bei der Stange bleiben. Die Wenigsten in der Stadt wissen davon."
"Kannst du uns die Elitesoldaten zeigen?"
"Hier bei uns Überlebenden sind nur zwei von ihnen. Und der Oberst. Die anderen Drei in der Nebenzelle sind einfache Soldaten der Stadtwache."
Der Mann wurde weggebracht, auf Befehl Artemisias jedoch abseits der Anderen untergebracht.
"Ich möchte vermeiden, dass sie ihn womöglich umbringen wie den Stellvertreter des Oberst."
"Holt die Gefangenen aus dem Hauptquartier der Unterirdischen, dann haben wir alle an einem Platz."
Leofric fragte Fabian, ob er ihn mit der U-Bahn hin- und mit den Gefangenen zurückbringen könne.
Nach Rücksprache mit Jürgen stieg er mit zehn weiteren Nomaden in den vordersten Waggon und kam eine Stunde später mit den Gefangenen der beiden missglückten Überfällen zurück.
Nun befanden sich insgesamt 15 Stadtsoldaten und 4 Amis in den Zellen.
Er war auch kurz im Bunker gewesen und konnte die gute Nachricht mitbringen, dass alle siebzehn Verletzten außer Lebensgefahr waren.
"Dank Helma, dem Arzt Beat Sacher und Elli waren alle auf dem Weg der Besserung. Und natürlich dank des OP-Saals und der Medikamente des Bunkers.

Am nächsten Morgen wurde über das weitere Vorgehen beraten.
Nicht Wenige waren der Ansicht, man solle einfach weiterziehen und die Unterirdische Stadt und ihre Bewohner einfach in Ruhe lassen.
"Versiegelt die Eingänge, so dass keiner mehr rauskommt. Stellt Wachen auf, dass keiner die Siegel erbricht und hineingeht."
Das kam von einem der Unterführer Artemisias. Er erklärte, er und seine Familie hätten keine Lust, ihr Leben für völlig Fremde zu riskieren.
"Was scheren uns die Leute dort unten?" fragte er. "Sie sind freiwillig dorthin gegangen, weil sie ihren Arsch retten wollten und den ihrer Familien. Haben sie auch nur einen einzigen Gedanken an die anderen Menschen verschwendet? Haben sie sie gewarnt? Haben sie ihnen geholfen? Nein! Warum, zum Teufel, sollten wir uns in Gefahr bringen, um ihnen zu helfen? Wenn ihnen ihr Leben dort unten nicht mehr gefällt, sollen sie selber kämpfen."
"Ich möchte den Verantwortlichen für das Massaker an den Polizistenfamilien hängen sehen." Einer der beiden Nomaden, die sich als ehemalige Polizisten entpuppt hatten, war aufgestanden. "Sollen diese fetten Bonzen weiterhin im Luxus leben, während sie ihre Schergen aussenden, um immer neue Sklaven zu beschaffen, die für ihr Wohlergehen schuften müssen?"
"Sollen sie doch!" meinte ein anderer Unterführer. "Sie haben es sich ausgesucht."
"Sie sind eine Gefahr für uns alle." argumentierte Jürgen. "Keiner von uns wird mehr sicher sein. Nicht nachdem wir sie vernichtend geschlagen haben."
"Das nächste Mal schicken sie sicherlich ihre Eliteeinheit." befürchtete Jutta. "Denen werden wir kaum gewachsen sein."
"Sie kennen jetzt unsere Unterkünfte." sagte Ingetraut. "Wir sind Gärtner, Jäger und Sammler, aber keine Kämpfer. Wir haben zwar den Bunker, aber wir wollen nicht so leben wie die. Immer unter der Erde. Keine frische Luft, kein Sonnenschein, kein frisches Gemüse."
Etwa zwei Stunden lang gingen die Meinungen hin und her.
Artemisia und Leofric hörten schweigend zu.
Unsere Gruppe diskutierte nicht mit. Es ging uns nichts an.
Wir waren uns im Klaren darüber, dass die Berliner ohne die Nomaden keine Chance hatten gegen die Stadt vorzugehen.
Und die zeigten wenig Neigung, sich für eine Sache zu opfern, die nicht die ihre war.
Ich sah das ganz genauso. So gerne ich unsere neuen Freunde hatte, auch ich hatte keine Ambitionen, mein Leben für diese Sache einzusetzen.
Schließlich bat Artemisia um Ruhe.
"In einer Stunde versammeln wir uns erneut. Bis dahin werden die Familienmitglieder darüber abstimmen, ob sie in die Stadt eindringen und kämpfen wollen. Die Clanführer werden mir die Abstimmungsergebnisse bringen."

Eine Stunde später, wir hatten die Pause dazu genutzt uns umzuziehen, etwas zu essen und zu trinken, kamen wir wieder zusammen.
Der Platz vor dem Museum reichte nicht aus für alle diejenigen, die dabei sein wollten.
Artemisia, Leofric und Ramon saßen an einem Tisch.
"Alle Clanführer werden mir nun ein Blatt mit dem Abstimmungsergebnis ihrer Familie geben. Ich werde sie laut vorlesen.Leofric und Ramón werden die Zahlen notieren und addieren. Das Ergebnis werden sie laut vorlesen. Fangen wir an!"
Der erste Unterführer trat vor.
"Der Fuchsclan stimmt mit 5 Stimmen für den Kampf, mit 17 Stimmen dagegen."
"Der Reiherclan: 4 Stimmen dafür, 21 Stimmen dagegen."
"Der Adlerclan: 32 Stimmen dafür, 11 Stimmen dagegen."
"Der Wolfsclan: 1 Stimme dafür, 38 Stimmen dagegen."
"Der Hasenclan: 12 Stimmen dafür, 14 Stimmen dagegen."
"Der Hirschclan: 2 Stimmen dafür, 41 Stimmen dagegen."
"Der Falkenclan: 6 Stimmen dafür, 35 Stimmen dagegen."
"Der Biberclan: 17 Stimmen dafür, 29 Stimmen dagegen."
"Der Eisvogelclan: 9 Stimmen dafür, 73 Stimmen dagegen."
"Der Wildschweinclan: 16 Stimmen dafür, 54 Stimmen dagegen."
"Die Wächter: 3 Stimmen dafür, 57 Stimmen dagegen."
"Die Heiler: 0 Stimmen dafür, 23 Stimmen dagegen."

"Ramón, Leofric?"
"Wir haben 107 Stimmen für einen Kampf, 413 Stimmen, die sich dagegen aussprechen." informierte Leofric die Nomaden.
Ramón nickte bestätigend.

"Somit hat sich deutlich die Mehrheit der Clanleute gegen ein Eindringen in die Stadt und einen Kampf entschieden. So sei es." rief Artemisia so laut, dass es Alle hören konnten.
"So sei es!" antworteten die Nomaden im Chor.
Unsere Berliner Freunde ließen die Köpfe hängen. Sie alleine konnten gegen die Übermacht der Soldaten der Stadt nichts ausrichten.
Sie nahmen es den Nomaden nicht übel. Es war nicht ihr Kampf.
"Wir wollen ja gar nicht gegen die Stadt kämpfen." sagte Claudia. "Leider werden sie uns wohl keine andere Wahl lassen."
"Warum gehen wir nicht einfach weg?" fragte Fabian. "Wer zwingt uns denn, hier zu bleiben bis sie kommen um uns zu massakrieren?"
"Und alles aufgeben, was wir uns aufgebaut haben?"
"Was nutzt dir das alles, wenn du tot bist?"
"Wo sollen wir denn hin?"
"Kommt mit uns mit." schlug Artemisia vor.
"Wir haben keine Fahrzeuge." sagte Claudia.
"Na, davon stehen doch genügend in der Stadt herum. Unsere Mechaniker machen die wieder flott." erwiderte Leofric.
"Gut, wir werden unseren Leuten diesen Vorschlag unterbreiten und ihn diskutieren. Wie lange werdet ihr noch bleiben?"
"Mindestens noch eine Woche. Und je nachdem, wie viele von euch mitkommen wollen, so lange, bis wir genügend Fahrzeuge für euch fahrtüchtig gemacht haben."
Die Ober- und Unterirdischen stiegen in die U-Bahn ein und fuhren zu ihren Leuten von der neuesten Entwicklung und dem Vorschlag der Nomaden zu erzählen.

Oleg und seine Leute fuhren mit, um sich endlich um die Überholung des Helikopters zu kümmern.
Marc und ich blieben bei Ramón, ebenso Calvin, Ahlborn, Armbruster, Diebold und die Soldaten.

Im Kellergeschoss des Museums befestigten die Handwerker der Nomaden sechs Halterungen unterhalb der Decke. Darin wurden T-Träger eingehängt, die sie in einem der Hinterhöfe entdeckt hatten. Damit verschlossen sie die Klappe in der Decke, die so ohne größere Gewaltanwendung nicht mehr geöffnet werden konnte.
Zusätzlich füllten sie den Raum bis unter die Decke mit Gerümpel und verschweißten zum Schluss noch die Tür. Trotzdem ließen sie noch eine Wache zurück.

Am nächsten Tag kamen Jürgen und Ingetraut, um Artemisia mitzuteilen, dass die meisten ihrer Leute beschlossen hatten mit ihnen zu ziehen.
Einige würden sich anderen Gemeinschaften, die weit genug entfernt lebten, anschließen.
Wieder andere hatten sich dazu entschieden, im Bunker zu bleiben. Sie wollten sich um die ehemaligen Kannibalenkinder kümmern, die sich im Freien immer noch nicht zurechtfanden.
Beat hatte beschlossen, ebenfalls im Bunker zu bleiben, und zusammen mit Ella die Kranken zu versorgen. Sie wollten eine kleine Klinik betreiben.
Wir beschlossen spontan, ihnen die Medikamente und Instrumente zu spenden, die wir unterwegs gefunden hatten.
Die wurden auch gleich in den Bunker gebracht.

So begann die Suche nach geeigneten Fahrzeugen für die neuen Nomaden.
Bevorzugt wurde nach Wohnmobilen und Wohnwagen Ausschau gehalten.
Es war erstaunlich, wie viele davon in Garagen und Hallen standen. Unversehrt und unberührt. Natürlich waren alle Batterien leer, bei vielen mussten die Reifen gewechselt werden, aber ansonsten war der größte Teil in sehr gutem Zustand.
Viele der Nomaden tauschten bei der Gelegenheit ihre Fahrzeuge gegen größere und besser erhaltene aus.
Aus den nicht fahrtüchtigen wurden Ersatzteile, Sitze und Einrichtungen ausgebaut. Alles Brauchbare wurde mitgenommen.

Die Hubschraubermannschaft machte sich endlich daran, ihr Fluggerät durchzuchecken.
Alle Funktionen wurden überprüft, abgenutzte und defekte Teile ausgetauscht oder repariert.
Oleg, Sascha und Kurt, der ehemalige Frachthubschrauberpilot, hatten die Wartung übernommen, während Sonja und Ilja sich um die Bordgeschütze und den Computer kümmerten.
Armbruster, Diebold und die Soldaten leisteten Handlanger- und Botendienste. Unsere anderen Freunde wollten sich noch ein wenig die nähere Umgebung ansehen.
Marc, Calvin und ich wollten noch etwas Zeit mit Ramón und Felipe verbringen.

Vor allem wollte ich wissen, was mit Ramóns Frau geschehen war.
"Ich weiß es nicht, ich weiß nicht wo sie ist und ob sie noch lebt."
Er hatte seine Frau Tina fast genau zur gleichen Zeit kennengelernt wie ich Marc. Allerdings hatte ich nie davon erfahren, denn ich dachte, er würde sich in Paraguay aufhalten.
Nach unserem gemeinsamen Vorgehen gegen die Mörder unserer Eltern hatten wir uns getrennt.
Ich wollte mein normales Leben zurück haben, wollte nicht mehr daran denken, was ich getan hatte. Ich verdrängte alles so erfolgreich, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, zu glauben, ich hätte vor unserer Reise zum Bunker noch nie einen Menschen getötet.
Ramón hatte mir versprochen, sich zukünftig aus meinem Leben herauszuhalten. Wir hatten vereinbart, uns nicht wiederzusehen, es sei denn, ich würde mit ihm Kontakt aufnehmen.
Was ich in all den Jahren nie getan hatte, hatte ich ihn doch erfolgreich "vergessen."
Er war nie nach Paraguay zurückgegangen. Er wollte mich im Auge behalten, mich beschützen, wenn nötig. Er fühlte sich dafür verantwortlich und schuldig, dass ich aus meinem normalen und ungefährlichen Leben herausgerissen worden war.
Er, der nie die Verantwortung für eine Familie hatte übernehmen wollen, verliebte sich und wusste von der ersten Sekunde an, dass er mit dieser Frau den Rest seines Lebens verbringen wollte.
Und war überglücklich, als Felipe geboren wurde. Da kannten sie sich erst seit 14 Monaten.
"Ein Schuss, ein Treffer. Typisch Ramón." stichelte ich.
Er grinste nur.
Sechs Jahre später kam ihre Tochter Karo zur Welt und sein Glück war perfekt.
Er hatte eine Kampfsportschule aufgemacht und trainierte Sicherheitskräfte, Leibwächter, Offiziere und Privatleute.
Damit konnte er gut Geld verdienen und es ging ihnen gut.
Bedingt durch die Öffnungszeiten, kam er allerdings abends immer recht spät nach Hause.
Als die Bombe fiel, schloss er die Schule und versteckte sich mit seiner Familie im geheimen Kellerraum ihres Hauses.
Auch er hatte die Zeichen erkannt und vorgesorgt.
So lebten sie fast ein Jahr nach dem Fall der Bombe gut versorgt in ihrem Versteck.
Ab und zu verließ Ramón ihre Zuflucht und ging auf die Suche nach Dingen, die sie brauchten oder versuchte Neuigkeiten aufzuschnappen.
Tina und den Kindern hatte er eingeschärft, den Raum auf keinen Fall zu verlassen.
Wie es dazu gekommen war, dass Tina die Geheimtür geöffnet hatte, hatte er nie erfahren.
Als er von einem Erkundungsgang zurückkam, stand die Tür offen. Das Erste, was er sah, war Felipe, der blutüberströmt auf dem Boden lag.
Von Tina und Karo fand er keine Spur.
Das Versteck war völlig ausgeplündert, sogar der versteckte Safe mit den Waffen stand offen und war leer.
Er vermutete, dass sie Tina gefoltert hatten, um an die Information zu kommen.
Zuerst dachte er, Felipe wäre tot. Als er den Jungen in die Arme nahm und ihn an sich drückte, spürte er den leisen Hauch seines Atems an seinem tränennassen Gesicht.
Schnell untersuchte er ihn und fand außer einer ziemlich großen Platzwunde an der Schläfe keine weiteren Verletzungen.
Da die Wunde sehr stark geblutet hatte, hatten ihn die Plünderer für tot liegengelassen.
Tina und Karo hatten sie mitgenommen.
Da saß er nun in dem Kellerraum, ohne Waffen, ohne Lebensmittel, ohne Medikamente. Und mit einem schwerverletzten Kind.
Notdürftig säuberte er die Wunde und legte ihm mit seinem Unterhemd einen provisorischen Verband an.
Alles in ihm sträubte sich dagegen, seine Kind alleine zu lassen, aber er musste es tun.
Er legte ihn auf seine Jacke, verschloss den Raum und machte sich auf die Suche nach all den Dingen, die ihm jetzt fehlten.
Im Laufe der Tage konnte er fast alles bekommen, was sie brauchten.
Als erstes kam er mit Verbandmaterial zurück und nähte die Platzwunde und legte einen richtigen Verband an.
Dann säuberte er den Jungen und zog ihm neue Kleidung an. Bevor er wieder fortging, versuchte er, ihm Wasser einzuflößen. Es gelang. Ein gutes Zeichen.
Als er zurückkam, hatte er eine Matratze und einige Lebensmittel dabei.
Felipe wachte kurz darauf auf und fragte nach seiner Mama.
Ramón versuchte, aus ihm herauszubringen, was passiert war, aber das Kind konnte sich nur daran erinnern, dass plötzlich ein paar Männer im Raum standen und Tina mit der Waffe bedrohten.
Er hatte seine Mutter beschützen wollen und hatte die Männer mit einem Küchenmesser angegriffen.
Da er schon seit seinem sechsten Lebensjahr mit Ramón trainierte, schaffte er es tatsächlich, einen der Angreifer am Oberschenkel zu verletzen.
Der hatte ihm die Waffe auf den Kopf geschlagen und ihn für tot gehalten.
Zwei Jahre lang hatten sie nach Tina und Karo gesucht, aber nicht die geringste Spur von ihnen gefunden.
Dann waren sie auf Artemisia und ihre Leute gestoßen und hatten sich ihnen angeschlossen.
Durch seine Kenntnisse über Waffen aller Art und wie man damit umging, seine Kenntnisse im waffenlosen Kampf und sein Talent, sie an Andere weiterzugeben, hatten ihn rasch in der Hierarchie der Nomaden aufsteigen lassen.
Jedes Mal, wenn sie auf Arabs trafen, kämpften sie.
Jedes Mal, wenn sie dabei Sklaven befreien konnten, hoffte er, seine Frau und seine Tochter unter ihnen zu finden oder wenigstens jemanden zu treffen, der sie kannte.
Bisher hatte er nur Enttäuschungen erlebt.
"Ich hoffe immer noch, sie wieder zu finden. Obwohl die Chance winzig klein ist."
"Sie leben noch. Ich bin mir ganz sicher. Papá, wir werden sie finden. Ganz bestimmt."
Ramón nahm Felipe in den Arm.
"Ja, wir werden sie finden. Sie sind noch am Leben und warten darauf, dass wir sie befreien."
"So wie Miriam ihre Söhne wiedergefunden hat." sagte Calvin.
Als Ramón die Geschichte gehört hatte, sagte er: "Wider alle Vernunft. Es gibt immer Hoffnung."

Am Abend versammelten wir uns in der Kantine.
Auch die Russen waren gekommen um mit uns gemeinsam zu essen.
Kurt erzählte uns, sie hätten ein Problem mit dem Heckrotor gehabt. Zwei Mal hatten sie ihn komplett zerlegt, zwei Mal war er nicht rund gelaufen. Sie hatten ihn dann ein drittes Mal auseinander genommen, alle Teile gesäubert, noch einmal alles geschmiert. Und dann schien das Problem behoben zu sein. Seither lief er wie ein Uhrwerk.
"Morgen beladen wir den Helikopter wieder und dann können wir unsere Reise fortsetzen." sagte Oleg.
"Gut. Dann haben wir noch einen Tag um uns von Allen zu verabschieden."
Wir saßen noch lange zusammen und redeten. Es war schon nach Mitternacht als wir uns schlafen legten.

Ich wurde durch einen lauten Knall aus dem Schlaf gerissen.
"Was ist los?" fragte ich Marc, der sich ebenfalls aufsetzte.
"Keine Ahnung. Stehen wir auf und gehen wir nachschauen."
Draußen standen schon viele Menschen auf er Straße vor dem Museum.
Es war früher Morgen und die Sonne ging gerade auf.
Über den Häusern war eine schwarze Qualmwolke zu sehen, die immer größer wurde und in den Himmel wuchs.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 20.02.2017, 03:24

"Was ist passiert?" fragte Marc einen der Nomaden.
"Ich weiß nicht. Ich kam gerade aus der Tür als es knallte. Und dann stieg diese schwarze Wolke auf."
"Da ist was in unserem Quartier passiert!" rief Jürgen. "Schnell! Gehen wir nachschauen!"
Alle Ober- und Unterirdischen, die Hubschrauberbesatzung, wir und eine ganze Menge Nomaden machten sich auf den Weg.
Kurz vor dem Ziel wurden wir langsamer und Jürgen und Oleg gingen alleine vor um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Es dauerte nur wenige Minuten bis sie zurück kamen.
"Der Hubschrauber wurde zerstört." berichtete Oleg mit bleichem Gesicht.
"Was!" rief Sonja. "Wie denn?"
"In der Straße steht ein Panzerspähwagen. Ein Fennek. Sie haben ein HK GMW montiert und damit eine Granate auf den Mil abgeschossen."
"Ich hole eine der XM 25, damit knacken wir das Fahrzeug." Mit diesen Worten rannte Max zurück zum Museum.
"Habt ihr jemanden von unseren Leuten gesehen?" fragte Jutta.
"Oder einen meiner Männer?" wollte Armbruster wissen.
Die beiden Männer schüttelten den Kopf.
"Wir konnten nicht näher ran. Das Geschütz zeigt in unsere Richtung und ich habe mindestens 12 Männer in der Stadtuniform gezählt.
"Ihr wartet hier auf Max und das XM 25." befahl Leofric fünf seiner Leute. "Wir anderen ziehen uns zurück und umgehen das Fahrzeug.
Ramón, du gehst mit Marc und seinen Leuten nach links. Oleg, du nimmst deine Besatzung und zehn meiner Leute und schleichst dich in ihren Rücken. Ich übernehme mit den restlichen Leuten die rechte Seite. Sobald Max da ist, schickt ihr ihn zu Oleg. Alles klar?"
Die Angesprochenen nickten und die Gruppen machten sich auf den Weg.
Wir näherten uns dem U-Bahnhof durch die Parallelstraße und drangen von hinten in eins der Häuser ein. Als wir zur Vorderseite kamen, sahen wir, dass sie nicht mehr existierte. Durch die Explosion waren nicht nur alle noch vorhandenen Scheiben geborsten, auch ein Teil der Fassade fehlte ganz oder teilweise.
Wir schlichen uns geduckt weiter nach vorne, suchten Deckung hinter größeren Mauerresten und schauten auf die Allee hinab.
Es bot sich uns ein Bild der Verwüstung.
Das Gebäude auf der anderen Straßenseite zeigte ähnliche Spuren der Zerstörung wie unseres.
Der Helikopter war nur noch ein ausgebranntes Wrack, das halb in dem Krater verschwunden war, der durch die Explosion entstanden war.
Der Panzerwagen stand ungefähr zweihundert Meter entfernt. Einige Soldaten standen daneben und schauten in Richtung des Wracks, das immer noch stark qualmte.
Andere hielten sich bei der Treppe zum Bahnhof auf, sicherten aufmerksam nach allen Seiten.
Einige Minuten, nachdem wir unsere Plätze eingenommen hatten, hörten wir Schüsse, die von unten kamen. Danach war es wieder ruhig.
Kurz darauf sahen wir fünf Stadtsoldaten die Treppe heraufkommen.
"Und?" fragte einer der Aufpasser.
"Alles klar. Ein paar von denen waren noch nicht ganz hinüber. Jetzt schon." Einer der Männer lachte.
"Gehen wir, bevor das Gesindel vom Museum hier auftaucht."
In diesem Moment flog der Fennek in die Luft.
Ich schoss dem, der gelacht hatte, ins Bein. Er ließ seine Waffe fallen und umklammerte schreiend sein Knie.
Weitere Schüsse fielen und nach wenigen Sekunden war außer dem Wimmern des Angeschossenen kein Laut mehr zu hören.
Mit der Waffe im Anschlag näherten wir uns dem Soldaten. Aber der hatte genug mit sich selbst zu tun und dachte gar nicht daran, nach seiner Waffe zu greifen, die direkt neben ihm lag.
Einer der Nomaden hob sie auf.
Insgesamt lagen elf Tote und der Verletzte vor dem Aufgang.
Beim Fennek zählten wir sechs Tote und wie viele Soldaten sich im Inneren aufgehalten hatten, wussten wir nicht. Es interessierte uns auch nicht.
Max hatte eine panzerbrechende Granate benutzt, die er so programmiert hatte, dass sie im Inneren explodierte.
Jürgen, seine Leute und Armbruster rannten die Treppe zum Bahnhof hinunter, um nachzuschauen, ob es Überlebende gegeben hatte.
Als sie zurückkamen, konnten wir ihren Gesichtern ansehen, dass dem nicht so war.
Inzwischen hatte Diebold die verkrümmten und verkohlten Leichen der beiden Soldaten gefunden, die den Hubschrauber bewacht hatten. Weitere vier lagen tot unten im Bahnhof. Sie hatten zur Wachablösung gehört.
Von Jürgens Leuten hatte es sieben Männer und drei Frauen erwischt. Sie waren noch zurückgeblieben, um den Russen zu helfen und all die Dinge zur sortieren, die die Unterirdischen in ihrem Quartier angesammelt hatten. In Dinge, die sie hierlassen wollten und Dinge, die sie mitnehmen wollten.
Das Wrack des Mil hing halb im Bahnhof, hatte den Wartungstunnel und die Sanitärräume zerstört. Die Druckwelle und das Feuer hatten die dort stationierte Bahn aus den Gleisen geworfen und so gut wie alles vernichtet, was dort unten gelagert war.
Von den vierzehn Menschen, die sich unten aufgehalten hatten, waren neun sofort tot gewesen, auch ihre Leichen waren stark verbrannt.
Die anderen fünf lagen nahe der Treppe.
Auch wenn die Stadtsoldaten sie nicht erschossen hätten, hätten sie ihre schweren Brandverletzungen nicht überlebt.
Ich war froh, dass ich nicht mit nach unten gegangen war. Das Entsetzen in den Augen von Jürgens Leuten sagte mir mehr als ich wissen wollte.
Oleg und seine Mannschaft standen stumm vor dem ausgeglühten Wrack.
"Was machen wir jetzt?" frage Ilja.
"Wir brauchen noch ein paar Fahrzeuge mehr." erwiderte Sonja.

Die Unterirdischen verhörten den angeschossenen Soldaten. Dabei waren sie nicht zimperlich. Und nachdem er alles herausgeschrien hatte, was sie wissen wollten, hängten sie ihn am nächsten Baum auf.

Wir saßen am Tisch und berieten uns.
Armbruster und Diebold waren wie erstarrt. Von den zehn Soldaten, die Kolping uns mitgegeben hatte, lebte keiner mehr.
Calvin, Irwin und John leisteten ihnen stumm Gesellschaft.
"Uns bleibt keine andere Wahl als uns für den Rest des Wegs Fahrzeuge zu beschaffen." sagte Marc.
"Wir haben viel zu viele Wohnmobile gefunden und hergerichtet. Davon könnt ihr euch welche aussuchen."
Artemisia war, wie immer lautlos und unbemerkt, an unseren Tisch gekommen.
"Danke für das großzügige Angebot." sagte ich. "Aber diese Dinger sind viel zu groß, zu langsam und zu auffällig. Wir brauchen SUVs, weil wir teilweise über sehr schlechte Feldwege fahren müssen. Zum Beispiel bei Heiligengrabe, weil dort die Brücke der Autobahn eingestürzt ist.
Wir dürfen nicht auffallen, denn wenn uns die Arabs entdecken, haben wir keine Chance gegen sie. Sie sind Viele, wir sind Wenige."
"So wenige sind wir dann auch wieder nicht." gab sie zurück. "Wir haben nämlich beschlossen, euch zu begleiten."
"Es ist gefährlich. Die Gegend dort oben wimmelt von Arabs. Ganz Plau am See ist voll von ihnen." gab Helma zu bedenken.
"Sie werden es nicht wagen, uns anzugreifen. Sie sind feige. Sie kämpfen freiwillig nur, wenn sie ihrem Gegner weit überlegen sind und der nicht bewaffnet ist und sich nicht wehren kann."
Damit war es beschlossene Sache, dass wir zusammen mit ihnen reisen würden. Oder vielmehr sie mit uns.

Als erste Reaktion auf diesen Anschlag wollten Einige sich nun doch Zugang zur Stadt verschaffen und blutige Rache an den Verantwortlichen der Angriffe und Anschläge zu nehmen.
Aber dann waren sie alle wieder zur Vernunft gekommen. Wir wollten nicht noch mehr Menschen durch die Städter verlieren.
Denn sie hatten von dem Verletzten erfahren, dass die Stadt noch über zwei weitere gepanzerte Fahrzeuge verfügte und der Minister eine allgemeine Mobilmachung befohlen hatte.
Ob und wann noch mehr Stadtsoldaten ausrücken würden und mit welchen Befehlen sie ausgestatten sein würden, wusste er nicht.
Allerdings konnte sich keiner von uns vorstellen, dass die Oberen den Verlust ihrer Soldaten und des Fennek einfach so hinnehmen würden.

"Wir packen heute Nachmittag noch zusammen und verlassen morgen früh Berlin."
Artemisias Befehlt wurde von den Clanführern an ihre Familien weitergegeben und wir sahen staunend dabei zu, wie die Nomaden ohne Hast, aber schnell und effektiv alles zusammenpackten und die Fahrzeuge beluden.
Bis zum Abendessen war alles verpackt, was am Abend und am nächsten Morgen nicht mehr gebraucht wurde.
Die Russen hatten sich überlegt, ob sie sich mit SUVs nach Tübingen durchschlagen sollten. Eigentlich wäre es ihre Pflicht gewesen, sich sofort dorthin auf den Weg zu machen, um den Verlust ihrer Maschine nach Perpignan zu melden.
Sie ließen sich aber überzeugen, sich lieber uns anzuschließen um dann gemeinsam mit uns zurückzureisen.
"Was nützt es, wenn ihr unterwegs umgebracht werdet? Der Vogel ist hin und ob eure Leute das ein paar Wochen vorher oder nachher erfahren, ist doch egal."
Oleg sah das zwar nicht ganz so locker wie Ramón, stimmte ihm aber nach längerem Nachdenken zu.
Leofric wies uns unsere Wohnmobile zu.
Miriam und Max, Helma und Hannes, Marc und ich, Sonja und Oleg bekamen je ein Kleineres.
Calvin, Irwin, John, Armbruster und Diebold teilten sich ein Großes.
Diese Nacht wollten wir schon darin schlafen. Ich freute mich darauf. So viel Privatsphäre hatten wir schon seit Wochen nicht mehr gehabt.
Ich konnte es Marc ansehen, dass es ihm genauso ging.

Zum Frühstück kamen Beat, Ella und die Oberirdischen, die zurückbleiben wollten, um sich von ihren Freunden und uns zu verabschieden.
Trotz der Gefahr, die von der Stadt ausging, wollten sie bleiben. Sie würden im Bunker sicher sein, sagten sie.
Ingetraut und diejenigen, die sich für ein künftiges Nomadendasein entschieden hatten, waren noch einmal eine Nacht bei ihnen geblieben.
Zu unserer Überraschung hatte sie Kathy und Otto an der Hand. Sie hielten ihre Hände fest umklammert und sahen sich ängstlich um.
"Sie wollen mit mir mitkommen." sagte sie.
"Ich will lernen, wie die Dinge draußen aussehen und heißen." sagte Katy.
"Ich weiß jetzt, was ein Ball ist. Jetzt will ich den Himmel und die Sonne kennenlernen." Otto hielt zwar den Kopf gesenkt und die Augen aufs Straßenpflaster gerichtet, aber ich war zuversichtlich, dass beide Kinder mit der Zeit lernen würden, die ihnen fremde Außenwelt zu sehen und sich darin zurechtzufinden.
Ingetraut hob sie in ihr Wohnmobil und zeigte ihnen ihre Plätze.

"Jetzt bleibt noch eine Sache zu erledigen." Artemisias Mine wurde ernst.
"Die Gefangenen." sagte Leofric.
Wir versammelten uns vor dem Museum und einige Nomaden stiegen ein letztes Mal in den Keller und kamen mit den Gefangenen zurück.
Sie brachten sie zu Artemisia, Leofric und Ramón, für die ein Tisch und Stühle aufgestellt worden waren.
Der Oberst hatte sich etwas erholt, denn die letzten beiden Tage hatten sie ihn schlafen lassen und ihm auch zu essen und zu trinken gegeben.
Ihre Wächter stellten sich mit ihnen vor den Tisch.
Dem Offizier ging es schon wieder so gut, dass er sich wehrte. Und kaum wurde er Artemisia ansichtig, begann er auch schon, sie erneut zu beschimpfen.
Seine Wärter drückten ihn auf die Knie und einer von ihnen schob ihm grinsend wieder die Unterhose in den Mund.
So blieb ihm nichts weiter übrig, als die Drei hinter dem Tisch wütend anzufunkeln.
Ohne weiter auf ihn zu achten, begann die Führerin der Nomaden zu sprechen.

"Zuerst die Amerikaner." sagte sie.
Auch sie mussten sich hinknien, was nicht ohne Flüche und Drohungen ihrerseits geschah.
Ein paar kräftige Ohrfeigen brachten sie zum Schweigen.
Artemisia begann zu sprechen:
"Wir verurteilen euch zum Tode wegen Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Mord an deutschen Kindern, Frauen und Männern. Ihr seid Räuber, Plünderer und Mörder. Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein."
"Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein." wiederholten die Nomaden im Chor.
"Das könnt ihr nicht mit uns machen!" rief einer von ihnen.
"Wer soll uns daran hindern?" fragte Ramón.
Als sie weiterhin herumschrien, wurden sie auf eine Wink von Leofric ebenfalls geknebelt.

"Jetzt die Elitesoldaten."
"Wir verurteilen euch zum Tode wegen Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Mord an euren Landsleuten. Ihr seid noch schlimmer als die Amerikaner und die Moslems. Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein."
"Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein."
Bevor sie überhaupt etwas sagen konnten, hatten auch sie einen Knebel im Mund.

"Die Adjutanten des Oberst."
"Wir verurteilen euch zum Tode wegen Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Mord an euren Landsleuten, außerdem wegen Mordes an den Angehörigen der einfachen Polizisten, deren Busse ihr nicht eingelassen habt. Ebenso wegen der Ermordung eines Kleinkindes der Unterirdischen und der Folter von Mitgliedern ihrer Gemeinschaft. Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein."
"Ihr werdet sterben und eure Namen werden vergessen sein."

