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Die neue Welt

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Re: Die neue Welt

Beitragvon Andiamos » 03.07.2017, 17:12

Oh, meine Bitte wurde erhört. :lol: :lol:
Vielen Dank, Kavure! :D Bin schon auf die Fortsetzung gespannt.

LG
Angelika
Andiamos
 

Beitragvon Kavure´i » 17.07.2017, 04:31

" Wir haben vierundneunzig Fahrzeuge gezählt. Davon sind sechzig LKWs, fünfundzwanzig Autos und neun Motorräder. Sie fühlen sich sehr sicher, denn sie haben zwar Wachen ums Lager aufgestellt, aber keine Späher ausgeschickt, wie wir es machen."
"Wie viele Männer sind es?"
"Schwer zu sagen, in den Autos saßen je vier, auf den Motorrädern je zwei. Jeder LKW hat Fahrer und Beifahrer. Von den LKWs sind auch noch einige abgestiegen. Einige Sklaven haben sie natürlich auch mit, aber die sind keine Gefahr."
"Sicher sind also zweihundertachtunddreißig Mann." rechnete Sonja zusammen. "Was schätzt ihr, wie viele in den LKWs hinten saßen?"
"Vielleicht noch einmal fünfzig?" fragend sah der Wolf seinen Kollegen an.
Der nickte zögernd. "Vielleicht auch ein paar mehr."
"Dann rechnen wir vorsichtshalber mit gut dreihundert Arabs, die sicherlich alle bis an die Zähne bewaffnet sind. Mit so vielen können wir es nicht aufnehmen." sagte der Führer des Adlerclans.
"So sehe ich das auch." gab ihm der Clanschef der Wächter recht."
"Zusammen mit euch" der alter Hasenclanführer machte eine Geste in unsere Richtung "sind wir vierhundertsiebenundsechzig Erwachsene im Alter zwischen vierzehn und einundachtzig. Aber nicht alle von uns sind Kämpfer."
Die meisten der Nomaden konnten zwar mit einer Waffe umgehen, aber zu Kämpfern machte sie das nicht.
"Lasst uns mal rechnen." Leofric runzelte nachdenklich die Stirn. "Nehmen wir die sechzig Wächter und die achtunddreißig Adler, dann haben wir achtundneunzig ausgebildete Kämpfer. Rechnen wir noch die neununddreißig Jäger des Hirschclans dazu, die auch wissen, wie man ein Ziel richtig trifft, kommen wir auf einhundertsiebenunddreißig. Das ist noch nicht einmal die Hälfte der Kämpfer, die unsere Feinde haben."
"Wir sollten uns nicht auf einen Kampf mit ihnen einlassen." riet der Adlerclanführer.
"So sehe ich das auch." meinte der oberste Wächter.
Alle anderen Clanführer waren der gleichen Meinung.
"Also. Was tun wir dann? Ich bitte um Vorschläge." Artemisia sah ihre Clanführer an.
"Eines ist sicher. Wir müssen von der Autobahn runter, denn sie werden sicherlich nicht nach Polen wollen." sagte der Anführer der Füchse.
Artemisia breitete ihre Karte auf dem Tisch aus. Die Führer beugten sich darüber und berieten sich über das weitere Vorgehen.
Sie diskutierten die Möglichkeit, auf die parallel zur A 20 verlaufende B 199 zu fahren, oder auf der A 11 weiter in Richtung polnische Grenze zu fahren, in sicherer Entfernung zu drehen und dann auf die A 20 zu fahren, wenn die Arabs weit genug entfernt waren.
Nach einigem Hin und Her einigten sich die Clanführer auf die Autobahnvariante.
Sie beschlossen, bis zur Abfahrt Schmölln zu fahren um von dort aus über die Landstraße zur A 20 zu fahren.
In Schmölln wollten sie am See rasten, vielleicht ein, zwei Tag bleiben.
Die Wölfe würden dem Konvoi der Arabs folgen und über deren Vorankommen berichten.

Eine halbe Stunde später waren wir wieder auf dem Weg.
Zu unserem neuen Rastplatz waren es nur gut zwölf Kilometer und drei Stunden später standen wir am Ufer des Schmöllner Sees.
Da es inzwischen fast Mitternacht war, schlüpften wir nach einer Katzenwäsche mit kaltem Wasser unter die Decken.
Wotan hatte nur einen kurzen Ausflug in die nähere Umgebung gemacht und wollte nach wenigen Minuten schon wieder ins Wohnmobil, wo er seinen gewohnten Platz unterm Bett einnahm.
Im Halbschlaf hörte ich, wie er sich einige Male um sich selber drehte und sich mit einem Ächzen zu Boden plumpsen ließ.
Ich öffnete die Augen, als ich draußen das Klappern von Töpfen und leise Gespräche hörte.
Ein Blick aus dem Fenster sagte mir, dass es kurz vor Morgengrauen war.
An einem Kochfeuer saßen sechs Adler und frühstückten. Danach schwangen sie sich auf Fahrräder und verließen das Lager.
Ich überlegte kurz, ob ich aufbleiben sollte, dann entschied ich mich dafür, noch einmal ins Bett zu kriechen.
Marc versuchte aufzustehen ohne mich zu wecken. Wie gewöhnlich schaffte er das nicht.
Gähnend zog ich mich an und verließ das Wohnmobil.
Den schnarchenden Wotan musste ich aufwecken.
"Du bist mir ein schöner Wachhund!" schalt ich ihn im Spaß. "Dich könnte man mitsamt dem Fahrzeug wegtragen, du würdest noch nicht mal aufwachen."
Er krabbelte aus seiner Schlafhöhle und streckte sich gähnend. Dann sah er mich auffordernd an.
"Schon gut. Du bekommst gleich dein Frühstück."
Er schlang seine Portion hinunter und schlenderte davon.
Marc und ich suchten uns einen freien Platz an einem der Kochfeuer und ließen uns Frühstück geben.

Um die Mittagszeit kamen zwei der Adler zurück und berichteten, dass die Arabs auf der Höhe des Autobahnkreuzes von Grünow ein Lager aufgeschlagen hatten und es nicht danach aussah, als ob sie bald weiterfahren würden.
"Sie scheinen auf jemanden oder etwas zu warten." meinte einer der Adler.
"Die haben sicherlich wieder irgendeine Teufelei vor." sagte Oleg.
Es wurden zwei ausgeruhte Späher zum Konvoi geschickt, ein weiteres Paar kam zurück und wurde ebenfalls abgelöst. So ging es alle vier Stunden. Die Zurückkommenden hatten nichts Neues zu berichten.
Die Arabs schienen tatsächlich zu warten.
Wie üblich ging es in ihrem Lager recht lautstark zu. Sie stritten sich häufig, brüllten herum, gingen aufeinander los, schikanierten die Sklaven.
Und verhielten sich erstaunlich sorglos.
Immer noch hatten sie keine Späher ausgeschickt und die Wachen rund um ihr Lager hatten mit Anbruch des Tages ihre Posten verlassen.
So wie es aussah, waren sie schon lange nicht mehr auf ernst zu nehmende Gegner gestoßen. Wenn überhaupt jemals.
Die Wölfe berichteten, dass jeder der Männer mit mindestens einer Schusswaffe ausgerüstet war. Die Meisten hatten eine MP umgehängt.
Es war noch nicht ganz Mittag, als zwei Wächter, die bei der Abfahrt Schmölln zurückgeblieben waren, zum See kamen.
Sie warnten uns, dass weitere Fahrzeuge auf dem Weg waren.
"Sie kommen von der polnischen Grenze. Wir dachten, sie würden auf der Autobahn weiterfahren, aber sie sind abgefahren und auf dem Weg hierher."
"Wie viele sind es denn?" fragte Artemisia.
"Fünf Transporter, vier SUVs und mindestens zehn Motorräder."
"Ich denke, darauf warten die anderen Arabs."
"Ganz bestimmt." meinte der Wächter. "Es ist ein Sklaventransport. Die LKWs sind ehemalige Viehtransporter, die Menschen stehen dicht an dicht auf der Ladefläche."
"Feindalarm!" rief Leofric.
Der Ruf wurde weitergegeben und binnen weniger Minuten wurden Kinder und Hunde zusammengerufen und in die Wohnmobile verfrachtet.
Vor jedes Fahrzeug stellte sich ein bewaffneter Nomade.
Ramón übernahm die Verteidigung des Lagers.
Die Kochfeuer wurden mit Sand bedeckt und alle Möbel und sonstigen Dinge verstaut.
Die Clanführer der Adler, Wölfe und Wächter schickten ihre Mitglieder mit Handzeichen weg.
Auf meinen fragenden Blick erklärte mir eine der Reiher, dass sie sich günstige Positionen für einen Überfall auf die Arabs suchen und so viele als möglich von ihnen aus dem Hinterhalt erschießen würden.
"Hoffentlich verlieren wir niemanden und bekommen die Gefangenen frei."
"Kommt mit!" sagte Calvin.
Marc, Ahlborn, Max, Miriam, und ich folgten ihm.
Durch das halb offen stehende Tor der Kirche gelangten wir ins Innere und stiegen den Turm hinauf.
Dort saß bereits Irwin mit seinem Präzisionsgewehr.
Er grinste uns an, dann schaute er wieder durch das Zielfernrohr.
Zu meinem Erstaunen befand sich auch einer der Stadtsoldaten dort. Er hatte ein Sturmgewehr angelegt und konzentrierte sich ebenfalls.
Sein damaliger Offizier saß im Hintergrund und lud in aller Seelenruhe mehrere Waffen.
"Oliver hat immer die meisten Punkte geholt. Neun von zehn Schüssen gingen ins Schwarze. Allerdings mit einer anderen Waffe. Aber er wird schon treffen." meinte er.
"Ich höre Motorengeräusche. Sie kommen." Max suchte sich ebenfalls eine gute Schussposition.
Wir anderen überprüften unsere Waffen um notfalls mit zu mischen.
Der Konvoi war schon halb an der Kirche vorbei gefahren, als die ersten Schüsse fielen.
Zwei der SUVs krachten führerlos in das niedrige Mäuerchen, das die Kirche umgab, eins der Motorräder rutschte unter den vordersten LKW, so dass dieser abrupt gestoppt wurde.
Der zweite konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und fuhr auf. Die anderen drei konnten noch anhalten, so dass sie dem vorausfahrenden Fahrzeug nicht ins Heck krachten.
Ich beobachtete, wie Irwin die Fahrer der LKWs aufs Korn nahm und erschoss. Die Beifahrer hatten auch keine Chance, denn die eliminierte Oliver.
Die Beiden Scharfschützen grinsten sich an und klatschten sich ab.
Keiner von uns anderen musste seine Waffe benutzen.
Es hatte keine fünf Minuten gedauert und alle Arabs waren tot. Sie hatten noch nicht einmal mitbekommen, dass sie in einen Hinterhalt geraten waren.
Die Nomaden kamen aus ihren Verstecken und liefen zu den Transportern.
Sie öffneten die Hecktüren und klappten die Verladerampen herunter.
Die Menschen auf den LKWs sahen sie ängstlich an. Keiner machte Anstalten, auszusteigen.
"Kommt schon! Es ist vorbei! Ihr seid frei!"
Eine der Frauen rief etwas in einer fremden Sprache. Ich verstand kein Wort, aber einer der Nomaden drängte sich nach vorne und antwortete ihr.
Sofort begannen die Leute die Rampe herunterzuklettern. Aufgeregt riefen sie durcheinander.
Die Frau, die gerufen hatte, ging zu dem Nomaden, der ihr geantwortet hatte und umarmte ihn.
Er grinste breit und rief: " Das sind Landsleute von mir. Polen."
Es stellte sich heraus, dass einige der Polen Deutsch sprachen und einige der Nomaden Polnisch, und so klappte es mit der Verständigung.
Die Nomaden fingen sofort damit an, die toten Arabs von der Straße zu schaffen.
Gegenüber der Kirche war eine Halle. Sie brachen die Tür auf und warfen die Leichen hinein.
Die Fahrzeuge und die Befreiten wurden zum Lager gebracht.
Kinder und Hunde durften wieder hinaus, wurden aber ermahnt, sich nicht weit zu entfernen und keinen Lärm zu machen.
Wir zählten fast dreihundert Männer, Frauen und Kinder.
Sie erzählten uns, dass sie erst gestern von den Invasoren gefangen genommen worden waren.
Die waren in der Nacht nach Siadlo Dólne gekommen, hatten die Bewohner im Schlaf überrascht und in die Transporter getrieben.
"Die müssen uns lange Zeit beobachtet haben, denn sie wussten genau, wie viele Menschen in welchen Haus zu finden waren."
"Und sie hatten Zuträger." rief eine der Frauen zornig. "Ich habe gehört, wie sich welche auf Polnisch unterhalten haben. Aber die waren später nicht mehr dabei. Dreckige Verräter!"
"Solche Dreckskerle scheint es in jedem Volk zu geben." sagte ich.
"Heute ruht ihr euch bei uns aus, morgen könnt ihr mit den erbeuteten Fahrzeugen nach Hause fahren. Unsere Mechaniker werden diesen Ort nach weiteren fahrtüchtigen Autos absuchen. Leider wird der Großteil von euch wieder mit den Transportern Vorlieb nehmen müssen." meinte Artemisia entschuldigend.
"Das ist doch nicht schlimm." sagte einer der Polen. "Ich würde auch zu Fuß gehen. Hauptsache, wir sind wieder frei. Dank euch."
Inzwischen kamen die Füchse mit vollen Körben und Kisten ins Lager zurück.
Wie gewohnt hatten sie die Ortschaft geplündert und schleppten Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände an.
Die Hirsche brachten Fische, die sie im See gefangen hatten und bald hing über jedem Kochfeuer ein großer Kessel mit Fischsuppe und Gemüse.
Vorher gab es Kaffee oder Tee für alle.
Ich hatte kaum die Hälfte meines Kaffees getrunken, als schon wieder Feindalarm gegeben wurde.
Eine Wächterin kam auf ihrem Bike angebraust und rief: " Es kommen Motorradfahrer, Hunderte!"
"Los! Bringt die Kinder in Sicherheit und geht auf eure Posten!"
Die Befreiten wurden gebeten, im Lager zu bleiben und sich ruhig zu verhalten.
"Mit etwas Glück fahren sie einfach durch und bemerken uns nicht." sagte jemand hoffnungsvoll.
"Das glaube ich nicht." sagte Marc.
"Ich auch nicht." pflichtete ihm Oleg bei.
"Und ich denke, das sind keine Arabs." meinte Sonja. " Die sind nie nur mit Motorrädern unterwegs."
"Damit könntest du recht haben." sagte Hannes.
Erneut stiegen Irwin und Oliver auf den Kirchturm. Nur zur Vorsicht.
Wir anderen versteckten uns in der Kirche und einigen Häusern.
Nicht alle Polen wollten im Lager zurückbleiben und hatten um Waffen gebeten.
Es dauerte nicht lange, bis wir das Röhren der Maschinen hörten.
Zuerst kamen vier Geländemaschinen. Sie fuhren langsam und sicherten nach allen Richtungen. Als sie an dem kleinen Platz vor der Kirche ankamen, hielten sie an.
Einer der Beifahrer stieg ab und betrachtete die Fahrbahn.
Dann rief er seinen Gefährten etwas zu. Ein weiterer stieg ab zeigte aufgeregt auf einen Flecken, fuhr mit einem Finger darüber und zeigte ihnen, dass das Blut daran noch feucht war.
Sofort drehte einer der Fahrer um und fuhr den Weg, den sie gekommen waren zurück.
"Besser, wir zeigen uns." meinte Leofric.
"Lasst mich das machen." bat eine der Polinnen.
Sie stellte sich neben eines der Kirchenfenster und rief ihre Landsleute an.
Die fuhren erschrocken zusammen und richteten ihre Waffen auf das Gebäude.
Die Frau rief noch einmal und bekam Antwort.
Sie verließ die Kirche und ging mit erhobenen Armen auf die Motorradfahrer zu, die immer noch ihre Waffen auf sie gerichtet hielten.
Plötzlich stieß einer der Beifahrer einen Schrei aus, ließ die Pistole sinken und lief auf die Frau zu.
Die Beiden fielen sich in die Arme und küssten sich.
Sie ging zu den Anderen und redete schnell auf sie ein. Einer der Fahrer nickte, stieg auf und fuhr ebenfalls weg.
Dann rief sie uns zu: "Das sind unsere Leute, sie sind uns gefolgt, um uns zu befreien."
Zwei der Polen rannten zum See und holten ihre Landsleute.
Als das Gros der Biker ins Dorf einfuhr, hatten die Befreiten sich schon an der Straße aufgestellt und winkten und riefen.
Es schienen viele Verwandte und Freunde unter den Verfolgern zu sein, denn es gab ein lautes und tränenreiches Wiedersehen.
Wir standen ein wenig abseits und sahen zu.
Plötzlich drehten sich alle Polen zu uns um und riefen: "Dziekuje! Dziekuje"
Und dann noch einmal auf Deutsch: "Danke! Danke!"
Dann wurden wir von ihnen umringt und von einer Umarmung zur nächsten weitergereicht.