"Der Oberst."
"Wir verurteilen dich zum Tode wegen des Befehls, die Busse der Angehörigen der einfachen Soldaten nicht in die Sicherheit der Stadt einfahren zu lassen.
Wir verurteilen dich zum Tode wegen Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Mord an deinen Landsleuten.
Wir verurteilen dich zum Tode wegen der Zusammenarbeit mit den Schlächtern an deinem Volk.
Wir verurteilen dich zum Tode wegen des Befehls, die Leute der Unterirdischen zu foltern.
Wir verurteilen dich zum Tode wegen des Befehls, deinen Stellvertreter zu ermorden.
Wir verurteilen dich zum Tode, weil du Meike vergewaltigt, misshandelt und fast umgebracht hast.
Wir verurteilen dich zum Tode, weil du junge Männer deiner Stadt kaltblütig als Köder missbraucht hast und sie von deinen Leuten hast ermorden lassen.
Du wirst sterben und dein Name wird vergessen sein."
"Du wirst sterben und dein Name wird vergessen sein."

"Die Soldaten."
Der Unteroffizier, der sich so kooperativ gezeigt hatte und die drei Männer, die er als einfache Soldaten bezeichnete, sahen auf.
"Steht auf und hört euer Urteil."
Als sie nicht gleich reagierten, zogen ihre Wächter sie hoch.
Auf ein Zeichen von Ramón schnitten sie die Kabelbinder durch , die ihre Handgelenke auf dem Rücken zusammenschnürten.
"Ihr seid frei und könnt gehen, wohin ihr wollt."
Ungläubig sahen die vier Männer ihre Richter an.
"Warum?" fragte einer von ihnen.
"Ihr seid schuldig, nur an euch selber und eure Familien gedacht zu haben. Würden wir euch deswegen verurteilen, müssten auch wir anderen alle verurteilt werden."
"Wohin sollen wir gehen? Zurück in die Stadt können wir nicht. Besser sie halten uns dort für tot, damit sie unseren Familien nichts tun." sagte der Unteroffizier. Seine Männer nickten ernst. Einem von ihnen liefen die Tränen übers Gesicht, aber er schämte sich nicht dafür.
"Wir verschwinden aus der Stadt und suchen uns einen neuen Platz zum Leben."
Leofric sah seine Mutter an und sie nickte.
"Wir hätten noch ein Wohnmobil für euch frei. Wenn ihr mit uns kommen wollt."
Sie baten darum, sich kurz beraten zu dürfen und suchten sich eine ruhige Ecke um zu reden.

Die Richter wandten sich wieder den Verurteilten zu.
"Für eure Taten hättet ihr einen langsamen und qualvollen Tod verdient. Leider wird er kurz und schmerzlos sein." sagte Ramón.
"Erschießt sie!" befahl er den Nomaden.
Und wieder überraschte uns der Oberst.
Er schnellte hoch und schlug einen seiner Wachen mit einemgezielten Kopfstoß bewusstlos. Den anderen rempelte er an, dass er stolperte und sich am Tisch abfangen musste.
Trotz der auf dem Rücken zusammengebundenen Hände lief er los, und versuchte ins Museum zu entkommen.
Die Elitesoldaten und die Amerikaner versuchten, den daraus resultierenden Tumult ebenfalls zur Flucht zu nutzen.
Der Oberst hatte fast den Eingang erreicht, als ihn ein Schuss ins Bein niederstreckte. Er versuchte weiterzukriechen, wurde aber von zwei der Nomaden wieder zum Tisch zurückgeschleppt.
Auch die Anderen waren nicht weit gekommen. Drei von ihnen lagen besinnungslos am Boden, die anderen fünf hatten einige Blessuren davongetragen, waren aber bei Bewusstsein.
Danach ging es schnell. Der Oberst, seine Leute und die Amerikaner wurden durch aufgesetzte Schüsse in den Nacken hingerichtet.
Die Leichen wurden in den Keller eines der Häuser geschleppt.

Die Soldaten hatten sich dazu entschieden, sich den Nomaden anzuschließen.
Noch eines der Wohnmobile, die eigentlich nicht gebraucht wurden, aber trotzdem mitgenommen wurden, bekam neue Eigentümer.
Waffen bekamen sie noch nicht ausgehändigt. Sie würden sich in der Gemeinschaft erst noch bewähren müssen.

Die Nomaden schwärmten noch einmal aus um zu sehen, ob sie irgendwo etwas vergessen hatten.
Einer brachte noch einen Karton Kekse, der in der Kantine vergessen worden war, ein anderer einen Arm voll Decken, eine Frau hatte in einem der Innenhöfe Gewürzkräuter entdeckt und eine kleine Gruppe holte sie noch schnell vor der Abfahrt. Man würde sie in kleinen Sträußen zum Trocknen aufhängen.
Eine Nomadin suchte zusammen mit ihrem kleinen Sohn dessen verlorenes Plüschtier, es wurde gerufen, gescherzt und gelacht.
Dann war es soweit.
Die Fahrer setzten sich hinters Steuer, ihre Mitfahrer verteilten sich auf den freien Sitzen.
Ich steckte den Zündschlüssel ins Schloss und Marc ließ sich auf den Beifahrersitzt fallen. Er steckte die neu erworbene Pumpgun in die vorgesehene Halterung der Tür, legte seine Pistole und Munition auf die Ablage und stellte eine Flasche Wasser in die Halterung der Mittelkonsole.
"Wegen mir kann es losgehen." meinte er.
Obwohl wir im vorderen Drittel des Konvois fahren würden, dauerte es über eine halbe Stunde, bis ich den Motor starten konnte und wir uns in Bewegung setzten.

Bald stellte ich fest, dass es anstrengend war, in so einem großen Treck mitzufahren. Ständig musste ich darauf achten, nicht auf das vorausfahrenden Fahrzeug aufzufahren. Es langweilte und ermüdete mich.
Nach vier Stunden tauschten wir die Plätze und ich war froh, nicht mehr stur geradeaus schauen zu müssen.
Max fuhr mit seinem Motorrad, er hatte die nagelneue Enduro in einer Garage entdeckt, neben unser Wohnmobil und unterhielt sich eine Weile mit uns.
Bei einer Geschwindigkeit von höchstens dreißig Kilometern pro Stunde war das kein Problem.

Obwohl wir keine Mittagspause machten und auch zum Abendessen nicht anhielten, hatten wir um Mitternacht immer noch nicht die Stadt verlassen.
Artemisia ließ uns bis zum frühen Morgen durchfahren.
Für uns war das ermüdend, denn wir waren nur zu zweit, um uns abzuwechseln, die Familien hatten damit kein Problem, denn sobald eins der Kinder mit den Füssen an die Pedale kam und übers Lenkrad schauen konnte, wurde ihm das Fahren beigebracht.
Als die Sonne aufging, stiegen zwei Nomaden in unser Fahrzeug um und lösten uns ab.
Erschöpft ließen wir uns aufs Bett fallen und schliefen sofort ein.
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Beitragvon style1977 » 01.03.2017, 09:46

Super wie immer. Man hat echt das Gefühl, dass Du die Geschichte selbst erlebt hast. Echt spannend. Weiter so. Bin schon ganz gespannt.
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Beitragvon Kavure´i » 02.03.2017, 01:04

Hola Style

bin schon dran an der Fortsetzung.

Wo bleibt übrigens deine?

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Beitragvon style1977 » 02.03.2017, 13:21

Elternzeit und lange krank. Muss erstmal wieder reinkommen.
style1977
 

Beitragvon Kavure´i » 10.03.2017, 02:51

Ich wachte auf, weil unser Fahrzeug stand.
Lange konnte ich nicht geschlafen haben, denn ich konnte kaum die Augen offen halten.
Der Fahrer hatte den Motor abgestellt, saß aber hinterm Steuer. Die Beifahrerin war ausgestiegen.
Ich stemmte mich hoch und ging nach vorne.
"Was ist los?" fragte ich den Nomaden, der sich uns als Rudi vorgestellt hatte.
"Heike ist grad ausgestiegen und geht fragen." antwortete er.
"Wie lange habe ich geschlafen?"
"Ich schätze mal, ungefähr vier Stunden. Warum bist du schon wieder auf?"
"Ich wurde wach, als wir anhielten."
"Leg dich wieder hin, wir wecken euch, wenn was Wichtiges passiert."
Ich schlüpfte wieder zu Marc unter die Decke und schloss die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht mehr kommen, obwohl ich mich wie gerädert fühlte. Nach einigen Minuten stand ich wieder auf, steckte die Decke an Marcs Rücken fest und nahm mir ein Stück Brot aus dem Schrank.
Nachdem ich die Schuhe angezogen hatte, setzte ich mich auf den Beifahrersitz und aß.
Viele Nomaden hatten ihre Fahrzeuge verlassen und standen in kleinen Gruppen zusammen.
Die Kinder nutzten die Pause, um herumzutollen.
Immer wieder spähten die Leute in Fahrtrichtung.
Nach einiger Zeit stieg ich aus um mir die Beine zu vertreten. Neugierig ging ich in die Richtung, in die wir fahren wollten.
Beim ersten Fahrzeug angekommen, konnte ich circa hundert Meter weiter vorn einen großen Schutthaufen sehen, der die Straße unpassierbar machte. Ein Gebäude war auf die Fahrbahn gestürzt.
Ich erspähte Ramón und schob mich durch die herumstehenden Menschen.
"Da kommen wir nicht durch." meinte er. "Die Wölfe sind schon unterwegs und kundschaften einen anderen Weg aus."
"Die Wölfe?"
"Ja, die Leute vom Wolfsclan. Das sind unsere Späher. Sie sind die besten Motorradfahrer. Und sie können sich lautlos an jeden Gegner anschleichen, wenn sie ohne ihre Maschinen unterwegs sind."
"Und was machen die ganzen Leute dort beim Schutthaufen?"
"Sie wollten schauen, wie viel Schutt auf der Straße liegt. Wäre es wenig gewesen, hätten wir ihn weggeräumt."
"Wo sind wir denn überhaupt? Immer noch in Berlin, oder?"
"Ja, Matthias sagt, wir sind in Pankow. Irgendwo links von uns liegen der Schlosspark und das Sommerbad Pankow. Und nicht allzu weit voraus ist die A 114. Da wollten wir hin."
Das Gebiet war ziemlich verwüstet worden. Viele Häuser waren ausgebrannt, keines hatte noch heile Fenster oder Türen, bei denen, die noch standen, fehlten die Dächer, hatten die Wände große Einschusslöcher und die Fassaden begannen zu bröckeln.
Auch die Straßendecken waren löchrig und rissig, Gras, Büsche und sogar kleine Bäume wuchsen mitten auf der Fahrbahn.
Es würde schwierig werden, den Konvoi hier durchzulotsen.
Einige Kinder kletterten in den Ruinen herum. Sie stocherten im Schutt und Schmutz herum, hoben Gegenstände auf, warfen sie wieder weg oder zeigten stolz den Anderen den einen oder anderen "Schatz".
Ein Junge hatte ein Fläschchen aufgehoben und brachte es zu seiner Mutter.
"Schau mal, so eine schöne Flasche." Sie hatte die Form eines liegenden Rehs, der Kopf war der Stöpsel.
Sie öffnete die Flasche und roch daran. "Da war mal Parfüm drin." sagte sie.
"Was ist denn Parföng?" fragte er.
"Das war eine Flüssigkeit, die hat man sich auf die Haut getupft um gut zu riechen."
Mit dieser Erklärung war der Junge zufrieden. Vorsichtig wickelte er das gläserne Reh in ein schmuddeliges Taschentuch und steckte es ein.
Er rannte zurück zu der Ruine, um nach weiteren Sachen zu suchen.
Plötzlich gab der Fußboden des Gebäudes nach und zwei Kinder verschwanden schreiend in dem Loch.
Wie auf Kommando zogen sich die anderen Kinder vorsichtig in Richtung der Wände zurück und tasteten sich an ihnen entlang nach draußen.
Sie schienen gut geschult zu sein.
Rufe wurden laut und binnen kürzester Zeit rannten Männer und Frauen auf das Haus zu. Sie trugen Sandbleche, Stricke, eine Seilrolle und einen kleinen Balken.
Routiniert schoben sie die Sandbleche über den Schutt bis sie die gegenüberliegende Wand berührten. Eine kleine zierliche Frau kroch auf Händen und Knien bis zur Einsturzstelle. Sie trug ein Geschirr, in das ein Seil eingehakt war.
Sie legte sich auf den Bauch und leuchtete mit einer Taschenlampe nach unten.
"Silvano, Mara! Hört ihr mich?"
Sie schien Antwort zu bekommen, denn sie ordnete an, dass der Balken zu ihr geschoben wurde. Sie hängte die Seilrolle in den darin eingeschraubten Haken und sagte: "Ich geh jetzt da runter, ihr sichert mich."
Mit diesen Worten legte sie das Seil ihres Geschirrs über die Seilrolle und schwang die Beine über den Rand.
Hand über Hand ließen sie sie hinab.
Schnell hing das Seil locker über der Rolle, es schien nicht allzu tief hinunter zu gehen. Aber immer noch tief genug, dass sich jemand beim Sturz schwere Verletzungen zuziehen oder sich das Genick brechen konnte.
Zwei Pfiffe ertönten und zwei Männer robbten zur Öffnung. Einer gab ein Zeichen, und die außerhalb stehenden Helfer zogen das Seil wieder hoch. Die beiden Männer hoben das Kind, das jetzt im Geschirr hing, behutsam über den Rand und machten es los. Es wurde ihnen abgenommen, das Seil erneut herunter gelassen.
Das zweite Kind hing schlaff im Geschirr und rührte sich auch nicht, als es außerhalb des Gebäudes auf die Erde gelegt wurde.
Eine Heilerin kümmerte sich sofort um das Mädchen, untersuchte es vorsichtig.
Dann lächelte sie, hob es auf und legte es seiner Mutter in die Arme.
"Nichts gebrochen, keine inneren Verletzungen, nur eine große Beule am Kopf. Sie wird die nächsten Tage wohl Kopfschmerzen haben. Leg sie ins Bett und achte darauf, dass sie die nächsten Tage nicht herumrennt. Ich denke, sie hat eine Gehirnerschütterung. Ich bringe ihr nachher ein Schmerzmittel. Das kannst du ihr geben, wenn sie wach ist und es braucht.
Die Mutter küsste das Kind auf die Stirn und lächelte unter Tränen.
Der Junge hatte außer einigen Abschürfungen keine Verletzungen davongetragen. Auch er war sorgfältig untersucht worden, bevor die Heilerin Entwarnung gab. Sie tupfte ihm Jod auf die Wunden, was er tapfer ertrug.
"Da haben ihre Schutzgeister Überstunden gemacht." scherzte sie.
Den Umstehenden war der Schreck noch ins Gesicht geschrieben, aber nach diesem Witz fingen einige schon wieder an zu lächeln.
"Was ist los? Warum zieht ihr Amber nicht wieder hoch?" fragte Leofric.
"Sie will sich noch ein wenig dort unten umsehen, wenn sie schon mal dort ist." erklärte einer der Helfer.
"Bringt den Bergungskorb!" rief der andere Mann. Sie will uns was hochschicken."
Zwei Männer brachten einen großen Drahtkorb und ließen ihn hinab.
Es dauerte einige Zeit bis sie ihn wieder nach oben holten.
"Ihr sollt euch die Gläser genau anschauen ob die Lebensmittel darin noch gut sind. Wenn ja, braucht sie Verstärkung, denn der ganze Keller ist voll davon."
Die Gläser wurden genau geprüft, einige geöffnet und der Inhalt probiert.
"Sieht gut aus, riecht und schmeckt gut. Rauf mit dem Zeug!"
Fünf weitere eher kleine und schmächtige Nomaden ließen sich durch das Loch hinab. Lampen wurden hinuntergereicht und zusätzliche Bergungskörbe.
Während die "Biber" im Untergeschoß die Körbe füllten, zogen die großen, muskulösen "Adler", die die Krieger oder Soldaten stellten, die schweren Körbe voller Gläser und Dosen herauf und reichten sie weiter. Sie wurden geleert und wieder hinuntergelassen. Es wurden Ketten gebildet, die Behälter gingen von Hand zu Hand bis zu den Fahrzeugen, in denen die Vorräte transportiert wurden.
Die "Hasen", die für die Vorratshaltung zuständig waren, nahmen sie dort in Empfang und verstauten sie.
Ich staunte immer wieder, wie reibungslos die Zusammenarbeit klappte, ohne dass viel geredet wurde.
Jeder schien seinen Platz zu kennen und zu wissen, was zu tun war.
Niemand drückte sich vor der Arbeit, alle packten zu und halfen mit. Auch ich.
Durch meine Hände gingen Gläser und Dosen mit Obst und Gemüse, Eintöpfen, Dosenbrot und Kuchen, Fleisch- und Wurstkonserven, industriell hergestellt oder selbst eingekocht.
Danach kamen noch Kartons, in denen sich laut Aufschrift EPAs und MREs befanden oder Fertiggerichte in Alufolie.
Auch Dosen mit Hunde- und Katzenfutter wanderten in die Fahrzeuge, ebenso verschlossene Mayo- und Ketchupeimer.
Handgeschriebene Aufkleber informierten uns über den Inhalt. Mehl, Reis, Zucker, Salz, Nudeln, Kakao, Kaffee, Milchpulver, Trockenei, Hunde- und Katzenfutter.
Dann kamen kleine schwere Plastikkisten mit Deckel ohne Beschriftung, die ungeöffnet eingeladen wurden.
"Das schauen wir uns in Ruhe an, wenn wir endlich aus dieser verfluchten Stadt raus sind." meinte Artemisia. "Wo bleiben nur die Wölfe?"
Endlich versiegte der Strom der Waren, die "Biber" wurden heraufgezogen, Sandbleche, Balken, Seilrolle und Bergungskörbe verstaut.
"Sollen wir nachsehen, ob es noch mehr Keller mit Vorräten gibt?" Eine junge Frau, die zu den "Füchsen", den Suchern und Beschaffern, gehörte, sah die Anführerin fragend an.
"Nein. Ich hoffe, wir können bald weiterfahren. Ich möchte noch vor Einbruch der Dunkelheit auf der Autobahn sein."
Wie aufs Stichwort hörten wir Motorenlärm und vier Motorräder, jeweils mit zwei Leuten besetzt, kamen um die Ecke.
Vorsichtshalber hatten die "Adler" ihre Waffen gezogen und senkten sie erst, als sie ihre Freunde erkannten.
Einer der "Wölfe" erstattete Bericht: "Hier ist fast alles zerstört, die meisten Straßen sind unpassierbar. Aber wir haben einen Weg gefunden, allerdings müssen wir einige Umwege fahren."
"Wir lange werden wir brauchen um aus diesem Gewirr rauszukommen?"
"Wenn alles gut geht und wir keine Pannen haben, die uns aufhalten, leicht vor Einbruch der Dunkelheit."
"Dann los! Zwei Maschinen fahren vor, die anderen beiden fahren am Ende, damit keiner zurückbleibt oder sich verfährt."
Die Fahrer der vordersten Vehikel stiegen ein und folgten den Scouts.
Ich ging langsam unserem Wohnmobil entgegen und stieg ein, als wir uns trafen.
Marc lag immer noch auf dem Bett und schlief tief und fest. Weder der Halt noch das erneute Anfahren hatten ihn geweckt.
Ich hatte schon wieder Hunger und nahm mir eins der belegten Brote, die Heike gerichtet hatte und trank, etwas widerwillig, den inzwischen lauwarmen Tee.
Obwohl mir fast die Augen zufielen, wollte ich noch nicht schlafen. Ich setzte mich zu Rudi auf den breiten Beifahrersitz und sah aus dem Fenster.
Es war wirklich eine postapokalyptische Stadtszenerie, die wir durchfuhren.
Wie schon zuvor sahen wir nur Ruinen. Die "Wölfe" leiteten uns kreuz und quer durch ein verwirrendes Labyrinth aus Schutthalden und Brandruinen.
An manchen Stellen ging es sehr eng zu. Ab und an schaufelte ein Trupp einiges an Backsteinen, Zementbrocken und Dachziegeln beiseite, damit auch die breiteren Fahrzeuge passieren konnten.
Wir kamen nur sehr langsam voran. Viele stiegen aus und gingen eine Zeitlang zu Fuß, sahen sich um und sammelten Dinge auf, die ihnen nützlich erschienen.
Die Leute vom Wildschweinclan sammelten essbare Pflanzen und die Heiler Kräuter und Heilpflanzen.
Kinder und Hunde liefen neben, vor und zwischen den Fahrzeugen herum, ohne sie allerdings zu behindern.
Nach etwa zwei Stunden rannte ein ganzes Rudel Hunde laut bellend in eine Seitenstraße. Ich hörte ein schrilles Angstquietschen, sprang nach draußen und rannte ihnen nach.
Ich sah, dass sie auf einen Hund losgegangen waren, der verzweifelt versuchte, sich gegen die Übermacht von sechs Angreifern zu wehren.
Ich stieß den Sammelpfiff der Nomaden aus und augenblicklich ließen sie von ihrem Opfer ab und liefen zurück zum Konvoi. Die Hunde waren alle sehr gut erzogen und gehorchten auf den Pfiff und aufs Wort.
Der angegriffene Hund blutete aus mehreren Wunden und sah mich misstrauisch an. Als ich mich ihm näherte, zog er die Lefzen hoch und knurrte mich an. Es war ein ziemlich großes Tier. Es hatte den Körperbau eines Rottweilers und auch die Färbung, aber die Schnauze war spitzer, ein Ohr stand, das andere kippte auf halber Höhe. Um den Hals trug es ein zerfetztes Halsband, also ging ich davon aus, dass es keiner dieser verwilderten Hunde war.
Beruhigend sprach ich auf ihn ein und lockte ihn. Nach einigen Minuten kam er zögernd näher und beschnupperte meine ausgestreckte Hand.
Vorsichtig strich ich ihm, inzwischen hatte ich gesehen, dass es ein Rüde war, über den Kopf und er ließ es sich gefallen.
Am Halsband hing ein Metallplättchen. Ich sprach den eingravierten Namen aus: "Wotan." Er sah mich sofort an.
Ich probierte einige Kommandos aus. Sitz! Platz! Komm! Er gehorchte.
"Wotan komm! Bei Fuß!" Sofort kam er an meine linke Seite und begleitete mich zurück zur Straße.
Die Kolonne war inzwischen weitergefahren, aber es dauerte nicht lange, bis ich unser Gefährt eingeholt hatte, da es wegen einer Engstelle mal wieder nur im Schritttempo vorwärts ging.
Keiner der anderen Hunde griff mehr an. Die Tatsache, dass der Fremde an meiner Seite ging, war für sie das Zeichen, dass alles mit ihm in Ordnung war.
Ich öffnete die Seitentür und auf das Kommando "Hopp!" sprang Wotan hinein, als würde er es schon seit Jahren so machen.
Da ich ihn nicht kannte, untersuchte ich ihn sehr vorsichtig, immer darauf gefasst, dass er zubeißen könnte.
Aber er ließ sich alles brav gefallen, auch das Säubern der Wunden und das Betupfen mit Jod.
Es waren drei oberflächliche Risse und eine etwas tiefere Wunde am rechten Vorderbein.
Rudi beobachtete mich aufmerksam.
"Das ist keiner von unseren. Wo hast du den her?"
Ich erzählte es ihm und er schüttelte den Kopf. "Der hätte dich angreifen und zerfleischen können."
"Nein, hätte er nicht. Er war nicht aggressiv, nur erschrocken und misstrauisch."
"Er hat ein Halsband. Meinst du nicht, dass ihn jemand suchen wird?"
"So wie er aussieht, kümmert sich schon länger keiner mehr um ihn."
"Du willst ihn mitnehmen?"
"Ja. Oder meinst du, es hätte jemand was dagegen?"
"Wenn er sich anständig benimmt, sicherlich nicht. Auf einen Hund mehr oder weniger kommt es bei uns nicht an. Die Kinder schleppen ständig irgendwelche Tiere an."
Ich stieg noch einmal aus und bat bei den "Hasen" um etwas Hundefutter. Eine von ihnen hatte gesehen, wie ich mit dem Hund gekommen war und gab mir lachend einen großen Beutel Trockenfutter und einige Dosen Nassfutter.
Zurück im Wohnmobil suchte ich mir im Schrank eine Schüssel aus, die künftig als Hundeschüssel dienen sollte. Ich gab eine Portion Trockenfutter hinein, öffnete eine der Dosen und löffelte davon etwas dazu.
Dann stellte ich das Futter vor Wotan hin. Ich hatte gedacht, er würde sich ausgehungert darauf stürzen, aber er saß da und sah mich an.
"Nimm!" sagte ich und nach wenigen Sekunden war der Napf leer.
"Wotan, nimm Platz!" befahl ich ihm und er kroch unter das Bett, drehte sich und lag dann mit dem Kopf nach außen wie in einer Hundehütte.
Da hatte einer eine neue Heimat gefunden.

Inzwischen hatten Heike und Rudi die Plätze getauscht und ich setzte mich wieder nach vorne.
"Da, schau! Da ist das Schloss Schönhausen. Es sieht aus, als wäre es noch intakt."
Ich sah einen schlichten, rechteckigen Bau. Und wie es aussah, waren sogar die Fenster ganz. Auch das Dach war noch komplett vorhanden.
Und es war bewohnt.
Aus den Türen traten Menschen, bewaffnet mit Gewehren und Schrotflinten.
Sie standen nur ruhig da, machten keinerlei Anstalten, uns anzugreifen, aber ihre Haltung ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass es für uns besser wäre, zügig weiterzufahren.
Wir waren nicht willkommen.
Ohne anzuhalten passierte der Treck das Schloss. Ich war mir sicher, dass sie uns Späher hinterherschicken würden um uns zu beobachten.
Das hätte ich an ihrer Stelle auch gemacht.
Kaum hatten wir den ehemaligen Schlosspark passiert, fuhren wir wieder in das Gewirr zerstörter und zerfallender Häuser ein. Mal mussten wir nach rechts abbiegen, dann nach links, ab und zu auch mal entgegen der Richtung in die wir wollten. Es wollte kein Ende nehmen.
Irgendwann stupste mich Heike an und meinte: "Geh ins Bett, da schläfst du bequemer, so bekommst du nur einen steifen Hals."
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich eingeschlafen war.
Gähnend stand ich auf und begab mich in den hinteren Bereich.
Marc schlief immer noch wie ein Murmeltier. Ich streichelte Wotan über den Kopf und kroch zu meinem Mann unter die Decke. Und dieses Mal schlief ich sofort ein.
Einmal wachte ich kurz auf, weil das Geholper aufhörte und wir schneller zu fahren schienen. Aber bevor ich daraus Schlüsse ziehen konnte, dämmerte ich bereits wieder weg.

Ich erwachte, weil es nach Essen roch.
Nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gerieben und mich aufgesetzt hatte, bemerkte ich, dass ich alleine im Wohnmobil war.
Nicht ganz alleine, wie ich feststellte, als ich aus dem Bett steigen wollte und ein erschrockener Hund quietschte, weil ich auf seinem Ohr stand. Nach ein paar bedauernden Worten und einer Streicheleinheit beruhigte sich Wotan wieder und sah mich erwartungsvoll an.
"Was ist? Hast du schon wieder Hunger?" Ein Blick von ihm zum leeren Futternapf beantwortete meine Frage.
Lachend füllte ich die Schüssel erneut und freute mich über den guten Appetit meines neuen Freundes.
Als ich ausstieg, folgte er mir ganz selbstverständlich.
Es schien später Nachmittag zu sein, denn die Bäume und Sträucher warfen lange Schatten.
Wir befanden uns am Ufer eines Sees. Direkt am Wasser war die Vegetation eher spärlich. An drei Seiten war er zugewachsen, da wo der Konvoi sich ausbreitete, gab es nur Sand und Kies, einige kümmerlich Büsche und struppige Grasbüschel kämpften ums Überleben. Hinter den Fahrzeugen erhoben sich kahle Hügel, bei einem einzelnen Windrad drehten sich langsam die verbogenen Flügel.
Die meisten Kinder vergnügten sich im und am Wasser, auch einige Erwachsene planschten im See.
"He! Schlafmütze! Komm ins Wasser, es ist herrlich!" Marc schwamm mit kräftigen Zügen zurück ans Ufer und spritzte mit den Händen Wasser in meine Richtung. Ich wollte mich gerade in Sicherheit bringen, als mich von hinten jemand am Arm packte und in den See zog.
Das ging so schnell, dass ich bereits bis zum Bauch im Wasser stand, bevor ich mich losreißen konnte.
Marc und Ramón, wer hätte es auch sonst sein können, lachten laut über meine verdutzte Miene. Da ich nun schon nass war, sprang ich Marc an und tauchte ihn unter. Dann tauchte ich in Richtung Ramón und zog ihm die Beine weg. Auch er ging unter.
Laut prustend kamen sie wieder an die Oberfläche und dann war ich an der Reihe. Wir kreischten und lachten und führten uns auf wie kleine Kinder. Viele Nomaden, die bisher nur am Ufer gestanden und zugeschaut hatten, zogen ihre Kleider aus und stürmten in den See, um sich an der Wasserschlacht zu beteiligen. Ich war die Einzige, die angezogen war, alle Anderen waren nackt. Ich staunte nicht schlecht, als ich unter den Herumtollenden Artemisia und den altehrwürdigen Führer des Hasenclans erkannte.
Am Ufer rannten einige der Hunde auf und ab und kläfften wild. Nur wenige von ihnen wagten sich ebenfalls ins Wasser um mitzuspielen.
Gerade als mich Ramón wieder an einem Bein erwischt hatte und versuchte, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, schrie er plötzlich auf und ließ mich los. Ein dunkler Kopf mit einem Steh- und einem auf halbmast hängenden Ohr war neben ihm aufgetaucht und Wotan hatte ihn in den Hintern gezwickt. Vor lauter Lachen bekam ich nicht mit, dass sich Marc an mich angeschlichen hatte und schluckte ordentlich Wasser, als ich unterging. Hustend und spuckend tauchte ich wieder auf, nur um zu sehen, wie mein Mann alle Hände voll zu tun hatte, Wotan davon abzuhalten, ihn ebenfalls zu zwicken.
"Wotan! Aus!" kommandierte ich, und sofort ließ der Hund von ihm ab und schwamm zu mir.
"Schön brav sein." sagte ich zu ihm und ab da verfolgte er das Geschehen nur noch, paddelte ausgelassen bellend um uns herum und schnappte ab und zu spielerisch nach einem der Planschenden.
Sobald die Sonne untergegangen war, wurde es schlagartig kühl und wir wateten ans Ufer.
Die Anderen zogen sich an, nur ich stand in pitschnassen Klamotten da und fing an zu frieren. Schnell lief ich zu unserem Fahrzeug, zog vor der Tür die nassen Sachen aus und zog mir drinnen frische Kleidung an.
Die nassen hängte ich nach dem Auswringen an die Außenspiegel und begab mich auf die Suche nach meinen Freunden. Die saßen schon bei einem der Kochfeuer und warteten darauf, dass das Essen fertig würde. Marc hatte auch für mich einen Teller und Besteck mitgebracht und als es soweit war, bekamen wir unsere Ration.
"Morgen früh werden wir uns beraten, auf welcher Route wir weiterreisen wollen. Und dabei möchte ich speziell Lea und Marc hören, denn sie sind eine davon schon gefahren." Artemisia, wieder angezogen und ernst, nickte uns zu und begab sich zu ihrem Fahrzeug.
Obwohl wir nur kurze Zeit wach gewesen waren, kletterten wir wieder in unser Wohnmobil, dicht gefolgt von Wotan, der sich sofort wieder unters Bett legte.
Wir schlossen die Vorhänge zur Fahrerkabine und an den Fenstern.
Ich schaute Marc an und sagte: "Endlich allein."
"Dann lass uns das mal ausnutzen." sagte er grinsend und schubste mich aufs Bett.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 13.03.2017, 04:37

Marc schlug vor, noch einmal schwimmen zu gehen und ich hielt das für eine gute Idee.
Natürlich waren wir nicht die Einzigen, die diese Idee hatten.
Aber aus Rücksicht auf die Schlafenden verhielten sich alle Badenden ruhig. Nach und nach verschwanden alle in ihren Fahrzeugen. Nach einer halben Stunde wurde mir kalt und wir gingen wieder ins Bett.
Als mich Wotan anstupste, weil er raus wollte, war es draußen noch dunkel. Ich ließ ihn raus, und weil ich ausgeschlafen hatte, zog ich mich leise an und ging nach draußen.
Ein Feuer brannte schon und eine lächelnde Frau schenkte mir einen Becher Tee ein. Der Tee schmeckte leicht nach Minze und Zitrone und ein klein wenig bitter.
"Meine eigene Mischung. Schmeckt er dir?"
"Etwas gewöhnungsbedürftig aber gut."
"Pfefferminze, Zitronenmelisse und ein wenig Odermennige. Das ist gut für den Magen."
Ich bedankte mich und gab ihr den Becher zurück. Im Osten bekam der Himmel am Horizont einen schmalen rosa Streifen und es wurde heller.
Im Lager wurde es lebendig.
Die Meisten nutzten den nahen See um sich zu waschen. Viele weichten Kleidung ein, indem sie sie in Ufernähe ins Wasser legten und mit Steinen beschwerten.
Ich hielt das für eine gute Idee und holte unsere Schmutzwäsche.
Plötzlich schlugen die Hunde an und rannten in Richtung der kahlen Hügel. Alarmiert griffen die "Adler" zu ihren Waffen und auch viele Andere holten ihre Schusswaffen.
Ein Pfiff ertönte, dann ein Triller, ein weiterer Pfiff, und die Nomaden entspannten sich.
Eine Gruppe näherte sich uns, in den Händen hatten sie Angeln und Körbe. Zwei von ihnen trugen einen riesigen Wels zwischen sich.
Sie hatten gleich nebenan einen weiteren See entdeckt und die Nacht zum Angeln genutzt.
"Es war gar nicht einfach, diesen Burschen aus dem Wasser zu bekommen." Stolz präsentierten sie den Waller, der sicherlich seine 30 Kilo auf die Waage brachte.
"Was für ein Monster!" staunte Calvin, der sich gerade zu mir gesellt hatte.
Die Ausbeute der Nacht konnte sich sehen lassen. Alle Körbe waren randvoll mit den unterschiedlichsten Fischen.
"Der See ist voll von ihnen, wir sollten noch eine Weile bleiben, dann könnten wir welche trocknen und räuchern." schlug einer der Angler vor.
"Das ist eine gute Idee. Ich werde mit Artemisia reden." Die Clanführerin der Hirsche war Feuer und Flamme. "Vielleicht finden wir auch noch andere Tiere. Ich glaube, hier könnte es Kaninchen geben."
Unterdessen hatten die "Reiher", die fürs Kochen zuständig waren, die bereits ausgenommenen und geputzten Fische entgrätet und so gab es zum Frühstück Fischsuppe.
Artemisia war nicht begeistert von dem Vorschlag, noch einige Zeit an den Seen zu verbringen, wurde aber überstimmt.
Die "Hirsche" zogen nach dem Frühstück gleich los. Die einen wieder mit Angelzeug und Körben, andere mit Armbrust und Fallen. Feuerwaffen verwendeten sie nur zur Verteidigung, aber nicht auf der Jagd.
Irwin, Hannes, Max und Miriam schlossen sich ihnen an. Marc und ich lehnten ab.
Ich wollte lieber den Inhalt unserer fahrbaren Heimat inspizieren, wusste ich doch noch gar nicht, was sich alles in den Schränken und Betttruhen befand.
Ich begann mit dem Handschuhfach und fand darin einen ganzen Packen Karten. Und einen Deutschlandreiseführer.
Eine Karte von Berlin, eine Deutschlandkarte, dann noch Karten von Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.
Mit der Berlin- und der Deutschlandkarte ging ich zu Artemisia. Sie hatte auf dem Tisch vor ihrem Wohnmobil eine Karte ausgebreitet, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Vor allem dort, wo sie gefaltet wurde, konnte man kaum noch etwas lesen.
Ich gab ihr meine, die noch neu und ungebraucht aussah und sie freute sich darüber.
Zuerst breitete ich die Berlinkarte aus und wollte wissen, wo wir uns gerade befanden.
Sie zeigte mir den Weg, den wir gestern zurückgelegt hatten und deutete auf einen blauen Fleck in der Nähe des Dreiecks Pankow, wo sich die A10 und die A14 kreuzten.
"Hier ist der Baggersee Arkenberge, gleich nebenan der kleine Biotopsee gleichen Namens. Da sind die Angler wieder hin. Die kahlen Hügel sind Schuttberge einer ehemaligen Deponie. Uns später war das hier ein Badesee."
Nicht weit entfernt schien es noch mehr Seen zu geben. Die Schönerlinder Teiche.
Im Reiseführer erfuhr ich, dass das früher Rieselfelder für Abwässer gewesen wären, dann wurde die Gegend ein Naturschutzgebiet.
Anscheinend hatte es dort auch Wasserbüffel und Wildpferde gegeben. Das behielt ich dann lieber für mich, denn ich wollte nicht, dass die "Hirsche" auf die Idee kamen, sie zu jagen.
Ich deutete lieber auf die Kleingartenanlage Arkenberge und meinte: "Ob wir da vielleicht noch verwilderte Nutzpflanzen finden könnten?"
Einer der "Wildschweine" horchte auf, ließ sich auf der Karte zeigen, wo es lag und meinte: "Das ist nicht weit von hier. Das schauen wir uns an."
Der Gruppe, die sich aufmachte, nach Pflanzen zu suchen, schloss ich mich an. Marc, Ahlborn, Calvin und Felipe kamen mit. Und natürlich Wotan, der mich auf Schritt und Tritt begleitete.
Auf meiner Karte konnte man sehen, dass man am schnellsten zur Siedlung kam, wenn man rechts um den Schutthügel herumging.
"Von dort sind wir reingefahren." sagte einer von den "Wildschweinen". "Da können wir doch gleich die kleine Siedlung inspizieren, an der wir vorbeigekommen sind."
"Aber erst auch dem Rückweg." meinte eine der Frauen, wir werden vielleicht schwer zu tragen haben."
"Warum nehmen wir nicht einen der Truppentransporter, die wir den Sklavenhändlern abgenommen haben?" fragte Calvin. "Da sind wir viel schneller am Ziel und müssen unsere Beute nicht schleppen."
"Also echt, auf die Idee hätten wir auch selber kommen können." Die Frau, sie nannte sich Sarah, verdrehte die Augen und ihr Clanbruder, Robert, ging eins der Fahrzeuge holen.
Während die Anderen auf das Fahrzeug warteten, ging ich schnell zu unserem Wohnmobil. Etwas drängte mich, meine Pistole zu holen.
Ich steckte sie in die Innentasche meiner Weste, verstaute einige Ersatzmagazine in den Hosentaschen und schob das Stiefelmesser an seinen Platz. In meine Umhängetasche legte ich noch Marcs Waffe samt Ersatzmagazine.
Danach fühlte ich mich besser und ging zu den Anderen zurück, die schon auf mich warteten.
Wir saßen auf und Robert steuerte den Kleinlaster auf die Straße, die um den Hügel herumführte. Trotz der vielen Schlaglöcher kamen wir zügig voran und keine Viertelstunde später kam die Siedlung in Sicht.
Als ich "Kleingartenanlage Arkenberge" gelesen hatte, stand mir das Bild einer Schrebergartenkolonie vor Augen.
Aber was wir vorfanden, war eine Wohnsiedlung mit richtigen Häusern und Straßen.
Als wir abstiegen, mahnte uns Rolf möglichst zusammenzubleiben. Da sich die fünf "Wildschweine" mit essbaren Pflanzen besser auskannten als wir, gingen sie als Gruppe los um zu ernten, was sie finden konnten, während wir die Aufgabe der "Füchse" übernahmen, was plündern bedeutete.
Die Grundstücke waren total verwildert und wir mussten uns durch dichtes Gestrüpp bis zu den Gebäuden vorkämpfen.
Das erste Haus, das wir in Augenschein nahmen, war völlig intakt.
Die Haustür war abgeschlossen, die Rollos heruntergelassen.
"Lasst mich mal sehen." sagte Felipe. Er inspizierte das Schloss, holte ein Mäppchen aus seiner Jackentasche und nach wenigen Minuten stand die Tür offen.
Er zwinkerte mir zu, als ich an ihm vorbei das Haus betrat und folgte breit grinsend als Letzter.
Wotan hatte ich den Befehl gegeben, draußen zu warten. Er legte sich vor die Tür und schloss die Augen.
Als erstes zogen wir die Rollläden hoch, damit wir etwas sehen konnten.
Wir standen im Wohnzimmer des Hauses und sofort bedauerte ich, dass wir von den Möbeln nichts gebrauchen konnten. Auch Marc bewunderte die schönen Massivholzmöbel.
Die Anderen interessierten sich mehr für die praktischen Sachen und nach einem Seufzer des Bedauerns schlossen wir uns ihnen an.
Wir öffneten Türen und Schubladen und nahmen die Dinge heraus, die wir nützlich fanden.
In einer Abstellkammer entdeckte Ahlborn einen Stapel Klappkisten. Darin verstauten wir die kleineren Sachen. Decken, Kissen und Handtücher stopften wir in Bettbezüge.
Bald stapelten sich an der Straße die Kisten und Säcke.
Als wir mit dem Erdgeschoss fertig waren, nahmen wir uns den ersten Stock vor.
In einem der Badezimmerschränke fanden wir einen großen Vorrat an Seifen, Shampoos und anderen Pflegemitteln.
Im Schlafzimmer wurde der Kleiderschrank geplündert und selbst die Matratzen trugen wir nach unten.
Als wir das letzte Zimmer betraten, fanden wir darin ein Kinderbett.
Die Decke war zurückgeschlagen, als würde das Kind gleich zum Schlafen hingelegt werden. Auf dem Kopfkissen lag ein Plüschtier.
Auf der Wickelkommode standen die Pflegemittel und es lagen Windeln bereit.
Bei diesem Anblick verging unserer gute Laune über die reichliche Ausbeute.
Trotzdem packten wir alles Brauchbare ein. Wir mussten an diejenigen denken, die all dies gut gebrauchen konnten.
Nur das Bett ließen wir unberührt.
Wir schlossen im ganzen Haus wieder alle Rollläden und zogen die Haustür ins Schloss.
Da wir so viel Beute aufgehäuft hatten, dass wir sie nur mit Müh und Not im Transporter verstauen konnten, wollten wir vorerst Schluss machen mit den "Hausbesuchen".
Da von unseren Kameraden noch nichts zu hören und zu sehen war, beschlossen Calvin und Ahlborn, den Laster zurückzufahren und mit dem leeren Fahrzeug wieder zu kommen.
Bei der Effizienz der Nomaden sollte das Abladen in wenigen Minuten erledigt sein.
"In spätestens einer halben Stunde sind wir zurück." sagte Calvin.
"Anstatt hier nur herumzustehen, könnten wir doch schon mal einen Blick ins nächste Haus werfen." schlug Felipe vor.
Nach einer kurzen Diskussion waren wir alle einverstanden.
Wir würden den Laster hören, wenn er zurückkam.
Wieder öffnete Felipe rasch das Schloss und wir traten ein.
Es stank.
Nachdem wir den ersten Rollo hochgezogen hatten, sahen wir, was die Ursache war.
Am Fuß der Treppe zum ersten Stock lag der verkrümmte Leichnam eines Menschen. Er war halb verwest, halb mumifiziert, und wir konnten erkennen, dass es sich um einen alten Mann gehandelt hatte. Er war die Treppe hinuntergestürzt. Auf halber Höhe lag eine Krücke.
Wotan hatte sich ihm neugierig genähert und schnüffelte kurz. Ich rief ihn zurück und schickte ihn hinaus.
Ich nahm die Tischdecke vom Wohnzimmertisch und deckte die Leiche zu.
Ohne uns abzusprechen wandten wir uns zur Tür und verließen das Haus ohne etwas angerührt zu haben.
Felipe schloss die Eingangstür, zog ein Stück Kreide aus einer seiner Taschen und malte ein Kreuz auf das Holz. Daneben zeichnete er einen Kreis.
Marc fragte ihn nach der Bedeutung.
"Das Kreuz bedeutet natürlich, dass es drinnen Tote gibt, der Kreis, dass das Haus noch nicht geplündert ist. Beim anderen Haus habe ich einen Haken aufgemalt. Das heißt, das Haus ist bereits ausgeräumt. Wenn ich ein Gitter aufmale, dann bedeutet es, dass schon einiges rausgeholt wurde, aber noch Nützliches zu finden ist. Siehst du ein Strichmännchen an der Tür, dann wohnt da noch jemand. Wir haben noch mehr Zeichen, aber das sind die Wichtigsten."
Vom Transporter war noch nichts zu hören und zu sehen, ebenso wenig von den "Wildschweinen".
"Auf ein Neues!" meinte Felipe und öffnete das nächste Gartentor. Ein breiter, nicht völlig zugewachsener Plattenweg führte uns zum Haus, ohne dass uns die wuchernden Pflanzen allzu sehr behinderten.
Auch diese Haustür war keine Herausforderung für meinen Neffen.
Wieder ließ ich Wotan vor dem Haus Platz nehmen. "Pass auf!" befahl ich ihm.
Ich sog vorsichtig die Luft ein. Es roch etwas muffig und nach altem Rauch, aber es stank nicht nach Leichen.
Erleichtert öffneten wir Rollos und Fenster.
Die Ordentlichsten waren die ehemaligen Bewohner nicht gewesen. Im Flur stolperten wir über herumliegende Schuhe.
Auf den Tischen standen überquellende Aschenbecher, in der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr, über die Sessel- und Sofalehnen war Kleidung geworfen, im Badezimmer stand ein überquellender Schmutzwäschekorb und auf der Waschmaschine einer , in dem sich meterhoch die damals frisch gewaschene Wäsche türmte.
Trotzdem schauten wir uns um. Schmutzige Sachen konnte man sauber machen.
Zuerst schauten wir uns nach Kisten, Körben und Taschen um, in die wir die ausgewählten Dinge packen konnten.
Der Korb mit der jetzt nicht mehr ganz so sauberen Wäsche fand als erster den Weg nach draußen. Die Schmutzwäsche kippten wir einfach auf den Boden und ließen sie liegen. In diesen Korb kamen die Handtücher und Pflegemittel.
Marc entdeckte im Keller einen Stapel zusammengelegte Umzugskartons, die er uns zusammensteckte.
Darin fanden Pfannen und Töpfe und einiges an Geschirr und Besteck Platz.
Zwei Keramikschalen, die mir besonders gut gefielen, stellte ich zur Seite. Die wollte ich für uns.
Neben der Spüle stand ein schmutziger Hundefutternapf, den stellte ich zu den Schalen. In einer Schublade fand ich einiges an Hundezubehör wie Halsbänder, Leinen, Kämme und Bürsten, auch eine Krallenschere und eine Zeckenzange waren dabei.
Das packte ich alles in eine Stofftasche, steckte den Futternapf dazu. Dann wickelte ich die Schalen in Geschirrtücher und sie wanderten ebenfalls in die Tasche, die ich draußen an den Gartenzaun hängte um sie wiederzufinden.
Während wir den Inhalt von Schubladen und Schränken in die Kartons packten, fragte ich mich, wie so oft in den letzten Monaten, wohin die Menschen verschwunden waren.
Die Häuser sahen alle aus, als würden die Bewohner jeden Moment zurückkommen. Läge nicht überall dick der Staub auf Möbeln und Gegenständen, hätte man glauben können, sie seien nur kurz zum Einkaufen gegangen.
Mich wunderte vor allem, dass bisher bei allen drei Häusern, in die wir eingedrungen waren, die Rollos heruntergelassen und die Haustüren geschlossen waren. Niemand hatte sie in all den Jahren betreten, nichts war angetastet worden. Dabei lag diese Siedlung unweit der Autobahn, auf der die Arabs, und sicherlich auch andere Gruppen schon vorbeigekommen sein mussten.
Wie oft hatten wir auf unserer Reise jetzt schon Siedlungen und ganze Ortschaften gesehen, bei denen es so war wie hier. Die Häuser waren mehr oder weniger intakt, das Inventar nicht angerührt, es gab keinerlei Anzeichen eines Kampfes, aber die Einwohner waren wie vom Erdboden verschluckt. Selten fanden wir, wie heute, Tote in den Gebäuden.
Aber auch in den zerstörten Gebieten waren keine Leichen oder wenigstens menschliche Überreste zu finden. Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Tiere sie gefressen hatten, ohne die geringste Spur hinterlassen zu haben.
Die Kannibalen in den U-Bahntunneln Berlins hielt ich für eine Randerscheinung. Und selbst wenn es sie von Anfang an gegeben hätte, Millionen Tote hätten sie nicht fressen können.
Die Bunkerleute von Landsberg hatten uns zwar erzählt, dass Mankei und seine Freunde die Arabs dabei beobachtet hatten, wie sie große Mengen an Toten auf Häufen geworfen, mit Benzin übergossen und verbrannt hatten, ebenso wussten wir, dass sie Hunderttausende versklavt und ermordet hatten, aber all das erklärte nicht, warum es nach einer geordneten Evakuierung der Ortschaften aussah.
Ich fragte Marc, ob er im Keller keine Vorräte gefunden hätte. Er verneinte und meinte, auch im ersten Haus hätte es zwar leere Regalfächer, aber keine Vorräte gegeben. Und mir fiel ein, dass wir auch in den Küchenschränken nichts Essbares gefunden hatten. Auch in diesem Haus nicht.
"Es sind doch schon Leute vor uns da gewesen." sagte ich.
"Wie kommst du darauf?"
"Keine Vorräte. Keine Dosen, keine Gläser, keine Flaschen. Nichts.""
"Du weißt doch, die wenigsten Haushalte hatten sich vorbereitet."
"Schon. Aber nicht EINE Dose? Keine Flasche Bier oder Wasser? Noch nicht mal die vergammelten Reste einer Packung Nudeln oder Mehl?"
"Du hast recht. Das ist wirklich nicht normal. Aber es scheint lange her zu sein. Ich habe im Staub jedenfalls keine Spuren gesehen und es wurde schon seit Jahren nichts mehr angerührt."
"Und es fehlen nur die Vorräte. Du hast ja gesehen, selbst wertvoller Schmuck lag noch an seinem Platz."
"Meinst du, diese Leute sind immer noch hier?"
"Auszuschließen ist es nicht. Ich denke da an Tobias und Brigitte, die sich jahrelang in ihrem Haus versteckt hatten." erinnerte ich ihn.
"Da sie außer Lebensmitteln nichts gebraucht haben, gehe ich davon aus, dass in einem oder mehreren dieser Häuser noch Menschen leben. Denn du siehst ja, wir nehmen alles Brauchbare mit. Sie scheinen sonst alles zu haben. Und das, was sie nicht hatten, haben sie schon vor Jahren geholt."
"Ich schaue mich noch in der Garage um, dann lass uns Schluss machen für heute." sagte Marc.
Die große Doppelgarage war am Haus angebaut und durch eine Tür im Hausflur zu erreichen. Wir fanden eine richtige kleine Autowerkstatt vor, die die eine Hälfte der Garage einnahm.
Auf der anderen Seite stand ein alter VW-Bus, der liebevoll restaurierte worden war und zwei Motorräder mit Beiwagen, in denen ich 750er Dnjepr erkannte. Eine dritte Maschine war wohl gerade in Reparatur gewesen, der Motor lag zerlegt auf der Werkbank.
Ein Anhänger für Motorräder oder ein kleines Auto war auch vorhanden.
"Oha! Da müssen sich die Mechaniker mal umschauen. Allein das Werkzeug ist Gold wert, ganz abgesehen von den Schmierstoffen und anderen Sachen."
"Vielleicht funktionieren die Motorräder ja." meinte Marc hoffnungsvoll. "Wenn ja, ist eine davon unsere."
"Aber du fährst sie." sagte ich.
"Die kommt auf den Anhänger, unser Wohnmobil hat eine Anhängerkupplung."
"Stimmt. Also gut, wenn eine davon fahrbereit ist, gehört sie uns."
"Wenn der Bus fährt, will ich ihn." hörte ich Felipes Stimme aus dem Inneren des Fahrzeugs. "Der ist als Wohnmobil ausgebaut und hätte genau die richtige Größe für mich."

Draußen wurden Stimmen laut. Wotan gab kurz Laut, war dann wieder still. Felipe huschte zum Garagenfenster, stellte sich daneben und spähte hinaus.
"Unsere Leute sind zurück." gab er Entwarnung. "Sieht nicht danach aus, als hätten sie viel gefunden."
Er öffnete die Garagentür und wir traten hinaus auf die Einfahrt.
Die "Wildschweine" inspizierten bereits unsere Beute.
"Na wenigstens ihr hattet Erfolg." sagte Robert. "Hier ist nicht viel zu finden. Das waren keine großen Gärtner, die ehemaligen Bewohner."
"Das waren keine Nutzgärten hier, sondern Ziergärten. In jedem dritten Garten gibt es einen Pool. Reste von Beeten fanden wir kaum. Und auch kaum Obstbäume oder Beerensträucher. Das war halt damals total aus der Mode. Im Supermarkt um die Ecke konnte man ja das ganze Jahr über alles kaufen." sagte Sarah.
"Es konnten ja nicht alle einen auf Selbstversorger machen wie du." stichelte Rolf.
Sarah lachte. "Und was hatte ich von meinen Beeten, Obstbäumen, Sträuchern und Tieren? Schon in der ersten Woche haben mir die Polizisten und Soldaten alles weggenommen. Zum Glück hatte ich meine Vorräte vergraben und sie fanden nur die paar, die ich als Alibi im Keller stehen hatte. Und auch davon haben sie nicht ein Glas oder eine Dose da gelassen. Den Anderen in der Gemeinde ging es genauso. Denen war das scheißegal, ob wir verhungern würden oder nicht. Aber so schlau wie die waren wir schon lange. Die meisten Tiere und Vorräte hatten wir versteckt. Ein zweites Mal kamen sie nie."
"Wie bist du dann zu den Nomaden gekommen?" fragte ich.
"Nachdem wir uns zweimal gegen die Arabs verteidigen mussten und wir sie beim zweiten Mal nur mit knapper Not zurückschlagen konnten, schlossen wir uns Artemisia an, als ihre Leute bei uns in der Nähe vorbeikamen. Die Arabs wussten, dass es uns gab und sie wären wieder gekommen. Wir hatten im letzten Kampf neun Tote zu beklagen, einen weiteren hätten wir nicht überstanden. So haben wir unsere Vorräte aufgeladen und sind seither unterwegs."
"Wo bleiben eigentlich Calvin und Ahlborn?" fragte Felipe, die müssten schon lange wieder zurück sein."
Wir erklärten den "Wildschweinen", dass unsere Freunde schon mit einer ersten Fuhre zum Lager zurückgefahren waren und uns mit dem leeren Fahrzeug wieder abholen wollten.
"So wie ich die "Füchse" kenne, werden sie weitere Fahrzeuge bereit machen um auch hierher zu kommen. Das dauert halt ein bisschen." meinte Robert.
Und er hatte Recht damit. Nach einiger Zeit hörten wir Motorengeräusche, und es klang nach mehreren Fahrzeugen. Ein kleiner Konvoi von 12 Transportern fuhr vor.
Die Sachen, die wir vorm Haus aufgestapelt hatten, waren schnell verstaut und der erste Laster machte sich wieder auf den Rückweg.
Leofric und Ramón waren mitgekommen.
Ich erzählte ihnen von meiner Vermutung, dass hier noch Menschen leben könnten.
"Dann sollten wir vorsichtig sein. Wir wissen nicht, ob sie bewaffnet sind." überlegte Leofric.
"Wir würden schon gerne noch einiges mitnehmen, was wir brauchen können." meinte Ramón. "Wenn die Bewohner schon so lange weg sind, kommen sie auch nicht zurück. Ich würde all die schönen Sachen ungern dem nächsten Trupp Arabs überlassen, der zufällig hier vorbeikommt."
"Oder anderen Plünderern wie uns." witzelte Felipe.
"Das auch." stimmte sein Vater zu.
Marc führte Ramón in die Garage und machte unseren Anspruch auf eine der Dnjepr geltend. Und Felipe seinen auf den Bus.
Leofric sah sich um und als der nächste Transporter zum See zurück fuhr, gab er Anweisung, dass ein paar "Falken" mitkommen sollten.
Die konnten sich die Fahrzeuge anschauen und das Werkzeug zusammenpacken.
"Es hat noch mehr Garagen, vielleicht ist noch mehr Brauchbares zu finden."
Mein Liebster war schon wieder bei den Motorrädern. Er hatte sich eins ausgesucht und damit begonnen, es unter die Lupe zu nehmen. Von Motorrädern verstand er was. Er hatte unsere immer gewartet und repariert.
Anscheinend hatte der Eigentümer die Maschinen gerade für den Winter präpariert. Die Tanks waren bis oben voll, der Ölstand stimmte auch. Mit einer Fußpumpe füllte er die etwa platten Reifen auf.
Die Batterie war natürlich leer, aber das spielte bei diesen Maschinen keine Rolle. Marc setzte sich auf den breiten Sitz und trat den Kickstarter einige Male sachte nach unten, bevor er ihn mit voller Kraft durchtrat.
Beim dritten Versuch brüllte der Motor auf und ging auch nicht mehr aus. Er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr das Gespann nach draußen.
Schnell lief ich hinterher und stieg in den Beiwagen.
Lachend legte mein Mann den ersten Gang ein und es ging los.
Langsam fuhren wir die Straße entlang, bogen rechts ab und er beschleunigte um alle Gänge probehalber durchzuschalten. Der Motor lief rund und die Reifen hielten die Luft.
Am Ende der Siedlung angekommen, wendete er das Gespann und wir fuhren zu unseren Freunden zurück.
Als wir die halbe Strecke hinter uns gebracht hatten, spürte ich plötzlich einen harten Schlag am linken Oberarm und mir wurde vor Schmerz schwarz vor Augen. Erst dann hörte ich den Knall. Meine rechte Hand, die ich im Reflex auf die schmerzende Stelle gelegt hatte, war rot von Blut.
Marc hatte den Schuss auch gehört und das Motorrad sofort in die nächste Einfahrt und zwischen die Büsche gefahren.
Er hob mich aus dem Beiwagen und trug mich hinters Haus.
Mit seinem Messer, das er immer bei sich trug, schnitt er vorsichtig den Ärmel meines Hemdes ab und untersuchte die Wunde. Obwohl er sehr behutsam vorging, musste ich die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut zu schreien.
"Nur ein Streifschuss. Glück gehabt." meinte er.
Ich würde Glück zwar anders definieren, aber im Grunde hatte er Recht.
Er nahm den abgeschnittenen Ärmel und trennte ihn auf. Aus einem Teil drehte er eine Rolle und presste sie auf die Wunde. Mit dem anderen Teil band er sie fest und stoppte so die Blutung.
Er wollte gerade wieder etwas sagen, als wir Schritte und Stimmen hörten.
"Da steht das Gespann." flüsterte einer. "Und da ist Blut. Einen von denen haben wir erwischt."
"Dann erledigen wir den Anderen auch noch."
"Mist! Wir haben keine Waffe." wisperte Marc.
Ich griff in meine Westentasche und reichte ihm die Browning. Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
"Suchen wir uns ein Versteck." sagte er leise.
Obwohl mir wegen des Schocks fast der Kreislauf versagte, versuchte ich, mich so leise als möglich davon zu schleichen. Mein Ziel war die nächste Hausecke.
Marc deckte meinen Rückzug. Sobald ich um die Ecke verschwunden war, folgte er mir nach.
Gerade noch rechtzeitig, den in diesem Moment kamen zwei Männer an der Stelle an, an der ich verarztet worden war.
Ich nahm aus der Umhängetasche, die ich nicht abgelegt hatte, Marcs Waffe heraus.
Unsere Verfolger verhielten sich sehr unvorsichtig und stümperhaft. Sie waren laut, auch wenn sie wahrscheinlich glaubten, sie schlichen sich lautlos an uns an. Beide kamen gleichzeitig um die Ecke, gaben sich gegenseitig keinen Feuerschutz und ihr Flüstern war selbst für uns noch deutlich zu verstehen.
"Da ist keiner. Die sind weg."
"Das kann nicht sein, einen habe ich doch erwischt. Du hast das Blut doch auch gesehen."
"Dann hast du nicht richtig getroffen."
Die Beiden standen da und plapperten. Ich kam mir vor wie in einem Komödie.
Marc gab mir das Zeichen, dass er sie sich von hinten schnappen wollte. Ich nickte.
Es dauerte keine Minute, bis ich seine Stimme hörte: "Lasst eure Schießprügel fallen und dann hoch mit den Händen!"
Ich spähte um die Ecke und sah, wie die Männer vor Schreck erstarrten. Als einer von ihnen eine Bewegung machte, als wolle er den Helden spielen, trat ich vor und schoss ihm vor die Füße.
Vor Schreck ließen Beide ihre Waffe fallen und hoben die Hände. Während ich sie in Schach hielt, sammelte Marc ihre Gewehre ein. Dann tastete er sie nach weiteren Waffen ab, fand aber keine mehr.
"Hinsetzen! Die Hände auf den Kopf!" kommandierte er.
Sie gehorchten sofort.
Ich nahm sie jetzt genauer in Augenschein. Es waren ein älterer und ein junger Mann. Dem Aussehen nach Vater und Sohn.
"Was machen wir jetzt mit ihnen?" fragte Marc.
"Erschießen." sagte ich. "Sie wollten uns umbringen, obwohl wir ihnen nichts getan haben. Und dann noch feige aus dem Hinterhalt."
"Ok. Du den jungen?" fragte er. Da er hinter ihnen stand und sie sein Gesicht nicht sehen konnten, grinste er breit.
Ich hatte Mühe, eine ernste Miene beizubehalten.
"Ja, ich glaube, der war es, der auf mich geschossen hat."
"Bitte, lassen Sie meinen Sohn leben, erschießen Sie mich. Es war meine Idee." bat der ältere Mann.
"Kein Problem." sagte ich. "Mir ist es egal, wen ich abknalle, so wie Euch auch."
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 26.03.2017, 04:06

Ich lud die Pistole durch.
Bei diesem Geräusch zuckten die Beiden zusammen und der Ältere schloss die Augen.
"Ein paar letzte Worte für die Nachwelt?" fragte ich zynisch.
Er schüttelte den Kopf. Sein Sohn wandte den Kopf ab und kniff ebenfalls die Augen zu.
Ich drückte ab und schoss in den Boden vor mir.
Sekundenlang blieben sie regungslos sitzen. Dann öffnete der Jüngere die Augen. Langsam dreht er den Kopf in Richtung seines Vaters.
Sein Blick wanderte über den Körper des Mannes und als er kein Blut sah, schaute er mich verwirrt an.
Der Vater saß immer noch mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht.
"Papa?"
Langsam öffnete der nun doch die Augen und sah seinen Sohn an.
"Ich bin nicht tot." stammelte er fassungslos. Auch er machte so ein dummes Gesicht, dass ich mich nicht mehr beherrschen konnte und losprustete.
Ich lachte, bis mir die Tränen herunterliefen und auch Marc ließ seiner Heiterkeit freien Lauf.
"Habe ich was verpasst?" fragte eine Stimme.
Ramón kam um die Ecke, gefolgt von Calvin, Armbruster, Felipe, Miriam und Helma. Alle hatten sie ihre Waffen in der Hand.
"Wir haben einen Schuss gehört und da ihr keine Gewehre dabei hattet, dachten wir, ihr seid in Gefahr." sagte Calvin.
Als sie den amerikanischen Akzent meines Cousins hörten, zuckten die verhinderten Attentäter zusammen.
"Wen habt ihr denn da?" fragte Ramón.
"Zwei Heckenschützen. Sie haben auf uns geschossen und Lea getroffen." klärte Marc unsere Freunde auf.
"Und der zweite Schuss?"
"Kam von mir. Ich wollte den Initiator dieses Überfalls hinrichten, aber ich habe leider danebengeschossen." Ich zwinkerte ihm zu.
"Du hast danebengeschossen? Soll ich dir noch mal zeigen, wie man es richtig macht?" fragte mich mein Bruder mit todernstem Gesicht und richtete seine Waffe auf die immer noch am Boden sitzenden Männer.
"Papá, darf ich?" fragte Felipe in eifrigem Ton.
"Ja, gute Idee, dann bekommt das Kind Übung." half ihm Miriam. Ihre Mundwinkel zuckten.
"Aber den anderen übernehme ich. Niemand schießt ungestraft auf meine Schwester."
"He! Moment! Sie ist meine Cousine. Also lass mich schießen." mischte sich Calvin ein.
"Sollen wir losen? Hat jemand Streichhölzer dabei?" fragte Helma.
"Ich meine, wir könnten ja zuerst auf Arme und Beine zielen und uns dann zum Herzen oder Kopf vortasten." schlug Ahlborn vor.
Alle grinsten sie, aber nur, wenn die Beiden ihre Gesichter nicht sehen konnten.
So ging es noch eine Weile hin und her, während unsere Gefangenen entsetzt von einem zum anderen schauten.
Plötzlich wurde mir schlecht und es tanzten schwarze Punkte vor meinen Augen.
Glücklicherweise stand ich nahe der Hauswand. Ich lehnte mich an. Meine Beinmuskeln verwandelten sich in Pudding und ich rutschte an der Wand herunter. Die Pistole entfiel meiner kraftlosen Hand und ich hatte das Gefühl, als würde die Welt vor und zurück schwanken.
Mit ein paar schnellen Schritten war Helma bei mir und kniete sich neben mich hin.
"Felipe! Hol meine Tasche aus dem Wagen. Schnell!"
Mein Neffe rannte los und kam mit Helmas Notfallkoffer zurück.
Sie öffnete ihn, nahm eine Flasche und eine Spritze heraus. "Ich spritze dir ein Anästhetikum und danach schau ich mir deinen Arm an."
Marc hatte sich auf die andere Seite gekniet und nahm meine rechte Hand. "Verdammt! Wie konnten wir deine Verletzung vergessen?"
"Bis grade eben habe ich sie nicht gespürt und auch nicht mehr dran gedacht." Das Sprechen fiel mir plötzlich schwer und ich musste mich anstrengen, deutlich zu reden.
"Keine Bange. Das ist das Schmerzmittel. Das beruhigt auch gleichzeitig." informierte uns Helma.
"Spürst du das?"
"Was?"
"Frage beantwortet. Es geht los."
Sie fuhr mit der Schere unter das Stück Stoff, das den Druckverband hielt und schnitt es durch. Kaum hatte sie das Provisorium entfernt, als das Blut wieder anfing zu laufen. Sie nahm ein steriles Verbandpäckchen aus dem Koffer und drückte es auf die Wunde, bis sie aufhörte zu bluten.
Sie säuberte die Wundränder und sprühte ein Desinfektionsmittel auf. Dann trug sie Salbe auf und legte einen professionellen Verband an.