Der Clanführer der Wölfe schickte einen seiner Leute, der die Beobachter der Arabs auf den neuesten Stand der Dinge brachte.

Wir hatten schon zuvor nicht genügend Sitzgelegenheiten für alle gehabt, so legten wir Kissen und Decken auf den Boden und machten es uns so bequem.
Die Polen hatten nicht erwartet, die Entführer so schnell einzuholen und hatten dementsprechend Proviant dabei.
Der wurde zum Abendessen beigesteuert und alle hungrigen Mäuler konnten gestopft werden.
Sie erzählten uns, dass einige Dorfbewohner der Gefangennahme entgangen waren. Sie hatten sich versteckt und sich sofort nach der Abfahrt des Gefangenentransports auf die Suche nach Hilfe gemacht.
Es hatte nur wenige Stunden gedauert, bis sich um die dreihundert Männer und Frauen bewaffnet und die Verfolgung aufgenommen hatten.
Die Abfahrt hatten sie genommen, weil einige der Gefangenen unbemerkt von ihren Entführern Schuhe und Kleidungsstücke auf die Straße geworfen hatten.
Bisher hatte es noch nie einen Überfall der Arabs auf Polen gegeben.
Sie wussten aber von den Sklaventransporten in Deutschland, denn Rostock schien einer der Hauptumschlagplätze zu sein und die Route A 11 / A 20 wurde häufig benutzt, da sie wohl am besten erhalten war.
Gekümmert hatten sie sich darum jedoch nicht, waren sie doch bisher nicht betroffen gewesen.
Einer der Deutschsprechenden fragte Leofric, warum sie sich in Gefahr gebracht hatten, um die Gefangenen zu befreien.
"Ihr konntet euch doch denken, dass das Polen waren, wo sie doch von der Grenze her kamen."
"Darüber haben wir nicht nachgedacht. Es waren Menschen in Not. Das genügte uns."
Der Mann senkte den Kopf. "Schande über uns." sagte er leise, stand auf und entfernte sich in Richtung See.
Später sah ich ihn in angeregtem Gespräch mit Oleg und Sonja.
Am späten Nachmittag kamen zwei der Wölfe, die die Arabs auf dem A 20 beobachteten, um Bericht zu erstatten.
"Wir haben das Gefühlt, dass sie langsam die Geduld verlieren." sagte der Eine.
"Und befürchten, dass sie womöglich Späher aussenden, die nachschauen sollen, wo die neuen Sklaven bleiben."
Bei der Gelegenheit klärten die Nomaden die Polen über das Lager und die geschätzte Anzahl der Sklavenjäger auf.
"Die konnten wir nicht angreifen. Wir schätzen sie auf gut dreihundert Bewaffnete. Wir selber haben nur ungefähr einhundertvierzig Kämpfer. Selbst wenn wir sie überraschen, sind sie uns überlegen."
"Wir sind zweihundertachtzig gut Bewaffnete auf wendigen Motorrädern. Von den Befreiten können noch einmal mindestens hundert mit der Waffe umgehen. Somit wären wir über fünfhundert Kämpfer, wenn ihr mitmachen wollt. Das sollten wir schaffen."
Leofric und Ramón sahen sich an. "Wir sind dabei. Wer noch?"
Fast alle Erwachsenen wollten mitgehen. Da musste das Los entscheiden, wer zum Schutz des Lagers zurückbleiben musste.
Zu meiner und Ramóns Erleichterung gehörte Felipe dazu.
Obwohl er schwer enttäuscht war, begehrte er nicht dagegen auf. Anderen ging es ja schließlich genauso.
Es wurde beschlossen, die Arabs in der Nacht anzugreifen.
Erfahrungsgemäß war die Wachsamkeit in den frühen Morgenstunden am geringsten, der Schlaf am tiefsten.

Bis Damme fuhren wir in normalem Tempo, danach langsamer und eher untertourig.
An der Auffahrt ließen wir die Fahrzeuge stehen und machten uns zu Fuß auf den Weg zu unserem Ziel.
Die Nacht war klar und der Mond zu drei Vierteln voll, so dass wir recht gut sehen konnten.
Ich schätzte die Zeit auf zwei Uhr morgens, als wir Rauch rochen und die kleinen roten Punkte der Nachtfeuer sahen.
Wie zuvor abgesprochen, begann wir, das Lager einzukreisen.
Um gegen den helleren Himmel nicht gesehen zu werden, hatten wir uns auf Ellbogen und Knien den Fahrzeugen genähert und konnten die Wachen an den Feuern und die schlafenden Männer neben den Fahrzeugen ausmachen.
Die Wachen waren an den Feuern zusammengesunken und schliefen ebenfalls.
Ich lag neben Marc und Ramón, wusste die anderen Freunde in der Nähe und wartete auf das Zeichen zu Angriff.
Mehr als einmal wischte ich meine schweißfeuchte Hand am Hemd ab, legte sie wieder an den Griff der Pistole, ärgerte mich über den Schweiß, der mir in die Augen zu laufen drohte, fuhr mir mit dem Ärmel über die Stirn und versuchte, ruhiger zu atmen.
Plötzlich fiel eine der Wachen vornüber ins Feuer.
In Erwartung seiner Schreie verspannte ich mich.
Aber nichts geschah. Er rührte sich nicht.
An einem anderen Feuer fiel ein zweiter Wächter zur Seite. Auch er gab keinen Laut von sich.
Was ging da vor?
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Kavure´i
 

Beitragvon Wecki » 17.07.2017, 12:32

Meine Herrn...Kavure'i...wie kannst du jetzt abzwicken...! :wink:
Toll..freu mich auf Fortsetzung..!

LG

Wecki
Wecki
 

Beitragvon Powerschaf » 17.07.2017, 18:34

Kavure'i, ich sage Dir jetzt in aller Freundschaft. Du hast einen Hang zum schriftstellerischen Sadismus! :-D Immer diese Cliffhanger.
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Powerschaf
 

Beitragvon Kavure´i » 18.07.2017, 00:22

:mrgreen:
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Beitragvon Schwarzdax » 18.07.2017, 09:57

Hallo Sperlingskäuzchen,
das ist ja schlimmer als ein Fortsetzungsroman in der Zeitung (früher). Immer wenn es besonders spannend war, brach es ab, damit man die nächste Ausgabe kauft, um zu wissen wie es weitergeht.

Man sollte aus diesen Geschichten ein oder mehrere Bücher machen, damit man das alles nochmals in Ruhe am Stück lesen kann. Oder vielleicht auch als zusammenhängendes PDF.

Danke Dir und Mankei für die tollen Geschichten!!!!+

Gruß
Schwarzdax
 

Beitragvon mannom » 18.07.2017, 21:53

Die Bücher würde ich sofort kaufen !!!
Bedingung: In einem Buchladen, nicht auf Amazon ;-)
mannom
 

Beitragvon Kavure´i » 19.07.2017, 00:53

Mannom

welcher Verlag würde solch politisch unkorrekten Geschichten kaufen und verlegen? :lol:
Da wirst du dir die Seiten ausdrucken, lochen und in einem Ordner abheften müssen.
Irgendwann hast du dann auch ein Buch. :wink:

Kavure´i
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Kavure´i
 

Beitragvon mannom » 19.07.2017, 12:21

Ich kaufe dir ohne wenn und aber gerne die Rechte an der Geschichte ab ;-)
mannom
 

Beitragvon Kavure´i » 30.07.2017, 05:01

Auch die letzten beiden Wachen sackten lautlos zusammen.
Jemand erhob sich und gab ein Zeichen.
Daraufhin standen weitere Personen auf und bewegten sich vorsichtig zwischen den Schlafenden hindurch aus dem Lager fort.
Keiner von uns rührte sich. Die Leute verschwanden in der Dunkelheit.
Dann erhob sich kurz ein Mann und ließ sich im schwachen Licht des Feuers sehen.
Ramón sog scharf die Luft ein.
"Nasir!" flüsterte er. Auch wir anderen hatten ihn erkannt.
Er ging zu einem der schlafenden Arabs und schnitt ihm die Kehle durch.
Ohne auf ein weiteres Zeichen zu warten, standen die Polen, die Nomaden und wir auf und taten es ihm nach.
Die Menschenhändler hatten keine Chance. Nur einige wenige wachten überhaupt auf, der Tod ereilte sie fast alle im Schlaf.

Die Dunkelheit wich dem blassen Morgenlicht und die aufgehende Sonne schien auf den Ort des blutigen Massakers.
Die Begrüßung zwischen uns und Nasir und Laura fiel kurz aus.
Im Angesicht der vielen Leichen konnte keine Freude oder Herzlichkeit aufkommen.
Einige unserer Mitstreiter hatten sich übergeben müssen, andere waren bleich und wieder andere weinten leise.
Mir war, als hätte ich meine Gefühle verloren. Ich stand da, sah die Männer in ihrem Blut liegen und empfand - nichts.
Als Marc mich ansprach, reagierte ich nicht.
Ich fühlte mich wie in einem Glaskasten. Ich konnte zwar sehen wie er die Lippen bewegte, das Gesagte drang aber nicht zu mir durch.
Da ich die Nähe der Anderen plötzlich nicht mehr ertragen konnte, entfernte ich mich von ihnen und ging den Weg zurück, den wir nachts gekommen waren.
Als ich schon fast bei unseren Motorrädern angekommen war, sprang mich plötzlich ein schwarzer Schatten an und warf mich fast um.
Wotan war der Spur der Fahrzeuge gefolgt und hatte mich gefunden. Er stupste mich immer wieder an und wackelte mit seinem kleinen Schwanzstummel, sah mich erwartungsvoll an und winselte.
Ich kniete mich zu ihm auf den Boden, vergrub mein Gesicht in seinem Fell und weinte. Weinte um unser früheres Leben, das für immer verloren war, weinte um all die Toten, und ich weinte auch um mich.
So fand mich Marc, der mir gefolgt war und ich ließ es zu, dass er mich in die Arme nahm und mich tröstete wie ein Kind, das einen bösen Traum gehabt hatte.
Nur dass wir Beide wussten, dass es aus diesem Alptraum kein Erwachen geben würde.
Wir setzten uns ins Gras und warteten auf die Anderen.
Er erzählte mir, dass sie angefangen hatten, für die Toten eine große Grube auszuheben.
Es dauerte keine zwei Stunden, da hörten wir die LKWs kommen.

Zurück am See wurde die Ladung der Transporter gesichtet und verteilt.
Da die Nomaden keins der Fahrzeuge gebrauchen konnten, überließen sie alle den Polen.
Diese wollten im Gegenzug nichts von den Lebensmitteln haben, sie meinten, die würden wir nötiger brauchen als sie.
Waffen und Munition wurde aufgeteilt. Auch davon überließen die Polen den Löwenanteil den Nomaden.
Von den siebzehn Sklaven, die Laura vorab aus dem Lager gerettet hatte, nahmen bis auf drei die Einladung der Polen an, zukünftig bei ihnen zu leben.
Nun hatten sie genügend Fahrzeuge, um alle ihre geretteten Landsleute einigermaßen komfortabel transportieren zu können.
Wir aßen noch gemeinsam zu Mittag, dann kletterten die Polen auf die LKWs und stiegen auf die Motorräder.
Sie hupten noch zum Abschied und schon waren sie wieder auf dem Weg.
Nach Hause.
Was für ein Wort!
Würden wir jemals wieder ein Zuhause haben?

Nach dieser schrecklichen Nacht wollte uns Artemisia zwei weitere Tage Ruhe gönnen.
Auch dieser See lud zum Baden ein, was vor allem die Kinder ausgiebig taten.
Marc und ich machten mit Wotan einen langen Spaziergang. Ich konnte und wollte außer ihm niemanden sehen.
Als es dunkel wurde, kehrten wir ins Lager zurück.
Über den Feuern brutzelten Fische und dieser Geruch weckte meine Lebensgeister.
Wir suchten nach unseren Gefährten und fanden sie wie erwartet beim Wohnmobil von Artemisia.
Leofric beugte sich gemeinsam mit Ahlborn, Calvin und Ramón über die Straßenkarte und sie ließen sich von Laura und Nasir zeigen, wo sie mit Arabs rechnen mussten.
Die Beiden hatten beschlossen, uns bis Hugoldsdorf zu begleiten.
Sie kannten zwischen hier und der Küste jede Ansiedlung der verbliebenen Deutschen und deren Bewohner.
Viele von ihnen verdankten ihnen Leben und Freiheit. So waren sie überall willkommen und wurden in jeder Hinsicht unterstützt.
Nasir hatte beschlossen, seine Schwester in Rostock abzuholen. Er wollte sie nicht länger der Gefahr aussetzen, womöglich enttarnt zu werden.
Sie würde ein schreckliches Schicksal erleiden, sollten die Arabs ihre wahre Identität herausfinden.
Später saßen wir gemeinsam um die Feuerstelle und unterhielten uns.
Oleg fragte Laura und Nasir, ob sie tatsächlich zu zweit alle Arabs hatten töten wollen.
"Anfangs wollten wir nur die Sklaven da herausholen." sagte Laura. "Dann bemerkten wir euch. Das heißt, wir wussten natürlich nicht, dass ihr das seid, aber da wir sahen, dass ihr euch ans Lager anschleicht, konnten wir uns schon denken, dass da keine Freunde der Arabs kamen."
Deshalb hatten sie blitzschnell umdisponiert.
Laura war ins Lager geschlichen und hatte die Sklaven herausgeholt. Die schliefen alle zusammen unter einem der LKWs und sie musste nur einen von ihnen wecken und ihm sagen, er solle mitkommen. Der hatte seinen Nachbarn angestupst, der seinen, usw.
Ohne ein lautes Wort oder Geräusch waren sie ihr gefolgt.
Sobald sie in Sicherheit waren, gab sie Nasir das verabredete Zeichen und der tötete die vier Wächter.
Sie hatten leichtes Spiel, weil die Moslems nachlässig waren und die Wachen ebenso schliefen wie alle anderen.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl gemütlich zurück und hörte den Anderen zu.
Das Bedürfnis, mich von ihnen abzusondern, war verschwunden.
In der Mitte unserer Freunde fühlte ich mich wohl.
Wie durch ein Wunder war trotz der gefährlichen Situationen, in die wir seit unserer Abreise aus Berlin geraten waren, keiner von uns mehr ums Leben gekommen.
Ich suchte die vertrauten Gesichter.
Neben mir saß Marc. Dann Max und Miriam, Artemisia, Hannes und Helma, Calvin, Ahlborn, Irwin, Oleg und Sonja, Leofric, John, Marek, Sascha, Kurt, Ramón und Felipe. Und natürlich Nasir und Laura.
Marc hatte seinen Klappstuhl ganz nah neben meinen gestellt, so konnte ich meinen Kopf an seine Schulter legen und seine Hand halten.
Auf unseren Füßen lag Wotan und schlief. Ab und zu zuckten seine Pfoten und er winselte leise.
Wie so oft, fragte ich mich, wovon Hunde wohl träumen.
Ich balancierte auf der Grenze zwischen Wachen und Schlaf, als Helma mich ansprach.
"Hast du die Schuppe von diesem paraguayischen Fabeltier eigentlich noch?"
"Was?"
"Na die Schuppe, die dir die alte Kräuterhexe geschenkt hat und behauptete, es wär die Schuppe eines ihrer alten Götter."
"Ach die! Natürlich habe ich die noch."
Ich zog sie an der Kette unter meinem Hemd hervor und zeigte sie meiner Freundin.
Als das Licht des Feuers darauf fiel, schillerte sie in allen Farben von gelb, orange und rot. Auf der Vorderseite hatte ich, gleich nach meiner Rückkehr nach Deutschland, mit einem feinen Brennstift mein Tierkreiszeichen eingebrannt.
"DAS ist die Schuppe?" Marc sah mich von der Seite an. "Dieses Ding trägst du, seit wir uns kennen."
"Ich muss." sagte ich. "Ich kann es nicht ablegen."
"Hast du es hier in Deutschland versucht?" fragte Ramón.
"Ja. Aber mit dem selben Ergebnis wie in Paraguay." erwiderte ich.
"Ich hätte nicht geglaubt, dass seine Macht so weit reicht." murmelte mein Bruder. "Du hättest sie Ña Merce zurückgeben müssen, bevor du abgereist bist."
"Das wollte ich ja, aber sie hat sich geweigert, sie zurückzunehmen."
"Das verstehe ich nicht."
"Sie sagte, ich müsse sie behalten. Er wolle, dass ich zurückkomme, wenn ich dazu bereit sei. Und das Amulett würde dafür sorgen, dass ich nach Hause fände."
Ramón sah mich seltsam an, dann seufzte er.
"Nach Hause! In diesem Leben werden wir Paraguay wohl nicht mehr sehen."
"Apropos Paraguay - wann wollt ihr uns die Geschichte eurer Rache weiter erzählen?"
Max hatte sich vorgebeugt und sah uns erwartungsvoll an.
"Morgen. Da haben wir den ganzen Tag Zeit." Ich gähnte, schob Wotan von meinen Füßen herunter und fragte Marc, ob er auch gleich mitkäme.
Nach einem sehr kurzen nächtlichen Bad im See rannten wir beide, nur in ein Handtuch gewickelt, fröstelnd zu unserem Wohnmobil und schlüpften unter die Decken. Gerade, als ich mich an ihn kuscheln wollte, kratzte es an der Tür.
Marc verdrehte die Augen. Ich stand noch einmal auf und ließ den Hund herein.

Gleich nach dem Frühstück versammelten sich alle, die die Geschichte hören wollten, vor unserem Wohnmobil.
Sie hatten Stühle, Kissen und Decken mitgebrachte und machten es sich bequem.

Am nächsten Morgen saßen Ramón und ich schon um halb 4 Uhr am Tisch auf der Veranda. Trotz der frühen Stunde servierte uns Luján ein üppiges Frühstück. Ernesto und Maria leisteten uns Gesellschaft. Von Elena hatten wir uns schon am Abend vorher verabschiedet.
Ernesto und Maria wollten von Ramón Näheres über seine Pläne wissen, aber er schüttelte nur den Kopf.
"Einen richtigen Plan habe ich nicht. Das ist das erste Mal, dass ich ein Unternehmen ohne eure Logistik und Unterstützung planen und ausführen muss. Ich habe eine vage Vorstellung, wie ich an unsere Angestellten herankommen könnte, ohne dass ihre Wärter Verdacht schöpfen, aber das hängt von so vielen Unwägbarkeiten ab. Aber ihr wisst ja, ich bin auch im Improvisieren nicht schlecht."
Das gefiel zwar keinem von uns, war aber nicht zu ändern.
Ich trug die Kleidung, die mir Maria ausgesucht hatte. Eine verwaschene Jeans, ein viel zu enges Top, darüber eine leichte Bluse, die ich nicht zuknöpfte.
Ramón steckte ebenfalls in Jeans und trug ein Tshirt mit dem Aufdruck eines Jaguars und dem Schriftzug "Rohayhu Paraguay".
Seine Zöpfchen steckten unter einer Baseballkappe und er hatte sich einen Dreitagebart stehen lassen.
Niemand, der uns nicht sehr gut kannte, würde uns in unserer Verkleidung wiedererkennen.

Um 5 Uhr fuhren wir los.
Ramón half dem Wächter dabei, eine riesige Kühlbox zum Auto zu schleppen und hinter den Sitzen zu verstauen.
Die Rücksitze waren umgeklappt, so dass eine große Ladefläche entstanden war.
Das Auto war ziemlich vollgepackt mit Kisten und Kartons. Es gab gerade noch so viel freien Platz, dass wir unsere Reisetaschen einpacken konnten.
"Was ist das alles?" wollte ich wissen.
"Das erzähl ich dir unterwegs. Steig ein! Wir müssen los."
Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung von unseren Freunden und dann waren wir unterwegs.
Dank der frühen Stunde waren noch nicht viele Fahrzeuge unterwegs und so überquerten wir die Remansobrücke schon kurz nach 6 Uhr, als es gerade hell wurde.
Gleich auf der anderen Seite des Flusses änderte sich das Landschaftsbild.
Entlang der Ruta 9 gab es nur noch vereinzelte Gebäude, selten eine sehr kleine Ansiedlung.
Rechts und links der Straße dehnten sich endlose Viehweiden, bewachsen mit den typischen Chacopalmen, Samu´u und Gestrüpp.
Die Straße war voller Schlaglöcher und ein entspanntes Fahren war nicht möglich. Wir lösten uns alle zwei Stunden am Steuer ab.
Vor einer Polizeistation wechselte grundsätzlich Ramón auf den Fahrersitz. Ich hatte zwar einen drei Monate gültigen internationalen Führerschein, da ich ja nicht mit meiner Cedula und dem paraguayischen Führerschein die ausländische Touristin spielen konnte, aber wir wollten vermeiden, von einem gelangweilten Polizisten aufgehalten zu werden.
Ramón gab sich als Reiseführer aus, der seinem zahlenden Gast den Chaco zeigen wollte.
Ich spielte wieder die Ausländerin, die kaum ein paar Brocken Castellano konnte, jeden freundlich grüßte und alles fotografierte und toll fand.
Auf der Strecke bis Pozo Colorado, wo sich die Rutas 9 und 7 kreuzen, wurden wir vier Mal angehalten und kontrolliert.
Ramón hielt dann immer ein kleines Schwätzchen mit den Beamten, gab einmal eine Stange Zigaretten, ein anderes Mal einen Sechserpack Bier weiter. Mit einem freundlichen "Buen viaje! Suerte!", durften wir dann weiterfahren.
Einige Kilometer nach der winzigen Ortschaft bog Ramón nach rechts in einen breiten Sandweg ein.
Da es lange nicht geregnet hatte, zogen wir eine große Staubwolke hinter uns her. Deshalb schlossen wir die Fenster und schalteten die Klimaanlage ein.
Als wir an einem großen Holztor vorbeikamen, das mit einer dicken Kette und einem großen Vorhängeschloss gesichert war, wusste ich, wo wir waren. Es handelte sich um eins der Tore unserer Estancia.
Ramón fuhr daran vorbei und steuerte den Nissan in ein kleines Wäldchen, dessen Bäume am Rand einer kleinen Grube standen, aus der vor langer Zeit Sand und Steine herausgeholt worden waren. Dort hinein fuhr er den Wagen und stellte ihn an der steileren Seite nahe an die Böschung hinter ein paar Büsche. Aus dem Kofferraum holte er ein Tarnnetz und warf es über den Wagen.
Selbst wenn man nun oben am Rand stand, und in die Grube hinunterschaute, konnte man das Auto nicht sehen.
Zwischen Fahrzeug und Böschung stellten wir unser Zelt auf. Mit einem kleinen Kompressor, den er am Zigarettenanzünder einsteckte, blies er unsere Luftmatratzen auf.
Das Zelt hatte einen Boden, worüber ich sehr froh war, denn ich hasse es, wenn ich mein Zelt mit Spinnen, Skorpionen oder anderem Krabbelzeug teilen muss.
Es hatte eine Schlafkabine und einen Vorraum, in dem man aufrecht sitzen konnte. Ein Moskitonetz sorgte für Schutz vor den kleinen Blutsaugern, so dass man die Zeltklappe offen lassen konnte.
Glücklicherweise hatten wir Winter und tagsüber stieg die Temperatur kaum über 25° und nachts kühlte es auf angenehme 15° ab, so dass man gut schlafen konnte.
Wir schleppten die Kühlbox ins Zelt und im Vorraum wurde es eng.
Wir entnahmen der Box eine Flasche mit kaltem Wasser und aßen die Sandwiches und Empanadas, die wir unterwegs gekauft hatten.
Danach verließen wir das Zelt und Ramón entfaltete eine topografische Karte der Gegend. Er breitete sie auf der Motorhaube aus und wir beugten uns darüber.
Er hatte mit einem roten Stift die Grenzen der Estancia, das Haupthaus und die übrigen Gebäude eingezeichnet, mit einem blauen die Viehtränken, mit einem grünen die Anpflanzungen, mit einem braunen die Baumbestände, mit einem schwarzen die Tore.
Die würden wir natürlich nicht benutzen, sondern durch den Stacheldraht steigen und uns den Gebäuden zu Fuß nähern.
Gleich in dieser Nacht wollte er sich anschleichen und versuchen, Rubén zu sprechen. Oder einen der anderen Arbeiter.
Bevor es dunkel wurde, zogen wir uns um.
Hosen und Hemden in Tarnfarben, schwarze Schnürstiefel, eine Art Sturmhaube aus einem leichten Baumwollstoff.
Die Läufe der Pistolen und die Messerklingen hatten wir geschwärzt.
Wir setzten uns oben unter die Bäume bis die Sonne untergegangen war.
Dann überquerten wir die Straße, Ramón drückte einen Draht nach unten und hob einen hoch, so dass ich leicht durchsteigen konnte. Auf der anderen Seite angekommen, tat ich für ihn das Gleiche.
Wir gingen am Zaun entlang, bis wir das Tor erreichten und benutzten den Weg um uns den Gebäuden zu nähern.
Der Weg war zwar ungepflegt und teilweise wieder zugewachsen, anscheinend wurde er kaum oder gar nichtmehr genutzt, ermöglichte aber trotzdem ein einfacheres Vorankommen, als wenn wir querfeldein gegangen wären.
Nach gut zwei Stunden Fußmarsch sahen wir Lichter.
Vorsichtig näherten wir uns.
In fast allen Räumen des Haupthauses brannte Licht. Auch der Außenbereich wurde durch zahlreiche Lampen hell erleuchtet. In deren Licht konnten wir bewaffnete Männer sehen, die ums Haus patroullierten.
Ich flüsterte Ramón zu: "Wir sollten vorsichtig sein. Ich denke, sie bewachen auch die Häuser der Angestellten."
Wir legten uns auf den Boden und warteten.
Bald kam die erste Wache in Sicht, zeichnete sich gegen den helleren Himmel deutlich ab. Er ging langsam, hatte sein Gewehr über die Schulter gehängt und rauchte eine Zigarette. Er versah seine Arbeit wie jemand, der schon viel zu viele Nachtwachen geschoben hatte, die er als völlig überflüssig ansah.
Seit gut vier Monaten musste er sich die Nächte um die Ohren schlagen um die Angestellten zu bewachen. Bei jedem Wetter. Während die in den Häusern in ihren Betten lagen und schliefen.
Als er vorbei war, begann ich zu zählen.
Es dauerte fünf Minuten, bis der Nächste auftauchte. Nach weiteren fünf Minuten kam ein dritter. Und nach ihm der erste wieder.
"Bleib hier liegen und beobachte sie." zischte Ramón mir ins Ohr. "Ich versuche, zu Rubén zu gelangen. Warte hier!"
Bevor ich etwas erwidern konnte, war er völlig lautlos in der Dunkelheit verschwunden.
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 30.07.2017, 09:06

Morgen Kavure´i :) ,

Danke deine Geschichte ist spannend wie immer und leider hört sie wie jede gute Geschichte, an der spannensten Stelle wieder auf...
schade jetzt muss ich wieder auf die Fortsetzung warten... hoffentlich nicht allzu lange :wink:

LG Pünktchen :D
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 31.07.2017, 03:28