Während dieser Aktion hatten Ahlborn und Miriam Vater und Sohn im Auge behalten.
Ich blieb auf Anraten Helmas erst einmal ruhig sitzen. Ich hätte eh nicht aufstehen können und war froh, dass ich mich anlehnen konnte.
"Jetzt mal im Ernst. Was fangen wir mit denen an?" fragte Ramón.
"Lasst sie laufen, die haben jetzt genug Angst ausgestanden." sagte ich.
"Aber erst, nachdem sie uns erzählt haben, warum sie uns umbringen wollten." bestimmte Marc.
"Also?" Miriam übernahm wie gewohnt die Befragung. Sie sah die Beiden auffordernd an.
"Nicht hier. Ich würde gerne bequemer sitzen. Und außerdem habe ich Hunger und Durst."
"Ich denke, dass auch Artemisia und die Clanführer ein Interesse an der Geschichte haben. Ich habe viele Fragen und es wird sicherlich länger gehen." meinte Marc.
"Bueno. Dann nehmen wir sie mit ins Lager." Ramón befahl ihnen, auf den Mannschaftstransporter zu steigen.
Marc hob mich hoch und trug mich zum Gespann. Er half mir beim Einsteigen in den Seitenwagen, stieg auf den Bock und trat den Kickstarter durch. Der Motor sprang an, er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr uns zurück auf die Straße.
Der Transporter hatte schon einige hundert Meter Vorsprung und er fuhr ihm langsam nach. Er versuchte, zumindest den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen um mich nicht gar zu sehr durchzuschütteln.
"Fahr zu, solange das Schmerzmittel noch wirkt." rief ich ihm zu und er beschleunigte ein wenig.
Es dauerte trotzdem eine kleine Weile, bis wir im Lager ankamen.
Unsere Freunde waren schon dort und saßen vor Artemisias Wohnmobil.
Marc fuhr das Gespann bis direkt davor.
Leofric kam gerade mit einem Regiestuhl an, ein Junge brachte einen Hocker und ein Kissen. Ich wurde in den Stuhl gesetzt und meine Beine wurden auf dem Hocker mit dem Kissen hochgelegt. Ein Mädchen brachte eine leichte Decke, die Marc über mich breitete.
Gerade als ich deswegen protestieren wollte, begannen meine Zähne zu klappern und ich zitterte wie Espenlaub.
Kaum saß ich, kam Wotan angerannt und begrüßte mich freudig. Ich streichelte ihn ausgiebig und als er sich beruhigt hatte, legte er sich neben meinen Stuhl.
Und schon bekam ich einen Becher heißen Tee in die Hand gedrückt und einen Teller mit einem noch heißen Pfannenbrot, das appetitlich nach Kräutern duftete.
Nach und nach bekamen alle Anderen ebenfalls ein Getränk und Brot. Auch vor unsere Gefangenen wurde ein Becher und ein Teller hingestellt.
Nach kurzem Zögern begannen auch sie zu essen und zu trinken.
Währenddessen sahen sie sich um. Es war ein wirklich großes Lager mit vielen Fahrzeugen. Zu den ursprünglich schon über fünfhundert Nomaden waren noch dreihundert befreite Sklaven und etwa einhundertzwanzig Ober- und Unterirdische dazu gekommen.
"Wenn ihr dann genug gesehen habt, könnt ihr uns erklären, warum ihr auf uns geschossen habt." Marc kam wieder zum Thema.
"Weil ihr Diebe seid." platzte der junge Mann heraus.
Sein Vater legte ihm die Hand auf den Arm und bat ihn, still zu sein.
"Nein! Er soll sagen, was er denkt." Artemisia sah den Jungen auffordernd an.
"Die Sachen, die ihr aus den Häusern geholt habt, gehören euch nicht. Das Gespann gehört meinem Onkel Jochen."
"Und wo ist dein Onkel Jochen?" fragte Miriam.
"Mein Bruder ist vor 6 Jahren in den Evakuierungsbus eingestiegen und nicht mehr zurückgekommen." antwortete der Ältere.
"Was für ein Bus?" Ahlborn beugte sich vor.
"Na, der von der Regierung, der die Leute vor der Radioaktivität, den Mördern und Plünderern in Sicherheit bringen sollte. So sagten sie jedenfalls in den Medien."
Er sagte das so, als müssten wir wissen, wovon er sprach.
"Am besten fängst du ganz von vorne an." bestimmte Leofric. "Was waren das für Busse, wer hat sie geschickt, wohin sind sie gefahren, woher wusstet ihr, dass sie euch abholen kommen?"
"Und vor allem: warum seid ihr nicht mitgefahren?" Das interessierte mich am meisten, deshalb stellte ich diese Frage.
"Das war so: Zuerst zeigten sie Bilder von der zerstörten chinesischen Stadt, dann von San Francisco. Sie erzählten im Fernsehen, dass überall auf der Welt Atombomben hochgegangen wären. Sie sagten, alle Bürger sollten sich bereit machen. Man würde sie abholen und in Sicherheit bringen."
Die Nachrichtensprecher forderten die Menschen dazu auf, Radio oder Fernsehgeräte laufen zu lassen. Man würde ihnen Tag und Uhrzeit mitteilen, wann die Busse wohin kämen.
Jeder sollte sich einen Rucksack oder eine Tasche packen, Kleidung, Hygieneartikel und Medikamente für eine Woche einpacken. Pro Person war nur ein Gepäckstück bis zu einer bestimmten Größe erlaubt.
Abfahrt für die Kleingartenanlage war der 14. Februar 2017.
Pünktlich um 11.15 Uhr kamen die Busse, um die Bewohner abzuholen.
In langen Schlangen standen die Menschen, wegen der Kälte warm eingepackt, an der Straße.
Die Türen der Busse öffneten sich, jeweils zwei Personen stiegen aus und forderten die Wartenden auf, einzusteigen. Sie zählten die Leute ab, und wenn alle Sitzplätze besetzt waren, stiegen sie wieder ein, die Türen wurden geschlossen.
Jedes Mal, wenn einer der Busse abgefahren war, rückte der nächste nach. So lange, bis alle Bewohner, die sich eingefunden hatten, ihren Platz in einem der Busse gefunden hatten.
Nicht alle waren bereit gewesen, die Siedlung zu verlassen.
Ohne die Anderen darüber zu informieren, hatten sie sich einfach versteckt.
Hans, so hieß der Ältere, hatte seine Frau und seine beiden Kinder in den Keller geschickt, die Tür verschlossen und den Flurschrank davor geschoben. Er selber hatte sich auf dem Dachboden versteckt und von dort aus zugeschaut, wie seine Nachbarn, und auch sein Bruder Jochen und dessen Familie, in die Fahrzeuge der Regierung eingestiegen waren.
"Warum bist du hier geblieben?" fragte ich noch einmal.
"Ich haben dem Frieden nicht getraut." antwortete er. "Warum sollte die Regierung auf einmal um unsere Sicherheit besorgt sein? Vorher hat sie sich jahrelang einen Dreck darum geschert, wie es den Bürgern geht. Es war ihnen egal, dass Migranten unsere Frauen und Kinder vergewaltigten, die Jungs tottraten und die Männer verprügelten und ermordeten. Sie haben nichts, aber auch gar nichts dagegen unternommen, als die anfingen, die Deutschen auszuplündern. Ganz im Gegenteil! Haben sie uns nicht enteignet, um diese Pest ruhig zu halten? Mussten wir nicht schuften und bluten, damit es denen gut ging? Warum in Teufels Namen sollten sie also jetzt plötzlich um unser Wohlergehen besorgt sein?"
So wie er hatten noch zweiunddreißig seiner Nachbarn gedacht. Es dauerte allerdings fast drei Wochen, bis sie bemerkten, dass sie nicht alleine im Ort geblieben waren. So lange dauerte es, bis sich die Menschen aus ihren Verstecken wagten.
Sein Bruder hatte allerdings den Versprechungen geglaubt und war mit Frau und drei Kindern weggefahren.
Sie waren nie zurückgekehrt.
Den Grund dafür erfuhren die zurück Gebliebenen etwa 3 Monate später.
"Wir hatten uns darauf geeinigt, uns in vier benachbarte Häuser einzuquartieren. So waren wir nahe beisammen und konnten uns besser organisieren. Das wollten wir den Eigentümern erklären, wenn sie zurückkamen."
Insgesamt vier Mal versteckten sie sich, weil Militärfahrzeuge vorbeifuhren oder Polizeiautos durch die Straßen patrollierten.
Zu ihrem Erstaunen stiegen sie nie aus, um die Häuser zu durchsuchen.
Das war in der ersten Woche nach dem Abtransport. Danach ließ sich von der Staatsmacht keiner mehr blicken.
Eines Morgens, sie waren gerade aufgestanden und hatten sich im Wohnzimmer im Nachbarhaus zum Frühstück versammelt, als eine der Frauen, die ihren Hund rausgelassen hatte und nun nach ihm rief, auf die Straße getreten war um nach ihm zu suchen, weil er nicht kam, Alarm schlug.
Den Hund sah sie etwa hundert Meter weiter mitten auf der Straße. Er rannte aufgeregt um einen länglichen Gegenstand herum, der dort lag.
Sie ging hin, um ihn zu holen und rief sofort laut um Hilfe.
Alle sprangen auf und liefen hinaus.
"Kommt schnell! Das ist Laura! Sie atmet noch. Wir müssen sie ins Haus bringen!"
Vier der Männer hoben die junge Frau auf und trugen sie ins Haus.
Ansgar, der eine Ausbildung als Rettungssanitäter hatte, zog sie schnell aus und untersuchte sie. Laura hatte einige blaue Flecken, eine leichte Abschürfung im Gesicht und war stark unterkühlt. Sie legten sie aufs Sofa und packten sie warm ein.
"Sie war nicht verletzt, jedenfalls nicht körperlich. Aber was sie uns nach dem Aufwachen erzählte, was sie erlebt hatte, hätte die meisten von uns in den Wahnsinn getrieben."
Die Busse waren auf die Autobahn gefahren. Sie saß mit ihrer Schwester auf dem Sitz genau hinter dem Ausstieg. Sie hatte sich noch darüber geärgert, dass sie natürlich wieder nicht schnell genug gewesen war für den Fensterplatz. Wie immer halt.
Irgendwann hatte sie sich gewundert, dass sie von Berlin wegfuhren, anstatt hinein.
Gab es etwa geheime Bunker auf dem Land, von denen man der Bevölkerung nichts gesagt hatte?
Möglich wäre es schon. Oder ?
"Wo die uns wohl hinbringen?" fragte sie ihre Schwester.
"Warts ab, dann siehst du es." meinte die.
Laura verstand nicht, dass es außer ihr anscheinend niemanden interessierte, wohin die Reise ging.
Anhand der Hinweisschilder sah sie, dass sie auf der A24 Richtung Norden fuhren.
Neuruppin las sie, dann Herzsprung, Wittstock/Dosse, Pritzwalk.
Bei der Abfahrt Meyenburg fuhr der Bus auf die B 103. Kurz vor Plau am See fuhren sie an den Straßenrand.
Dort standen Männer in Militäruniformen.
Der Fahrer öffnete die Türen und die bisher so freundlichen Begleiter forderten die Leute in ruppigem Ton auf, den Bus zu verlassen.
Auf die Fragen der Menschen gaben sie keine Antwort.
Völlig verwirrt stiegen sie alle aus und standen ratlos neben der Straße. Insgesamt waren es drei Busse gewesen, die hintereinander her gefahren waren. Wohin die anderen gefahren waren, wussten sie natürlich nicht.
Die Busse wendeten und fuhren den Weg, den sie gekommen waren, zurück.
Viel Zeit zum Schauen ließen ihnen die Uniformierten nicht.
"Vorwärts!" rief einer von ihnen und zeigte in Richtung Plau.
Alle nahmen ihr Gepäck auf und machten sich, flankiert von den Soldaten, auf den Weg zur Ortschaft.
Am Ortseingang fing Laura an zu hinken und blieb ein wenig hinter den anderen zurück. Sie bückte sich, zog ihren rechten Schuh aus und tat, als schüttele sie einen Stein heraus.
Aus welchem Grund auch immer, keiner bemerkte es.
Sie zog den Schuh wieder an und bog in eine kleine Seitenstraße ein. Sie drückte sich an die Hauswand und spähte vorsichtig um die Ecke. Keiner hatte ihr Verschwinden bemerkt.
Sie versuchte die Haustür und die ließ sich öffnen. Kein Laut war zu hören, das Haus schien leer zu sein. Sie stellte den Rucksack auf die Hutablage der Garderobe und schlich leise den Gang entlang. Bei einer offenen Tür blieb sie stehen und schaute in ein Wohnzimmer. Es war keiner da. Auch nicht in der Küche oder dem Esszimmer.
Auf Zehenspitzen huschte sie die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Auch dort hielt sich niemand auf.
Gerade als sie das letzte Zimmer betrat, hörte sie Schüsse und Schreie.
Sie schaute aus dem Fenster, sah aber nichts. Schnell rannte sie in den gegenüberliegenden Raum. Von dort aus konnte sie einen kleinen Platz überblicken.
Was sie dort sah, würde sie den Rest ihres Lebens nicht vergessen.
Ihre Familie und ihre Nachbarn waren dorthin geführt worden. Arabisch aussehende Männer waren dabei, die Menschen in Gruppen aufzuteilen.
Schnell erkannte sie das System, nachdem sie sie sortierten.
In eine Gruppe kamen die erwachsenen Männer, in eine zweite Frauen und Kinder. In eine dritte die Alten, Schwachen, Kranken.
Den Männern wurden die Hände auf den Rücken gefesselt, wer sich wehrte, wurde niedergeschlagen. Als einer der Männer sich immer noch nicht fesseln lassen wollte, wurde er erschossen.
Die Menschen waren aber zum größten Teil so geschockt, dass sie alles mit sich geschehen ließen. Zwei Transporter fuhren vor, die Männer wurden hineingetrieben.
Die Frauen und Kinder wurden weggeführt.
Und dann zogen alle eine Waffe und eröffneten das Feuer auf die letzte Gruppe. Sie hörten erst auf, als sich keiner mehr bewegte.
Die Uniformierten, die sie hergebracht hatten, standen während der ganzen Zeit unbeteiligt am Rand und sahen zu.
Als die Araber ihre Waffen wieder einsteckten, salutierte der Anführer lässig in deren Richtung und sie marschierten aus der Ortschaft.
Laura hatte die ganze Zeit ihre Augen nicht abwenden können, obwohl sie das gerne getan hätte.
Und erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich den linken Handballen blutig gebissen hatte, um nicht laut aufzuschreien.
Ihr Herz raste, sie keuchte, als wäre sie gerannt und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Nur weg von hier!
Schon war sie die Treppe hinuntergerannt, schnappte sich den Rucksack von der Garderobe und wollte aus dem Haus fliehen, als sie zur Vernunft kam und stehen blieb.
Am hellichten Tage konnte sie unmöglich ungesehen entkommen. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten.
Plötzlich war die Panik weg, sie konnte wieder klar denken und handeln.
Den Rucksack stellte sie wieder auf die Hutablage, sie hoffte, dort bliebe er vorerst unentdeckt.
Dann begann sie, das Haus zu durchsuchen.
Im Kühlschrank fand sie nur einige vergammelte Lebensmittel. Schnell schloss sie die Tür wieder. In einem der Küchenschränke waren einige Vorräte. Aber was sollte sie mit Nudeln, Reis und Mehl anfangen? Auch Kartoffelbreipulver und Kuchenfertigmischungen waren so nicht essbar. Endlich entdeckte sie eine Dose Fisch, zwei mit Corned Beef und eine mit Linsensuppe. Der Dosenöffner war schnell in einer der Schubladen gefunden und sie löffelte die Linsensuppe kalt aus der Dose. Die Fisch- und Fleischdosen steckte sie in ihre Manteltasche, ebenso den Öffner, einen Löffel und eine Gabel. Das Messer, das zum Besteck passte, legte sie zurück und nahm welche aus dem Messerblock.
Eins mit kurzer, breiter Klinge und das mit der längsten. Beide waren scharf geschliffen und sie überlegte, wie sie sie bei sich tragen konnte, ohne sich selbst zu verletzen. Da ihr nichts einfiel, steckte sie sie zurück und nahm nach einigem Überlegen das Hackbeil. Das passte ganz genau in ihre andere Manteltasche.
Als nächstes inspizierte sie den Keller.
In einem der Räume standen Regale, vollgestopft mit allen möglichen Kartons und Kisten, Kissen für Gartenstühle und -liegen, ein rostiger Vogelkäfig stand neben der Katzentransportbox, alte Schuhe, ein Sonnenschirm………
Nur in einem der Fächer standen einige Dosen mit Lebensmitteln.
Der nächste Raum war ein Hobbyraum. Eine Werkbank, ein Werkzeugschrank, Lochplatten mit Werkzeugen an der Wand, in einem Regal standen fein säuberlich aufgereiht Koffer mit Maschinen.
In einem ramponierten Kleiderschrank entdeckte sie Campingzubehör. Auch hier war alles ordentlich eingeräumt und verstaut worden.
Da lagen Taschenlampen und die passenden Batterien, Gaskartuschen, Gaskocher und -lampen, Isomatten, Schlafsäcke, zwei kleine Zelte, Trekkingrucksäcke, Kochgeschirr, usw. Alles leicht, faltbar und praktisch.
Das Beste waren allerdings zwei sogenannte Überlebensmesser. Die fand sie unter eine der Schubladen geklebt. Die Bewohner des Hauses waren ein großes Risiko eingegangen, diese Messer zu behalten und zu verstecken. Die waren für Deutsche schon seit Jahren verboten. Wären sie erwischt worden, hätte das eine lange Gefängnisstrafe bedeutet.
In der Schublade lag ein breiter Ledergürtel. In den fädelte sie die Schlaufen der Messerscheiden ein und legte ihn über dem Mantel um ihre Taille.
In einer Plastikbox lagen einige EPAs. Die Kiste unterm Arm stieg sie die Kellertreppe nach oben. Sie legte ein Ohr an die Tür und lauschte. Dann öffnete sie sie einen Spalt weit und spähte hinaus.
Sie war immer noch alleine im Haus, nichts rührte sich.
Den Rucksack über die linke Schulter gehängt, begab sie sich wieder ins obere Stockwerk.
Das Zimmer, von dessen Fenster aus sie das Massaker an ihren Nachbarn mit angesehen hatte, war das eines Mädchens in ihrem Alter gewesen. Das verriet ihr ein gerahmtes Foto, auf dem es mit ihren Eltern zusammen zu sehen war.
Laura öffnete den Kleiderschrank und sichtete die Kleidung.
Fast alle Kleidungsstücke waren in schwarz gehalten. Lange Kleider mit Spitzen und Rüschen, Blusen und Röcke im gleichen Stil, hingen nebeneinander auf den Bügeln. Die Schuhe im unteren Fach entsprachen auch nicht der gängigen Mode. Natürlich waren auch sie schwarz.
In den Schubladen lagen Spitzenhandschuhe, die teilweise bis zu den Ellbogen reichten, schwarze Strümpfe, mit und ohne Muster.
'Ausgerechnet ein Gruftie', dachte sie.
Die Schminke auf der Kommode mit dem Vergrößerungsspiegel bestätigte ihre Ansicht.
In einem zweiten Schrank hingen dann "normale" Klamotten. Die meisten allerdings ebenfalls in schwarz, sehr dunklem Rot, violett und blau.
'Naja, zur Schule oder zur Arbeit musste sie ja normale Sachen anziehen. Oder zumindest das, was sie für normal hielt' ging ihr durch den Kopf.
Da sie bis Einbruch der Dunkelheit warten wollte um den Ort zu verlassen, hatte sie noch Zeit sich zu überlegen, wie sie es bewerkstelligen wollte und vor allem, wohin sie gehen sollte.
Natürlich zurück nach Hause. Auch wenn sie dort ihre Familie nicht mehr vorfinden würde. Aber ihr Haus stand ja noch und dorthin wollte sie zurück.
'Aber zuerst muss ich nach meiner Familie schauen.' dachte sie. 'Nein, das geht nicht. Die Mörder werden mich fangen. So helfe ich niemandem. Aber wenn ich sie befreien könnte? Wie denn? Die sind mit Gewehren und Pistolen bewaffnet, und ich hab nur zwei Messer. Aber ich muss wissen, ob sie noch leben. Und was mach ich, wenn ich es weiß? Ich kann sie ja nicht befreien.'
Ihre Gedanken gingen hin und her und sie kam zu keinem Entschluss.
Wieder sah sie sich die Kleidung in den Schränken an.
Sie zog sich aus und probierte eine der Hosen an. Sie war etwas weit, passte aber sonst sehr gut. Ihre braunen Halbschuhe tauschte sie gegen gefütterte schwarze Schnürstiefel, die gelbe Bluse gegen eine schwarze aus dem Schrank. Ihren beigefarbene Mantel ersetzte sie durch ein schwarzes Cape mit dunkelrotem Innenfutter. Den Gürtel mit den Messern legte sie wieder um.
Lange starrte sie die Kleiderschränke an, bis sie kurzentschlossen ihren Rucksack leerte, bis auf die Unterwäsche alles in einen der Schränke stopfte und ihn mit den dunklen Kleidungsstücken füllte.
Ungeniert durchwühlte sie die Schubladen der Kommode. Einige der Spitzenschals und -handschuhe fanden ihren Weg in den Rucksack, ebenso Strümpfe und Tücher.
Als sie einige Packungen Haarfärbemittel entdeckte, alle für flammendrotes Haar, beschloss sie, einer Eingebung folgend, ihre Haare zu färben.
Das war nicht angenehm, denn es kam zwar Wasser aus der Leitung, aber nur eiskaltes.
Mit einem Handtuch um den Kopf setzte sie sich an die Kommode und fing an, sich zu schminken.
Sie tuschte sich die Wimpern schwarz, betonte die Augen mit dicken , schwarzen Kajalstrichen, legte schwarzen Lidschatten auf und malte die Lippen mit schwarzem Lippenstift an.
Als sie sich im Garderobenspiegel betrachtete, erkannte sie sich in ihrem Spiegelbild nicht wieder. Sie sah einfach gruselig aus.
Bald fing es an zu dämmern.
Auf dem Bett sitzend öffnete sie eine Corned Beef Dose und aß.
Ihren Rucksack deponierte sie wieder auf der Hutablage, denn sie hatte beschlossen, sich doch ein wenig in der Stadt umzusehen.
Was sie dort gesehen hatte, wollte sie nicht erzählen.
Nur, dass sie gegen Mitternacht zum Haus zurückgekehrt war und ihr Gepäck abgeholt hatte und sie gut drei Monate gebraucht hatte, um zu Fuß nach Hause zurückzukommen. Auch über die Erlebnisse unterwegs schwieg sie sich aus.

"Wo ist sie jetzt?" fragte Artemisia.
"Keine Ahnung." sagte Hans' Sohn Gerd. "Sie kommt und geht, wir wissen nicht, wohin und was sie tut."
"Manchmal ist sie nur ein paar Tage weg, dann wieder wochenlang. Sie bleibt oft nur einen oder zwei Tage, manchmal aber auch einige Wochen. Dieses Mal ist sie schon seit vier Monaten weg. Wir befürchten, dass sie dieses Mal nicht wiederkommen wird."
Ein leises Lachen ertönte hinter Artemisias Wohnmobil.
"So schnell werdet ihr mich nicht los." Eine schwarzgekleidete Gestalt mit feuerrotem Haar, Augen und Mund schwarz geschminkt, kam lässig an unseren Tisch. Die auf sie gerichteten Waffen beeindruckten sie nicht im mindesten.
"Laura!" rief Gerd. "Wie lange bist du schon hier?"
"Seit ihr versucht habt, die Beiden umzulegen."
"Du hast es gesehen?" Hans' wurde rot.
"Und wie ihr euch habt überrumpeln lassen. Ihr habt euch angestellt wir die ersten Menschen. Jeder Elefant hätte sich leiser anschleichen können als ihr."
"Du hast es gesehen und nicht eingegriffen?" rief Gerd.
"Für diese Stümperei hättet ihr den Tod verdient gehabt." erwiderte die junge Frau kühl.
"Du hättest zugelassen, dass ich ihn erschieße."
"Du hattest ja nicht die Absicht."
"Das konntest du nicht wissen."
"So wie dein Freund gegrinst hat? Und ihre dummen Gesichter waren einfach sehenswert."
Bei der Erinnerung musste ich wieder lachen.
"Dann das Schauspiel, das deine Freunde aufgeführt haben. Als hätten sie es einstudiert gehabt." Wieder lächelte sie.
Nur Hans und Gerd fanden es gar nicht lustig.
"Du hast unser Leben aufs Spiel gesetzt."
"Nein, das habt ihr selbst getan." erwiderte sie ernst. "Wegen eines alten Motorrads jemanden umbringen zu wollen. Was habt ihr euch dabei gedacht?"
"Es gehört Onkel Jochen."
"Der wird nicht zurückkommen." sagte sie hart. "Keiner von ihnen wird zurückkommen. Nicht nach all den Jahren."
"Auf wessen Seite stehst du eigentlich?" schrie der junge Mann.
"Auf der Seite derjenigen, die die Invasoren bekämpfen."
"Setz dich!" Ramón zeigte auf einen leeren Stuhl. "Hast du Hunger?"
"Wenn ihr noch eins dieser Brote habt. Und vielleicht Wasser?"
Einer der "Reiher" brachte Brot und Tee. Die junge Frau schlang das Brot regelrecht herunter, leckte sich die Finger ab und schaute bedauernd auf den leeren Teller. Der Blick wurde anscheinend bemerkt und ein Mädchen stellte lächelnd ein weiteres Brot vor ihr ab. Auch das war schnell verschwunden.
In diesem Moment kam Miriam, die sich vor der Ankunft Lauras von der Gruppe entfernt hatte, zurück.
"Azrael, Malik al-Maut." flüsterte sie.
Laura schaute auf.
"Woher kennst du diese Namen?" fragte sie.
"Ich habe dich gesehen, in der Nacht als das Haus des Kalifen in Rostock in die Luft flog. Leider war er nicht drin."
"Ja, es war Pech, dass er einige Minuten vorher herausgerufen wurde. Aber seine Weiber und seine Brut sind dabei drauf gegangen."
"Viele haben dich in dieser Nacht gesehen, wie du auf dem Dach standest, angestrahlt vom Feuerschein des brennenden Hauses. Damals haben sie dir den Namen des Todesengels gegeben. Es war Jamil, der dich so taufte. Der hat sich in dieser Nacht fast in die Hose gemacht. So grausam er ist, so abergläubisch ist er."
"Jamil? Ein ganz junger Kerl mit langen, dunklen Locken? Der steht auf meiner Liste ganz oben, gleich hinter dem Kalifen. Dieser sadistische Dreckskerl. Drei Mal war ich ihm ganz nahe, drei Mal ist er mir durch Zufall und Glück entkommen. Seit beinahe einem Jahr habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich hoffe, der Teufel hat ihn geholt."
"Nein, noch lebt er."
Lauras Gesicht verfinsterte sich. "Wo ist er?"
"In Tübingen. Dort sitzt er im Gefängnis."
"Das verstehe ich nicht."
Schnell bekam sie eine kurze Zusammenfassung unserer Reise von Hugoldsdorf nach Tübingen zu hören.
"Dann werden sie ihm dort den Prozess machen?"
"Sobald sie denken, dass er nicht mehr nützlich ist, wird er an die Wand gestellt."
"Ein viel zu humaner Tod."
"Ja, leider, er hätte tausend Tode verdient."
"Dann kann ich ihn von meiner Liste streichen."
"Wer steht denn noch drauf?" Leofric beugte sich neugierig vor.
"Die Typen, die uns an die Kameltreiber verkauft haben. Wie ich erfahren habe, hatten die Busse tatsächlich die Aufgabe, die Leute zu Bunkern zu bringen, aber eine Gruppe von Militärs hat die Busfahrer und Begleiter bestochen. Sie haben die Fahrzeuge umgeleitet und die Passagiere an die Invasoren verschachert. Neun von ihnen habe ich im Laufe der Jahre gefunden und abserviert. Den Anführer , seinen Stellvertreter und den Adjutanten konnte ich nicht finden. Noch zwei Mal habe ich mitansehen müssen, wie er einige Busladungen voller Deutscher an die Musels auslieferte. Das war ganz am Anfang und da hatte ich die Fähigkeiten, sie zu töten, noch nicht. Seit vier Jahren sind sie wie vom Erdboden verschluckt."
Mir kam da ein Verdacht.
"Groß, breite Schultern, kantiges Gesicht, stoppelkurze Haare, laute Stimme. Der andere etwas kleiner, durchtrainierte Figur, graues Haar. Der Adjutant mittelgroß und schlank, hübsches Gesicht und blonde Locken."
"Genau! Das sind sie! Du kennst sie? Wo kann ich sie finden?"
"In der Hölle. Dorthin haben wir sie vor ein paar Tagen geschickt." Laura sah Ramón mit großen Augen an.
"Wo habt ihr sie gefunden?"
"Sie haben uns gefunden, aber das ist eine längere Geschichte. Jetzt sollten unser Gäste vielleicht erst einmal zu ihren Leuten zurückgehen um sie zu beruhigen. Ich vermute, ihre Familie hat gesehen, wie wir sie mitgenommen haben. Sie werden das Schlimmste befürchten."
"Ich werde sie begleiten. Wenn ich darf, komme ich später wieder. Ich habe noch so viele Fragen."
"Komm ruhig zurück. Auch wir haben Fragen an dich." lächelte Artemisia.
"Wenn ich kann, werde ich sie beantworten."
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 03.04.2017, 05:17

"Los kommt! Gehen wir!"
Hans und Gerd standen auf und sahen uns unsicher an.
"Nun geht schon!" sagte Leofric.
Das ließen sie sich nicht zwei Mal sagen.
Bevor sie gingen, kam Gerd zu mir und sagte leise: "Es tut mir leid. Bitte verzeih mir."
Ich nahm seine Hand und drückte sie.
Laura und sein Vater waren schon zwischen den Fahrzeugen verschwunden und er lief ihnen nach.
Das Schmerzmittel ließ langsam nach und die Wunde fing wieder an zu schmerzen.
Helma sah, wie ich das Gesicht verzog und verabreichte mir eine zweite Dosis.
"Ich möchte jetzt ins Bett." sagte ich zu Marc, streifte die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden. Beim Aufstehen wurde mir schwarz vor den Augen und hätte er mich nicht gestützt, wäre ich in den Stuhl zurückgefallen.
Sofort war Ramón zur Stelle, und gemeinsam schafften wir es zu unserem Gefährt.
Mein Mann halft mir beim Ausziehen und ich legte mich hin.
Wotan kletterte in das Wohnmobil und kroch unters Bett. Marc füllte seinen Futternapf und stellte ihn nach draußen. Er musste ihn einige Male rufen, bis er kam. Das Futter war binnen weniger Augenblicke verschlungen und schon war der Hund wieder an seinem Platz.
In der Nacht musste ich mich zwei Mal übergeben. Beim ersten Mal musste Marc aufwischen. Beim zweiten Mal ging es in den bereitgestellten Eimer.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie durch den Wolf gedreht. Ich hatte Kopfschmerzen, der Rachen brannte, mir war immer noch schlecht und ich hatte brennenden Durst.
Mein Mann brachte mir einen heißen Kräutertee, den eine der Heilerinnen zubereitet hatte. Er schmeckte gallenbitter und ich hatte die größte Mühe, die Flüssigkeit zu schlucken und dann, sie unten zu behalten.
Dazu bekam ich ein Stück total verbranntes Brot, das ich nur zur Hälfte hinunter würgen konnte. Aber danach ging es meinem Magen besser.
Das "frühstücken" erschöpfte mich so, dass ich sofort wieder einschlief.
Ich träumte wirres Zeug von einem Engel mit langem rotem Haar, der aussah wie Laura, dessen Flügel aus lodernden Flammen bestanden.
Sie flog über den Treck des Kalifen hinweg, und alles, was sie mit ihren Flügeln berührte , verbrannte zu Asche.
Die Tanklastwagen explodierten, wenn sie sie streifte und die Arabs verwandelten sich in lebende Fackeln.
Neben einem großen Loch im Boden stand der Oberst, er trug eine rote Bermudashorts mit Totenkopfmuster, hatte statt des rechten Fußes einen Ziegenhuf, einen langen Schweif mit Quaste und aus seiner Stirn wuchsen gewundene Hörner. Er winkte die die Seelen der Toten zu sich. Feixend warf er sie in das Loch und sprang am Ende laut lachend hinterher.
Ich stand am Rand und schaute in die Tiefe. Weit, weit unten konnte ich spitze Felsformationen erkennen, die aus einem Meer aus Eis aufragten.
Eigentlich hatte ich brodelnde Magma erwartet. Nun ja, vielleicht war ja die Hölle zugefroren, fuhr es mir durch den Kopf.
Plötzlich stand Eusebio Cadenas neben mir. Er trug die Stücke seines Schädels und sein Gehirn in der linken Hand. Er sah mich hasserfüllt an und gab mir einen Stoß.
"Fahr zur Hölle!" brüllte er.
Schreiend fiel ich den Felsnadeln entgegen.

Mit einem Ruck setzte ich mich auf und fiel gleich wieder zurück.
Marc erschien im Eingang und fragte: "Was ist los? Du hast geschrien."
"Nichts weiter. Ich habe schlecht geträumt."
Sein Kopf verschwand und kurz darauf kam er mit Helma zurück.
Die entfernte den Verband und untersuchte die Verletzung. Die Ränder waren gerötet, der Arm war geschwollen und es pochte leicht.
"Das gefällt mir nicht." meinte sie.
Ein weiteres Mal bekam ich ein Betäubungsmittel gespritzt. Sie hantierte eine Weile herum, ich fühlte, wie sie einen Schnitt machte und wie der Druck nachließ. Es liefen Eiter und Wundwasser heraus. Danach desinfizierte sie die Wunde, trug wieder Salbe auf und legte einen neuen Verband an.
Marc kam mit einer Schüssel warmem Wasser und wusch mich von Kopf bis Fuß ab. Dann half er mir in leichte Kleidung und fragte, ob ich Hunger hätte.
"Eigentlich nicht, mir ist immer noch leicht übel. Aber ich habe Durst."
Er ging und kam mit einem Tablett wieder.
Durstig trank ich den Tee, der heute nur ganz leicht bitter schmeckte. Und anschließend begann ich, in kleinen Häppchen das Rührei und das Brot zu essen. Nur eine kleine Menge, um den Magen nicht zu überlasten.
Danach war ich schon wieder schläfrig.
"Hilf mir raus, ich möchte nicht mehr schlafen."
Gemeinsam schafften wir es von unserem zu Artemisias Wohnmobil. Marc musste mich stützen, aber es klappte.
Wieder bekam ich den Regiestuhl samt Hocker, Kissen und Decke.
Ich saß ruhig da und war zufrieden, dass ich keine Schmerzen hatte.
Wotan tauchte auf, setzte sich neben mich und legte den Kopf auf meinen Schoß. Ich streichelte ihn und dabei wanderten meine Gedanken erst zu meinem Alptraum und dann nach Paraguay zurück.
"Woran denkst du?" Ramón stand neben mir und sah auf mich herab.
"An Ñande Róga." antwortete ich. "Es waren so schöne Zeiten, als Adelina und Odilón noch lebten."
"Wollt ihr mir erzählen, was ihr unternommen habt, um die Hacienda zurückzubekommen?"
Marc gab mir den Tee, den er mir geholt hatte und sah uns erwartungsvoll an.
"Warum nicht? Wir haben ja gerade nichts anderes vor. Ich hoffe, ich schlafe dabei nicht ein." sagte ich.


Nach dem Essen stiegen Federico, Celia mit der kleinen Luz in den großen SUV Ernestos ein. Der hatte schwarz getönte Scheiben, so dass man nicht sehen konnte, wer drin saß.
Ihr Gepäck wurde umgeladen, Ernesto setzte sich an Steuer.
Ramón drückte Federico einen Zettel in die Hand.
"Sobald ihr bei Ernestos Freund angekommen seid, rufen Sie diese Nummer an. Es ist wichtig."
Der junge Mann steckte das Blatt in die Brusttasche seines Hemdes und nickte.
"Ich danke Ihnen vielmals."
"Nein, ich danke Ihnen. Was sie für mich getan haben, kann ich nie wieder gut machen. Passen Sie auf sich und Ihre Familie auf."
Da der Wachmann für den Abend frei bekommen hatte, öffnete und schloss Ramón das Tor.
"Wessen Nummer steht denn auf dem Zettel?" fragte ich neugierig.
"Die Nummer eines Mannes, der mir einen Gefallen schuldet. Er ist Chirurg und arbeitet in einem Hospital, das auf Operationen herzkranker Kinder spezialisiert ist. Er wird Luz operieren. Der Termin steht bereits und die OP ist bezahlt."
Ich ertappte mich dabei, wie ich überlegte, welchen Gefallen Ramón diesem Arzt erwiesen hatte.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es mit seinem "Beruf" zusammenhing. Gerne hätte ich ihn danach gefragt, aber das konnte ich nicht tun, ohne Ernesto zu verraten.
Eine Stunde später kamen Elena und die Haushälterin zurück und das Mädchen erzählte aufgeregt von dem Film, den sie gesehen hatten.
Maria hörte ihr eine Weile zu, schickte sie dann aber ins Bett, da sie am nächsten Tag Schule hatte.
Kurz vor Mitternacht kam Ernesto zurück und berichtete, dass die kleine Familie sicher zum Flieger gekommen war und inzwischen schon in der Luft war.
"Das war knapp." sagte ich.
"Sehr knapp. Als ich zum Auto zurückging, hörte ich, wie zwei Männer an der Abfertigung Federico beschrieben und fragten, wohin er geflogen sei.
Die Frau konnte es ihm nicht sagen, denn er hatte nicht bei ihr eingecheckt. Und der Angestellte, der die Passagiere der ersten Klasse eingebucht hat, war schon nicht mehr da."
"Caramba! Die Richterin hat einen langen Arm. Woher wusste die, dass sie fliegen würden?"
"Wahrscheinlich weiß sie das nicht. Ich wette, ihre Leute lungerten auch am Busbahnhof herum und beobachteten die Überlandbusse."
"Da hast du sicherlich recht." meinte Ramón. "Jetzt lasst uns schlafen gehen. Morgen arbeiten wir einen Schlachtplan aus, wie wir weiterhin vorgehen wollen."
"Gute Idee. Mir fallen schon die Augen zu." gähnte ich.
Nach einer kurzen Dusche fiel ich ins Bett und war auch sofort eingeschlafen.

Als ich aufwachte, zeigte mir ein Blick auf die Uhr, dass es bereits halb acht Uhr war und ich wunderte mich, dass mich noch keiner geweckt hatte.
Am Frühstückstisch saß nur Ernesto und schob kleine Stücke Toastbrot auf seinem Teller hin und her.
"Guten Morgen. Was ist los?" fragte ich ihn.
"Mboi sy hat Maria angerufen und ihr geraten, vorsichtig zu sein. Der Mann der Richterin lässt mit einer Beschreibung nach ihr suchen. Glücklicherweise ist die so ungenau, dass sie auf ungefähr ein Drittel aller paraguayischen Frauen zutrifft."
"Wieso suchen sie jetzt nach Maria?"
"Sie haben das Hospital aufgesucht und nach der Ärztin von Luz gefragt. Federicos Kollege hat dann bestätigt, dass sie nicht die Frau war, mit der er ihn vor dem Gerichtsgebäude gesehen hat. Ein Glück, dass er nicht unseren Wagen gesehen hat."
"Wo ist Maria jetzt?"
"Sie bringt Elena zur Schule."
Die Haushälterin brachte mir unaufgefordert eine Kanne Kaffee, Milch und Zucker und fragte, ob ich Toast haben wollte.
Ich machte wohl kein allzu begeistertes Gesicht, denn wenig später brachte sie Brot und Hörnchen.
"Wo ist denn Ramón?" fragte ich.
"Einkaufen. Sagte er jedenfalls."
"Und? Glaubst du es nicht?"
Er zuckte mit den Schultern. "Bei ihm weiß man nie."
Danach schwiegen wir. Ich hatte keine Lust, mit einem schlecht gelaunten Miesepeter Konversation zu machen.
Ich war bei der dritten Tasse Kaffee, als es hupte, und der Pförtner Marias Wagen einließ.
Als sie ausstieg, erkannte ich sie beinahe nicht wieder.
Bisher hatte sie ihr Haar offen getragen oder zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengefasst.
Heute trug sie einen kunstvoll geflochtenen französischen Zopf und sie hatte sich anders als gewohnt geschminkt. Ich glaube, hätte ich sie auf der Straße getroffen, ich wäre an ihr vorbei gegangen. So würde sie auch Federicos Kollege nicht erkennen.
"Hey, du siehst toll aus." begrüßte ich sie.
"Mir gefällt es auch." Ernesto stand auf und nahm Maria in den Arm.
"Du musst trotzdem vorsichtig sein. Es wäre besser, wenn Luján zukünftig Elena zur Schule bringen und wieder abholen würde."
"Das halte ich für keine gute Idee. Das würde auffallen. Wir dürfen unseren Tagesablauf nicht ändern."
"Da hast du natürlich recht. Aber ich habe Angst um dich. Und um Elena."
"Die wissen gar nichts. Nur der Angestellte hat mich gesehen, und das nur kurz und von Weitem. Die Kleidung von gestern werde ich nicht mehr tragen. Und in der Nähe des Gerichts habe ich auch nichts zu tun. Also, was soll schon passieren?"
"Du bist viel mutiger als ich."
"Jetzt setz ich mich noch zu euch und frühstücke."
Luján brachte mehr Kaffee, Hörnchen und Brot.
"Bring mir auch was." ertönte die Stimme Ramóns.
Die Haushälterin kam wenig später mit einem großen Tablett wieder, das sie auf einem Beistelltisch deponierte.
"Hast du noch drei Kumpel mitgebracht?" lästerte ich.
"Wieso?" fragte er mit Unschuldsblick und fing an zu essen.
"Erinnere mich daran, dass ich nie wieder ein Menü für zwei Personen mit dir zusammen nehme."
Maria sah mich fragend an.
"In Deutschland bestellten wir beim Griechen eine Fischplatte mit Beilagen für zwei Personen. Ich bekam davon drei Pommes frites und einen Fischkopf ab."
Ramón grinste nur und stopfte sich sein fünftes Hörnchen in den Mund.
"Wo warst du heute Morgen?" wollte ich wissen.
"Ich habe eine Camioneta gekauft. Wir brauchen ja ein Fahrzeug, mit dem wir zur Estancia fahren können."
"Wo steht sie?"
"Der Händler erledigt noch die Formalitäten. Er kennt eine Notarin, die den Titel und die Umschreibung bis morgen Nachmittag erledigen wird.
Ihr Mann arbeitet bei der Registratur."
"Wie wollen wir vorgehen? Wir können schließlich nicht einfach dort vorfahren und den Verwalter zum Teufel jagen."
"Ich habe da eine Idee."
"Lass hören!" verlangte ich.
"Später. Zuerst müssen wir dich als Touristin ausstaffieren. Maria, kommt deine Friseurin immer noch ins Haus?"
"Ja, warum?"
"Lea braucht einen neuen Haarschnitt und eine andere Haarfarbe."
Drei Stunden später hatte ich eine fransige Kurzhaarfrisur, ganz hellblond mit roten Strähnen.
"Gefällt mir." meinte Ramón.
Anschließend musste ich mit Maria einkaufen gehen.
Sie verpasste mir verwaschene Jeans, einige leichte Blusen und, für meinen Geschmack, viel zu enge Oberteile und Turnschuhe mit hohem Schaft.
Ein kleiner Trekkingrucksack vervollständigte meine Ausrüstung.

Am nächsten Tag bekam ich Ramón nicht zu sehen.
Beim Frühstück hatte er etwas von "ein paar Spezialaufträge vergeben" gemurmelt und war kurz darauf in das wartende Taxi vor dem Tor gestiegen.
Ich beschloss, den Tag auch auswärts zu verbringen und ließ mir vom Pförtner ebenfalls ein Taxi rufen, das mich zum Mercado Cuatro brachte.
Mir gefiel es, in das Gewirr der kleinen Gassen und die Unübersichtlichkeit der Markthallen und Geschäftshäuser einzutauchen.
Dort übte ich schon mal, die Touristin zu spielen, die nur ein paar Worte Castellano konnte. Ich fotografierte jeden und alles, lachte albern und versuchte, mit den Leuten auf Englisch zu reden.
Keiner der Händler und Verkäufer erkannte mich wieder, obwohl ich in den vergangenen Jahren oft dort gewesen war.
Aber da hatte ich eine andere Frisur und Haarfarbe gehabt und nicht ein halbes Pfund Schminke im Gesicht.
Am meisten liebte ich den kleinen Quader mit den vielen Ständen und Geschäften, die Heilpflanzen, Kräuter und Naturmedizin verkaufen.
Dort hatte ich schon unzählige Stunden mit langen Gesprächen und Diskussionen über die Anwendung und Wirkung verbracht.
Auch da spielte ich meine neue Rolle und schoss Fotos.
Dort kaufte ich allerdings ein, denn ich wollte ein paar dieser Kräuter, Tinkturen und Salben auf unsere Reise mitnehmen.
Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meinem Arm. Ich sah mich um und schaute in das runzlige Gesicht einer der Ladeninhaberinnen.
"Bist du unter die Clowns gegangen Ña Lea?" fragte sie mich.
"Ña Merce, wie hast du mich erkannt? Keiner der anderen hat mich bisher wiedererkannt."
"Die Menschen können ihr Aussehen verändern und ihre Stimme verstellen. Aber ihr Gang ist unverkennbar und deine Art, den Kopf zu neigen, wenn du jemandem zuhörst und einige Handbewegungen, die ich nur von dir kenne, haben dich verraten. Was soll diese Verkleidung?"
Merce war eine uralte Kräuterfrau, die von sich selber behauptete, sie sei fast hundert Jahre alt. Ich war jedoch immer der Meinung gewesen, sie sei viel, viel älter.
Ich konnte nicht sagen, wie viele Stunden wir schon vor ihrem Laden gesessen und geplaudert hatten.
Als ich nicht antwortete, nahm sie meine Hand und zog mich in den Laden. Dort öffnete sie eine Tür und führte mich in einen Patio.
Dort war ich noch nie gewesen und ich sah mit erstaunt um.
Von der Straße aus sah das Haus mit dem Laden eher klein, ärmlich und leicht heruntergekommen aus
Jetzt konnte ich sehen, dass das Haus sehr groß war, die drei Mauern, die vom Innenhof aus sehen konnte, waren sauber verputzt und gestrichen, durch die offenen Fenster konnte ich schöne Möbel sehen, in einem der Zimmer saßen ein paar Kinder vor einem riesigen Fernseher.
Der Innenhof selber war mit teuren Gartenmöbeln aus Teakholz ausgestattet, in großen und kleinen Tontöpfen wucherten Zierpflanzen und an den großen Schattenbaum, der in der Mitte wuchs, waren Orchideen angebunden, deren langen Blütenrispen bis fast auf den Boden reichten.
Als sie meine staunenden Blicke bemerkte, lachte sie spitzbübisch.
Wir setzten uns in die gepolsterten Sessel und sofort brachte eine junge Frau einen Krug mit Saft und Gläser.
"Und nun erzähl!" forderte sie mich auf.
Ich druckste herum und wusste nicht, was ich sagen sollte.
"Dein Bruder und du, ihr wollt eure Eltern rächen, stimmt´s?"
Wieder lachte sie mich aus.
"Einer alten Hexe wie mir kannst du nichts vormachen. Keine Angst, hier hört uns niemand und von mir erfährt keiner was."
Ich holte tief Luft und erzählte ihr alles.
Angefangen damit, wie ich Adelina und Odilón aus dem brennenden Fahrzeug gezogen hatte, wie ich Ramón kennengelernt hatte und wie ich vom Tod meiner Adoptiveltern erfahren hatte.
Die beiden hatten Ña Merce gut gekannt und Adelina hatte sie mir vorgestellt.
Da Federico und seine Familie in Sicherheit waren, erzählte ich ihr auch von ihnen.
"Ein guter Junge und eine nette Frau. Sie haben so hart gearbeitet um auf die Operation von Luz zu sparen. Das arme Kind. Ich habe ihm immer die doppelte Menge der Medizin für sein Geld gegeben. Aber auf Dauer wird sie das Mädchen nicht am Leben erhalten."
Es gab wohl keinen Menschen in ganz Asunción, den sie nicht kannte.
"Keine Sorge, Luz wird schon bald operiert werden. Ramón hat den Arzt schon bezahlt."
Da strahlte die alte Frau.
Sie stand auf und ging ins Haus. Es dauerte einige Zeit, bis sie wieder heraus kam.
Sie trat hinter mich und legte mir eine Kette um den Hals.
Es war ein feine Silberkette, an der ein dünnes Plättchen hing, das in allen Farben des Regenbogens schillerte, als ich es gegen das Licht hielt.
Es war etwa so groß wie ein Fünfmarkstück und war unerwartet schwer, dafür dass es nur etwa zwei Millimeter dick war.
"Was ist das?"
"Trage es immer bei dir und lege es niemals ab." sagte sie. "Es wird dich beschützen."
Der Ernst, mit dem sie die Worte sprach , sagte mir, dass sie fest daran glaubte.
"Komm zurück und erzähle mir, wie ihr eure Feinde vernichtet habt."
"Wie kannst du so sicher sein, dass wir Sieger bleiben?"
Sie lächelte und strich mir über die Wange.
"Die Götter lieben die Starken und helfen denen, die entschlossen sind."

Es dämmerte bereits, als ich aus dem Taxi stieg.
Vor dem Haus stand ein unauffälliger dunkelgrüner Nissan Terrano, wie es ihn hier zu tausenden gibt.
Der Pförtner ließ mich ein und ich kam gerade rechtzeitig zum Abendessen.
"Wo bist du gewesen?" fragte Ernesto.
"Im Mercado Cuatro, Touristin spielen. Keiner hat mich erkannt, nur Ña Merce."
"Sie ist eine Bruja, das weißt du doch." Ramón sah mich fragend an.
"Natürlich. Sie sagte es mir heute selbst."
"Sie sagte was?" rief Ramón, verschluckte sich an einem Bissen und begann fürchterlich zu husten.
Als er wieder zu Atem gekommen war, fragte er noch einmal: "Sie hat was zu dir gesagt?"
"Dass sie eine Hexe sei. Und sie hat mir das hier geschenkt."
Ich zog den Anhänger unter der Bluse hervor und ließ ihn an den Kette baumeln. Das Licht der Lampe brach sich auf dem Plättchen und warf bunte Reflexe an die Wand.
Maria sog scharf die Luft ein.
"Steck es weg und lass es niemanden sehen!"
Ich sah in ihr erschrockenes Gesicht und fragte: "Was ist los mit dir? Was ist das?"
"Eine Schuppe von Tejú Jaguá."
Ich lachte. "He, das ist doch nur eine Legende."
"Nein, ist es nicht! Dieses Amulett ist sehr wertvoll, Ña Merce muss dich sehr lieben, sonst hätte sie es dir nicht gegeben."
Ich sah, dass auch Ernesto und Ramón ernste Gesichter machten und wusste, dass ich jetzt besser keine Bemerkungen über Aberglauben machen sollte.
Ich steckte den Anhänger wieder in den Ausschnitt und fragte mich, in was ich da hineingeraten war.
Ich wusste, dass die Paraguayer sehr abergläubisch sind und sich sehr vor ihren alten Göttern fürchteten.
Die alten Legenden werden in den Familien weitergegeben und sogar in der Schule gelehrt.
Die Einheimischen glauben immer noch fest an die Götter und Geister, für sie sind sie Realität und spielen im täglichen Leben und Erleben eine große Rolle.
Fast alle ihre Götter oder Geister sind böse und grausam, bestenfalls sind sie furchterregend und gefährlich.

Das erzählen sich die Paraguayer über ihre Götter:

Tau war verliebt in die bildschöne Tochter von Marangatú, die ihr Leben mit Schlafen verbrachte. Aus diesem Grunde wurde sie Kerana (schläfrig) genannt. Sie galt als die Verkörperung des freundlichen Menschen.
Um sie zu gewinnen, hatte sich Tau in einen jungen Mann verwandelt. Mit diesem Aussehen besuchte Tau seine angebetete Kerana sieben Tage lang. Am letzten Tag versuchte er, Kerana zu entführen.
Angatupyry, ein guter Geist, sah sich gezwungen einzugreifen, um diese Entführung zu verhindern. Es kam zu einem Zweikampf mit Tau, der sieben Tage dauerte. Die Gerissenheit und die Tricks, die Tau beherrschte, sicherten ihm den Sieg über Angatupyry.
Tau nahm Kerana mit sich, was mit großer Trauer und Bestürzung vom Stamm der Guarani aufgenommen wurde. Der Stamm bat um exemplarische Bestrafung von Tau.
Angatupyry nahm sich dieses Wunsches an und belegte Tau mit einem schrecklichen Fluch.
Als Strafe für die Handlungen Taús wurden ihm und Kerana ihre sieben Kinder als Monster, jeweils vorzeitig im Alter von 7 Monaten, geboren.
Diese sieben Monster repräsentieren sieben Geißeln der Menschheit:
Angst, Schmerz, Weinen, Hunger, Durst, Krankheit und Tod.

Die Mythologie sagt, dass sich sieben Jahre lang das Böse über die Welt ausbreitete.
Die sieben Kinder von Taú und Kerana verursachten Angst – und Schrecken herrschte überall. Nirgendwo gab es Schutz. Niemand war sicher.
Todesfälle, Ausschreitungen, Plünderungen und Vergewaltigungen brachten die Menschen des Stammes dazu, sich einander zu bekämpfen.
Morde unter Brüdern brachten Familien dazu, sich gegenseitig angreifen und die Dörfer nieder zu brennen.
Das Böse breitete sich immer weiter aus. Männer bewaffneten sich und töteten und zerstörten. Das Böse war fester Bestandteil des Stammes geworden.


Die sieben Kinder von Tau und Kerana

Die sieben Söhne von Tau und Kerana in Reihenfolge ihrer Geburt:

1. Teju Yagua Gott der Höhlen, Kavernen und Früchte
Er lebt in den Höhlen und verbreitet Angst und Aberglauben.
Seine Gestalt ist die einer Eidechse mit sieben Hundeköpfen
Er war friedlich und ernährte sich von Obst und Früchten
Er gilt als Hüter der Schätze des Guarani-Lande

2. Mbói Tu'í
Mbói Tu'í ist der Schutzgott der Bäche, Flüsse und Sümpfe sowie der darin befindlichen Lebewesen.
Er hat den Körper einer riesigen Schlange mit dem Kopf eines Papageien
Die Zunge ist blutrot
Er lauert auch im Dschungel

3. Moñái
Moñái ist derGott der offenen Felder. Er wurde durch das Selbstmordopfer von Porâsý besiegt.
Er raubt und plündert.
Er ist der Beschützer der Diebe
Er hat einen Schlangenkörper und ist weniger als einen Meter lang
Er lebt in den Sümpfen und Mooren Paraguays
Sein abscheuliches Aussehen erschreckt die Menschen
Einige behaupten, dass derjenige stirbt, der ihn zu sehen bekommt.

4. Yasy Yateré
Yasy Yateréist der Gott der Pausen und Ferien. Der ist der einzige Gott, der nicht als Monster agierte.
Er machte seine Possen
Er entführte Kinder, versorgte sie mit Früchten und Honig und ließ sie anschließend wieder frei. Zu Hause narrten die Kinder dann ihre Eltern. Darum verbieten paraguayische Mütter noch heute ihren Kindern, in den Mittagsstunden im Freien spielen zu gehen. Aus Angst, Yasy Yataré könne sie holen.
Sein Name bedeutet „Mond-Splitter“
Er hat blonde Haare und blaue Augen
Er wandert in den Mittagsstunden nackt durch die Felder
Er hat einen Stock aus Gold, mit dem er Opfer anlockt
Seine Opfer übergibt er seinem Bruder Ao Ao, der Kannibale ist

5. Kurupi
Gott der Sexualität und der Empfängnis
Er entführt und vergewaltigt Töchter.
Seine Haut ist schwarz wie Kohle
Er hat einen sehr langen Penis, den er um die Taille geschlungen hat
Er gilt als Beschützer der Dschungel-Tiere

6. Ao Ao
Gott der Hügel und Berge
Er entführt die Herden des Stammes
Er hat die Gestalt eines vierbeinigen Tieres ähnlich der Schafe – nur größer und grausam
Er gilt als der Gott der Fruchtbarkeit, weil er viele Kinder hatte
Er bewegte sich in Herden und fraß MenschenDie einzige Art, ihm zu entkommen, ist das Erklettern einer Palme
Ao Ao gilt als Kannibale. Seine Menschenopfer erhielt er von seinem Bruder Yasy Yateré

7. Luison
Gott des Todes und aller Dinge, die damit zusammen hängen.
Er mag den Geruch der Friedhöfe
Er ernährt sich von dem Fleisch von Leichen
Dienstags und freitags verliert er seine menschliche Gestalt und wird zu einem grimmigen schwarzen Hund mit großen Zähnen, der einen unangenehmen Geruch ausströmt
Am neuen Tag nimmt er seine menschliche Gestalt wieder an und ist dann traurig, schmutzig und müde
Jedes siebte Kind einer Frau wird zu Luison
Luison zu erzürnen, bringt Leid, Elend und Tod über die ganze Familie
Luison ist der heute noch am meisten gefürchtete Gott der Guarani-Mythologie.
Daher werden schwarze Hunde geehrt. Niemandem würde es einfallen, einem schwarzen Hund etwas anzutun. Denn es könnte sich um die Verkörperung oder einen Abkömmling von Luison handeln.

Nach dem Essen wollte ich dann endlich etwas über die Pläne meines Bruders erfahren.
Aber der winkte ab.
"Ich habe heute einiges für unsere Fahrt eingekauft und besorgt. Unter anderem topografische Karten. Morgen setzen wir uns zusammen und arbeiten einen Plan aus. Ich werde jetzt ins Bett gehen, denn ich bin hundemüde."
Als er das sagte, musste ich gähnen und ich bemerkte, dass es mir genauso ging.
Wir sagten Gute Nacht und gingen auf unsere Zimmer.
Ich ging ins Badezimmer und zog mich aus.
Dann wollte ich das Amulett abnehmen, aber als ich die Kette über den Kopf streifen wollte, fühlte ich plötzlich einen starken Widerwillen dagegen.
Sobald es wieder an seinem Platz war, fühlte ich mich wohler.
Nur aus Neugier ergriff ich erneut die Kette, nahm sie ab und legte sie neben das Waschbecken. Dann trat ich in die Dusche und drehte das Wasser auf.
Plötzlich fing mein Herz an zu rasen, mir brach der Schweiß aus und ich taumelte gegen die Duschabtrennung.
Ohne nachzudenken öffnete ich die Schiebetür, griff nach der Kette mit dem Anhänger und legte sie mir wieder um den Hals.
Sofort ging es mir wieder gut.
Ich stellte mich unter die Dusche und ließ mir kaltes Wasser über Kopf und Körper laufen.
Während des Abtrocknens stellte ich mir die Frage: 'Was war das?'
Beantworten konnte ich sie nicht.
Am nächsten Morgen wiederholte ich das Experiment. Mit dem gleichen Ergebnis. Seither habe ich das Amulett nie wieder abgenommen.
Bis heute nicht.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 20.04.2017, 05:25

Nach dem Mittagessen, es gab gegrillten Fisch, Pfannenbrot und Wildkräutersalat, saßen wir ruhig und zufrieden vor Artemisias rollender Heimat.
Marc wollte, dass wir unsere Geschichte weiter erzählten und auch Artemisia und Leofric wollten gerne mehr hören. Sie hatten Beide von Anfang an zugehört.
Zuerst zufällig und heimlich, jetzt ganz offiziell.
Auch unsere anderen Freunde hatten eine kurze Zusammenfassung erhalten und saßen mit erwartungsvollen Gesichtern am Tisch.
Gerade als ich beginnen wollte, sprangen plötzlich Wotan und mehrere andere Hunde auf und rannten laut bellend in Richtung Schutthügel.
Einige "Adler" zogen ihre Waffen und liefen ihnen hinterher.
Kurz darauf kamen sie in Gesellschaft von Laura, Hans, Gerd und mehreren älteren Personen zurück.
"Hallo. Da sind wir wieder. Das hier sind weitere Bewohner der Siedlung, die euch kennenlernen wollen."
Laura stellte sie uns namentlich vor, aber ich merkte mir nur den Namen von Hans` Frau Sandra.
Zuerst standen alle unsicher herum, dann brachten die Nomaden Stühle für sie und es gab für jeden den unvermeidlichen Becher Tee.
Laura wollte die Geschichte vom Oberst und seinen Gefolgsleuten hören.
Die Arkenberger staunten nicht schlecht, als sie von der Unterirdischen Stadt, den Kannibalen, den U-Bahnfahrern und den Oberirdischen hörten.
Da alle wussten, dass der Oberst viele ihrer Verwandten und Nachbarn und weitere Deutsche den Arabs ans Messer geliefert hatte, hörten sie den Bericht über seine Hinrichtung mit Genugtuung.
"Was mich jetzt brennend interessiert ist, warum eure Siedlung bis heute unangetastet blieb. Die Autobahn, die hier vorbeiführt, wird doch oft von den Trecks des Kalifen genutzt. Und es ist ja nicht so, dass die immer nur stur geradeaus fahren."
Ahlborn schaute die Leute der Siedlung neugierig an.
Doch die schüttelten nur den Kopf.
"Wenn ich ehrlich bin, das haben wir uns auch schon oft gefragt." sagte ein großer Mann mit graumeliertem Haar und Bart.
"Und warum habt ihr die Leiche des alten Mannes in seinem Haus gelassen und ihn nicht beerdigt?" wollte ich wissen.
"Als wir Anton fanden, war er schon mindestens zwei Wochen tot. Und wir dachten, wenn wir ihn so liegen lassen, denken Plünderer, dass die Siedlung unbewohnt ist." erklärte eine der Frauen.
Ich zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Irgendwie entbehrte es ja nicht jeglicher Logik. Auch wir hatten beim Anblick der mumifizierten Leiche genau das gedacht.
"Das erklärt jedoch nicht, dass ihr bisher unbehelligt geblieben seid. Die Musels hätte das nicht abgeschreckt."
"Das ist eigentlich ganz einfach." ergriff Laura das Wort.
"Ich habe rund um die Siedlung, vor allem bei allen Zufahrten, Warnungen vor Azrael angebracht."
"Und wie sehen die aus?" fragte Calvin.
"Ich habe den Namen in arabischen Schriftzeichen z.B. auf Hinweisschilder und Hauswände gemalt."
"Woher kennst du die Schriftzeichen?" wollte Hans wissen.
"Ich habe heimlich an der Volkshochschule arabisch gelernt."
Irgendwann hatte es sie genervt, wenn die arabischen Schüler untereinander geredet, die deutschen Jungen und Mädchen dabei angesehen und gelacht hatten.
Sie beschloss, dieses Sprache zu lernen und belegte Kurse.
Keiner wusste davon, noch nicht einmal ihre Familie.
Ganz langsam fing sie an, die Gespräche zu verstehen, ließ sich aber nie etwas anmerken. Was sie aus den Gesprächen der jungen Muslime erfuhr, gefiel ihr zumeist gar nicht.
Im Großen und Ganzen handelte es sich zwar nur um Beleidigungen und abfällige Bemerkungen, aber ab und zu machten ihr die Kommentare auch Angst.
Einmal erfuhr sie, dass ihr einige der jungen Männer ihrer Klasse auf dem Heimweg auflauern wollten.
Sie nahm einen anderen Weg und konnte so einer Vergewaltigung entgehen. Ab diesem Tag nahm sie täglich einen anderen Nachhauseweg.
Anderen Mädchen erging es nicht so gut.
Die Täter hatten ja nichts zu befürchten, Anzeigen wurden erst gar nicht entgegengenommen, geschweige denn, dass sie verhaftet wurden.

"Was hast du in Plau gesehen, nachdem die Soldaten gegangen waren?" Miriam stellte Laura diese Frage.
Lauras Gesicht wurde hart. Sie schüttelte den Kopf und ich dachte, sie würde sich weigern, ihre Erlebnisse zu schildern.
Dann atmete sie tief durch und sah uns der Reihe nach an.
"Also gut. Ich hatte beschlossen, noch eine Weile in Plau zu bleiben um herauszufinden, was mit meiner Familie geschehen war. Ich hatte ja gesehen, wie sie meine Mutter und meine Schwester weggebracht hatten."
Nachdem es dunkel geworden war, blieb sie noch eine Zeitlang im Haus.
Hier am Ortsrand war es ruhig, aber von weiter entfernt konnte sie Schreie und lautes Gelächter hören.
Und da sie sich lebhaft vorstellen konnte, was dort vor sich ging, krampfte sich ihr Herz vor Angst und Mitleid zusammen.
Nach ihrem Empfinden war es kurz vor Mitternacht als sie das Haus verließ und sich Richtung Ortsmitte auf den Weg machte.
Sie hielt sich in den dunklen Nebengassen und mied alle hellen Stellen.
Schließlich erreichte sie einen größeren Platz und musste von ihrem Versteck aus beobachten, wie die Frauen und Mädchen brutal vergewaltigt wurden. Zitternd schlang sie die Arme um den Oberkörper und weinte lautlos vor sich hin.
Als einer der Männer eine junge Frau, deren Kleidung in Fetzen herunterhing, in die Mitte des Platzes schleifte und sie dort auf den Boden warf, hätte sie beinahe laut aufgeschrien. Sie erkannte ihre Schwester. Als der Mann sich hinkniete, um zwischen ihre Schenkel zu kommen, holte sie plötzlich überraschend aus und trat ihm kräftig gegen den Kopf.
Er fiel zur Seite und rührte sich nicht mehr.
Lauras Schwester sprang auf und wollte die Gelegenheit zur Flucht nutzen. Sie rannte los und schaffte es beinahe, in eine der Gassen zu flüchten. Ein Schuss in den Rücken brachte sie zu Fall.
Einer der Arabs ging zu ihr hin und drehte sie mit dem Fuß auf den Rücken.
"Die ist hinüber." rief er seinen Kumpanen zu und lachte. "Was ist mit Machmud?"
Der Mann, der neben dem Gefallenen kniete, schüttelte den Kopf.
"Sein Genick ist gebrochen. Die Hure hat ihn umgebracht."
Der Mann neben Lauras Schwester trat nach deren Leiche.
Das war zu viel. Laura zog eines der Messer aus dem Gürtel und wollte sich auf ihn stürzen.
Eine Hand hielt ihr den Mund zu, die andere hielt sie am Arm fest. Eine Stimme flüsterte ihr ins Ohr: "Bist du verrückt? Willst du auch sterben?"
Sie wehrte sich panisch, kam gegen die Kraft des Mannes aber nicht an.
Der hielt sie fest, bis ihre Gegenwehr erlahmte.
"Wirst du vernünftig sein, wenn ich dich loslasse?"
Sie nickte.
"Los! Komm weg von hier, bevor sie uns entdecken." Er hielt sie immer noch am Arm gepackt und zog sie mit sich, weg von den Gräueln auf dem Platz.
Er führte sie zurück zu dem Haus, in dem sie sich den Tag über aufgehalten hatte. Dort nahm er ihren Rucksack von der Garderobe und führte sie aus der Ortschaft.
Wie weit sie gingen und wie lange sie ihm folgte, daran konnte sie sich später nicht mehr erinnern.
Schließlich erreichten sie eine kleine Ansammlung von Häusern und bei einem davon führte er sie zur Hintertür und zog sie hinein.
Im schwachen Schein einer kleinen Taschenlampe führte er sie in den Keller, zog ein Regal zur Seite und schob sie in den Raum dahinter.
Das Regal wurde wieder an seinen Platz gerückt und ihr Führer machte Licht.
Und sie konnte ihn das erste Mal sehen.
Erschrocken wich sie bis zur Wand zurück und zog eines ihrer Messer und hielt es vor sich.
Für einen Araber war er groß und kräftig. Er hatte schwarzes, kurzes Haar, dunkle Augen und einen dunklen Teint.
Ohne ihre Waffe zu beachten, trat er an einen kleinen Gasherd und machte Wasser heiß. Aus einem kleinen Buffet nahm er zwei Tassen, gab Instantkaffee hinein und goss ihn schließlich mit heißem Wasser auf.
Während der ganzen Zeit sprach er kein Wort. Er stellte die Tassen auf einen kleinen Tisch, ebenso eine Zuckerdose und ein Glas mit Milchpulver.
"Setzt dich!" Er zog einen Stuhl heran und begann, Zucker und Milchpulver in seine Tasse zu geben. Dann trank er das heiße Gebräu in kleinen Schlucken.
Laura blieb noch einige Zeit mit dem Messer in der Hand stehen. Schließlich kam sie sich ein wenig blöd vor, steckte die Waffe weg und setzte sich ebenfalls an den Tisch.
Während sie sich auch Zucker und Milchpulver in ihren Kaffee tat, behielt sie den Mann wachsam im Auge.
"Wer bist du?"
"Dein Retter?"
"Warum hast du das getan? Was werden deine Freunde dazu sagen?"
"Das sind nicht meine Freunde." sagte er mit grimmiger Miene.