Ich musste ziemlich lange warten, bis er zurückkam.
Auf sein Zeichen hin entfernten wir uns leise von den Gebäuden.
Erst als wir weit genug weg gegangen waren, erzählte er mir, dass er Rubén nicht in seinem Haus gefunden hatte, sondern nur dessen völlig verängstigte und verzweifelte Frau.
Sie erzählte Ramón, dass ihr Mann schon seit fast sechs Wochen spurlos verschwunden war und keiner wusste, wo er war.
Das heißt, keiner der Angestellten.
Rubén hatte sich mehrmals geweigert, einen der Angestellten wegen angeblicher Verfehlungen zu bestrafen, beim letzten Mal hatten ihn die Wächter brutal zusammengeschlagen
Zwei Tage nach diesem Vorfall wurde er zum Verwalter gerufen und war und blieb seither verschwunden.
Als sie allen Mut zusammen genommen und einen der Bewaffneten nach ihrem Mann gefragt hatte, schlug sie dieser mehrmals mit der Faust ins Gesicht und trat sie, als sie zu Boden stürzte.
Danach gar er ihr den Rat, in Zukunft den Mund zu halten, wollte sie nicht genauso verschwinden, wie ihr Mann.
"Sie haben ihn umgebracht, Don Ramón." hatte sie weinend zu meinem Bruder gesagt.
"Dafür werde ich sie töten." hatte er ihr versichert. "Jeden einzelnen von ihnen."
Danach hatte er Arcelia eingeschärft, niemandem ein Wort darüber zu sagen, dass er sie aufgesucht hatte. Sie schwor ihm Stillschweigen.
"Was hast du jetzt vor?" fragte ich ihn.
"Ich weiß noch nicht genau." antwortete er. "Zuerst werden wir uns morgen Nacht im Haus umsehen. Ich will sehen, dass ich so viele Papiere als möglich in meinen Besitz bringe und natürlich nach dem Titel der Estancia suchen. Wenn der nicht im Tresor lag, muss er noch irgendwo im Haus sein. Ich frage mich nur, warum ihn Vater aus dem Safe nahm."
"Da fallen mir einige Gründe ein." sagte ich. "Es könnte sein, dass er einen Spitzel unter dem Personal vermutete und ihm der Tresor nicht mehr sicher genug erschien."
"Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen, fast alle Angestellten arbeiten schon ewig für unsere Familie, manche schon in der dritten Generation."
"Vielleicht hat er ihn aus dem Tresor genommen, um weitere Kopien davon machen zu lassen, die er ans Gericht schicken, oder seinem Anwalt geben musste."
"Das könnte sein. Aber auch dann hätten sie ihn doch schon bei seinen Unterlagen finden müssen."
"Könnte er noch beim Notar liegen? Fertigen die nicht beglaubigte Kopien an?"
"Schon. Aber man lässt die Originale normalerweise nicht dort."
"Gefunden haben sie den Titel jedenfalls bisher noch nicht."
"Nein. Denn sonst wäre die Estancia sicherlich schon auf den Namen der Richterin oder ihres Mannes überschrieben worden."
Ich zerbrach mir den Kopf, aber mir fielen keine weiteren Möglichkeiten ein.
"Komm! Gehen wir schlafen. Morgen Nacht kehren wir zurück und sehen uns im Haus um. Arcelia hat von Nadia, die im Haus putzt, erfahren, dass der Herr Verwalter und Gemahlin samt ihren Töchtern morgen Vormittag nach Asunción fährt. Sie besuchen seine Eltern und bleiben eine Nacht weg. Da die Wachen nur außerhalb des Hauses bleiben, werden wir leichtes Spiel haben."
Auf dem Rückweg zog Ramón einen abgebrochenen Ast hinter sich her. Damit verwischte er unsere Fußspuren auf dem Weg.
Zurück beim Zelt tranken wir erst einmal ausgiebig vom gut gekühlten Wasser.
Das Eis in der Kühlbox würde noch mindestens zwei Tage Getränke und Lebensmittel frisch halten.
Luján hatte uns Sandwiches, Empanadas, Sopa Paraguaya, gegrillte Hähnchenkeulen, panierte Schnitzel, Chipa und Brot eingepackt.
Ich nahm mir ein Sandwich und eine Empanada. Mit so wenig gab sich mein Bruder natürlich nicht zufrieden.
"Wenn du so weiter machst, kannst du gleich morgen früh schauen, wo du Nachschub herbekommst." mahnte ich ihn.
Er leuchtete mit der Taschenlampe in die Kühlbox und meinte: "Keine Panik! Luján kennt mich ja. Da ist genug zu essen für mindestens eine Woche drin."
Aber er packte trotzdem keine weitere Box aus.

Als ich Motorengeräusche hörte, schlüpfte ich aus dem Zelt und spähte über den Rand der Grube.
Drei ziemlich neue SUVs fuhren auf der Straße vorbei. Da alle drei dunkle Scheiben hatte, konnte ich nicht sehen, wer und wie viele in den Fahrzeugen saßen.
Aber es konnte niemand anderes sein, als der Verwalter von der Richterin Gnaden.
Ich sah auf die Uhr. Es war 9.30 Uhr. Da ich erst vier Stunden geschlafen hatte, wollte ich mich wieder hinlegen.
Im Zelt war es mir jetzt aber zu stickig und zu warm. Also nahm ich meinem Schlafsack und legte mich draußen an der frischen Luft noch einmal hin.
Als Ramón mich weckte, war es schon früher Nachmittag.
Er packte einen kleinen Gaskocher aus und rührte uns einen Pulverkaffee an. Aus einer Kiste holte er den Kaffee, Milchpulver und Zucker, sowie die Tassen und die Löffel.
Mein Mittagessen bestand aus einem Pan Felipe ( Art Brötchen), aufgeschnitten und mit einem Schnitzel belegt. Das heißt hier Milanesa. Dann mussten noch zwei Hühnerschlegel und ein Stück Sopa dran glauben.
Als Nachtisch präsentierte Ramón mir einen etwas zerdrückten Bollo ( Berliner mit süßer Füllung ), der aber trotzdem gut schmeckte.
Nach dem Essen legten wir uns in den Schatten und unterhielten uns.
Bald kamen wir wieder auf den Titel zurück und versuchten zu erraten, wo er sein könnte.
"Ich schlage vor, wir befragen den Notar der Eltern, sobald wir das hier hinter uns haben. Selbst wenn er ihn nicht hat, hat er vielleicht eine Idee, wo er sein könnte."
"Diese Idee ist so gut wie jede andere." meinte Ramón. "Ich werde die Licenciada Iturbe fragen."
"Was ich noch dringender wissen möchte ist, wer den Mordauftrag erteilt und wer ihn ausgeführt hat." sagte ich.
"Geduld. Das werden wir herausbekommen. Zuerst kümmern wir uns um die Estancia und unsere Leute. Und dann nehmen wir uns die Verbrecher vor. Einen nach dem Anderen. Einer wird schon reden. Dafür sorge ich."
Während er redete, wurde seine Miene immer grimmiger.
Ich wollte nicht in der Haut einer dieser Betrüger und Mordanstifter stecken.

Sobald es dunkel war, machten wir uns auf den Weg.
Wir beobachteten die Wachen und stellten fest, dass sie ihren Dienst sehr nachlässig versahen.
Statt um die Gebäude zu patroullieren, standen und saßen sie in Gruppen zusammen, redeten, lachten, rauchten und tranken Tereré.
Ich musste an das Sprichwort " Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch" denken.
Wir umgingen sie und näherten uns dem Haus von hinten.
Dort warteten wir eine gute halbe Stunde, aber nichts rührte sich. Die Bewaffneten hatten diese Nacht keine Lust, ihre Rundgänge zu machen.
Wir betraten das Haus durch eine der Seitentüren. Überall brannten die Nachtlichter, die ein schwaches, für uns ausreichendes Licht, gaben.
Zuerst durchsuchten wir Odilóns Arbeitszimmer.
Ramón zog eine Schreibtischschublade heraus und holte sich den Tresorschlüssel, der auf der Rückwand des Schreibtisches festgeklebt war.
Dann öffnete er den Safe, nahm die Ordner darin heraus, und drückte gleichzeitig auf zwei Stellen des Bodens. Der klappte hoch und legte ein Geheimfach frei.
Darin fanden wir mehrere Umschläge, die Ramón in seinen Rucksack steckte. Dann schloss er das Fach wieder und blätterte die Ordner durch. Er entnahm ihnen alle Unterlagen, ließ sie aber im Tresor stehen. So würde es nicht so bald auffallen, dass sie fehlten. So hofften wir jedenfalls.
Der Titel war leider nicht dabei.
Einen Umschlag mit Geld und eine Kassette mit Schmuck ließen wir unberührt.
Er schloss den Tresor, steckte den Schlüssel in die Tasche.
Im Schlafzimmer unserer Eltern hatte sich das Verwalterehepaar häuslich niedergelassen.
Plötzlich empfand ich einen großen Hass gegen sie. Das Haus hatte so viele Schlafzimmer und ausgerechnet dieses mussten sie sich aussuchen.
Dort mussten wir nicht suchen, wäre das Dokument dort gewesen, hätten sie es beim Aus- und Umräumen gefunden.
Ramón kannte noch einige Verstecke im Haus, von denen nur die Familie wusste.
In einem davon lag ein dicker Umschlag mit Geld, in einem anderen mehrere kleine Goldbarren. In einem dritten stand ein schön geschnitztes Holzkästchen mit dem wertvollen Schmuck Adelias. Alles wurde in den Rucksack gepackt.
Nachdem wir uns gut drei Stunden im Haus aufgehalten hatten, waren wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir hier nichts Wichtiges mehr finden würden.
"Gehen wir!" sagte ich.
"Gleich. Ich habe nur noch eine Kleinigkeit zu erledigen, dann verschwinden wir von hier."
Er ging in die Küche und ich folgte ihm.
Er holte eine Plastiktüte aus dem Rucksack und entnahm ihr zwei längliche und einen runden Gegenstand.
Die beiden länglichen Teile waren Stöcke, an denen etwas knollenförmiges befestigt war.
Das Runde war ein breites Rad von einem Rasenmäher.
Ich konnte mir nicht vorstellen, was er damit vorhatte.
In einer zweiten Tüte hatte er rote Erde mitgebracht. Die schüttete er in eine Schüssel und mischte sie mit Wasser zu einem dünnen Brei an.
Er tauchte zuerst das Rad hinein und rollte es über die weißen Küchenfliesen. Zu meinem Erstaunen erschien ein Schuppenmuster auf dem Boden.
Dann steckte er die Stöcke in die Schüssel und stempelte mit ihnen die Abdrücke großer Hundepfoten neben die Radspur.
Es sah aus, als hätte sich hier ein großer Schlangenkörper auf Hundepfoten entlangbewegt.
Diese Spuren hinterließen wir in allen vom Verwalter bewohnten Räumen, auch in denen der Mädchen.
Dann packten wir alles wieder in die Tüten und in den Rucksack.
Die Schüssel nahmen wir mit.

Als draußen alles ruhig blieb, verließen wir das Haus durch die gleiche Tür, durch die wir es betreten hatten.
Wir sahen, dass die Wachen es sich inzwischen auf der Veranda gemütlich gemacht hatten. Sie lümmelten sich in den Sesseln und dösten vor sich hin.
Ich schlug vor, die Angestellten zu befreien, sie könnten mit uns mitkommen, solange die Wachen so unaufmerksam waren.
Ramón überlegte es sich gut, dann schüttelte er den Kopf. "Es sind zu viele. Wir können sie nicht unauffällig von hier wegschaffen und sie auch nirgendwo verstecken.
Die würden sie suchen und dann auch unser Versteck finden. Lassen wir sie vorläufig noch hier."
Er nahm den Rucksack ab und gab ihn mir.
"Warte hier auf mich. Ich bin gleich zurück."
Und wieder verschwand er wie ein Schatten. So sehr ich mich auch anstrengte, ich hörte kein Geräusch von ihm.
Nur das Rauschen des Windes in den Baumkronen war zu hören, und das Geräusch der Stängel des Kamerungrases, die von den Böen aneinander geschlagen wurden.
So plötzlich wie er verschwunden war, tauchte er auch wieder auf. Er stand auf einmal neben mir und nahm mir den Rucksack wieder ab.
Sobald wir uns weit genug von der Estancia entfernt hatten, kramte er das Rad und die Pfotenabdruckstäbe wieder aus dem Rucksack. Wir gingen auf dem Grasstreifen in der Mitte des Sandweges. Ramón rollte den Reifen und ich machte die Pfotenabdrücke. Auf halbem Weg ließen wir die Spur in einer Mandiokaanpflanzung verschwinden.
Kurz vor der Morgendämmerung erreichten wir unser Versteck, aßen und tranken und legten uns schlafen.
Wir wachten erst am späten Nachmittag auf.
Ramón setzte Kaffeewasser auf und stellte uns eine Mahlzeit zusammen.
Als ich die aufgeweichten Empanadas und die alten Pan Felipe mit den labbrigen Milanesas sah, verging mir der Appetit.
Ich sah meinem Bruder beim Essen zu, dem es nichts auszumachen schien.
"Du solltest was essen, damit du bei Kräften bleibst." sagte er.
"Ich weiß, aber ich habe keinen Hunger. Besonders appetitlich sieht das nicht mehr aus."
"Es ist nicht mehr ganz frisch, aber es ist noch einwandfrei , es hat Nährstoffe und hält uns bei Kräften."
Er hielt mir ein Hühnerbein und ein Stück Sopa hin. "Iss! Wir haben heute Nacht noch einiges zu tun."
Lustlos kaute ich auf meinem Essen herum, dann zuckte ich mit den Schultern und nahm mir noch eine Portion Reissalat und ein Stück hartes Brot.
Ramón grinste: "Comida es comida." ( Essen ist Essen ) sagte er mit vollem Mund.
Nach dem Essen leerte Ramón den Rucksack.
Das Holzkästchenmit Adelias Schmuck gab er mir. "Sie hätte gewollt, dass du ihn bekommst." sagte er.
Eigentlich wollte ich diesen Schmuck gar nicht, denn er würde mich jedes Mal an die Morde erinnern, wenn ich ihn nur anschaute.
Aber ich nahm die Schatulle und packte sie in meine Reisetasche.
In den Umschlägen des Geheimfachs steckten die Geburtsurkunden der Familie, der Adoptionsvertrag, die Heiratsurkunde, ein Ehevertrag und das Testament.
In einem zweiten die Geldkarten und Angaben zu den Banken, bei denen sie Konten unterhielten, sowie die Pins der Karten.
Es gab auch einen Schlüssel für ein Bankschließfach und eine Aufstellung des Inhalts. Leider war der Titel auch dort nicht versteckt.
"Ich wette, von all diesen Konten hat die Richterin nicht den blassesten Schimmer." sagte Ramón.
Im dritten Umschlag fanden wir Fotos.
Von Odilón und Adelia, von Ramón in fast jedem Alter. Und von mir.
Mir liefen die Tränen übers Gesicht, aber das machte mir nichts aus.
In meinem Verstand gab es nur noch Platz für eines: Rache.

Sobald die Sonne untergegangen war, marschierten wir wieder Richtung Estancia.
Unterwegs erzählte mir Ramón, dass er einen der Arbeiter, der für das Vieh zuständig ist, in seinem Haus besucht hatte.
Juan war schon älter und hatte viel Erfahrung mit den Rindern. Ramón schätzte ihn auch wegen seiner Loyalität und seiner Furchtlosigkeit.
Er hatte ihn darum gebeten, ein paar Gerüchte auszustreuen. Und er überließ ihm, wen vom Personal er noch in die Pläne einweihen wollte.
Juan hatte ihm auch berichtet, dass der Verwalter, den sie alle mit Don Gerardo anreden mussten, seit Monaten immer wieder Rinder verkaufte.
Juan schätzte die Anzahl der verkauften Rinder auf gut zwölftausend. Von den zweihundert Pferden war auch nur noch die Hälfte da. Auch hatte er damit begonnen, die besten Bäume fällen zu lassen und sie verkauft.
Ramón schäumte vor Wut. "Das wird mir dieser Dreckskerl büßen! Dafür will ich seinen Skalp." presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Als er mir erzählte, dass unter den gefällten Bäumen auch der große, weißblühende Lapacho war, hätte ich beinahe angefangen zu weinen.
Auch die Reitpferde von Odilón und Adelia, sowie Ramóns Zuchtstuten, sein Hengst und mein Wallach waren unter den verkauften Tieren.
Dieser Mistkerl machte alles zu Geld, was sich verkaufen ließ.
Juan war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass die nächsten Rinder schon in drei Tagen zum Verkauf standen.
Vorgestern war Eusebio Cadenas, ein bekannter Viehdieb, Schieber und Drogenhändler, wieder bei Gerardo Garcia Torres, dem Verwalter gewesen.
Beim Zusammentreiben des Viehs war keiner vom Personal dabei. Damit wollte Gerardo den Umfang seiner Diebstähle verschleiern.
Wahrscheinlich wusste die Richterin nichts davon. Er konnte dann später immer behaupten, die Tiere seien gestohlen worden.
Aber Juan hatte, als er nach den Rindern schaute, einen Bekannten getroffen, der ihm erzählte, dass Cadenas wieder Vaqueros angeworben hatte, die die Rinder zusammen - und auf die Viehtransporter treiben sollten. So blieb er auf dem Laufenden.
Er nannte Ramón den Verladeplatz und wir würden uns anschauen, was dort vor sich ging.