"Ich glaubte ihm kein Wort, dachte, er hätte mich in diesen Keller gebracht, um mich für sich alleine zu haben."
Sie trank ihren Kaffee und beobachtete ihn, wie sie glaubte, unauffällig, indem sie ihm immer nur kurze Blicke zuwarf und tat, als gelte ihr ganzes Interesse dem Inhalt ihrer Tasse.
"Hast du Hunger?" fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe schon gegessen."
Er stand auf, stellte eine Dose Brot auf den Tisch und öffnete eine Büchse, die er aus einer Kiste neben dem Gasherd nahm.
Ein verführerischer Duft stieg ihr in die Nase und ihr Magen fing laut an zu knurren.
Der Mann lächelte, stellte einen Teller vor ihr auf den Tisch und legte Messer und Gabel dazu.
Er schnitt sich dicke Scheiben des Inhalts ab und belegte sein Brot damit. Dann begann er genüsslich zu kauen.
Laura zog die Dose zu sich heran, sah den Aufdruck und rief aus: "Das ist ja Schweineschmalzfleisch!"
"Ja, schmeckt lecker, oder?"
Sie war verwirrt. "Moslems dürfen doch kein Schweinefleisch essen!"
"Habe ich je behauptet, einer zu sein?"
"Ja, aber……….Du bist doch Araber, oder?"
"Ägypter. Genauer gesagt, ein koptischer Christ aus Kairo."
"Und was hast du mit den Moslems in Plau zu tun?"
"Ich töte sie."
Laura blieb der Mund offen stehen.
"Du tust was?"
"Ich töte sie, wann immer ich es tun kann, und sie es nicht mitbekommen."
"Warum?"
"Sie haben meine Eltern und meine ganze Familie umgebracht. Meine jüngste Nichte war erst drei Monate alt. Sie haben sie an den Füssen gepackt und mit dem Kopf gegen die Wand geschmettert. Meine Schwester musste es mit ansehen, dann haben sie sie vergewaltigt und für tot liegen lassen. Sie hat als Einzige überlebt. Ich habe meine Familie begraben. Alle vierzehn."
"Das war meine Schwester, die sie in Plau ermordet haben."
Er sah sie an. "Ich leide mit dir."
"Meine Mutter ist noch dort und viele Verwandte, Freunde und Nachbarn. Können wir denn gar nichts für sie tun?"
"Ich fürchte nein. Sie haben nur einige Frauen hier behalten, die anderen und die Männer sind schon vor Stunden auf den Weg gebracht worden."
"Wohin?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Zu den Amis, nach Saudi Arabien, Irak, Afghanistan…..Es kommt darauf an, von wo der Kalif Bestelllungen hat. Außer ihm wissen das nur noch seine Stellvertreter. Das Fußvolk erfährt davon nichts. Die werden mit einigen Sexsklavinnen bei Laune gehalten und dürfen plündern, nachdem sich die Amis und der Kalif die besten Stücke gesichert haben."
Als sie nachfragte, erzählte er ihr, was es mit den Amerikanern auf sich hatte.

Nachdem sie sich einige Stunden unterhalten hatten, fiel ihr plötzlich ein, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte.
"Wie heißt du eigentlich?"
"Ich habe meinen Namen abgelegt. Ich will nicht, dass einer dieser Barbaren ihn ausspricht und beschmutzt. "
"Wie lässt du dich denn von ihnen nennen?"
"Usama"
"Hast du dir den Namen Löwe aus einem bestimmten Grund ausgesucht?"
"Ja."
"Ich kann mir schon denken warum. Aber ich werde dich lieber Nasir, also Beschützer, nennen."
Jetzt war es an ihm, das Mädchen erstaunt anzuschauen.
Sie erklärte ihm kurz, wie sie zu ihren Sprachkenntnissen gekommen war.
Dann erzählte er, was er über die Invasoren hatte in Erfahrung bringen können.
Irgendwann begann sie zu gähnen.
Nasir, er hatte sich bereit erklärt, sich von ihr so nennen zu lassen, holte aus einer Ecke ein Klappbett und gab ihr ein Kissen und eine Decke.
Kaum lag sie, war sie auch schon eingeschlafen.

Der Geruch von Kaffee weckte sie.
Entgegen ihrer Befürchtungen hatte sie weder schlecht geschlafen noch Alpträume gehabt.
Sie ging in das kleine Badezimmer, in dem sie sich vor dem Schlafengehen gewaschen und abgeschminkt hatte.
Aus dem Rucksack nahm sie frische Kleidung und zog sie an.
Kurz darauf saß sie am Tisch und aß mit gutem Appetit Brot mit Fisch in Senfsoße.
Dann stellte sie die Frage, die sie gestern schon hatte stellen wollen.
"Wo ist deine Schwester?"
"In Rostock."
"Hast du mir nicht erzählt, dass der Kalif und seine Leute die Stadt eingenommen hätten? Ist sie dort nicht in großer Gefahr?"
Nasirs Schwester Sofía lebte in Rostock in einem der Häuser, aus denen ihre ursprünglichen Eigentümer vertrieben worden waren.
Sie galt als Nasirs Ehefrau und strenggläubige Muslima. Sie trug den Tschador, keiner hatte je ihr Gesicht gesehen. Sie verließ das Haus nur, um sich ihre Lebensmittelration abzuholen oder um in die Moschee zu gehen.
Dort hielt sie sich täglich stundenlang auf, hatte sich freiwillig zum Reinigungsdienst angeboten.
Bald hatten sich alle an die schwarz vermummte Frau gewöhnt, die mit Staubwedel und Putzlappen durch das Gebäude huschte.
Für die Männer, die sich in den Nebenräumen zu Gesprächen trafen, war sie gar nicht vorhanden.
So erfuhr sie vieles über die Pläne und Machenschaften des Kalifen und seiner Helfer.
Er hatte so schon einige dieser Pläne vereiteln können, hatte deutsche Widerständler über Sklaventransporte informiert, die diese dann aufhielten, die Gefangenen befreiten und die Arabs eliminierten.
Nasir hatte auch schon einige Boten abfangen, kleinere Gruppen in einen Hinterhalt locken und töten können.
Natürlich wurden nicht alle Pläne in der Moschee besprochen, so dass Sofía nicht alles erfahren konnte.
Aber Nasirs Aktivitäten reichten schon aus, um bei den abergläubischen Arabs Angst auszulösen.
Bald sprachen sie hinter vorgehaltener Hand von Iblis und von Djinns, die den Gläubigen des Nachts auflauerten und sie verschleppten.
Dann wurden immer wieder tote Arabs gefunden.
Meistens lagen sie am Fuße einer Treppe, waren aus einem Fenster oder von einem Balkon zu Tode gestürzt.
Bei den ersten Beiden dachte sich noch keiner etwas dabei. Doch als sich diese Art von Todesfällen häuften, waren sie der Anlass zu noch mehr abergläubischem Gerede.
Die Schriftkundigen, die Koranverse aufschrieben, und die Lederhandwerker, die diese Zettel in Lederbeutelchen einnähten, die man um den Hals hängen konnte, hatten Hochkonjunktur.
Die Frauen behängten sich mit der Hand der Fatima und beide Geschlechter trugen immer ein Blaues Auge bei sich.
Viel schienen diese Amulette allerdings nicht zu helfen, denn die Todesfälle hörten nicht auf.
Ebenso wenig die Schauergeschichten, die erzählt wurden.
Einige behaupteten, sie hätten einen dunklen Schatten gesehen, andere berichteten von einem glühenden Augenpaar, das sie des Nachts aus einem Gebüsch heraus angestarrt hätte. Einer schwor, er hätte Schritte gehört, ein Gewand hätte geraschelt, aber niemand wäre zu sehen gewesen.
Diese Schritte und das Rascheln von Stoff waren wahrscheinlich die letzten Geräusche, die die zu Tode gestürzten Personen in ihrem Leben hörten.
Sofía erzählte all diese Geschichten ihrem Bruder, wenn er zu ihr kam.
"Sei vorsichtig!" mahnte er. "Übertreibe es nicht und werde nicht leichtsinnig."
"Keine Sorge, ich passe auf mich auf." antwortete sie. "Ich werde jetzt eine Weile aussetzen, denn sie werden zu misstrauisch und vorsichtig. Morgen, beim Freitagsgebet will der Imam Allah um Hilfe gegen den Würgeengel bitten. Ich werde sie eine Weile in dem Glauben lassen, es hätte geholfen."
Nachdem die dritte Nacht in Folge ohne Todesopfer geblieben war, begannen die Arabs Rostocks aufzuatmen.

"Was hast du vor?" fragte Nasir Laura.
"Gibt es denn wirklich keine Hoffnung, meine Mutter und meine Verwandten und Nachbarn zu finden und zu befreien?"
"Hoffnung gibt es immer."
"Aber du siehst keine reelle Chance, dass wir herausfinden können, wohin sie verschleppt wurden?"
"Wenn ich ehrlich bin. Nein."
Laura ließ den Kopf hängen, obwohl sie versuchte, nicht zu weinen, liefen ihr die Tränen übers Gesicht.
"Dann will ich nach Hause."
"Ich habe noch etwas zu erledigen, dann bringe ich dich hin."

Er bat sie, im Versteck zu bleiben und auf seine Rückkehr zu warten. Es könne länger dauern, vielleicht sogar einige Tage.
Wohin er gehen wollte und was er zu tun hatte, wollte er ihr trotz mehrfachen Nachfragens nicht sagen.
"Es ist genügend Nahrung und Wasser da. Iss und trink was und so viel du willst."

Nach einigen Stunden wurde ihr langweilig.
Wie sich die Geheimtür öffnen und schließen ließ hatte ihr Nasir gezeigt.
Sie beschloss, sich im Haus umzusehen.
Im Erdgeschoss befanden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer, im ersten Stock ein Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer und ein Büro.
Aus Neugier öffnete sie alle Türen und Schubladen der Schränke und sah deren Inhalt durch.
Hätte sie ein Fahrzeug zur Verfügung gehabt, hätte sie sicherlich einige Dinge mitgenommen.
So beschränkte sie sich auf einige schöne Schmuckstücke, die sie im Schlafzimmer in einer Schatulle fand.
Die Kleidungsstücke der damaligen Hausbewohnerin waren ihr etwas zu groß, die in den Kinderzimmern wiesen auf zwei Mädchen hin, die ein paar Jahre jünger waren als sie selbst.
Sie betrat das Badezimmer, und da es dort recht dunkel war, betätigte sie aus Gewohnheit den Lichtschalter.
Die Lampe ging an.
Erschrocken machte sie das Licht sofort wieder aus und hoffte, dass niemand das kurze Aufblitzen bemerkt hatte.
Nasir hatte ihr zwar erzählt, dass im weiten Umkreis niemand mehr wohnte, aber man konnte ja nie wissen.
Sie drehte den Wasserhahn des Waschbeckens auf und tatsächlich funktionierte auch die Wasserversorgung noch.
Sie benutzte die Toilette und wusch sich die Hände. Das Wasser kam heiß aus der Leitung.
Da gab es für sie kein Halten mehr.
Aus dem Schlafzimmer holte sie sich frische Unterwäsche und einen Bademantel.
Dann zog sie die Kleidungsstücke aus, in denen sie geschlafen hatte.
Sie duschte ausgiebig, wusch sich die Haare und genoss das heiße Wasser auf ihrer Haut.
Eingehüllt in den Bademantel, ein Handtuch um den Kopf gewickelt, stand sie dann vor dem Kleiderschrank und hatte die Qual der Wahl.
Kleider und Röcke kamen natürlich nicht in Frage, ebenso wenig die Sommerkleidung.
Von einfacher, schlichter Kleidung hatte die Bewohnerin nicht viel gehalten. Das Meiste war Businessdress. Schicke Kostüme und Hosenanzüge oder ebenso teure wie für sie unpassende Freizeitkleidung. Die dazu passenden Pumps und Highheels standen sauber aneinandergereiht auf dem Boden des Schrankes.
Sie wählte dann, entsprechend ihrem neuen Outfit, eine enge schwarze Jeans, eine schwarze Bluse mit Spitzenkragen und -ärmeln. Dazu eine leichte Steppweste in purpurrot.
Mangels passenden Schuhwerks, die waren ihr zwei Nummern zu klein, zog sie frische Socken an und ihre Boots.
Dann wollte sie ihre Sachen im Waschbecken einweichen, als ihr einfiel, dass sie dafür die Waschmaschine im Keller nutzen könnte.
Sie steckte auch die gebrauchten Handtücher und Kleidungsstücke Nasirs dazu.
Drei Stunden später holte sie sie aus dem Trockner und nahm sie wieder mit ins Versteck.
Danach ging sie noch einmal ins Wohnzimmer, wo sie neben unzähligen DVDs auch einige Bücher gesehen hatte.
Sie stapelte diejenigen, deren Klappentext sie interessant fand auf dem Wohnzimmertisch und trug schließlich etwa fünfzehn Stück nach unten.
Die Gaslampe war zwar sehr hell, aber um zu lesen, musste sie auf dem unbequemen Stuhl am Tisch sitzen.
Mit ihrer Taschenlampe war es nicht viel besser.
Als sie die dazu benutzte, in der Kiste nachzuschauen, was es an Essbarem gab, streifte der Schein eine Steckdose.
Sofort leuchtete sie zur Tür und drückte auf den Lichtschalter.
Auch hier funktionierten die Deckenleuchten. Und sie musste wegen des Lichts keine Angst haben, denn der Raum hatte keine Fenster.
Anscheinend war Nasir gar nicht auf die Idee gekommen, dass Strom und Wasser noch vorhanden sein könnten.
Der Raum besaß eine kleine Einbauküche, einen Kühlschrank, eine Elektrokochplatte und das Badezimmer hatte Dusche, WC und Waschbecken.
Alles funktionierte.
Nur der Kühlschrank nicht. Bis sie entdeckte, dass er nicht eingesteckt war.
Also waren die Wasserkanister im Badezimmer und bei der Spüle unnötig.
Sie packte Wasserflaschen und Wurstdosen in den Kühlschrank.
Ein weiterer Ausflug in den ersten Stock versorgte sie mit Seife, Shampoo, Duschgel, Zahnpasta und Zahnbürste. Auch ein Stapel Handtücher wanderte in den Kellerraum.
Aus dem Wohnzimmer holte sie zwei kleine Sessel, einen Beistelltisch und eine Stehlampe.
Nun stand einem gemütlichen Leseabend nichts mehr im Weg.

Am nächsten Tag erkundete sie die nähere Umgebung des Hauses und durchsuchte die Nachbarhäuser.
Einige Male kehrte sie bepackt mit Büchern, Lebensmitteln, Bierdosen und Weinflaschen ins Versteck zurück.
Am dritten Tag plünderte sie gerade eines der Häuser zwei Straßen weiter , als sie durch das Geräusch eines Fahrzeugmotors aufgeschreckt wurde.
Vorsichtig spähte sie durch den Vorhang, als ein Lieferwagen am Haus vorbeifuhr. Und er hielt genau vor "ihrem" Haus.
Starr vor Schreck beobachtete sie, wie die Fahrertür geöffnet wurde und ein Mann ausstieg.
Er bewegte sich irgendwie seltsam und als er die Tür schließen wollte, brach er plötzlich zusammen und bewegte sich nicht mehr.
Was sollte sie tun? Der Wagen vor der Tür konnte Neugierige anlocken, von der Leiche ganz zu schweigen.
Sie musste beide verschwinden lassen.
Ihren ganzen Mut zusammennehmend verließ sie das Gebäude und näherte sich vorsichtig der am Boden liegenden Gestalt.
Plötzlich wurde ihr eiskalt.
"Nasir!" schluchzte sie und rannte die letzten Meter zu ihm hin.
Sweatshirt und Hose auf der linken Seite waren voller Blut.
Sie kniete sich neben ihn und legte einen Finger auf seine Halsschlagader.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 01.05.2017, 22:58

Er lebte.
Wie sie es geschafft hatte, ihn ins Haus zu schleppen, konnte sie später nicht mehr sagen. Auch nicht, wie sie ihn aufs Sofa gebracht hatte.
Mühsam zog sie ihm die Kleidung aus.
An der Hüfte hatte er eine Schussverletzung, wie sie sehen konnte ein Streifschuss, der allerdings ganz schön tief ging.
Ohne groß nachzudenken, holte sie warmes Wasser und einen Waschlappen und begann ihn zu säubern. Danach sah die Sache nur noch halb so schlimm aus.
Allerdings fand sie im ganzen Haus kein Verbandszeug.
Sie hatte gelernt, dass man blutende Wunden bis zur Versorgung mit frisch gebügelten Tüchern abdecken kann.
Schnell bügelte sie einige Geschirrhandtücher und legte sie mehrfach gefaltet auf die Wunde.
Sie würde Wunddesinfektionsmittel und richtiges Verbandszeug brauchen.
Da erinnerte sie sich an die Apotheke, die sie bei ihren Erkundungsgängen gesehen hatte.
Bevor sie das Haus verließ, deckte sie ihn warm zu.
Dann stieg sie in den Wagen und fuhr die paar Straßen dorthin.
Zu ihrer Überraschung waren noch keine Plünderer dort gewesen.
Die Tür war allerdings verschlossen und sah sehr massiv aus.
Sie ging ums Haus herum und fand die Hintertür. Auch sie war abgeschlossen.
Suchend sah sie sich um, fühlte mit den Fingern oben auf dem Türrahmen, schaute unter die Fußmatte, durchsuchte einige Blumentöpfe und wurde schließlich unter einem Gartenzwerg fündig.
Lächelnd schloss sie die Tür auf und stand wenig später im Verkaufsraum.
Schnell hatte sie gefunden, was sie suchte.
Haut- und Wunddesinfektionsmittel, eine Heilsalbe, steriles Verbandszeug, Schere, Pflaster, Leukoplast, einige Spritzen, ein Anästhetikum und verschiedene Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Tupfer und Alkohol.
Und wo sie schon mal dabei war, packte sie auch gleich noch Kopfschmerztabletten, Beruhigungs- und Schlafmittel ein.
Sie nahm sich die Baumwolltaschen, die unter der Verkaufstheke lagen, und füllte sie.
Bei den Drogerieartikeln bediente sie sich ebenfalls. Seife, Feuchttücher, Tampons, Slipeinlagen.
Kurz vor dem Gehen entdeckte sie den Korb mit den Süßwaren. Den nahm sie komplett mit.
Sie schloss die Tür und steckte den Schlüssel ein.

Zurück im Haus machte sie sich an die Arbeit.
Sie las den Beipackzettel des Betäubungsmittels, zog eine Spritze auf, desinfizierte die Haut und spritzte es ein.
Nach ein paar Minuten begann sie die Wunde zu desinfizieren, trug dick Salbe auf und deckte sie mit einer silberbedampften Kompresse ab, die sie mit Leukoplast festklebte.
Zum Schluss spritzte sie ihm den Entzündungshemmer.
Nun musste sie den Wagen verstecken.
Das Haus hatte eine Garage, die vom Haus aus zugänglich war.
Und sie war leer.
Der Transporter passte von der Länge her gerade so hinein.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, hatte Nasir die Augen geöffnet und versuchte gerade, sich aufzusetzen.
"Bleib liegen! Ruh dich erst einmal aus."
"Wir können nicht hier oben bleiben, sie suchen nach mir."
"Schaffst du es nach unten, wenn ich dich stütze?"
"Ich muss es schaffen. Hilf mir hoch!"
Sie zog ihn hoch und mit Müh und Not schafften sie es ins Versteck, wo er sich aufs Bett fallen ließ.
Sobald er lag, deckte sie ihn zu und rannte nach oben.
Schnell raffte sie die blutigen Kleidungsstücke zusammen und steckte sie vorm Haus in den Mülleimer.
Im Schlafzimmer rollte sie das Bettzeug zusammen, nahm aus dem Kleiderschrank des Mannes wahllos einige Kleidungsstücke, Unterwäsche und Schlafanzüge, packte alles zusammen und trug es nach unten.
Beim zweiten Mal holte sie die Sachen, die sie aus der Apotheke mitgebracht hatte, die Decke und die Kissen vom Sofa.
Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass nichts Verräterisches mehr herumlag und stieg ein letztes Mal die Stufen hinunter. Sorgfältig schloss sie die Geheimtür hinter sich.
Nasir war eingeschlafen. Die Anstrengung hatte ihn erschöpft.

Sie konnte nichts anderes tun als zu warten.
`Ein Glück, dass ich diese Ausbildung zum Rettungsassistenten mitgemacht habe.' ging ihr durch den Kopf.
Es fehlten zwar noch 3 Monate, aber da wären zum Großteil nur noch Wiederholungen und Übungen angestanden.
'Na ja, Übung bekomme ich nun eben in der Praxis' dachte sie.

Sie zuckte erschrocken zusammen, als eine Tür laut zuschlug.
Dann hörte sie Schritte auf der Kellertreppe und schlich sich leise zum Guckloch, von dem aus man den ganzen Kellerraum überblicken konnte.
Vier Araber, bis an die Zähne bewaffnet, standen mitten im Raum und sahen sich um.
"Hier ist er nicht. Das Haus ist leer. Suchen wir weiter."
"Hast du den gekannt?"
"Es war zu dunkel um sein Gesicht zu sehen. Das war bestimmt ein verdammter Kuffar. Allah vernichte ihn!"
"Sicher nicht! Das sind doch alles Schlappschwänze. Wie konnte er sich unbemerkt anschleichen und sieben von uns töten, bevor wir auch nur bemerkten, dass er da ist?"
"Das war kein Kuffar. Keiner von denen kann auch nur einen von uns besiegen. Das war der Scheitan."
"Warum denkst du das?"
"Weil Hüseyin ihm ein ganzes Magazin seiner MP in den Körper gejagt hat und er ist lachend davongegangen."
"Er ist in einem Auto geflüchtet. Also war es ein Mensch."
Sie stritten sich noch eine Weile herum, dann verließen sie den Keller und bald darauf hörte sie das Geräusch eines wegfahrenden Fahrzeugs.
Sie setzte sich wieder in ihren Sessel und horchte.
Aber außer den regelmäßigen Atemzügen Nasirs hörte sie keinen Laut.
Sie nahm ihr Buch und versuchte zu lesen, aber das Gehörte ging ihr nicht aus dem Sinn.
Nasir schien eine Gruppe der Feinde überfallen und einige von ihnen getötet zu haben. Und dann hatten sie ihn verwundet.
Sie hätten ihn töten können und sie hätte nie erfahren, was mit ihm geschehen war.
'Na und? Dann hätte ich mich halt alleine auf den Weg nach Hause gemacht.' dachte sie.
Über diesen Gedanken schlief sie ein.

Sie wachte vom Geräusch der Klospülung auf.
Nasir erschien in der Badezimmertür und stützte sich dort schwer atmend ab.
Sofort war sie bei ihm und schob ihre Schulter unter seinen rechten Arm. Als sie ihm zum Bett helfen wollte, bestand er darauf, dass er sich lieber an den Tisch setzen wollte.
"Wie du willst. Aber wenn du vom Stuhl fällst, bist du selber schuld."
Er war bleich und zitterte vor Schwäche.
"Hast du Hunger?"
"Wie ein Wolf. Und Kaffee könnte ich auch vertragen."

Nach dem Frühstück half sie ihm in einen der Sessel und gab ihm eine leichte Decke.
"Hast du Schmerzen?"
"Ja, aber viel weniger als erwartet."
"Die Betäubung wirkt noch. Sag mir, wenn es schlimmer wird, dann spritze ich nach."
"Du verstehst was davon. Das habe ich beim Aufwachen am Verband gesehen. Und daran gemerkt, dass es mir so gut geht."
"Nachher werde ich den Verband wechseln und dann sehen wir weiter. Jetzt steige ich erst einmal unter die Dusche und zieh mir frische Sachen an."

Etwas Blut war durch den Verband gesickert. Sie nahm ihn ab und untersuchte die Wunde.
Zu ihrer Zufriedenheit waren die Wundränder nicht entzündet und die Menge des Wundwassers hielt sich in Grenzen.
Als sie anfing, sie zu reinigen, zog Nasir scharf die Luft ein.
Sie holte das Betäubungsmittel und zog eine Spritze auf.
"Nicht! Das geht auch so. Ich will keine Spritze!"
"Oh! Hat der große Krieger und Moslemtöter etwa Angst vor einer kleinen Spritze?" stichelte sie.
An seiner Reaktion merkte sie, das dem so war.
"Schau in die andere Richtung!" befahl sie, tupfte die Haut mit Alkohol ab und injizierte das Mittel.
"Nun mach schon!" befahl er mit zusammengebissenen Zähnen.
"Ein paar Minuten dauert es schon, bis das Mittel wirkt."
"Ich hab die Spritze gar nicht gespürt." wunderte er sich.
Einige Minuten später war die Wunde frisch verbunden und er schlüpfte in einen der Schlafanzüge. Sie passten ihm recht gut.
Sobald er lag, schlief er auch schon wieder.

Sie goss sich eine Tasse Kaffee auf und setzte sich an den Tisch.
Auf ein Blatt Papier notierte sie sich die Medikamente und Verbandsmaterialien, die sie noch aus der Apotheke besorgen wollte.
Dieses Mal legte sie den kurzen Weg zu Fuß zurück.
Mit der Liste in der Hand ging sie systematisch die Regale durch und legte alles auf eine Art Servierwagen.
Am Ende kam sie mit weiteren 6 Baumwolltaschen, prall gefüllt, zurück in den Keller.
Nasir schlief noch immer und sie beschloss, es für heute gut sein zu lassen.

Laura durchsuchte den Korb mit den Süßigkeiten und öffnete eine Packung Weingummis.
Dieses Mal konnte sie sich auf die Handlung des Romans konzentrieren und entspannte sich.
Zum Mittagessen wurde Nasir nicht wach, sie ließ ihn schlafen.
Abends wachte er auf und hatte wieder Hunger.

Als sie drei Tage später zu einem von Nasirs Waffenverstecken fahren wollten, um Munition zu holen, sprang der Lieferwagen nicht an. Er gab keinen Mucks mehr von sich.
Da weder sie noch Nasir etwas von Autos verstanden, waren sie nun ohne fahrbaren Untersatz.
Obwohl sie die ganze Siedlung absuchten, fanden sie kein einziges funktionierendes Fahrzeug. Da alle Garagen offen standen, nahmen sie an, dass die Arabs sie mitgenommen hatten.
Das erklärte auch, warum ihr Lieferwagen noch da gewesen war, obwohl das Garagentor offen stand. Der Wagen hatte schon an diesem Tag gestreikt.

Zwei Wochen später machten sie sich auf den Weg nach Arkenberge.
Mangels eines Fahrzeugs gingen sie zu Fuß.
Mit Bedauern hatten sie die meisten Dinge zurücklassen müssen, die sie in den Lieferwagen gepackt hätten. Aber im Kellerversteck waren sie sicher untergebracht.
Nasir hatte eine Deutschlandkarte, schon ziemlich zerfleddert, aber immer noch brauchbar.
Der Einfachheit halber wanderten sie entlang der Autobahn.
Zuerst folgten sie der A 19, ab dem Dreieck Wittstock/Dosse dann der A 24 bis sie beim Dreieck Havelland zur A 10 wurde.
Tagsüber marschierten sie, bis sie müde wurden, suchten sich dann abseits der Autobahn Unterschlupf in einem der zahllosen leerstehenden Häuser.
Fanden sie in den Gebäuden keine Nahrungsmittel, verpflegten sie sich aus den Vorräten in ihren Rucksäcken, wurden sie fündig, füllten sie sie wieder auf und aßen von dem, was sie vorfanden.
Nasir hatte einen kleinen Gaskocher und Kartuschen dabei, so kamen sie in den Genuss warmer Mahlzeiten.
Nur selten mussten sie sich verstecken, weil sie das Geräusch eines näherkommenden Fahrzeugs hörten.
Bei Birkenwerder beschlossen sie, sich ab da an die B 96a zu halten, um eine große Schleife der Autobahn wenigstens etwas abzukürzen.
Sie gingen durch die Ortschaft, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Beinahe hatten sie das Wäldchen durchquert, das gleich am Ortsrand von Bergfelde begann, als ihnen aus Richtung Schönfliess ein kleiner Konvoi entgegenkam.
Laura war kurzzeitig etwas zurück geblieben, um ihren rechten Wanderstiefel neu zu binden, als ihr Nasir zurief: "Versteck dich! Mich haben sie schon gesehen. Lass dich auf keinen Fall blicken, egal was passiert!"
Laura rannte ohne eine Sekunde zu zögern zwischen die Bäume und warf sich nach einigen Metern hinter einem halb vermoderten Baumstamm auf den Boden. Den Rucksack nahm sie ab, um ihm Notfall unbehindert zu sein.
Sie schob sich zum Ende des Stammes und konnte von dort aus Nasir auf der Straße sehen.
Dort stand er und wartete auf die anrückenden Fahrzeuge.
Der Konvoi kam zum Stehen, aus dem vordersten Auto sprangen zwei Männer und gingen mit MPs im Anschlag auf ihren Gefährten zu.
Worte flogen hin und her, die Waffen wurden gesenkt und der Ägypter stieg zu den Männern in das Führungsfahrzeug.
Nachdem das letzte Fahrzeug ihr Versteck passiert hatte, wartete sie noch eine gute halbe Stunde, bevor sie es wagte, aufzustehen.
Sie lauschte und spähte in beide Richtungen der Straße.
Alles war ruhig.
Zurück im Ort, suchte sie sich eine Bleibe, um auf Nasirs Rückkehr zu warten.
Wie verabredet band sie einen Fetzen Stoff bei der Einmündung der Straße, in die sie ging, an einem Busch fest und nahm das fünfte Haus auf der rechten Seite.
Dort wartete sie drei Tage. Er kam nicht zurück.
Am vierten Tag machte sie sich auf den Weg nach Hause.
Sie kannte sich aus in der Gegend und wusste, dass sie es nicht mehr weit hatte.
In Schildow ging sie in Richtung Mönchmühle, wollte dann von dort aus zur Siedlung weitergehen.
Um die Mittagszeit betrat sie eines der Häuser um nach Lebensmitteln zu suchen.
Nachdem sie in der Küche nichts Brauchbares gefunden hatte, ging sie in den Keller. Dort gab es eine Waschküche, einen Abstellraum und tatsächlich einen Vorratskeller mit Regalen voller Konserven.
Sie nahm sich vor, später wieder zu kommen, am besten mit einem Fahrzeug, um diesen Schatz zu heben.
Gerade nahm sie ein Glas Würstchen aus dem Regal, als sie hörte, wie die Kellertür ins Schloss fiel und der Schlüssel herumgedreht wurde.
Dann hörte sie, wie zwei Männer lachten und sich beglückwünschten.
Sie atmete tief durch, um die aufsteigende Panik zurückzudrängen. Leise schlich sie die Treppe hinauf und legt ein Ohr an die Tür.
Die Männer hatten sich etwas entfernt, so dass sie nicht jedes Wort ihrer Unterhaltung verstehen konnte. Aber das, was sie hörte, reichte ihr völlig.
Im Moment stritten sie sich darüber, wer sie zuerst haben konnte.
Schließlich einigten sie sich darauf, dass das Los entscheiden sollte.
Laura hatte genug gehört. Sie hatte nicht vor, tatenlos darauf zu warten, vergewaltigt zu werden.
Schnell sah sie sich noch einmal in den Kellerräumen um.
Die Waschküche hatte einen Lichtschacht. Sie kletterte auf die Waschmaschine und öffnete das Fenster.
Als sie sah, dass das Gitter mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert war, hätte sie beinahe angefangen zu weinen.
Sie sprang von der Maschine und wollte gerade einen anderen Fluchtweg suchen, als sie an einem Nagel neben dem Fenster den Schlüssel hängen sah.
Mit einem Satz war sie wieder oben, öffnete das Schloss und hob das Gitter leise hoch.
Vorsichtig kletterte sie aus dem Lichtschacht und fand sich im Garten hinter dem Haus wieder. Sie stieg noch einmal in den Schacht, zog das Fenster zu und legte das Gitter auf. Sie schob ihre Hand durch die Gitterstäbe, hängte das Schloss wieder ein und drückte es zu.
Den Schlüssel steckte sie in die Hosentasche.
So leise und so schnell als möglich entfernte sie sich vom Haus.
Sie hatte ursprünglich vor gehabt, auf den befestigten Wegen erst nach Mönchmühle und dann zur Siedlung zu gehen, aber jetzt hatte sie Angst, dass die Männer sie verfolgen würden, sobald sie bemerkten, dass sie aus dem Keller geflohen war. Und die würden sie sicher auf den Straßen suchen.
Sie rannte so schnell sie konnte zum Waldrand und lief zwischen die Bäume.
Als sie glaubte, dass man sie vom Ort aus nicht mehr sehen konnte, ging sie langsamer. Es gab keine Wege und sie hoffte, dass die eingeschlagene Richtung in etwa stimmte.
Langsam wurde es dämmrig, dann ganz dunkel. Sie konnte kaum die Hand vor den Augen sehen und stolperte ständig über Baumwurzeln und andere Bodenunebenheiten.
Einmal schlug sie lang hin und schürfte sich das Gesicht auf.
Trotzdem ging sie langsam weiter, bis sie einsah, dass es besser war, auf den Morgen zu warten.
Inzwischen war es empfindlich kalt geworden und sie zitterte vor Kälte.
Sie kauerte sich auf der windabgewandten Seite eines dicken Baumstammes zusammen und verfluchte die beiden Männer, wegen denen sie jetzt ohne ihren Rucksack und ihren Schlafsack war.
Es wurde die längste Nacht ihres Lebens.
Sobald es hell genug war, dass sie etwas sehen konnte, zwang sie sich aufzustehen und wankte mit steifgefrorenen Gliedern in die Richtung, in der sie die Siedlung vermutete.
Und sie hatte Glück. Sie traf auf einen der Wege in der Nähe und kannte sich sofort wieder aus.
Sie schaffte es bis zur Hauptstraße, wo sie völlig erschöpft zusammenbrach.
Sie bekam kaum mit wer sie ins Haus trug, erkannte dann aber die Stimmen von Ansgar und Sandra und ließ sich beruhigt ins Dunkel fallen.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 26.05.2017, 02:39

Die Leute aus der Siedlung sahen sich an.
Alle hatten Tränen in den Augen. Sie wussten zwar schon seit Jahren, dass ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie wiederkommen würden, die grausame Wahrheit hatte Laura ihnen bisher vorenthalten.
Die Meisten hatten sich bisher eingeredet, ihre Leute säßen in unterirdischen Bunkern der Regierung und eines Tages würden Busse kommen und sie zurückbringen.
Nun erfuhren sie aus Lauras und unseren Erzählungen, was in Wirklichkeit geschehen war und wie die Situation in Deutschland, Europa und Russland aussah.
Sie stellten Fragen und bekamen Antworten, soweit wir welche hatten.
Der Tag verging wie im Flug und noch immer waren nicht alle Fragen gestellt und alle Antworten gegeben worden.
Zwischendurch aßen und tranken wir, Helma wechselte meinen Verband und war sehr zufrieden.
Sandra kam zu mir.
Sie nahm meine rechte Hand und sah mich an. "Ich hoffe, du kannst meinem Sohn und meinem Mann verzeihen. Glaub mir, sie sind keine schlechten Menschen. Und auch keine Mörder."
"Ein Stückweiter links und meine Frau wäre tot." sagte Marc mit ernstem Gesicht.
"Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, ich schäme mich so." Gerd strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah mich unsicher an.
"Hättet ihr sie getötet, es wäre keiner von euch am Leben geblieben."
Obwohl er es mit ruhiger Stimme sagte, hatte niemand den geringsten Zweifel, dass er jedes Wort ernst meinte.
Ein paar Minuten herrschte unbehagliches Schweigen, dann richtete sich Sandra auf und sagte: "Lasst uns nach Hause gehen, der Tag war lang und ich bin müde. Wenn ihr erlaubt, kommen wir morgen wieder und reden weiter. Es gibt noch so viel, was wir wissen wollen und wir werden das, was wir heute erfahren haben, unseren Freunden erzählen, die nicht mitgekommen sind."
Die Arkenberger erhoben sich und nachdem wir uns gute Nacht gewünscht hatten, brachen sie auf.
Wir rückten näher an den Feuerkorb und die Freunde redeten über Lauras Erzählungen, fragten mich und Ramón über Einzelheiten unserer Geschichte aus, unterhielten sich über andere Dinge.
Ich bemerkte erst, dass ich eingeschlafen war, als mich Marc am Arm berührte.
"Lass uns ins Bett gehen." meinte er.
Vom langen Sitzen war ich ganz steif geworden und hatte bei den ersten Schritten Probleme, weil mir alles weh tat.
Aber ich schaffte die kurze Strecke schon alleine. Nur beim Einsteigen brauchte ich Hilfe.
Marc ging noch einmal nach draußen und holte einen Kessel heißes Wasser, half mir beim Waschen und beim Anziehen meines Schlafanzugs.
Dann fütterte er Wotan, der anschließen seinen Platz unterm Bett einnahm.
Als Marc ins Bett kam, schlief ich schon.

Sobald die Sonne aufging, erwachte das Lager.
Türen klappten, Schüsseln und Geschirr klapperte, Kinder rannten spielend und rufend zwischen den Fahrzeugen herum, Hunde bellten, Männer und Frauen unterhielten sich mehr oder weniger laut, Fahrzeuge verließen das Lager, andere kamen an, kurzum, an Schlaf war nicht mehr zu denken.
Ich sah, dass Marc schon aufgestanden war, schälte mich aus meinen Decken und suchte meine Kleider zusammen.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich den Schlafanzug aus- und Unterwäsche, Hose und Shirt angezogen hatte. Obwohl der Arm bei jeder Bewegung schmerzte, schaffte ich es.
Gerade als ich fertig war, klopfte es an der Tür und Helma kletterte ins Innere.
Also zog ich das Shirt wieder aus und die Wunde wurde frisch verbunden.
"Sieht gut aus. Die Entzündung ist weg. Den Verband lassen wir aber noch ein paar Tage dran."
"Wo ist Marc?"
"Ich habe ihn heute noch nicht gesehen."
"Hast du schon gefrühstückt?"
"Nein, ich wollte erst den Verband wechseln. Komm! Gehen wir essen, er wird schon kommen."
Auf dem Weg zu Artemisias Wohnmobils gesellten sich Calvin, Max, Miriam und Hannes zu uns und kurz bevor wir dort ankamen, tauchten auch Marc und Ramón auf.
Oleg und Sonja saßen schon am Tisch, ebenso Armbruster und Diebold.
Heute gab es statt Kräutertee zur Abwechslung Kaffee. Zwar nur löslichen, aber immerhin.
Es dauerte nicht lange, da wurden die Siedlungsleute von den Hunden angekündigt.
Wieder kamen Hans, Gerd, Sandra und die vier anderen vom Tag zuvor.

Sie hatten schon gefrühstückt, nahmen aber gerne einen Becher Kaffee.
Sie saßen stumm vor ihren Getränken.
Schließlich räusperte sich Sandra und begann zu sprechen.
"Wir, und damit meine ich alle 37 Bewohner der Siedlung, haben uns gestern Abend noch zusammengesetzt und über euch gesprochen."
Sie machte eine kleine Pause und sah vor allem Artemisia und Leofric an, von denen sie wusste, dass sie die Führer und Sprecher der Nomaden waren.
Artemisia lächelte und schwieg.
"Wir haben aus den Gesprächen erfahren, dass ihr viele Menschen befreien konntet und dass einige von euch wegen der Gefahr, die von der Unterirdischen Stadt ausgeht, ihre Häuser verlassen mussten.
Soweit wir wissen, handelt es sich um ca. vierhundertfünfzig Personen.
Hier stehen so gut wie alle Häuser leer und wir dachten, wer eine neue Heimat sucht, könnte vielleicht hier bleiben."
"Wir werden euren Vorschlag bekannt machen. Jeder, der hier bleiben möchte, kann das tun."
In Windeseile verbreitete sich die Nachricht im Lager.
Schon nach einer Stunde kamen die ersten Personen an unseren Tisch und sagten Artemisia, dass sie gerne hier bleiben würden.
Bis zum Abend hatten sich von den dreihundertfünfzig befreiten Sklaven dreihundertvierundzwanzig für den Verbleib in der Siedlung entschieden.
Von den Berlinern wollten achtundneunzig von einhundertzwanzig bleiben, darunter alle Kinder der beiden Gruppen.
Nur Otto und Kathy würden weiter mit uns ziehen, denn Ingetraut wollte uns weiterhin begleiten.
Auch von den Nomaden entschieden sich sechsunddreißig Erwachsene zum Bleiben. Sie hatten das Umherziehen satt und wollten ihre Kinder in einem sicheren Umfeld großziehen. Nun ja, so sicher, wie es in der heutigen Zeit eben möglich war.

Die Leute standen in Gruppen zusammen und redeten aufgeregt durcheinander.
Viele von ihnen hatten die Schuttberge umrundet und von Weitem einen Blick auf die Siedlung geworfen.
"Wer zieht nun wo ein?" diese Frage kam von einem der Oberirdischen.
Die Arkenberger hatten sich schon einen Plan zurecht gelegt.
"Wir werden aufschreiben, wer mit wem zusammen wohnen will. Wir haben die Häuser bereits in Kategorien eingeteilt. Wer nur zu zweit ein Haus bewohnen will, bekommt natürlich ein kleineres als ein Familie oder Gruppe mit mehreren Personen. Und wir werden die Häuser verlosen, damit es keinen Streit gibt. Seid ihr damit einverstanden?"
Alle stimmten zu.
Sie hatten die Adressen der Häuser auf verschiedenfarbige Zettel geschrieben. Weiß für zwei, rot für drei, blau für vier, gelb für fünf und grün für mehr als fünf Personen. Die wurden zusammengefaltet und in fünf verschiedene Schalen gelegt.
Die Leute, die zusammen wohnen wollten, hatten ihre Namen ebenfalls auf Zettel geschrieben.
Sandra legte alle Namenszettel auf einen Stapel und fing mit dem obersten an.
"Ein Haus für zwei Personen, Kim und Lukas." Einer der Nomaden zog einen der weißen Zettel, verlas die Adresse und überreichte ihn den Beiden.
So ging es weiter, bis alle ihr neues Heim zugeteilt bekommen hatten.
"Wir werden euch eure Häuser zeigen. Sie sind alle voll eingerichtet. Aber wenn ihr etwas braucht oder etwas fehlt, werden wir schauen, was wir tun können."
Eine freudig erregte Menge verließ das Lager, angeführt von den Alteingesessenen.

Nach dem Mittagessen kamen Hans und seine Begleiter zurück.
Alle Neusiedler hatten ihre Häuser besichtigt und waren zufrieden. Zwei oder drei hatten untereinander getauscht, aber im Großen und Ganzen waren alle mit den ihnen zugelosten Gebäuden einverstanden.
"Es wird seltsam sein, dass plötzlich wieder so viel Leben in der Siedlung ist." meinte Hans.
"Und wir hoffen, dass alle miteinander auskommen werden."
"Wir werden zusammenarbeiten müssen um zu überleben. So viele Menschen können nicht nur vom Plündern leben. Das geht nicht, wenn man sesshaft ist. Wir werden Gemüse anpflanzen und Tiere halten müssen." sagte der Grauhaarige.
"Nun, das besprechen wir dann unter uns. Jetzt wollen wir noch mehr Neuigkeiten erfahren."
Wir saßen bis spät in der Nacht und redeten und erzählten, fragten und erklärten.
Kurz vor Mitternacht verließen uns die Arkenberger, sagten, sie würden am nächsten Tag wiederkommen.
Auch Laura hätte sich angesagt und wolle kommen.
Marc, Wotan und ich kletterten in unser Wohnmobil und bald schliefen wir alle drei.

Nach dem Frühstück beriefen Artemisia und Leofric eine Versammlung der Clanführer ein.
Die Anführerin der Nomaden wollte wissen, welche Clans Mitglieder verloren hatten und in wieweit dies zukünftig auf das Lagerleben auswirken würde.
Es stellte sich heraus, dass der Wildschweinclan mit zwölf Personen die meisten Leute verlor. Alles ehemalige Landwirte und Gärtner, die wieder den Boden bestellen wollten und die natürlich für die Siedlung eine große Hilfe sein würden.
Vom Falkenclan, in dem sich die Techniker und Mechaniker organisiert hatten, blieben acht. Drei Landmaschinen- und fünf Automechaniker.
Vom Fuchsclan - Sucher und Beschaffer - wollten zwei nicht weiterreisen.
Vom Adlerclan, der die Krieger stellte, blieben vier.
Der Wolfsclan - Späher und Aufklärer - verlor ein Mitglied.
Vom Hirschclan, den Jägern, wollten vier wieder sesshaft werden.
Vom Eisvogelclan - Kleidung und Ausrüstung - entschieden sich ebenfalls vier Mitglieder zum Bleiben.
Und eine der Heilerinnen wollte den Siedlungsleuten zur Seite stehen.
Vom Reiherclan - Köche und Bäcker, dem Hasenclan - Vorratshaltung, dem Biberclan - Rettung und Bau, und den Wächtern, wollte keiner zurückbleiben.
Außer den 36 Erwachsenen blieben auch deren Kinder da, so dass es von den ursprünglichen Nomaden in Zukunft fast neunzig Personen weniger sein würden.
Viele von denen, die weiterreisen würden, waren traurig, gute Freunde zu verlieren, freuten sich aber gleichzeitig darüber, dass sie eine neue Heimat unter solch günstigen Bedingungen gefunden hatten. Auch wenn sie selber sich momentan nicht vorstellen konnten, zu bleiben.
Im Laufe des Vormittags kamen größere und kleinere Gruppen der Neusiedler zurück ins Lager um ihre Habseligkeiten abzuholen und sich zu verabschieden.
Viele luden ihre Freunde zur Hausbesichtigung ein und so gab es im Lager ein ständiges Kommen und Gehen.

Die Clanführer berieten sich und kamen dann zu dem Ergebnis, dass sie noch zwei Tage an den Seen bleiben wollten und am Morgen des dritten Tages aufbrechen und weiterziehen wollten.
Der Hasenclan sortierte die Lebensmittel und stellte einen Teil davon den Zurückbleibenden zur Verfügung.
Es konnten auch nicht alle frei gewordenen Wohnmobile und Fahrzeuge mitgenommen werden, also stellten sie die ehemaligen Eigentümer bei sich unter.
Auch einige PKW und zwei Transporter würden zurückbleiben.
Sie würden sie brauchen, denn bis zur ersten Ernte, sollte es eine geben, würde noch viel Zeit vergehen. Und die jetzt ziemlich große Gemeinschaft würde bis dahin vor allem Lebensmittel brauchen, die sie ohne Fahrzeuge nicht würde beschaffen können.
Artemisia war zuversichtlich, dass es die Leute schaffen würden. Die nun wieder sesshaften Nomaden waren erfahrene Jäger und Sammler und nicht zu verachtende Kämpfer, die mit allen Arten von Waffen umzugehen wussten.

Es war bereits später Nachmittag als Laura bei uns auftauchte. In ihrer Begleitung befand sich ein dunkelhaariger junger Mann, der von den Adlern sicherlich sofort gefangengenommen worden wäre, hätte er sich nicht in ihrer Begleitung befunden.
Sie musste ihn uns nicht vorstellen, wir wussten auch so, wer er war.
Er nickte uns grüßend zu uns sah sich interessiert um.
Beide setzten sich zu uns und Laura sagte: "Heute erzähle ich unsere Geschichte zu Ende. Warten wir noch kurz, Hans und die vom letzten Mal wollen dabei sein."
Die ließen nicht lange auf sich warten und bald bekamen wir die Fortsetzung zu hören.
Laura bat Nasir, uns zu erzählen, was er nach ihrer Trennung in Bergfelde erlebt hatte.
Als der junge Mann zu erzählen begann, wunderten sich nicht wenige von uns. Wir hatten erwartet, dass er mit dem singenden Akzent sprechen würde, den wir von den Migranten, die sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, Deutsch zu lernen, gewohnt waren.
Aber er sprach ein absolut korrektes Hochdeutsch, nach einer Weile fing er jedoch, wohl ohne es zu bemerken, in den berliner Dialekt, was mich innerlich schmunzeln ließ.
"Ich rief Laura zu, sie solle sich verstecken und sie schaffte es gerade noch, hinter einem umgestürzten Baum zu verschwinden, als das Führungsfahrzeug anhielt und zwei der Musels ausstiegen um mich zu überprüfen."
Sobald sie gesehen und gehört hatten, dass er kein Deutscher war, senkten sie zwar die Waffen, aber gehen ließen sie ihn trotzdem nicht.
Er musste zu ihnen ins Auto steigen und sie begleiten.
Glücklicherweise waren sie nicht auf dem Weg nach Plau, sondern hatten Order, so schnell als möglich nach Rostock zu fahren, um sich dem Kalifen anzuschließen.
Er erzählte ihnen von dem Scheitan, der in der Gegend umging und die Rechtgläubigen umbrachte. Und von Azrael, Malik al-Maut, dem Engel des Todes, der in seiner Begleitung gesehen wurde.
Die Moslems des Konvois machten das Zeichen gegen den Bösen Blick, tasteten in ihren Taschen nach dem Blauen Auge oder griffen nach den in Lederbeutelchen eingenähten Amuletten, die sie um den Hals hängen hatten.
Er versicherte ihnen glaubhaft, dass er den Dämon persönlich gesehen hatte.
"Er ist fast doppelt so groß wie ein Mann und ist ganz dünn. Statt der Hände hat er Klauen, seine Füße sind gespaltene Hufe. Seine Augen lodern wie Flammen, seinen Zähne sind lang und spitz wie die eines Raubtieres und aus seinen Schläfen wachsen Hörner, gekrümmt wie die eines Widders. Er tötet die Gläubigen mit einer leichten Berührung seiner Hand und dann ruft er ihre Seelen und zerrt sie hinab in die Gehenna."
Seinen Zuhörer schauderten und rezitierten Suren aus dem Koran.
"Und das ist noch nicht alles." erzählte er weiter. "Begleitet wird er von Azrael. Sie ist klein und schlank. Statt Haare lodern lange Flamme um ihren Kopf. Ihre Augen und Lippen sind schwarz, ebenso wie ihre Flügel."
Wieder berührten die Moslems ihre Amulette.
Beim Abendgebet klangen ihre Gebete besonders inbrünstig.

Zwei Nächte später erstach er alle siebzehn Männer des Konvois.
Da sie auf dem Weg nach Rostock waren, mussten sie alle sterben, damit seine Tarnidentität dort nicht aufflog.
Mit dem Fahrzeug, das er sich für die Rückfahrt aussuchte, hatte er Pech. Auf halber Strecke gab der Motor den Geist auf.
Es dauerte zwei Wochen, bis er zu Fuß Arkenberge erreichte und noch einmal drei Tage, bis er sich Laura unbemerkt nähern konnte.
Die nächsten Monate versteckte er sich in einem der leerstehenden Häuser.
Gemeinsam gingen sie nach Schildow.
Sie wollte sich das Haus ansehen, in dem sie beinahe das Opfer einer Vergewaltigung geworden wäre.
Vorsichtig schlichen sie sich an und betraten das Haus.
Nachdem sie es gründlich durchsucht hatten, waren sie sicher, dass die beiden Männer nicht mehr da waren.
Im Keller entdeckte sie ihren Rucksack. Er stand unberührt in der Ecke des Kellerraums, genau so, wie sie ihn dort abgestellt hatte.
Sie erzählte Nasir, wie sie entkommen war, zog den Schlüssel für das Vorhängeschloss aus der Tasche und hängte ihn an seinen Platz.
"Wer weiß." sagte sie, als sie seinen fragenden Blick sah.
Die Männer hatten noch nicht einmal die Vorräte aus dem Regal mitgenommen. Auch ansonsten schienen sie nichts mitgenommen zu haben.
Laura war verwirrt. Essen konnte doch jeder gebrauchen, oder nicht?
Sie begannen damit, im Wald und in den Straßen zu trainieren.
Nasir schonte sie nicht und brachte ihr alles bei, was er wusste.
Er lehrte sie das lautlose Anschleichen, den Umgang mit dem Messer und mit einer Schusswaffe, zeigte ihr, wo man einen Menschen so traf, dass er kampfunfähig war und natürlich, wie man lautlos tötete.
Bald beherrschte sie die Techniken so gut wie er.
Die Siedlungsleute hörten bald auf, danach zu fragen, woher sie die blauen Flecken und anderen Verletzungen hatte.

Dann verschwand sie das erste Mal und blieb zwei Monate lang weg.
Auf gefundenen Motorrädern fuhren sie nach Rostock.
Dort ging Nasir ins Haus seiner "Frau" und nachts holte er Laura, die sich dort versteckte und sich gleich mit Sofía anfreundete.
Die hatte herausgefunden, dass der Kalif so viele seiner Glaubensbrüder wie möglich zusammenziehen wollte, um mit ihnen gegen die letzten Bastionen der im Land lebenden Ungläubigen zu ziehen.
Da diese sich zumeist im mittleren und südlichen Teil Deutschlands befanden, würde er auch die dort lebenden amerikanischen Verbündeten einbeziehen.
Das war Vielen nicht recht, denn sie waren sowieso schon der Meinung, dass die Amis einen viel zu großen Anteil an der Beute für sich beanspruchten.
Der Kalif hatte seinen Unteranführern versprochen, die Amerikaner nur dafür zu benutzen, die letzten Deutschen zu versklaven oder auszurotten, um sie danach dem gleichen Schicksal zuzuführen.
Dieser Plan war mit Begeisterung aufgenommen worden.
Und wie wir inzwischen wussten, auch ausgeführt worden.
Nasir fasste den Plan, den Kalifen zu töten.
Er bat Sofía, herauszufinden, wann er sich in seinem Haus aufhalten würde. Das war sehr selten der Fall, da er ständig unterwegs war.
Sie konnte herausbekommen, dass er seinen Frauen und Kindern versprochen hatte, das Zuckerfest mit ihnen zu feiern.
Zu diesem Anlass hatten die Frauen ein großes Festmahl vorbereitet.
Und Nasir eine Sprengladung, die Sofía als Helferin bei den Festvorbereitungen ins Haus geschmuggelt, unter dem Esstisch befestigt und den Zünder eingestellt hatte.
Laura war in ihrer Verkleidung als Azrael aufs Dach des Hauses gegenüber gestiegen und versteckte sich hinter dem Kamin.
Es fehlten nur noch wenige Minuten bis zur Explosion, als Jamil den Kalifen herausrufen ließ, um ihm eine wichtige Botschaft zu überbringen.
Da sie sich während des Gesprächs eine Strecke vom Haus entfernten, kam der Kalif mit einigen leichteren Verletzungen davon.
Das Haus brannte bis auf die Grundmauern ab, ebenso noch drei benachbarte Häuser.
Im Schein der brennenden Häuser konnten die Moslems, die auf die Straße gerannt waren, auf einem der Dächer den Todesengel Azrael sehen.
Er stand reglos dort oben, die schwarzen Flügel ausgebreitet, Flammen statt Haare, sein Gesicht war weiß, Augen und Mund schwarz.
Die ihn zuerst sahen, zeigten ihn den anderen, sie starrten hinauf, riefen laut Allah um Beistand an, umklammerten ihre Amulette und jammerten laut.
Weiter entfernt gab es eine weitere, weit schwächere, Explosion.
Alle wandten sich in die Richtung des Lärms und als sie wieder zum Dach hinaufschauten, war es leer.
Die zweite Explosion war durch eine Handgranate ausgelöst worden, die das Innere einer Kirche, die in eine Moschee umgewandelt worden war, völlig zerstörte.
Der Imam und vierzehn weitere Moslems kamen dabei ums Leben.
Nasir und Laura blieben noch eine Woche in seinem Haus, dann fuhren sie nach Arkenberge zurück.
Sie trainierten weiter und Laura verbesserte ihre Fähigkeiten.
Sie musste sich auf ihre Schnelligkeit verlassen, denn bei einer Körpergröße von einem Meter sechzig und einem Gewicht von achtundfünfzig Kilo war sie den meisten Männern an Kraft natürlich unterlegen.
Sie suchten nachts die ihnen bekannten Siedlungen der Moslems auf und töteten so Viele, wie sie konnten, ohne entdeckt zu werden.
Ab und zu ließ Laura sich kurz sehen und schürte so die Angst.
Bald gaben die von panischer Angst erfüllten Moslems die kleinen Orte auf und sammelten sich in Plau oder zogen gleich weiter nach Rostock.
Dort fühlten sie sich sicherer.
Auch wenn sie bald entdecken mussten, dass sie auch dort dem Grauen nicht völlig entkommen konnten.
Dann hörte das Morden plötzlich auf.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 09.06.2017, 05:01

Die Araber schrieben es der Wirksamkeit der Bittgebete ihrer Imame zu.

Sie hatten ungefähr zwei Jahre lang zwischen Plau und Rostock für Angst und Schrecken gesorgt.
Dann fuhren sie auf Wunsch Nasirs nach Nordrhein-Westfahlen um dort in Höxter-Brenkhausen das koptisch-orthodoxe Kloster zu besuchen.
Er wollte in Erfahrung bringen, ob und wie viele Menschen seines Glaubens überlebt hatten.
Die Reise dorthin war weder einfach noch gefahrlos, sie benötigten mehrere Wochen, um ihr Ziel zu erreichen.
Nur um vor einer Brandruine zu stehen.
Es war das erste und einzige Mal, dass Laura ihren Gefährten weinen sah.
Sie suchten noch einige Wochen lang nach Überlebenden, fanden aber nur einige wenige Einheimische, die sich versteckt hielten.
Und nur eine alte Frau konnte ihnen erzählen, was passiert war.
Im Jahr nach dem Bombe feierten die Kopten am 7. Januar ihre Weihnachtsfest.
Da ihre Gegend bisher von Überfällen der Arabs verschont geblieben war, hatte sich im Kloster eine große Menge Gläubige eingefunden, um die Messe zu hören.
Sie begann traditionell um 23 Uhr und würde üblicherweise gegen 4 Uhr morgens enden.
Um 2 Uhr stürmten plötzlich Bewaffnete in die Kirche und eröffneten das Feuer.
Es brach Panik aus, die Menschen versuchten zu entkommen.
Nur Wenigen gelang es.
Unter ihnen war die alte Frau.
Wie sie an den Mördern vorbei ins Freie gelangen konnte, daran erinnerte sie sich nicht.
Sie wusste nur noch, wie sie rannte, bis sie zusammenbrach und von ihrem Platz aus mitansehen musste, wie die Arabs das Kloster in Brand setzten und jeden erschossen, der versuchte, aus den Flammen zu entkommen.
Außer ihr hatten es nur noch vier weitere Kopten geschafft zu entfliehen.
Wohin die später gegangen waren, konnte sie nicht sagen.
Sie boten ihr an, sie zur Festung zu bringen, aber sie wollte nicht.
"Lasst mich hier. Im Kloster liegen mein Mann, meine Söhne und meine Tochter unter den Trümmern. So werde ich ihnen nahe sein."
Sie umarmten die alte Frau zum Abschied und versprachen ihr, dass sie die Toten rächen würden.
Auch für den Rückweg brauchten sie mehrere Wochen.
Zurück in der Siedlung ruhten sie sich zuerst einmal aus. Laura bei ihren Leuten, Nasir in dem Haus, das er sich als Domizil ausgesucht hatte.
Nach nur wenigen Tagen machten sie sich erneut auf die Suche nach ihren Feinden.
Es wurde immer schwieriger, kleinere Gruppen von ihnen zu finden.
Selbst die Konvois wurden immer größer.
Aber immer wieder gelang es ihnen, einige von ihnen zu erwischen.

Auf unsere Frage, wie viele der Eindringlinge sie bisher getötet hatten, zuckte Nasir nur mit den Achseln und Laura meine: "Nicht genug."

Eines Tages beobachteten sie zwölf Moslems, die Gefangene auf LKWs steigen ließen. Die Männer trugen Ketten und hatten große Probleme, auf die Ladefläche zu klettern.
Die Arabs machten sich über die unbeholfenen Bewegungen lustig, aber zur Überraschung der Beobachter schlugen sie die Männer nicht.
Den Grund dafür erfuhren sie wenig später, als zwei Uniformierte aus einem Haus traten.
Einer hatte ein Klemmbrett in der Hand und notierte sich, was ihm sein Kumpan diktierte.
Als einer von ihnen sich so drehte, dass sie sein Gesicht sehen konnten, sog Laura scharf die Luft ein.
"Was ist los?" fragte Nasir.
"Das ist einer von denen, die mich und meine Leute an die Arabs verkauft haben."
"Bist du sicher?"
"Ganz sicher. Die Visagen dieser Dreckskerle werde ich den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen."
"Dann holen wir sie uns."
Sie warteten ab, bis alle Sklaven verladen waren und die beiden Verräter in die Fahrerkabine gestiegen waren.
Der Beifahrer winkte den Moslems noch einmal kurz zu, dann fuhren sie los.
Die Männer sahen dem Fahrzeug noch einen Moment lang nach, dann begaben sie sich ins das Gebäude, aus dem die Beiden gekommen waren.
Nasir schlich zur Rückseite des Hauses und kam wenige Minuten später wieder zurück.
Laura und er entfernten sich leise vom Schauplatz und machten sie auf den Weg zu ihren Motorrädern, die sie in sicherer Entfernung versteckt hatten.
Dann folgten sie dem LKW.
Als sie nach etwa einem Kilometer Fahrt ein lautes Krachen hörten, grinsten sie sich an.
Es war nicht einfach, dem Sklaventransporter zu folgen, ohne entdeckt zu werden, aber sie schafften es bis Einbruch der Dunkelheit.
Danach wurde es einfacher, denn die Verfolgten schalteten die Scheinwerfer ein und sie konnten im Schutz der Nacht dichter auffahren.
Als das Fahrzeug von der Straße abbog und auf ein ehemaligen Firmengelände einbog, fuhren sie die Motorräder in eine Einfahrt und stellten sofort den Motor ab.
Vorsichtig näherten sie sich dem Tor, das bereits wieder geschlossen worden war. Der Hof wurde durch große Scheinwerfer fast taghell erleuchtet und der LKW, dem sie gefolgt waren, stand in einer Reihe mit weiteren Transportfahrzeugen.
Laura zählte insgesamt zwölf.
Sie sahen gerade noch, wie die Männer in eine Halle getrieben wurden.
"Das scheint mir ein Sammel- und Umschlagplatz für Sklaven zu sein." flüsterte Nasir.
"So ein Mist!" schimpfte Laura. "Hier kommen wir nicht an die Beiden ran."
"Dann warten wir eben, sie werden nicht ewig hierbleiben."
"Vielleicht können wir ja die Sklaven befreien." schlug sie vor.
Nasir war sofort einverstanden. Er zeigte auf das Haus, bei dem sie ihre fahrbaren Untersätze versteckt hatten.
"Quartieren wir uns dort ein und beobachten sie."
Wie schon oft fanden sie den Schlüssel zur Hintertür in einem der üblichen "Verstecke".
Eine kurze Runde durch alle Räume bestätigte ihre Vermutung, dass das Haus verlassen war.
Die Garage, die zum Gebäude gehörte, war leer. Nachdem sie die Scharniere geölt hatten, öffneten sie das Tor und schoben die Maschinen hinein.
Vom Schlafzimmerfenster im ersten Stock aus konnten sie den Hof überblicken.
Nach einer guten Stunde beschlossen sie, sich schlafen zu legen, denn in der ganzen Zeit hatte sich keiner der Sklavenhändler draußen blicken lassen.
Laura ging ins Bad und stellte fest, dass die Wasser- und Stromversorgung noch funktionierte.
Sie wagte es natürlich nicht, Licht zu machen, aber nachdem sie das Fenster mit einem Handtuch zugehängt hatte, schaltete sie den Boiler ein.
Sobald das Wasser lauwarm war, stand sie auch schon unter der Dusche.
Gleich darauf öffnete Nasir die Tür der Duschabtrennung und fragte grinsend: "Reicht der Platz auch für zwei?"
"Nur wenn du mir den Rücken einseifst."
"Immer nur arbeiten, nie einfach nur so zum Spaß!" flachste er.

Das Bettzeug unter der staubigen Tagesdecke roch etwas muffig, war aber sauber und es hatten sich keine Ratten oder Mäuse in den Matratzen eingenistet.
Obwohl sie so nah an ihren Feinden waren, schliefen sie tief und fest.
Geweckt wurden sie durch lautes Rufen und Motorengeräusche.
Mit einem Satz war Nasir aus dem Bett und am Fenster. Laura folgte ihm auf dem Fuße.
Drei weitere Transporter fuhren auf den Hof, luden ihre menschliche Fracht ab und Helfer führten sie in die Halle.
Im Laufe des Tages füllte sich der Platz vor der Halle immer weiter.
Bis zum späten Nachmittag hatte sich die Anzahl der LKWs fast verdoppelt.
Bei jedem Neuankömmling watschelte ein extrem fetter Mann aus dem ehemaligen Bürogebäude und notierte sich die Anzahl der Sklaven.
Kurz vor dem Dunkelwerden wurde das Tor ein weiteres Mal geöffnet.
Der Fette erschien mit seinem Klemmbrett, die Menschen wurden abgeladen und in die Halle gebracht.
Als die Wächter zurückkamen, rief der Dickwanst: "Das war der Letzte. Machen wir endlich Feierabend! Kommt rein, das Abendessen ist fertig!"
"Apropos Abendessen, ich könnte jetzt auch was vertragen." meinte Nasir.
"Wenn wir hier im Haus keine Vorräte finden, werden wir heute Nacht auf die Suche gehen müssen. Unsere Vorräte sind alle."
Sie hatten Glück.
Schon in der Küche fanden sie einen wohlgefüllten Vorratsschrank und in einem der Kellerräume entdeckten sie ein großes Regal voller Konserven.
"Ab und zu muss man auch Glück haben." lachte Laura.
Wie oft hatten sie schon ganze Straßenzüge nach etwas Essbarem abgesucht!

Nasir trug seinen kleinen Gaskocher in den Keller und erhitzte dort ihre Mahlzeiten.
Den funktionieren Elektroherd in der Küche zu benutzen, wagten sie nicht. Der Geruch des Essen wäre verräterisch gewesen.
Dadurch hatten sie selber schon oft versteckte Arabs oder Einheimische gefunden.
"Wie gehen wir weiter vor?" fragte Laura.
"Wenn wir diese Menschen befreien wollen, werden wir Hilfe brauchen. Alleine schaffen wir das nicht."
Sie zählten zweiundzwanzig LKWs. Dazu gab es mindestens vierundvierzig Fahrer und Beifahrer. Wie viele weitere Männer sich sonst noch auf dem Gelände und in den Gebäuden aufhielten, konnten sie nicht abschätzen.