Heute wollten wir nur das Haus und die Wachen beobachten.
Zu unserer Überraschung war das Haus dunkel und es brannte nur die Außenbeleuchtung.
Allerdings waren die Wachen wieder alle auf ihrem Posten und gingen ihre Runden.
Also wurde der Verwalter noch an diesem Abend zurückerwartet. Wir wunderten uns, wo er blieb.
Gegen 22 Uhr hörten wir die Fahrzeuge kommen.
Der erste und der dritte Geländewagen fuhren gleich zum Carport, der zweite hielt direkt vor der Eingangstür.
Der Fahrer stieg aus, öffnete zuerst die Beifahrertür, ließ einen schlanken Mann mittleren Alters aussteigen, um dann die hinteren Türen zu öffnen, bei denen eine Frau Mitte dreißig und zwei Mädchen, die ich auf zwölf bis fünfzehn Jahre schätzte, ausstiegen.
Zwei Frauen kamen von den Personalhäusern herüber und begannen, das Gepäck ins Haus zu tragen, das der Fahrer auf die Veranda gestellt hatte.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis im Haus ein lauter Schrei ertönte und eine der Frauen herausstürzte und wegrannte. Die zweite Frau folgte ihr auf dem Fuße und beide verschwanden zwischen den Gebäuden.
"Geh rein und sieh nach was los ist!" befahl Torres einem der Wächter.
Der nahm seine Pumpgun von der Schulter, winkte einem seiner Kumpane, und betrat das Haus, während ihm der andere Rückendeckung gab.
Als sie wieder herauskamen, sah man ihnen deutlich an, dass auch sie am liebsten weggerannt wären.
Leise berichteten sie ihrem Chef, was sie gesehen hatten, warfen immer wieder eine Blick zur offenen Haustür.
"Seid ihr sicher?" Torres schrie die Frage fast.
Die Männer nickten.
"Los! Holt die Weiber aus den Häusern! Die werden das sofort putzen. In einer halben Stunde steht hier ein Abendessen auf dem Tisch und das Haus ist sauber! Wer sich weigert wird es büßen!" Seine Stimme hallte über den ganzen Hof.
Die Bewaffneten riefen die Frauen heraus und zwangen sie, das Herrenhaus zu betreten und ihre Arbeit zu tun.
Die Frau und die Töchter des Verwalters standen währenddessen vergessen neben dem Fahrzeug.
"Was ist denn los Gerardo?" fragte ihn seine Frau schließlich.
"Mach dir keine Sorgen, mi amor. Setzt euch auf die Veranda und wartet noch kurz."
Er betrat das Haus und gab mit lauter Stimme Befehle.
Eine total verängstigte ältere Frau brachte Getränke und eine halbe Stunde später wurde eine Mahlzeit aufgetragen.
Dann wurde das Gepäck hineingebracht.
Die Verwalterfamilie zog sich schließlich zurück und die Frauen mussten unter Bewachung weiterarbeiten.
Sobald sie konnten, verließen sie das Haus und verschwanden in ihren Häusern.
In allen Behausungen konnte man erregte Stimmen hören. Fragen wurden gestellt und beantwortet, einige der Frauen waren fast hysterisch und fingen laut zu weinen und zu schreien an.
Da schlugen die Wachen gegen die Türen und befahlen Ruhe.
Aus einer Tür kam eine total aufgelöste Frau und schrie sie an. Sie ließ sich weder mit guten Worten noch mit Drohungen zum Schweigen bringen. Ihr Mann und einer ihrer Söhne versuchten, sie wieder ins Haus zu ziehen, aber sie wehrte sich mit erstaunlicher Kraft.
"Gerardo!" schrie sie. "Er wird dich und deine Brut holen! Du hast hier nichts verloren du Verbrecher! Er duldet euch hier nicht!"
Dann begann sie zu lachen. Es hörte sich schrecklich an.
Einer der Bewaffneten schlug sie mit dem Gewehrkolben nieder. Ein anderer legte seine Waffe auf die beiden Männer an.
Die hoben die Frau auf und trugen sie schnell ins Haus.
"Dafür bringe ich ihn um." murmelte Ramón.

Am nächsten Nachmittag besprachen wir unser weiteres Vorgehen.
Mein Bruder holte einen weiteren Reifen aus dem Kofferraum. Es war einer dieser überbreiten Schlappen, die man manchmal bei umgebauten Autos sieht.
Auch in diesen Reifen war statt eines normalen Profils ein Schuppenmuster geschnitten. Dann reichte er mir ein Paar Stiefel, dessen Sohlen ein Pfotenmuster in den Sand oder die Erde drückten.
"Wo hast du das denn alles her?" fragte ich.
Er zuckte die Achseln. "Ich kenne Leute." meinte er.
"Und alle sind dir den einen oder anderen Gefallen schuldig. So wie der Arzt in Spanien."
Er nickte nur und lächelte.
Meine Aufgabe sollte es heute Nacht sein, den Reifen durch die Anpflanzungen zu schieben und die Abdrücke zu machen. Ramón würde unterdessen mit Juan sprechen.
Noch hatten wir keinen ausgeklügelten Plan.
Zuerst wollten wir Gerardo, seine Familie und die Wachen in Angst und Schrecken versetzen, danach würden wir weitersehen.
Ich zog die Stiefel an und ging ein wenig darin herum.
Sie waren bequem und trugen sich wie andere Stiefel auch. Dann rollte ich den Reifen herum, auch das ging leicht.

Ich begann mit dem Spuren legen in der Mandiokaanpflanzung. Dort war frisch gehackt worden, so dass man die Spuren besonders gut sah, danach ging ich durch ein Zuckerrohrfeld, knickte dort auch etliche Stängel um, machte einen Schlenker zur nächsten Viehtränke, kam den Häusern so nahe, wie ich es wagte und drang schließlich in das große Kamerungrasfeld ein, wo sich dann die Spur verlieren sollte.
Nach circa hundert Metern blieb ich stehen um mich auszuruhen.
Da hörte ich das Knacken.
"Ramón?" rief ich leise.
Keine Antwort.
Wieder raschelte es. Jemand näherte sich mir.
"Ramón?" fragte ich noch einmal
Ein Knurren antwortete mir, das sich anhörte wie Donnergrollen.
Flüchtig erhaschte ich einen Blick auf den Kopf eines Hundes.
Mein Verstand weigerte sich, zu glauben, was ich gesehen hatte.
Das fahle Mondlicht musste mir etwas vorgegaukelt haben. Das, was ich gesehen hatte, war unmöglich.
Der Kopf war so groß wie der eines Ochsen und befand sich in einer Höhe, dass der Hund die Größe eben dieses Tieres haben müsste.
Als ich ein zweites Mal hinschaute, war dort nichts mehr zu sehen.
Ich machte ein paar Schritte in die Richtung, wo ich den Hund gesehen hatte und wurde durch ein erneutes Knurren gewarnt.
Der riesige Kopf schob sich wieder durch die Stängel des Grases.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 31.07.2017, 22:13

Hallo Kavure´i,
was soll ich sagen... 8) ich habe deine Fortsetzung direkt heute Morgen noch vor der Arbeit verschlungen und nun warte ich schon wieder sehnsüchtig auf den nächsten Teil.
Lass mich bitte bitte nicht solange darauf warten :o ...LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Schwarzdax » 01.08.2017, 19:59

Volle Zustimmung!!!!!!!!!!!!!!
Schwarzdax
 

Beitragvon Kavure´i » 02.08.2017, 04:49

Die großen glänzenden Augen musterten mich eingehend.
Ich hatte das Gefühl, als würde mir das Tier direkt in die Seele schauen und mich prüfen.
Seine Maul stand halb offen und ich konnte die riesigen Fangzähne sehen.
Ich sah ihm in die Augen und verlor mich in ihnen.
Während dieser ganzen Zeit konnte ich mich nicht rühren.
Plötzlich lächelte mich das Tier an. Ja, wirklich. Der Hund lächelte.
Er zog den Kopf zurück, dann hörte ich das Brechen der Stängel und war wieder allein.
Ich eilte zu der Stelle, an der er verschwand und entdeckte dort die Eindrücke großer Schuppen und Pfoten.
"Unmöglich! Das kann nicht sein! Dort war ich doch gar nicht!"
Ich setzte mich auf die Erde, schlang die Arme um die angewinkelten Beine und legte den Kopf auf die Knie.
War ich dabei, verrückt zu werden?
´Nein. Du bist nicht verrückt. Du bist erwählt.` hörte ich in meinen Gedanken.
Ich sprang auf und schüttelte den Kopf. Ich war zu lange alleine im Dunkeln unterwegs und begann, mir Dinge einzubilden.
Also machte ich mich auf den Weg zurück zur Estancia. Den Reifen rollte ich vor mir her.
Wegen der gut drei Meter hohen Stängel des Kamerungrases verlor ich den Weg. Als ich aus dem Feld herauskam, sah ich die Lichter des Hause in einiger Entfernung.
"Mist!" murmelte ich vor mich hin und wollte mich auf den Weg machen.
Irgendetwas zog mich in eine andere Richtung und plötzlich sah ich im Mondlicht eine Hütte stehen, und davor einen Bewaffneten.
Was der dort wohl bewachte?
Anschleichen konnte ich mich schlecht, denn im Umkreis um die Hütte wuchs kein Baum und kein Strauch.
Ich legte mich oben auf einem kleinen Wall. Von dort aus senkte sich der Boden sanft in Richtung des Gebäudes.
Um den Wächter abzulenken, ließ ich den Reifen den Abhang hinunterrollen. Mit etwas Glück würde er den Mann treffen und ich konnte den Überraschungsmoment nutzen und ihn niederschlagen.
Der Reifen nahm Fahrt auf, rollte genau auf den Bewaffneten zu. Dann hüpfte er über ein Hindernis, wurde in die Luft geschleudert und traf den Mann mit voller Wucht im Rücken, so dass er zu Boden stürzte.
Ich rannte zu ihm hin, immer darauf gefasst, dass er aufstehen und mich sehen konnte.
Als ich bei ihm ankam, stellte ich fest, dass der Reifen ihm das Genick gebrochen hatte. Er lag da und die Spur des Reifens führte direkt auf ihn zu und ging hinter ihm weiter.
Ich suchte ihn und holte ihn zurück.
Die Fenster der Hütte waren mit Läden verschlossen. Sie und die Tür waren zusätzlich mit Gittern gesichert.
Und das Türgitter war natürlich abgeschlossen. Ein großes Vorhängeschloss hing dort.
Der Wächter hatte den Schlüssel in der Tasche und ich öffnete das Gitter und die Tür dahinter.
Drinnen war es dunkel. Als ich den Lichtschalter betätigte, fuhr ein Mann von einer Pritsche hoch und blinzelte ins Licht. Sie hatten ihn mit einer Handschelle an einen Ring in der Wand gekettet.
Er war schwer misshandelt worden. Ein Auge war völlig zugeschwollen und er hatte mehrere blaue Flecken im Gesicht.
"Ña Lea!" rief er. "Wo kommst du denn her? Ist Don Ramón auch in der Nähe?"
"Rubén?" fragte ich und er nickte.
"Einen Moment, gleich bist du frei." versprach ich ihm.
Auch der Handschellenschlüssel befand sich am Ring des Toten und ich schloss sie auf.
"Lass uns von hier verschwinden." drängte Rubén." Bald kommt die Ablösung, da sollten wir nicht mehr hier sein."
Ich löschte das Licht, schloss die Tür, hängte das Schloss wieder ein und steckte die Schlüssel dem Toten in die Tasche.
Rubén starrte auf die Reifenspur und die Pfotenabdrücke.
"Tejú Jaguá." flüsterte er.
"Nein. Das war ich." Ich zeigte ihm den Reifen und meine Stiefel. "Und jetzt komm! Wir müssen vor Sonnenaufgang von hier verschwunden sein.
Ohne ein weiteres Wort übernahm er den Reifen und wir machten uns auf den Weg zum Versteck.
Als wir dort ankamen, war Ramón schon dort.
"Wo warst du? Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!"
"Ich habe mich ein wenig verlaufen. Dafür bringe ich dir jemanden mit."
Als er Rubén sah, umarmte er ihn wortlos. Als er im Schein der abgeschirmten Lampe sein Gesicht sah, verfinsterte sich seine Miene.
"Warum hielten sie dich sechs Wochen lang gefangen? Was wollten sie von dir?"
"Gerardo ist fest davon überzeugt, dass ich weiß, wo dein Vater den Titel der Estancia versteckt hat. Sonst wäre ich schon lange tot."
"Und? Weißt du es?"
"Natürlich. Die Licenciada Iturbe hat ihn. Dein Vater bestellte drei beglaubigte Abschriften bei ihr und hat sie noch am gleichen Abend abgeholt. Die junge Gehilfin hat die Kopien in einen Umschlag gesteckt und ihn deinem Vater ausgehändigt. Das Original lag noch im Kopierer. Dein Vater hat es nicht bemerkt und die Notarin fand den Titel erst am nächsten Morgen im Kopierer. Als sie deinen Vater deswegen anrief, befand er sich schon auf halber Strecke nach Hause. Er bat darum, dass sie den Titel in ihrem Tresor aufbewahrt, bis er das nächste Mal in die Stadt käme. Dazu kam es leider nicht mehr."
"Und woher weißt du davon?"
"Sie rief mich an, als sie von dem Unfall erfuhr. Und bat mich darum, es dir zu sagen."
Ramón sah mich an.
"Du hattest Recht. Die Notarin hat ihn. Da müssen wir ihn dann so schnell als möglich abholen. Sollte die Gehilfin reden, dann sind sowohl die Licenciada als auch der Titel in Gefahr." sagte mein Bruder.
"Keine Sorge, die weiß nichts davon. Denn die hatte wohl die Lust an ihrem Job verloren und kam am nächsten Tag einfach nicht mehr. Darüber beschwerte sich die Notarin bei ihrem Anruf bei mir auch."
"Mich wundert, dass weder die Richterin noch der Abgeordnete bei ihr nachgefragt haben." sagte ich.
"Vielleicht haben sie das, aber warum sollten sie glauben, die hätte den Titel? Hier ist es nicht wie in Deutschland, dass man Verträge beim Notar aufbewahren lässt."
"Hast du Hunger?" fragte ich Rubén.
"Wie ein Wolf." antwortete er.
Ramón holte für uns alle Essen aus der Kühlbox. Inzwischen schwammen die Lebensmittelboxen im Eiswasser. Allzu lange würde die Kühlung nicht mehr funktionieren.
Ramón erzählte, was er mit Juan besprochen hatte.
Der sollte im Laufe des nächsten Tages mit allen Angestellten reden und ihnen mitteilen, dass wir vorhatten, sie zu befreien. Dass sie aber bis dahin weitermachen sollten wie bisher.
Niemand sollte auf eigene Faust etwas unternehmen, sondern auf unser Zeichen warten.
"Und was hast du dir ausgedacht?" wollte ich wissen.
"Immer noch nichts Konkretes. Morgen werden wir zu diesem Verladeplatz gehen und uns anschauen, was Gerardo so treibt. Juan hat erfahren, dass die Viehtransporter für 11 Uhr angekündigt sind und die Leute die Rinder bis dahin zusammentreiben müssen. Morgen gehen dann wieder fünfhundert unserer Rinder weg." Ramón war wütend.
"Was hast du vor? Willst du den Raub dieses Mal verhindern?" fragte ich.
"Wenn es möglich wäre, würde ich es tun. Ich befürchte allerdings, dass das nicht klappten würde."
"Warten wir mal ab, morgen wissen wir mehr."
"Erzähl doch, wie du Rubén gefunden hast."
Ich wollte ihm von meiner Begegnung mit der hundeköpfigen Schlange erzählen, aber die Worte wollten mir nicht über die Lippen.
Also erzählte ich ihm nur, dass ich mich im Feld ein wenig in der Richtung vertan hatte und zufällig die Hütte fand.
Ramón schlug vor, dass wir uns schlafen legen sollten.
"Lieber würde ich mich mal wieder waschen. Bald werden wir uns nicht mehr anschleichen können, weil sie uns schon zehn Meter gegen den Wind riechen können."
Inzwischen steckten wir schon seit drei Tagen in den gleichen Klamotten und ich sehnte mich nach einer Dusche. Oder wenigstens einer Schüssel mit Waschwasser.
Rubén lachte. "Willst du baden? Dann komm mit. Gleich hinter dieser Grube haben wir vor einigen Monaten eine neue Viehtränke angelegt."
Zehn Sekunden später stand ich mit Handtuch, Waschzeug und frischer Kleidung wieder neben ihm.
Auch mein Bruder gesellte sich dazu.
Und wirklich lag in einer Senke, keine fünfzig Meter entfernt, ein großer Tajamál.
Kurz darauf befanden wir uns alle drei im Wasser und wuschen Schmutz und Schweiß ab. Das Wasser war herrlich warm und so plantschen wir darin herum, bis sich am Horizont ein blasser rosa Streifen zeigte.
Schnell zogen wir uns wieder in unser Versteck zurück.
Kurz vor Mittag suchte uns Juan auf.
Gleich am frühen Morgen hatte eine der Frauen im Mandiokafeld die Spuren gefunden und war schreiend zur Estancia zurückgerannt.
Fast gleichzeitig entdeckten zwei Buben, die man zum Mais holen geschickt hatte, ebenfalls Schuppen- und Pfotenabdrücke und schrien vor Angst.
Einer der Männer fand die Spuren bei der Viehtränke und floh zu den Häusern.
Durch das Geschrei aufgeschreckt, rannten einige der Wachen zu den verängstigten Menschen und wurden angesichts der Spuren von Angst ergriffen.
Auch Gerardo, der verständigt worden war, wurde etwas blass um die Nase.
Als Städter war er zwar nicht ganz so abergläubisch wie die Leute auf dem Land, aber auch er glaubte fest an die Mythen der Ahnen und fürchtete die alten Götter.
Später sah er, wie einer von Gerardos Männern zu ihm kam und leise mit ihm sprach.
"Unmöglich!" hatte der Verwalter gerufen. Der Mann redete noch eine Weile auf ihn ein. Schließlich stiegen sie in einen der Geländewagen und fuhren weg.
Als sie zurück kamen, schickte Gerardo vier Mann mit dem Wagen los, die nach längerer Zeit wiederkamen und einen furchtsamen Eindruck machten.

Vorsichtig näherte ich mich der Böschung. Zentimeter um Zentimeter schob ich mich vorwärts, versuchte jedes Geräusch zu vermeiden.
Oben angekommen, spähte ich durch die Blätter eines Busches, um die Leute zu beobachten, die wenige Meter von mir entfernt ihren Geschäften nachgingen.
Sie hatten Rinder zusammengetrieben und sie in einen Coral gesperrt.
Ein Viehtransporter mit Anhänger war rückwärts an die Rampe des Corals gefahren und die Vaqueros trieben die Rinder mithilfe von Elektroviehstöcken die Rampe hinauf.
Es waren Profis am Werk und so dauerte es nicht lange, bis der LKW voll beladen war.
Der Fahrer nahm Papiere entgegen und fuhr los.
Einer der Männer zahlte die Viehtreiber aus, und einer nach dem anderen stieg auf sein Pferd und ritt davon.
Am Ende blieben nur der Geldgeber und ein weiterer Mann zurück.
Beide waren gut gekleidet und hatten der Arbeit nur zugesehen.
"Sobald die Rinder im Schlachthof eingetroffen sind, werden wir Ihnen das Geld auf Ihr Konto gutschreiben."
"Ich vertraue darauf." erwiderte der Andere.
"Natürlich Don Gerardo."
"Wann wollen Sie die nächste Ladung haben?" fragte der.
"Wie lange werden Sie brauchen, um dieselbe Anzahl an Rindern zum Abtransport bereit zu haben?"
"Würde es Ihnen heute in einer Woche passen?"
"Eher in zehn Tagen."
"Gut."
"Auf diese Gelegenheit habe ich schon lange gewartet. Diese Brangus-Rinder erzielen einen wesentlich höheren Preis im Schlachthof als die mageren Brahman. Leider bin ich früher nicht an sie herangekommen. Don Odilón ließ sie viel zu gut bewachen."
"Da hatten sie ja großes Glück, dass er diesen Unfall hatte." lachte Gerardo.
"Mit ein wenig Nachhilfe von mir." grinste der Andere. "Das waren zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wurde ich gut für die Liquidierung dieses lästigen Mannes bezahlt, zum anderen können wir uns jetzt den Erlös aus dem Verkauf der Rinder teilen. Mit den offiziellen Papieren von Ihnen bekommen wir natürlich den regulären Preis."
"Sie haben den Unfallfahrer bezahlt? Und wenn er sie nun erpresst?"
"Der erpresst niemanden, der ist so tot wie der Speditionsfahrer."
Vorsichtig, ohne ein Geräusch zu verursachen, schob ich meine Pistole durch die Zweige des Busches, der mich vor den Blicken der beiden Männer verbarg. Durchgeladen hatte ich schon vorher, den Schalldämpfer aufgeschraubt auch.
Ich zielte, hielt den Finger kurz am Druckpunkt, hielt die Luft an und schoss.
Der Kopf des Mörders von Odilón und Adelina zerplatzte wie eine reife Melone. Gerardo wurde mit Blut und Hirnmasse bespritzt und schrie vor Entsetzen laut auf.
Er rannte zu seinem Auto.
Ich lud durch und legte auf ihn an.
"Nicht! Lass ihn laufen!" Ramón drückte meinen Arm nach unten.
"Warum?"
"Weil die Komplizen von Cadenas dann glauben werden, Gerardo hätte ihn erschossen, um das Geld für den Rinderverkauf für sich alleine zu bekommen."
"Wie willst du das bewerkstelligen?"
"Ich kenne Leute." sagte er und grinste mich wieder an.
Ich verdrehte die Augen.
Gerardo war inzwischen ins Auto gesprungen und mit aufheulendem Motor davongerast.
Kaum legte sich die Staubwolke ein wenig, als zwei Fahrzeuge herfuhren.
Aus einem der Wagen stieg ein kräftiger Mann aus und sah sich um. Dann entdeckte er die Leiche und rannte zu ihr hin.
"Mierdas!" schrie er. "Dieser Bastard hat Eusebio umgebracht!"
Drei weitere Männer stiegen aus und betrachteten den Toten.
"Er hat ein Dumdumgeschoss benutzt." meinte einer.
"Und ihn feige von hinten erschossen." sagte der andere.
"Warum nur? Ich verstehe das nicht."
Da klingelte das Celular desjenigen, der zuerst ausgestiegen war.
Er nahm das Gespräch an und lauschte ungefähr fünf Minuten lang, dann legte er wortlos auf.
"Gerardo wollte das ganze Geld aus dem Verkauf. Heute morgen wurde das ganze Geld von Eusebios Konto auf das von Gerardo umgebucht. Einer der Kassierer steht auf unserer Lohnliste und hat mich gerade angerufen. Er hat auch versucht herauszufinden, wer die Transaktion angeordnet und wer sie ausgeführt hat, konnte das aber nicht herausbekommen.
Wer außer Gerardo soll denn da dahinterstecken?"
"Den Burschen kaufen wir uns! Los geht’s!"
Sie liefen zu ihren Autos und fuhren davon.
Mein Bruder lachte lauthals los.
"Siehst du. Du hast eine Kugel gespart und musst dir nicht selber die Hände schmutzig machen."
Auch er hatte einen Bankmitarbeiter auf seiner Lohnliste. Der hatte das Geld umgebucht und dafür gesorgt, dass es bemerkt wurde.
"Das kann man doch feststellen, von welchem PC aus die Umbuchung vorgenommen wurde." sagte ich.
"Thiago ist ein Genie am Computer. Und einer der besten Hacker, die ich kenne. Wenn er wollte, würden sie feststellen, dass die Königin von Saudi Arabien von seinem PC aus die Umbuchung veranlasst hat."
"Du wusstest doch gar nicht, dass ich diesen Mistkerl erschießen würde. Das hätte ich sicherlich nicht getan, hätte er sich nicht mit dem Mord an unseren Eltern gebrüstet."
"Das wäre auch so ein Spaß gewesen, wäre Cadenas noch am Leben." Ramón prustete wieder los.
Er war wirklich nicht ganz richtig im Kopf, das sah ich an seinem merkwürdigen Sinn für Humor.
Aber er hatte auch geniale Einfälle.
Und er kannte Leute.

Als wir zur Estancia zurückkamen, standen die Angestellten auf dem Platz vor dem Herrenhaus und sahen ziemlich verwirrt aus.
Arcelia stieß einen lauten Schrei aus und warf sich ihrem Mann in die Arme.
Beide weinten vor Glück und die anderen Angestellten umringten sie und redeten durcheinander.
Juan kam zu uns und berichtete, dass vor kaum zwei Stunden der Verwalter mit quietschenden Reifen auf den Hof gefahren kam, ins Haus rannte und seiner Familie befahl, alles Wichtige und Wertvolle zusammenzupacken.
Dann rief er die Wachen zusammen und befahlt ihnen, hier die Stellung zu halten.
Eine halbe Stunde später hatte er Frau und Kinder ins Auto gescheucht und war mit viel zu hohem Tempo davongerast.
Vor zwanzig Minuten fuhren zwei Geländewagen vor und einer der Fahrer fragte nach Don Gerardo. Man hatte ihm wahrheitsgemäß erzählt, dass er mit seiner Familie in großer Eile abgereist sei, aber man nicht wisse, wohin.
Der Fahrer hatte ihnen geraten, sich von Gerardo fern zu halten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei.
Das hatte genügt. Die Wachen hatten ihre Sachen gepackt und waren ebenfalls verschwunden. Dabei hatten sie es so eilig gehabt, dass sie noch nicht einmal daran gedacht hatten, das Haus zu plündern.
Der Angestellte erzählte, einige von denen hätten schon den ganzen Vormittag darüber geredet, dass sie lieber von hier verschwinden sollten. Dass Teju Jaguá auf der Estancia sein Unwesen trieb, hatte sie zutiefst erschreckt. Nur die Autorität ihres Vorgesetzten hatte sie daran gehindert.
Als sie nun auch noch von den Verbrechern bedroht wurden, hätte sie nichts auf der Welt dazu bringen können, noch zu bleiben.
"Manche Probleme lösen sich von ganz alleine." meinte Ramón.
"Und wie verhindern wir, dass die Richterin einen neuen Verwalter schickt?" fragte Rubén.
Die Frau, die Gerardo beschimpft, und von seinen Schlägern verprügelt worden war, kam zu unserer Gruppe.
"Er wird dafür sorgen, dass keiner hier bleibt." sagte sie.
"Wer?" fragte Ramón.
"Er, dessen Spuren wir gefunden haben." erklärte sie ihm.
Er wollte etwas sagen, als sie ihm den Finger auf den Mund legte.
"Ich weiß, dass Ña Lea die Spuren gelegt hat, aber ich habe im Mondlicht seinen Schatten gesehen. Er war immer hinter ihr. Und dann hat er sich ihr gezeigt."
"Du bist mir gefolgt?" fragte ich sie erstaunt. "Ich habe dich nicht bemerkt."
"Ich bin auf den Pfaden des Mondlichts gewandert und habe dich gesehen." Sie bückte sich und malte mit dem Finger ein stilisiertes Auge mit zwei Pupillen in den Sand.
Das Zeichen der Reisenden. Die eine Pupille sieht in unsere Welt, die andere in die Welt der Traumpfade.
Noch während sie sprach, rückten die Leute ein wenig von mir ab.
Mirtha wandte sich ihnen zu und redete auf Guarani auf sie ein. Da entspannten sie sich und schienen ihre Angst verloren zu haben.
"Zeig sie ihnen." bat sie mich.
Ich musste nicht fragen, was sie damit meinte, zog die Schuppe unter dem Hemd hervor und ließ sie an der Kette baumeln. Sie fing das Sonnenlicht ein und schillerte in allen Farben, wie das Innere einer Auster. Dann steckte ich sie schnell wieder ein.
Jetzt lächelten mich die Leute an und schienen sich zu freuen.

"Wie wäre es jetzt mit etwas zu essen?" frage mein Bruder.
"En seguida, Don Ramón." rief Belén und sie und zwei weitere Frauen verschwanden im Haus.
Wir gingen ins Haus und duschten ausgiebig. In meinem Zimmer fand ich tatsächlich noch all meine Kleidung vor, die ich dort im Kleiderschrank gelassen hatte.
So konnte ich mich gleich frisch anziehen.
Auch Ramón fand sein Zimmer unverändert vor und kam in leichter Kleidung zurück.
Kaum hatten wir es uns in den Sesseln bequem gemacht, als uns Getränke gebracht wurden.
Belén hatte meine Vorliebe für Guavensaft nicht vergessen und Ramón bekam ein Bier.
Kurze Zeit später stand eine üppige Mahlzeit vor uns und dieses Mal machte ich meinem Bruder beim Essen Konkurrenz.