Am nächsten Morgen berieten sie sich beim Frühstück über ihr weiteres Vorgehen.
Sie hatten sich in eine unangenehme Situation gebracht.
Ohne Hilfe konnten sie weder die Gefangenen befreien noch gegen die Sklavenhändler vorgehen.
Um zu der Ortschaft zu kommen, in der sich eine wehrhafte Gemeinschaft zusammengefunden hatte, gegen die die Arabs nicht vorzugehen wagten, brauchten sie ein Fahrzeug, denn die befand sich gut fünfzig Kilometer entfernt.
Ihre Bikes konnten sie nicht nehmen, das Motorengeräusch hätte sie verraten.
Sie beschlossen, erst einmal zu Fuß in die Richtung loszumarschieren und darauf zu hoffen, unterwegs ein fahrbereites Vehikel aufzutreiben.
In die Rucksäcke wurden Lebensmittel und saubere Kleidung gepackt.
Den Rest des Tages verbrachten sie mit essen, schlafen und der Beobachtung des Hofes.
Es fiel ihnen auf, dass circa alle halbe Stunde einer der Sklavenhändler aus dem Haus kam, durch ein kleines Seitentor auf die Straße trat und eine Weile stehen blieb und in Richtung Autobahn schaute.
"Die warten noch auf etwas oder jemanden." meinte Nasir.
"Dann müssen wir nachher umso vorsichtiger sein." erwiderte Laura.
"Im Dunkeln werden wir sie zuerst sehen, die fahren sicherlich nicht ohne Licht."
"Trotzdem. Gehen wir kein unnötiges Risiko ein."
Kurz bevor es dunkel wurde, ging wieder das Tor auf und einer der Männer kam heraus.
Er schaute und schien zu lauschen, dann schüttelte er den Kopf, ging einige Schritte auf die Straße und horchte wieder.
"Immer noch nichts?" rief einer von der Haustür aus.
"Nein! Nichts zu sehen und nichts zu hören!"
Der andere Mann kam zu ihm auf die Straße
"Verdammter Mist! Solange die nicht kommen, können wir nicht weitermachen. Wir sollten schon seit Stunden wieder unterwegs sein."
"Dann wartet der verdammte Musel halt noch eine Weile! Beim Bezahlen ist er schließlich auch nicht der Schnellste und Pünktlichste."
"Um den geht’s mir gar nicht. Aber du weißt wie der Oberst ist. Der kann Unzuverlässigkeit nicht leiden."
"Wieso? Kommt der etwa her?"
"Nicht dass ich wüsste. Ich hoffe es jedenfalls nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber der Typ ist mir unheimlich."
"Der ist total durchgeknallt."
"Sag das bloss nicht in Gegenwart vom Fettkloß, der steckt ihm alles."
"Ich weiß, der fürchtet ihn mehr als den Teufel und will sich bei ihm Liebkind machen."
"Lass uns reingehen. Was sollen wir hier blöd rumstehen .Wir können auch drinnen auf sie warten."
"Nur noch dieser eine Laster und wir könnten die Sache zu Ende bringen. Ich komme mir hier vor wie auf dem Präsentierteller. Was, wenn dem Kalifen plötzlich einfällt, dass auch wir gute Preise auf dem Sklavenmarkt in Riad einbringen würden?"
"Das glaube ich nicht. Wer sollte ihm dann die Ware liefern?"
"Ich traue denen nicht. Die sind alle nicht ganz richtig im Kopf. Und sie sind inzwischen so viele geworden hier in der Gegend."
Die beiden Männer gingen zurück und verschwanden im Bürogebäude.
"Lass uns gehen. Jetzt wissen wir, worauf sie warten. Den LKW hören wir schon von Weitem, das dürfte kein Problem werden."

Nach einer Stunde Fußmarsch erreichten sie die Autobahn und folgten ihr in Richtung Norden.
Der Himmel war stark bewölkt, vom abnehmenden Mond war nur eine kleine Sichel übrig, die ab und zu ganz wenig Licht durch eine Wolkenlücke spendete.
Ihrem Gefühl nach waren sie eine weitere Stunde unterwegs gewesen, als sie sich für eine kleine Rast an den Straßenrand setzten.
Gerade als sie weitergehen wollten, hörten sie Schritte und das leise Fluchen eines Mannes.
Sofort legten sie sich auf den Boden und verhielten sich völlig still.
Gegen den helleren Horizont konnten sie eine dunkle Gestalt erkennen, die in ihre Richtung kam.
Der Mann stolperte mehr als er ging. Dabei verfluchte er wortreich die Dunkelheit, die schlechte Straße, den verdammten LKW, die Sklaven und seinen Kumpanen, der ihn losgeschickt hatte um Hilfe zu holen.
Seine Schimpftirade brach abrupt ab, als er plötzlich von hinten gepackt wurde und ein Messer am Hals spürte.
"Wer bist du?" fragte Nasir, der plötzlich einen starken Akzent hatte.
"Ich gehöre zum Oberst. Bist du einer der Männer des Kalifen?"
"Ja, das bin ich, Allah sei gelobt. Deine Leute, sie warten schon auf euch. Lange."
"Ich weiß. Dieser verdammte LKW hat unterwegs vier Mal den Geist aufgegeben. Bisher konnten wir ihn immer wieder in Gang bekommen. Jetzt fummelt Joschi schon seit vier Stunden am Motor herum, aber es tut sich nichts mehr. Deshalb bin ich auf dem Weg ins Depot um Hilfe zu holen. Und wenn ich dran denke, dass wir noch nicht mal werden schlafen können, bevor wir die Ware nach Rostock fahren müssen, dann habe ich schon die Schnauze voll."
"Wie weit weg ist Fahrzeug?"
"Nicht sehr weit. Ich bin noch nicht lange unterwegs."
"Und wo steht?"
"Direkt auf der Fahrbahn."
Der Mann sackte mit einem Röcheln zusammen. Nasir hielt ihn fest und stieß ihn die Böschung hinunter ins Gestrüpp.
"Vorsichtig jetzt! Den Anderen holen wir uns auch noch."
Kurze Zeit später sahen sie ein schwaches Licht und hörten, wie jemand versuchte, ein Fahrzeug anzulassen.
"Komm schon! Komm schon!" rief eine zornige Stimme. Das Geräusch brach ab.
Dann erklang es ein zweites Mal. "Nun komm schon, du verdammte Rostlaube!"
Tatsächlich drehte der Motor durch und lief.
"Ja! Geschafft!" jubelte der Mann.
Er stieg aus, nahm die Lampe an sich und schlug die Motorhaube zu.
Als er ins Führerhaus klettern wollte, wurde er gegen die Karosserie gedrückt. Im schwachen Licht der Kabine konnte er einen arabisch aussehenden Mann erkennen, der ihm ein Messer an den Hals hielt.
"He! Mach keine Dummheiten! Ich gehöre zum Oberst. Ich bringe neue Sklaven für euch." Er zeigte mit der Hand auf die Ladefläche seines Fahrzeugs.
"Verstehst du, was ich dir sage? Ich bin ein Freund des Kalifen. Ich bin dein Freund!"
"Kein Freund des Kalifen kann mein Freund sein." knurrte Nasir.
"Was? Bis du verrückt? Wer bist du?"
"Er ist mein Gehilfe." Eine Gestalt trat in den Lichtkegel der Lampe, die Nasir auf sie richtete.
Der Mann sah einen Engel mit schwarzen Flügeln, lodernden Flammen statt Haaren, weissem Gesicht, schwarzen Augenhöhlen und schwarzen Lippen.
"Azrael!" flüsterte der Mann und sank auf die Knie.
"Es gibt dich wirklich!"
"Sag dem Kalifen, ich bin zurück!"
Nasir schlug blitzschnell mit dem Knauf seines Messers zu, der Mann stürzte vornüber aufs Gesicht.

"Wie machst du das mit den schwarzen Flügeln und den flammenden Haaren?" fragte Calvin.
"Meine Flügel bildet ein Cape, wenn ich die Arme ausbreite."
"Und die Flammen?"
Laura lachte. "Die Menschen sehen, was sie zu sehen erwarten. Hätte er noch nie von mir gehört gehabt, hätte er eine rothaarige Frau im schwarzen Mantel gesehen."

Sie ließen den Mann liegen und stiegen in den Laster ein.
Nasir wendete das Fahrzeug und fuhr zu den Menschen, die sich in einem ehemaligen Polizeiverwaltungsgebäude eingenistet hatten, das unter der Tiefgarage noch über einen Bunker verfügte.
Sie hatten um das Gebäude herum Gräben ausgehoben, eine Mauer hochgezogen und einen Verhau aus Natodraht davor und dahinter platziert.
Es gab nur einen einzigen Zugang und der wurde streng bewacht.
Auf dem Dach des Gebäudes wechselten sich rund um die Uhr Wachen und Scharfschützen ab.
Im weiten Umkreis gab es Beobachter, die Ankömmlinge per Funk anmeldeten.
Einige Male hatten die Arabs versucht, die Festung zu stürmen, hatten sich aber blutige Nasen geholt und es aufgegeben.
Nasir und Laura waren schon mehrmals dort gewesen, jedes Mal mit befreiten Sklaven.
Etwa die Hälfte der dort anwesenden Leute verdankten den Beiden ihre Freiheit.
Sie fuhren von der Autobahn ab und folgten der Straße in Richtung Gewerbegebiet, wo das Gebäude stand.
An einer bestimmten Stelle hielten sie an. Laura stieg aus und stellte sich in den Lichtkegel der Scheinwerfer.
"Seid ihr allein?" rief eine Stimme?
"Nein! Wir wurden gezwungen, herzufahren." antwortete sie.
Drei Männer und eine Frau kamen auf sie zu und umarmten sie und Nasir.
Hätte sie mit ja geantwortet, hätten die Frager gewusst, dass etwas nicht stimmt.
"Wen bringt ihr uns heute?"
"Keine Ahnung. Wir haben den Wagen vor einer Stunde gekapert und sind gleich hierher gefahren."
Einer der Männer hob die Plane an und leuchtete ins Innere.
"Alles klar. Fahrt rein und schaut, dass die armen Teufel versorgt werden. Ich funke das Hauptquartier an, dass ihr kommt."
"Danke!"
Sie fuhren direkt vors Tor und wurden ohne weitere Kontrolle eingelassen.
"Fahrt in die Tiefgarage, sie warten schon auf euch."
Zur großen Überraschung Lauras und Nasirs bestand ihre Ladung nicht aus Männern und Frauen, wie sie vermutet hatten, sondern aus lauter Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren.
Sie waren völlig verängstig und hatten keinen Laut von sich gegeben.
Als die Männer sie herunterheben wollten, drängten sie sich im hinteren Bereich zusammen und klammerten sich aneinander. Jetzt begannen sie auch zu weinen.
Nach einem Funkspruch kamen einige Frauen und Mädchen zum LKW.
Die Männer zogen sich zurück und nach langem Zögern und viel gutem Zureden ließen sich die Kinder herunterhelfen und gingen mit den Frauen und Mädchen mit.

In der Kantine der Festung, wie sie ihr Zuhause nannten, versammelten sich die Sprecher der Gemeinschaft.
Laura und Nasir bekamen ein warmes Essen und Kaffee.
Meier, ein ehemaliger Polizeichef, übernahm das Reden.
"Unsere Gemeinschaft ist um neunzehn Mädchen und siebzehn Jungen gewachsen. Wir danken euch, dass ihr sie befreit und zu uns gebracht habt. Wir hoffen, dass wir sie mit viel Liebe und Geduld dazu bringen können, uns zu vertrauen."
Während sie aßen und tranken erzählten sie abwechselnd von ihrer Entdeckung des Sammel- und Umschlagplatzes und dass die Sklavenhändler vorhatten, einen Konvoi mit insgesamt zweiundzwanzig LKWs voller Gefangener zum Kalifen zu bringen.
"Die Ware ist für Rostock bestimmt. Sie warteten nur noch auf unseren Lastwagen, sonst wären sie gestern schon aufgebrochen."
Eine Frau betrat den Raum und setzte sich dazu.
Von vorherigen Aufenthalten kannten sie die Ärztin.
"Erzähl!" forderte Sabrina, die Koordinatorin für die Wachablösungen, die Frau auf.
"Alle Kinder sind gut ernährt und soweit gesund. Zwei der Buben und neun der Mädchen wurden missbraucht. Für diese Nacht lassen wir sie gemeinsam im Schlafsaal des Bunkers schlafen. Morgen werden wir Pflegefamilien für sie aussuchen. Es haben sich schon mehr Familien gemeldet als Kinder angekommen sind."
Bei er Erwähnung des Missbrauchs hatten sich die Gesichter der Anwesenden verfinstert.
"Erzählt bitte weiter." bat Meier.
Wegen Elfi, der Ärztin, wiederholten sie noch einmal, was sie bisher erzählt hatten.
Dann berichteten sie, was sie über die Sklavenhändler herausgefunden hatten, auch von dem Gespräch über den Oberst und am Ende, wie sie den Laster entdeckt und die Fahrer unschädlich gemacht hatten.
"Wenn ihr diese Menschen befreien wollt, sind wir dabei."
Meier blickt in die Runde und bekam von Allen in der Runde ein zustimmendes Nicken.

"Dann ruft die Kommandeure zusammen, damit wir einen Plan ausarbeiten. Sobald der Fahrer zu ihnen stößt, werden sie aufbrechen."
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Kavure´i
 

Beitragvon style1977 » 09.06.2017, 10:06

Super es geht wieder weiter. Ich lese immer noch gern mit. Spannend wie immer.
style1977
 

Beitragvon Wecki » 09.06.2017, 20:40

Tolle Fortsetzung...
Mein Kopfkino läuft auf Hochtouren...!!
Wecki
 

Beitragvon Pünktchen » 02.07.2017, 21:14

Hallo Kavure`i,
mit Ungeduld warte ich auch auf die Fortsetzung deiner Geschichte !
LG Pünktchen
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 03.07.2017, 00:10

Nasir und Laura bekamen ein kleines Gästezimmer zugewiesen und legten sich bald nach der Besprechung schlafen.
Es waren noch weitere zehn Festungsbewohner in die Kantine gekommen, um über einen Plan zur Befreiung der Sklaven zu beraten.
"Im Grunde genommen ist es ganz simpel" meinte einer der Kommandeure. "Da wir keine Ahnung haben, ob der Konvoi mit oder ohne Eskorte fahren wird, werden wir zuerst Späher ausschicken, die das auskundschaften. Sobald wir wissen, mit wie vielen wir es zu tun bekommen, rücken wir mit der entsprechenden Anzahl Leuten aus."
"Das mit den Spähern geht in Ordnung." erwiderte ein anderer. "Aber ganz so einfach wird es nicht werden. Wir können keine Schießerei riskieren. Damit gefährden wir das Leben der Gefangenen."
"Glücklicherweise ist es ein gutes Stück bis Rostock. Wir werden unterwegs sicherlich eine Chance bekommen. Wir werden ihnen unauffällig folgen und auf eine passende Gelegenheit warten."
Man konnte den Versammelten ansehen, dass sie mit diesem Plan nicht ganz glücklich waren. Zu viele Unwägbarkeiten und sie mussten zu viel dem Zufall überlassen.
Aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. Niemand hatte einen besseren Vorschlag.
Um beweglich zu sein, beschlossen sie, die Verfolgung mit Motorrädern aufzunehmen.

Als Laura und Nasir geweckt wurden, war es schon eine Weile hell.
Während sie beim Frühstück saßen, kamen die Späher zurück und berichteten, dass der Konvoi, bestehend aus zweiundzwanzig LKWs, von zwei SUVs begleitet wurden. Eines fuhr voraus, eines am Ende. Eskortiert wurde das Ganze von vier Motorrädern mit je zwei Mann. Einer fuhr, der andere sicherte mit einer MP .
Sie erzählten, dass sowohl in den SUVs als auch auf den Bikes Arabs saßen.
"Die müssen letzte Nacht oder heute am frühen Morgen zu ihnen gestoßen sein. Bis gestern sahen wir weder SUVs noch Motorräder auf dem Hof." sagte Laura.
"Konntet ihr sehen, wie viele Personen in den Autos sind?" wollte Meier wissen.
"Je zwei, soweit ich durchs Glas erkennen konnte."
"Dann haben wir es mit insgesamt sechsundfünfzig Gegnern zu tun. Das ist schon eine ganze Menge." Sabrina runzelte besorgt die Stirn.
"Wir werden sie nicht bei Tag angreifen. Wir überraschen sie im Schlaf." erklärte Nasir.
"Was machen wir, wenn sie sich beim Fahren abwechseln und gar nicht zum Schlafen anhalten?"
"Dadurch, dass sie die Motorradfahrer dabei haben, müssen sie nachts pausieren. Die Autofahrer können sich abwechseln, weil der Beifahrer schlafen kann. Das geht bei den Motorradwachen nicht."
"Und außerdem müssen sie den Sklaven die Möglichkeit geben, sich zu erleichtern. Essen und Trinken brauchen sie auch. Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, sie in gutem Zustand zu halten, um sie auf den letzten Kilometern herunter kommen zu lassen. Gute Preise zahlt der Kalif nur für einwandfreie Ware. Sklaven, die tagelang in ihrem eigenen Dreck saßen und halb verhungert und verdurstet sind, erzielen keinen hohen Preis."
"Der Kalif wird schon wütend genug darüber sein, dass ausgerechnet die bestellten Kinder fehlen."
Die Koordinatoren der Befreiungsaktion beschlossen, die Verfolgung mit dreißig Personen aufzunehmen.
Darunter befanden sich fünf Kommandeure, die Anderen hatten sich freiwillig gemeldet.
Bald warteten die Motorräder startbereit in der Tiefgarage. Fünfzehn geländegängige Maschinen für die Festungsleute und eine für Laura und Nasir.
Sie würden es wie die Bewacher des Konvois machen.
Einer fuhr, der Andere trug eine MP. Ansonsten waren alle mit Handfeuerwaffen und Messern ausgerüstet. Für alle Fälle hatten sie noch Blendgranaten und Tränengasgeschosse dabei.
In den Satteltaschen befand sich Nahrung für mehrere Tage.
Der Abschied von Meier und Sabrina war kurz und schmerzlos.
"Kommt heil zurück! Viel Glück!"
Die Motoren heulten auf und sie waren unterwegs.

Nach einer guten Stunde Fahrt trafen sie auf eine Maschine, besetzt mit zwei Spähern.
Nach einem kurzen Informationsaustausch folgten sie den Beiden.
Nach einer weiteren Stunde schloss sich ihnen ein weiteres Motorrad an.
Auf das dritte stießen sie dann schon wenige Minuten später.
Der Beifahrer gab ihnen durch Handzeichen zu verstehen, dass sie anhalten sollten.
Sie erfuhren, dass ihnen der Konvoi nur noch eine halbe Stunde voraus war.
"Ernst und Andreas folgen ihnen knapp außer Sichtweite. Wir folgen ihnen in größerem Abstand. Andreas wird uns über Funk Bescheid geben, sollten sie anhalten."

Sie fuhren den ganzen Tag über, machten nur einen kurze Rast um etwas zu essen.
Nach Einbruch der Dunkelheit wagten sie es, näher an den Konvoi heran zu fahren.
Durch die eingeschalteten Scheinwerfer war er weithin gut sichtbar.
Dem Gefühl nach war es schon nach Mitternacht, als die Lichter plötzlich einen Schwenk nach rechts machten.
Der Konvoi verließ die Autobahn und fuhr einige Kilometer über Land, bevor sie in einer Ortschaft auf den Parkplatz eines größeren Gebäudes fuhr.
Bremslichter leuchteten auf und die Verfolger konnten sehen, wie sich die Fahrzeuge in einer Reihe nebeneinander aufstellten. Motoren wurden abgestellt, Scheinwerfer erloschen.
Schnell fuhren sie ihre Bikes in eine Seitenstraße und stellten sie ab.
Leise berieten sie sich.
"Warten wir ab, was die machen. Wenn sie hier bleiben, dann sehen wir weiter."
Laura und Nasir hatten dem führenden Kommandeur zu verstehen gegeben, dass sie sich anschleichen und die Sklavenhändler ausspionieren wollten.
Der hatte nur genickt, wusste er doch, dass die Beiden darin mehr Erfahrung hatten als sie.
Sie näherten sich dem Gebäude und hörten, wie sich die Fahrer unterhielten.
Sie wunderten sich, dass sie alle einfach bei ihren Fahrzeugen stehen blieben, als der Platz plötzlich hell erleuchtet wurde.
Sofort ließen sie sich zu Boden fallen und bewegten sich nicht mehr.
Aus der Halle kam einer der Männer und rief: "Funktioniert immer noch! Ladet sie ab!"
Bei einem Laster nach dem anderen wurde die Plane losgebunden und die hintere Bordwand heruntergelassen.
Die Gefangenen kletterten herunter und wurden von ihren Bewachern ein Stück weg geführt. Alle erleichterten sich schnell und wurden dann in die Halle gebracht.
Erst wenn sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, wurde das nächste Fahrzeug abgeladen.
Die Arabs hielten sie mit der Waffe im Anschlag in Schach.
Keiner wehrte sich oder machte Anstalten zu fliehen.
Unterdessen waren Laura und Nasir näher ans Gebäude gekrochen und hatten sich dahinter in Sicherheit gebracht.
Im Licht der Flutscheinwerfer des Parkplatzes hatten sie gesehen, dass es sich um eine große Halle mit Bürogebäude handelte.
Ein Blick durchs Fenster zeigte ihnen die Fahrer der Transporter und die Moslems.
Einer der Männer hatte einen großen Topf auf einen Gasherd gestellt, und ein zweiter stand auf dem Tisch.
Zwei weitere waren damit beschäftigt, Dosen zu öffnen und den Inhalt in den Topf zu kippen.
Auch in der Halle brannte Licht und sie lugten durch eines der Fenster.
Dort standen lange Reihen Feldbetten, auf etwa der Hälfte davon saßen Frauen und Männer.
Sie hatten sich schon gewundert, dass von jedem Laster nur jeweils zehn Personen abgestiegen waren. Es hätten locker vierzig oder mehr Platz gehabt. Warum fuhren sie nicht mit weniger Fahrzeugen?
Laura zählte die Menschen und kam auf nur einhundertfünfzig Personen.
Auf sieben der zweiundzwanzig Fahrzeuge wurden gar keine Sklaven transportiert.
Als sie bei der Sammelstelle ankamen, waren die Laster mit wesentlich mehr Sklaven beladen gewesen.
Die Beiden sahen sich an.
"Über die Hälfte muss noch am Sammelplatz sein." flüsterte Laura.
"Um die kümmern wir uns später." gab Nasir ebenso leise zurück.
Die Tür zur Halle wurde geöffnet. Einer der Männer zeigte auf vier der Sklaven und befahl ihnen mitzukommen.
Kurze Zeit später kamen sie mit Kartons beladen zurück, stellten sie auf den Boden und öffneten sie.
Jeder von ihnen nahm ein Päckchen heraus und ging damit zu seinem Platz.
Die anderen Gefangenen stellten sich in einer Reihe auf. Auch sie nahmen jeweils ein Päckchen aus dem Karton und begaben sich zurück zu ihrem Feldbett.
Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort.
Sie öffneten das Behältnis und aßen ihre Ration. Wasser holten sie sich an einem Ausgussbecken neben der Tür.
Danach legten sie sich hin und schienen bald darauf eingeschlafen zu sein.

Zurück bei den Festungsleuten gaben sie ihre Beobachtungen weiter.
"Wie gehen wir weiter vor?"
"Wie es aussieht, scheinen sie hier längere Zeit rasten zu wollen. Sonst hätten sie die Gefangenen nicht zum Schlafen absteigen lassen."
"Beobachten wir sie."
"Wenn wir diese Nacht noch etwas unternehmen wollen, bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Es wird maximal noch 4 Stunden lang dunkel sein." gab einer der Männer zu bedenken.
Nasir machte sich noch einmal auf den Weg zum Gebäude.
Eine Stunde später kam er zurück.
"Der Weg ist frei. Die beiden Wachen habe ich bereits ausgeschaltet. Die anderen schlafen im Verwaltungsgebäude. Gehen wir rein und machen der Sache ein Ende."
Man konnte es den Festungsleuten ansehen, dass es ihnen nicht wohl in ihrer Haut war.
Einer von ihnen brachte es aber auf den Punkt. "Sie haben ihre eigenen Leute verraten und verkauft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben ihr Leben verwirkt."

"Lassen wir die Gefangenen noch eine Weile schlafen." sagte der Kommandeur. "Schauen wir uns inzwischen die Ladung der LKWs an."
Im Schein der Flutlichter warfen sie einen Blick auf die Ladeflächen.
Sieben der Transporter waren mit Holzkisten beladen. Die Abmessungen waren typisch für Gewehre und Munition. Eine Stichprobe bestätigte die Vermutung.
Die anderen LKWs waren mit allem Möglichen beladen, vor allem mit Lebensmitteln und Kleidung.

Zwei Tage später fuhren die Laster in die Tiefgarage der Festung ein.
Die Befreiten wurden von den Bewohnern übernommen und versorgt.
In der darauffolgenden Nacht drangen sie in das Sammellager ein. Den fetten Buchhalter und die beiden Soldaten ließen sie vorläufig am Leben, um an Informationen zu kommen.
Der Fette gab ihnen viele wertvolle Informationen über Hintermänner, Verstecke und weitere Sammellager.
Über die beiden Soldaten kamen sie an weitere sieben ihrer Kumpane heran.
Wo der Oberst und seine Stellvertreter zu finden waren, wusste allerdings keiner von ihnen.

"Die habt ja ihr erledigt." sagte Laura. "Jetzt kann ich endlich ruhiger schlafen."

An diesem Abend kamen noch einmal alle ehemaligen Nomaden ins Lager.
Und es erschienen auch alle Siedlungsleute.
Es wurde gegessen, getrunken, geredet, gelacht und geweint.
Erst weit nach Mitternacht zogen wir uns in unsere fahrbaren Heime zurück.
Entsprechend spät erwachte das Lager am nächsten Tag zum Leben.
Nicht wenige hatten einen gewaltigen Kater und baten die "Reiher" oder die Heiler um Gegenmittel.
Trotzdem wurde gleich nach dem Frühstück zusammengepackt und das Lager abgebrochen.
Hans, Gerd und Sandra kamen, um uns zu verabschieden.
Wir hatten eigentlich erwartet, Laura und Nasir kämen auch noch einmal vorbei, aber Sandra sagte uns, die Beiden wären noch vor dem Morgengrauen in einem der SUVs, die die Nomaden den Siedlungsleuten überlassen hatten, weggefahren.
"Jetzt habe ich wieder wochen- oder monatelang Sorge, es könnte ihr was passieren."
"Nachdem ich Nasir kennengelernt habe, bin ich etwas beruhigter." meinte Hans.
"Ich nicht." sagte Gerd. "Ganz im Gegenteil."
Ein letztes Händeschütteln, die Motoren wurden gestartet, und ein Fahrzeug nach dem anderen verließ das Ufer des Sees und machte sich auf den Weg in Richtung Autobahn.

Calvin und Irwin fuhren mit uns, um uns abzulösen. Auf einem Anhänger stand unsere neuerworbene Djnepr.
Auch das zweite einsatzfähige Gespann hatte einen neuen Besitzer gefunden.
Felipe fuhr stolz seinen "Bulli".
Artemisia und die Clanführer hatten beschlossen, dass wir über die A 11 und A 20 versuchen wollten, Hugoldsdorf zu erreichen.
So würden wir Plau am See vermeiden, ebenso die eingestürzte Brücke und die Umfahrung auf den schlechten Straßen.
Laut Aussage von Laura und Nasir sollte der Zustand dieser Autobahnen nicht schlecht sein.
Wir fuhren auf die A 10 und wandten uns nach rechts.
Den Abzweig auf die A 11 erreichten wir noch vor Einbruch der Dunkelheit.
Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug allerdings nicht mehr als 20 km/h. Wie ein Lindwurm wälzte sich unser Treck über die Autobahn.
Vor dem Aufbruch war beschlossen worden, die erste Nacht durch zu fahren.
Calvin fuhr die ersten vier Stunden, danach wechselten wir uns regelmäßig ab. Ich blieb allerdings außen vor, denn die Schmerzen in meinem Arm machten es mir momentan unmöglich, längere Zeit am Steuer zu sitzen.
Helma hatte die Wunde vor dem Frühstück noch einmal kontrolliert und ein zufriedenes Gesicht gemacht.
Für alle Fälle hatte sie mir Schmerzmittel da gelassen.
Ich sorgte für das leibliche Wohl, indem ich Kaffee aufbrühte und belegte Brote richtete.
Sobald es dunkel war, machte ich es mir im Bett bequem. Wotan lag wie immer in seiner "Höhle" darunter.
Immer wieder kam der Konvoi ins Stocken oder zum Stehen.
Einmal war eine Seite der Fahrbahn unterspült worden und abgesackt. Alle Fahrzeuge mussten diese Stelle im Schritttempo passieren.
Dann lagen umgestürzte Bäume über beiden Fahrspuren, die der Biberclan beiseite räumte.
Ein quer über der Straße liegender Sattelschlepper stellte ein unüberwindliches Hindernis dar. Motorräder und kleine PKW kamen gerade noch zwischen dem Wrack und der Leitplanke durch. Die Wohnmobile und Transporter nicht.
Es dauerte gut eine Stunde, bis einige Leitplanken abgeschraubt waren und wir auf der Gegenfahrbahn weiterfahren konnten.
Alles in Allem schafften wir bis zum Morgen kaum dreißig Kilometer auf der A 11.
Früher wären wir in rund drei Stunden von Berlin bis Rostock gefahren.
Sobald es hell wurde, ging es schneller voran.
Die Wölfe fuhren auf ihren Motorrädern voraus und immer wieder kam einer von ihnen zurück um Bericht zu erstatten.
Bei Hindernissen fuhren dann Kleinlaster der Biber voraus und versuchten, sie aus dem Weg zu räumen, bevor der Treck nachkam.
Bei Althüttendorf war wieder ein Teil der Fahrbahn abgesackt. Bis wir diese Stelle erreichten, hatten die Biber schon die Leitplanke geöffnet und wir konnten ohne anhalten zu müssen wieder auf die Gegenfahrbahn wechseln.
Am späten Nachmittag gaben Motorradfahrer Bescheid, dass der Treck sich zum Anhalten bereit machen sollte.
Das bedeutete, dass sich immer vier Fahrzeuge nebeneinander aufreihten, die nächsten vier dahinter, usw.
Auch so zog sich das Lager noch weit genug in die Länge.
Kaum standen die Fahrzeuge, wurden Feuerschalen aufgestellt und bald zogen appetitanregende Düfte durchs Lager.
Nach dem Essen schwärmten die Füchse und die Wildschweine aus. Immer bestrebt, den Nahrungsmittelvorrat aufzustocken und zu ergänzen.
Die Falken kümmerten sich um die fahrbaren Untersätze, bei denen Probleme aufgetreten waren, einige Wölfe fuhren los, um den Weg für den nächsten Tag zu erkunden, der Führer der Wächter teilte die Nachtwache ein.
Die vom Eisvogelclan gaben Kleidung und Ausrüstungsgegenstände aus und die Biber säuberten ihre Werkzeuge und brachten sie in Ordnung.
Dazwischen spielten die Kinder und die Hunde, wer nichts zu tun hatte, schlenderte durch das Lager, besuchte Freunde oder saß einfach vor seinem Wohnmobil.
Ich entschied mich für Letzteres, denn die Schmerzmittel machten mich matt und müde.
Nachdem mir Marc noch einen Schlaftee gebracht hatte, ging ich ins Bett.
Ich rief nach Wotan, aber der war nicht in der Nähe. Das wunderte mich sehr, war er doch seit ich ihn aufgelesen hatte, kaum von meiner Seite gewichen.
Am nächsten Morgen erwachte ich schon sehr früh.
Leise, um meinen Liebsten nicht zu wecken, stand ich auf und zog mich an.
Ein Blick aus dem Fenster informierte mich darüber, dass die Sonne noch nicht aufgegangen war.
Trotzdem verließ ich das Wohnmobil, wo mich Wotan schon schwanzwedelnd erwartete.
"Wo hast du dich denn herumgetrieben?" fragte ich ihn. "Selber schuld, dass du dein Abendessen verpasst hast. Und jetzt musst du noch warten, bis Marc ausgeschlafen hat."
Das schien ihm nichts auszumachen, denn er folgte mir, als ich mich auf die Suche nach einem Kochfeuer machte, um mir eine Tasse Kaffee geben zu lassen.
Mit der Tasse in der Hand schlenderte ich an den Fahrzeugen entlang und sah, dass bei Helma und Hannes schon Licht brannte.
Ich sah sie durchs Fenster am Tisch sitzen und klopfte an.
Hannes schaute heraus und hieß mich einsteigen.
Wotan legte sich vor das Wohnmobil.
Meine Tasse wurde wieder gefüllt und Helma schaute sich gleich die Verletzung an.
Die war verschorft und würde bald völlig abgeheilt sein. Sie bat mich, den Verband noch einige Tage dran zu lassen, zur Vorsicht.

An diesem Tag kamen wir ohne besondere Vorkommnisse bis zur Ausfahrt Gramzow. Bis zum Abzweig zur A 20 waren es nur noch circa drei Kilometer, aber da es schon anfing zu dämmern, wurde das Nachtlager aufgeschlagen.

Nach und nach versammelten sich alle unsere alten Freunde bei uns.
Natürlich wollten sie endlich erfahren, was Ramón und ich unternommen hatten, um Odilón und Adelina zu rächen.
Wir stellten unsere Klappstühle um die Feuerschale auf, setzten einen Teekessel auf die Glut und unterhielten uns über den Tag, der so ruhig verlaufen war.
Der Straßenbelag war außergewöhnlich gut erhalten, noch nicht einmal größere Schlaglöcher hatte es gegeben.
Einige schon vor Jahren gestrandete Fahrzeuge standen auf dem Standstreifen, oder wurden kurzerhand dorthin geschoben.
Um anschließend von den Falken ausgeschlachtet zu werden.
"Wo bleiben denn Artemisia und Leofric?" fragte Oleg. "Sie wollten die Fortsetzung eurer Geschichte hören und gleich nach dem Abendbrot hierher kommen."
"Soll ich mal nach ihnen schauen?" Ahlborn stand auf und ging sie suchen.
Wenige Minuten später kam er mit den Beiden zurück.
"Wir haben ein ernstes Problem." sagte Leofric. "Die Clanführer werden gleich hier sein."
Die kamen binnen kurzer Zeit und setzten sich zu uns. Außerdem kamen zwei Wölfe, die von Artemisia aufgefordert wurden, ihren Bericht vor den Versammelten zu wiederholen.
"Um es kurz zu machen: Ein großer Konvoi mit Arabs ist auf dem Weg zu uns. Sie lagern auf der A 20 bei Schönfeld, etwas mehr als zwanzig Kilometer von uns entfernt."
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 03.07.2017, 07:29

Hallo Kavure´i,
deine Fortsetzung ist wie erwartet, sehr spannend. :)
Danke, ich verschlinge diese Geschichten förmlich !
:wink:
Pünktchen
 

 


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