Sobald wir fertig waren, kamen Juan und Rubén, auch sie frisch geduscht und umgezogen.
Ramón forderte sie auf, sich zu uns zu setzen und bekamen zu ihrer Freude auch ein Bier gebracht.
Er ernannte Rubén zu neuen Verwalter und Juan zu seinem Stellvertreter, und gab den Beiden Order zur Bewirtschaftung der Estancia.
Rubén bekam einen Teil des Geldes ausgehändigt, das wir in einem der Geheimverstecke gefunden hatten und unterschrieb dafür.
Sie besprachen viele Dinge. Anfangs hörte ich noch zu. Dann konnte ich mich vor Müdigkeit nicht mehr konzentrieren und die Worte rauschten an mir vorbei.
Zwei große glänzende Augen schauten mir tief in die Seele, ein Hundegesicht verzog sich zu einem Lächeln.
Ich schreckte hoch.
Als ich das zweite Mal einnickte, entschuldigte ich mich, ging in mein Zimmer und legte mich ins Bett.
Entgegen meiner Befürchtungen schlief ich tief und traumlos.
Bis mich Motorengeräusch weckte.
Es dämmerte bereits.
Ich stieg aus dem Bett und ging ans Fenster.
Vor dem Haus standen bereits acht Geländewagen, sechs weitere fuhren gerade durch das Tor und es hörte sich an, als kämen noch mehr.
Aus den Fahrzeugen stiegen Männer in ziemlich martialischer Aufmachung.
Fast alle trugen Tarnkleidung, alle waren bis an die Zähne bewaffnet.
Auf ein Zeichenihres Anführers schwärmten sie mit schussbereiten Waffen aus.
"Sichert das Gelände." bellte er.
Ramón trat aus der Tür und der Anführer legte seine Waffe auf ihn an.
"So sieht man sich also wieder." sagte er.
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 14.08.2017, 02:59

Ich holte meinen Dolch unterm Kopfkissen hervor und rannte so schnell ich konnte, barfuß und im Schlafanzug, den Gang entlang zum Wohnzimmer und huschte gerade noch rechtzeitig ins Gästebad. Die Tür ließ ich einen Spalt offen und spähte hindurch.
Ramón kam als Erster, gefolgt von dem Fremden, der seine Waffe inzwischen wieder auf den Boden gerichtet hatte.
Leise schlich ich mich an ihn an und hieb ihm mit voller Wucht den Knauf des Dolches auf den rechten Ellenbogen. Die Waffe entfiel seiner gefühllosen Hand und ich kickte sie mit dem Fuß in Ramóns Richtung.
Dann hatte er den Dolch am Hals, und ich forderte ihn auf, still stehen zu bleiben.
Mein Bruder stand ganz ruhig da, machte keinerlei Anstalten, die Waffe aufzuheben oder mir anderweitig zu helfen.
"Was ist? Willst du den Kerl nicht fesseln?" fragte ich ihn.
"Wer ist sie?" fragte der Söldner, ohne sich groß um das Messer an seiner Kehle zu scheren.
"Darf ich dir meine Schwester Lea vorstellen?" sagte Ramón.
"Sehr erfreut!" antwortete der. "Allerdings könnte die Freude noch größer sein, wenn ich sie sehen könnte."
"Lea. Das ist Edgar. Er wird die Estancia bewachen, bis wir unser Ziel erreicht haben. Du kannst das Messer jetzt weg nehmen."
Edgar drehte sich zu mir um und grinste mich an. "Ein Glück, dass meine Männer das nicht mitbekommen haben. Der große Söldnerführer, gefürchtet auf allen Kontinenten, lässt sich von einem kleinen Mädchen im Schlafanzug entwaffnen und gefangen nehmen."
Dabei rieb er seinen schmerzenden Ellenbogen und verzog das Gesicht.
"Genau auf den Musikantenknochen. Verdammt, tut das weh!"
"Das soll es ja auch." sagte ich. "Ich dachte, du wolltest ihn umbringen."
"Das war nur ein Scherz."
"Du bist genauso krank im Kopf wie mein Bruder." Ich schüttelte den Kopf.
"Ich geh mich schnell anziehen, bestell doch so lange schon mal das Frühstück." rief ich Ramón zu.
Keine Ahnung, warum die Beiden anfingen zu lachen.

Edgar hatte fünfzehn Jahre in der französischen Armee gedient, einige Spezialausbildungen durchlaufen und war mit Leib und Seele Ausbilder gewesen.
Dann waren er und fünf seiner Leute einer amerikanischen Spezialeinheit zugeteilt worden, die Order hatte, im Irak einen hochrangigen Politiker zu entführen. Die Franzosen sollten die Extraktion durchführen, die Amis wollten für die Logistik und den Transport sorgen.
Sie hatten den Politiker in seinem Haus überwältigt und ihn zum vereinbarten Platz, wo sie abgeholt werden sollten, gebracht.
Nur dass dort nicht die Amis warteten, sondern die irakische Polizei.
Mit dem Politiker als Geisel konnten sie zunächst fliehen, aber bis sie die Grenze zu Syrien erreichten, waren sie nur noch zu zweit.
Vorsichtig kontaktierte er einen Verwandten, der dort bei der französischen Botschaft arbeitete, der sie sofort in ein sicheres Versteck brachte, wo sie sich ausruhen konnten.
Während sie duschten und sich über den Inhalt des Kühlschranks hermachten, besorgte der Mann ihnen frische Kleidung und andere Dinge, die sie brauchten.
Als Edgar ihm auftrug, den französischen Botschafter zu informieren, damit der den Rücktransport in die Heimat organisieren könne, riet er ihm ab.
"Das ist keine gute Idee, Edgar." sagte er. "Am besten, ich bringe euch mal aufs Laufende."
Er erzählte, dass vor einigen Tagen in den Nachrichten berichtet worden war, dass eine Gruppe Krimineller versucht habe, den Politiker Amin Saleh zu entführen. Die irakische Polizei habe versucht, das Verbrechen zu verhindern. Die Entführer hatten den Politiker als Geisel genommen und waren entkommen. Die Polizei hatte den Entführten später aufgefunden. Gefesselt, geknebelt, hungrig, durstig und völlig erschöpft, aber am Leben. Vier der Gewalttäter wurden während eines Feuergefechts getötet. Man identifizierte sie als französische Staatsbürger, ehemalige Armeeangehörige, die einer Gruppe von sechs Soldaten und Offizieren angehörten, die vor einigen Jahren wegen grober Verfehlungen im Dienst unehrenhaft entlassen worden waren.
Auf die Köpfe von Edgar und seines Kameraden war inzwischen ein Kopfgeld ausgesetzt worden.
Und zwar vom Irak und von Frankreich.
Die Beiden konnten kaum glauben, was sie hörten.
Und das Schlimmste war, sie saßen fest. Sie hatten kein Geld, konnten sich nirgendwo sehen lassen und Edgars Cousin konnte sie nicht ewig verstecken und verpflegen.
Nach neun Tagen kam er mit einem Mann zurück, der sich als Personalmanager einer Sicherheitsfirma vorstellte. Er wollte Edgar und seinen Kameraden für die Söldnertruppe seines Unternehmens anwerben.
Auf den Einwand, dass sie keine Papiere hätten und sich aus ihm sicher bekannten Gründen nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen konnten, da ihre Konterfeis über jeden Bildschirm der Welt geflimmert waren, antwortete er mit einem Lächeln: " Das lassen sie mal unsere Sorge ein. Sobald sie ihr Einverständnis gegeben haben, kümmern wir uns um diese Probleme."
Natürlich sagten sie zu.
Noch am gleichen Tag wurden sie von einem Wagen mit dunklen Scheiben abgeholt und zu einer Klinik gefahren.
Es dauerte gute vier Wochen, bis alle Narben der Gesichtsoperation verheilt waren.
Dann wurden neue Identitäten für sie geschaffen und Pässe mit den Bildern ihrer neuen Gesichter angefertigt.
Zehn Jahre lang arbeiteten sie für die Firma, dann machte sich Edgar selbständig und gründete eine Firma für Objektschutz.
Während der zehn Jahre zog er unauffällig Erkundigungen über den Auftrag ein, der ihm alles genommen und seine Kameraden das Leben gekostet hatte.
Nach einigen Jahren erkannte er in einer Bar einen der amerikanischen Offiziere wieder, die damals ihren Rückzug hätten sichern sollen.
Er lud den Mann zu einem Bier ein und spendierte ihm so viele Drinks, bis er volltrunken vom Barhocker fiel.
Der Offizier erwachte mit einem schlimmen Kater, und fand sich an einen Stuhl gefesselt. Man hatte ihm einen Sack über den Kopf gezogen, so dass er kaum hell und dunkel unterscheiden konnte.
Edgar erfuhr, dass die Amerikaner den Auftrag bekommen hatten, sich sofort vom Treffpunkt zu entfernen und aus dem Land zu verschwinden.
Natürlich hatten sie gehorcht.
Aus dem Fernsehen hatten sie dann erfahren, was sich anschließend abspielte.
Er selbst fragte sich bis heute, warum.
Edgar ließ ihn einfach auf dem Stuhl sitzen, irgendjemand würde ihn schon finden.

Es dauerte dann noch weitere drei Jahre, bis er von einem amerikanischen Armeegeheimdienstler erfuhr, was passiert war.
Der Leiter der Mission hatte einen Anruf aus dem Pentagon bekommen und den Befehl erhalten, die Aktion abzubrechen. Er hatte dem Anrufer gesagt, dass die Franzosen mit dem Politiker schon auf dem Weg zum Treffpunkt seien. Der Befehl, sich sofort vom Ort zu entfernen und das Land schnellstmöglich zu verlassen, wurde wiederholt.
Ebenso der, den Funkkontakt zur Gruppe abzubrechen.
Irgendwie hatte die irakische Polizei Wind von der Aktion bekommen und war auf dem Weg zum Treffpunkt.
Da die Amis einen Informanten dort hatten, wurden sie gewarnt.
Die Polizei verpasste sie nur um Minuten.
Sie zogen ab und ließen die Franzosen im Stich.
Auch ihre eigene Regierung verriet sie.
Warum die Mission abgebrochen wurde, wusste der Geheimdienstler allerdings auch nicht.

Jetzt verkaufte Edgar seine Dienste an jeden, der es sich leisten konnte, sie zu bezahlen.
Ramón konnte es.
Er hatte die Truppe für vieri Wochen gebucht. Bis dahin wollte er die Angelegenheit aus der Welt schaffen.

Nach dem Frühstück saßen wir auf der Veranda und überlegten, wie wir weiter vorgehen wollten.
Wir gingen noch einmal die Namen unserer Feinde durch:
Adalberto José Estigarribia Mendoza, Abgeordneter der Coloradopartei
Rodrigo Juan Faber Lezguimon, Staatsanwalt
Mirtha Belén Giménez Alberoa, Richterin
Cesar Luis Cabreras Salazar, ihr Mann
Luz Carmen Giménez Balboa, Notarin
Gerardo García Torres, der "Verwalter", den die korrupte Richterin für die Estancia unserer Eltern eingesetzt hatte.
Eusebio Cadenas, Drogenhändler, Schieber, Viehdieb

"Cadenas können wir streichen." murmelte Ramón und strich den Namen durch.
"Mit wem fangen wir an?" überlegte ich.
"Ich würde den Abgeordneten vorschlagen. Auch wenn ich inzwischen überzeugt bin, dass er mit dem Mord nichts zu tun hat. Aber vielleicht erfahren wir etwas von ihm."
"Wäre es nicht besser, beim Katasteramt anzufangen? Den Namen des korrupten Mitarbeiters haben wir doch dank der Emails mit dem Abgeordneten. Der steckt sicherlich mit der Richterin und ihrem Mann unter einer Decke." schlug ich vor.

Victor Alberto Bonzi Balbuena, Leiter des Katasteramts, war ein kleiner, dicker Mann Ende vierzig und ein Feigling.
Er lebte allein in einer luxuriösen Wohnung in einem der Hochhäuser Asuncións. Wir warteten auf seiner Etage auf ihn und als er seine Tür aufschloss, drängten wir ihn hinein.
Ein Blick auf Ramóns Pistole genügte und er zitterte wie Espenlaub.
Wir trugen beide Sturmhauben, so dass er unsere Gesichter nicht sehen konnte.
Mein Bruder befahl ihm, sich an den Tisch zu setzen. Dann holte er die Korrespondenz aus der Mappe und legte sie dem Mann wortlos auf den Tisch.
Er fing an zu lesen und wurde noch bleicher, als er schon war.
Ängstlich sah er uns an und fragte mit zitternder Stimme: "Was wollt ihr von mir?"
"Erzähl uns, was du über diese Sache weißt." befahl Ramón.
"Nichts! Ich weiß gar nichts über dieses Sache." beteuerte er.
Mein Bruder schlug ihm ansatzlos ins Gesicht. Der Mann begann zu wimmern.
"Ich weiß wirklich nichts." und er heulte los, als ihm der zweite Schlag das Nasenbein brach.
"Die bringen mich um, wenn ich was sage." winselte er. Das Blut floss ihm aus der Nase und tropfte auf den Tisch.
Ich gab ihm die Küchenrolle, die auf der Küchenarbeitsplatte stand.
Er schniefte und drückte sich einige zusammengefaltete Blätter auf die Nase.
"Ich frage dich nur noch ein Mal. Lügst du wieder……….."
Einer weiteren Drohung bedurfte es nicht. Er redete wie ein Wasserfall und erzählte uns alles, selbst Dinge, nach denen wir ihn gar nicht gefragt hatten.
Er half der Richterin schon seit Jahren dabei, sich das Eigentum anderer anzueignen. Er bekam dafür zehn Prozent des Gesamtwertes, ebenso wie die Notarin Giménez Balboa.
Von seinem Gehalt hätte er sich diese Wohnung und vieles andere nicht leisten können.
Wir legten ihm die Liste vor, die wir von Federico bekommen hatten. Er nickte und bestätigte, bei allen Betrügereien beteiligt gewesen zu sein.
Er ergänzte sie allerdings um weiter neun Namen. Von denen hatte Federico nichts gewusst, das war vor seiner Zeit geschehen.
Sobald alle Papiere entsprechend gefälscht waren, schrieb er die Immobilien auf die neuen Eigentümer um.
Das waren natürlich nicht die Richterin oder ihr Mann, sondern Strohmänner, von denen sie sie nach einigen Monaten "kauften". Auch die bekamen eine Provision.
Es war ein lukratives Geschäft, das die Bande nun seit gut vierzehn Jahren betrieb. Bisher war ihnen noch keiner auf die Schliche gekommen und sie fühlten sich sehr sicher.
In der Sache der Estancia Ñande Róga waren sie noch nicht weiter gekommen. Der Titel war und blieb spurlos verschwunden und ohne den konnte es Balbuena nicht wagen, die Immobilie umzuschreiben. Denn sollte er irgendwann doch noch auftauchen, würde das zur Entdeckung der Betrügereien führen.
Die Richterin hatte vor einigen Tagen eine Krisensitzung einberufen.
Es gingen seltsame Dinge vor sich.
Zuerst verschwand die einzige beglaubigte Kopie des Titels vom Schreibtisch der Notarin, und kurz darauf einer der Gehilfen Alberoas.
Sie hatte nach ihm geschickt und der Kollege richtete ihr aus, er rede gerade vor dem Gerichtsgebäude mit der Ärztin seiner Tochter und käme gleich.
Als er nach einer Stunde immer noch nicht kam, schöpfte sie Verdacht und schickte ein Rollkommando zu seinem Haus.
Die Männer sollten ihn zu ihr bringen. Oder zumindest seine Frau und das Kind. Dann würde er schon wieder auftauchen.
Das Haus war verlassen, keiner der Nachbarn wusste, wo die Bewohner waren. Keiner hatte sie fortgehen sehen.
Sie hatte Leute zum Flughafen und zum Busterminal geschickt, hatte die Grenzübergänge überwachen lassen.
Vergeblich.
Die Familie blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Weder die Richterin noch die Notarin konnten sich zunächst erklären, warum Federico die Kopie hätte entwenden sollen. Durch sein Verschwinden hatte er sich erst verdächtig gemacht.
Später dachten sie, dass der junge Mann etwas mitbekommen hätte und nun versuchen würde, sie zu erpressen, um auch ein Stück vom Kuchen zu bekommen.
Naheliegend wäre es, denn seine Tochter musste operiert werden um zu überleben.
Bisher hatte er aber noch nicht versucht, Kontakt aufzunehmen.
Außerdem musste er Hilfe haben, denn die Frau, mit der er vor dem Gericht gesprochen hatte, war nicht die Ärztin seiner Tochter gewesen.
Er könnte auch versuchen, die Kopie den Erben zu verkaufen, aber die waren ebenfalls verschollen.
Die Adoptivtochter lebte im fernen Deutschland und würde gar nichts von der Sache erfahren.
Der Sohn war nicht ganz richtig im Kopf und trieb sich in der Weltgeschichte herum.
Obwohl er inzwischen vom Tod seiner Eltern erfahren haben musste, hatte er sich noch nicht blicken lassen.
Es war und blieb rätselhaft.

Der Leiter des Katasteramtes redete und redete. Sobald er einmal damit angefangen hatte, schien er nicht mehr aufhören zu können.
Ich fragte ihn, wie sie denn den Abgeordneten austricksen wollten.
"Eigentlich ganz einfach. Sobald der Titel auftaucht, setzt die Notarin einen Verkaufsvertrag auf, unterschrieben vom Sohn und der Tochter. Die Notarin hat einen Sohn, der bei Identificaciónes arbeitet und der hat ihr je eine Kopie der beiden Cedulas besorgt. Sie kann sehr gut Unterschriften nachmachen. Zwei Fälschungen von ihr wurden schon von Handschriftenexperten für authentisch erklärt. Selbstverständlich erkläre ich dann, dass das Land keineswegs unrechtmäßig erworben wurde, wie der Abgeordnete dachte und somit ist dann auch der Verkauf der Erben legal."
"Wird der das ohne Weiteres akzeptieren?" fragte ich.
"Was bleibt ihm anderes übrig?"
"Er könnte auf eine Überprüfung der Unterlagen bestehen und gegen deine Aussage klagen." sagte Ramón.
"Der Staatsanwalt Lezguimon wird keine Klage zulassen. Die meisten Betrogenen reichten Klage ein. Der Staatsanwalt zog diese an sich und lehnte schließlich ab, Klage zu erheben. "
"Ein eingespieltes Team." bemerkte ich zynisch.
An Balbuena war allerdings jegliche Ironie verschwendet.
Selbstgefällig nickte er, bevor ihm einfiel, dass wir von ihren Machenschaften wahrscheinlich nicht begeistert waren.
Er sank wieder in sich zusammen und sah uns ängstlich an.
"Was machen wir jetzt mit ihm? Er hat uns alles gesagt, was wir wissen wollten."
"Ich denke, wir legen ihn um. Das ist das Einfachste." antwortete Ramón.
Er zog seine Pistole und wollte den Mann niederschlagen. Aber das musste er nicht tun. Der war in Ohnmacht gefallen.
Ramón zog ein Etui aus der Tasche, nahm eine fertig gefüllte Spritze heraus und injizierte Balbuena den Inhalt unter die Zunge.
Die Droge würde bewirken, dass der Mann alles vergaß, was die letzten zwölf Stunden passiert war.
Wir legten ihn mit dem Gesicht nach unten auf den Küchenboden, nachdem ihm Ramón noch einmal au f die Nase geschlagen hatte und sie wieder anfing zu bluten.
Das blutige Papier steckte ich ein, legte die Küchenrolle an ihren Platz zurück und wischte die Tischplatte sauber.
Nachdem wir alles abgewischt hatten, was wir womöglich angefasst hatten, verließen wir die Wohnung.
Am nächsten Tag berichtete die Zeitung ABC Color, dass der Leiter des Katasteramtes in seiner Wohnung einen Schwächeanfall erlitten hätte und schwer gestürzt sei.
Durch den Sturz hatte er eine Gedächtnislücke. So erinnere er sich nicht mehr daran, wann er nach Hause gekommen sei.

Escribania stand auf dem Schild neben der Eingangstür. Darunter: Luz Carmen Giménez Balboa.
"Nicht schlecht." sagte Ramón und begutachtete die Stadtvilla in der die Notarin wohnte und ihr Büro unterhielt.
Das hatte einen eigenen Eingang, zu dem man nur kam, wenn der Sicherheitsmann auf Anweisung seiner Chefin das Tor im Gitterzaun öffnete.
Wir saßen auf einer Bank im Park direkt gegenüber der Villa, aßen Eis und beobachteten das Büro.
Kurz vor acht Uhr kam der Wächter und klingelte am Tor.
Es dauerte einige Minuten, bis die Eingangstür zum Büro geöffnet wurde und ein älterer Mann das Tor aufschloss und den Wartenden einließ.
Der nahm seine Schrotflinte aus der Tragetasche und hängte sie um.
Nach etwa einer halben Stunde brachte ihm eine junge Frau ein Klemmbrett.
Jeder, der um Einlass bat, musste seine Cedula durchs Gitter reichen. Wer auf der Liste stand, wurde gleich eingelassen, bei denen es nicht der Fall war, ging er mit dem Ausweis ins Büro. Einige durften eintreten, andere nicht.
Die Notarin bekamen wir den ganzen Tag über nicht zu Gesicht.

"Das wird eine harte Nuss werden, an sie heran zu kommen." bemerkte ich.
"Das Anwesen ist zu gut geschützt. Da kommen wir nicht ungesehen rein." antwortete Ramón mit vollem Mund.
Wir saßen im Sul Brazil und aßen zu Abend. Wir hatten uns für die Churrasquerria entschieden, weil wir richtig Hunger hatten. Den ganzen Tag über gab es nicht viel.
Ich hatte mir am Grill Fleisch und Würstchen geben lassen und mir am Buffet verschiedene Salate ausgesucht.
Ramón hielt nicht viel von kleinen Portionen. Vor ihm standen drei Teller, vollgehäuft mit Fleisch, Beilagen und Salaten.
Mein Teller war noch zur Hälfte voll, da hatte er seine drei schon geleert und holte Nachschub.
Als er zum dritten Mal mit drei vollen Tellern zurückkam, bemerkte ich, dass der Kellner, der für unseren Tisch zuständig war, ihn fasziniert beobachtete. Ich zwinkerte ihm zu und er schaute schnell weg.
Ramón bezahlte und auf dem Weg zum Hotel tadelte er mich. "Du hast nur fünf Teller gegessen. Bei dir habe ich draufgezahlt."
"Wenn die uns das nächste Mal kommen sehen, hängen sie das Geschlossen-Schild in die Tür." neckte ich ihn.
Dann lachten wir beide.

Am nächsten Tag waren wir wieder im Park.
Wir hatten uns mit abgetragenen Klamotten versorgt und damit unser Aussehen verändert.
Mein Bruder saß auf einer Parkbank und bastelte aus Drähten und Perlen Tiere und Figuren. Die Parkbesucher, besonders die Kinder, blieben stehen und beobachteten mit großen Augen, wie er mit einer Zange die Drähte bog und drehte, geschickt die verschiedenen Perlen einfügte und die Figur schließlich in Form brachte.
Für zehntausend Guaranies bog er ihnen das gewünschte Tier zurecht. Sie klatschten vor Freude in die Hände, wenn er ihnen die Figur überreichte.
Ohne Zweifel machte er das nicht zum ersten Mal.
Vor meinem inneren Auge sah ich ihn auf Bürgersteigen sitzen, Drahtfiguren anfertigen, Kinder und Eltern anlächeln, während er in Wahrheit seine Opfer ausspionierte.
Das hatte Ernesto also damit gemeint, als er sagte, niemand würde in einem so auffällig aussehenden Mann einen Auftragskiller vermuten.
Mich hatte er mit Skizzenblock und Bleistiften ausgestattet.
"Setz dich einfach irgendwohin und kritzle ein wenig herum. Auf einen untalentierten Zeichner mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an. Wichtig ist, dass du unauffällig das Anwesen von allen Seiten fotografierst."
Er drückte mir eine sehr kleine Kamera in die Hand.
Auf der Parkmauer sitzend machte ich zuerst einige Aufnahmen von der Vorderfront. Im Laufe des Tages umrundete ich das Grundstück und fotografierte Gebäude und Zaun, zoomte zu den Sicherheitseinrichtungen.
Ich zeichnete einige Häuser, das der Notarin auch. Dafür benutze ich die hinteren Blätter des Blocks.
Bei einem Blick in einen Patio skizzierte ich eine Katze, die auf einem Liegestuhl schlief. Während ich noch dabei war, kam ein Mann auf mich zu und fragte mich ziemlich barsch, was ich da mache.
Ich zeigte ihm meine Zeichnungen.
Einige Vögel, die unter einer Parkbank an einem weggeworfenen Stück Brötchen pickten. Einen schlafenden Hund. Das Gebäude vor dem ich stand, mit der offenen Tür mit Blick in den Patio. Die Katze auf dem Stuhl.
Sofort beruhigte er sich und betrachtete die Zeichnungen. Dann fragte er nach dem Preis für das Bild mit der Katze.
Ich verlangte fünfzigtausend Guaranies.
Für diesen Preis nahm er auch die anderen drei Bilder, so dass ich meinem Bruder grinsend zweihunderttausend Guaranies vorweisen konnte.
Am Abend waren wir um fast eine Million reicher. Ich hatte noch fünf Zeichnungen verkaufen können und auch Ramón war ziemlich beschäftigt gewesen.
"Wenn alle Stricke reißen, verdienen wir zukünftig unser Geld so." lachte er.

Ramón hatte einen Katasterplan des Viertels besorgt und den Teil mit dem Flurstück der Notarin vergrößern lassen.
Mit Hilfe der Fotos und der Zeichnungen markierten wir Fenster, Türen und Kameras.
Nachts liefen zwei große Fila Brasilheiras frei im Außenbereich herum.
Wir diskutierten lange, dachten uns Pläne aus, verwarfen sie wieder und kamen endlich zu dem Schluss, dass es uns nicht gelingen würde, in das Grundstück, das einer Festung glich, einzudringen.
"Wir müssen sie uns außerhalb ihres Anwesens schnappen." sagte Ramón.
"Nur wie?"
"Wir müssen ihre Gewohnheiten ausspionieren."
"Sicher. Aber wenn wir noch länger als zwei, drei weitere Tage in diesem Park herumlungern, werden wir auffallen."
"Ich werde meine Fühler ausstrecken."
Da wusste ich, dass er wieder seine Beziehungen spielen lassen würde.
Zwei Tage lang hing er ständig am Telefon, schmeichelte hier, drohte dort, forderte einen Gefallen ein, versprach Gegenleistungen und am Ende hatten wir eine sehr gute Übersicht über das Kommen und Gehen der Notarin.
Sie verließ das Haus nur selten, und wenn, war sie nie alleine.
Entweder war sie in Begleitung ihres Mannes, ihrer Tochter oder eines der Angestellten.
"Das gibt es doch nicht!" schimpfte Ramón. "An die kommen wir nicht ran, es sei denn, wir wären bereit, Unbeteiligte zu gefährden." Er runzelte die Stirn und ging erneut die Liste durch.
Da war es wieder: Keine Kinder, keine schwangeren Frauen, keine Unbeteiligten.
Ein Killer mit Prinzipien.
Sie ging zur Physiotherapie. Dorthin begleitete sie ihre Tochter.
Auch zur Schwimmhalle gingen sie gemeinsam.
Sonntags fuhren alle gemeinsam entweder zu seinen oder zu ihren Eltern. Keine Chance.
Dienstags ging sie in ihren Club, wurde von einer Freundin zuhause abgeholt und wieder gebracht. Schied auch aus.
Ihr zu folgen, wenn sie das Gelände verließ, um auf gut Glück irgendwo eine Entführung zu improvisieren, war auch keine Option. Egal, wie wir es drehten und wendeten, es gab keine Möglichkeit, an die Frau heranzukommen.
Niedergeschlagen und müde ging ich duschen und anschließend ins Bett.
Ramón brütete immer noch über unserer Aufstellung und murmelte vor sich hin.
Im Halbschlaf hörte ich sein Celular klingeln und dämmerte vollends weg.
Da riss er meine Schlafzimmertür auf und rief: "Jetzt haben wir sie!"
Erschrocken fuhr ich hoch.
"Was ist?" fragte ich.
"Ein Informant hat gerade eben noch angerufen."
"Und? Lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!"
"Die Notarin besucht Donnerstag abends ihre Patin. Da weder ihr Mann noch ihre Tochter sie zu dieser Frau begleiten wollen, fährt sie donnerstags hin, weil da der Mann mit Kumpeln Fußball schaut und die Tochter Reitstunden nimmt. Die Patin muss Haare auf den Zähnen haben, denn der Wachmann, den sie dorthin mitnimmt, muss vorm Haus im Auto warten, weil die Alte ihn nicht in ihrem Haus haben will."
"Das Haus der Patin ist doch sicherlich genauso gut bewacht wie ihres." meinte ich.
"Anscheinend nicht. Sie gehört nicht zur reichen Oberklasse und lebt in einem einfachen Haus, allerdings in einer guten Gegend. Sie war eine Schulkameradin von Balboas Mutter, die auch nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Keiner weiß, warum die Notarin sie regelmäßig besuchen geht, denn sie ist nicht gerade als liebevoll und freundlich bekannt."
"Egal. Morgen schauen wir uns das Haus der Patin an. Jetzt verschwinde von hier und lass mich schlafen!"
"Gute Nacht." sagte er und schloss die Tür hinter sich.

Das Haus der Patin stand in einem ungepflegten Garten. Die Hecke war hoch und dicht, Büsche und Bäume wucherten bis dicht ans Haus.
Nur der Rasen schien ab und zu gemäht zu werden.
Wir beobachteten das Haus drei Tage lang. Morgens kam eine ältere Frau und blieb bis zum Abend. Dann kam ein junges Mädchen und verließ das Haus, wenn die andere kam.
Gegen 9 Uhr morgens trug die Frau einen bequemen Rattansessel auf die Veranda und führte eine alte Frau, die mit kleinen Trippelschritten neben ihr herging, dorthin.
Zum Mittag- und zum Abendessen stellte sie einen Tisch vor die Frau hin und servierte die Mahlzeiten.
Die übrige Zeit saß die Greisin ruhig in ihrem Sessel, schaute durch das Gittertor auf die Straße oder schlief.
Die Angestellte ging um 17 Uhr und überließ es dem jungen Mädchen, die Alte ins Haus und zu Bett zu bringen. Sobald es dunkel war, konnten wir den bläulichen Schein des Fernsehers durch einen Vorhangspalt sehen. Noch vor 22 Uhr wurde es im Haus dunkel.

Donnerstagabend krochen wir, sobald es dunkel war, durch die Hecke in den Garten und drückten uns in die Büsche neben dem Haus.
Um 19 Uhr traf wie erwartet die Notarin ein. Sie öffnete das Gartentor und trat ein.
Sie rief nach der jungen Frau , drückte ihr etwas in die Hand, Geld wahrscheinlich, und wies sie an, punkt 23 Uhr wieder da zu sein.
Wir konnten unser Glück kaum fassen.
Der Wächter vorm Zaun, die Betreuerin fortgeschickt, so einfach hatten wir es uns nicht vorgestellt.
"Lass sie ins Haus gehen, dann folgen wir ihr und schnappen sie uns." flüsterte Ramón.
Gerade als wir ihr nachgehen wollten, hielten weitere Fahrzeuge vor dem Haus, Autotüren klappten, die Fahrzeuge fuhren weg und weitere Personen betraten das Grundstück.
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Beitragvon Pünktchen » 14.08.2017, 07:18

Guten Morgen Kavure´i,

deine Geschichte habe ich wieder mal verschlungen und warte wie immer ungeduldig auf die Fortsetzung. Ich hoffe es dauert nicht allzu lange.

LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Drakulinchen2 » 18.08.2017, 01:37

>welcher Verlag würde solch politisch unkorrekten Geschichten kaufen und verlegen? :lol:
Da wirst du dir die Seiten ausdrucken, lochen und in einem Ordner abheften müssen.
Irgendwann hast du dann auch ein Buch

Du kannst auch Bücher selbst im Eigenverlag drucken lassen.
Bekommst dann eine ISBN Nummer (keine Ahnung ob das nur in D so heißt).

Es kostet nicht viel ein Buch drucken zu lassen bzw dann bei dem Verlag "on demand" die Bücher drucken zu lassen wenn die Leute sie bestellen.

Du zahlst einmal für das Exemplar - mein Mann hat für ein 700 Seiten Hardcover glaub 80 E gezahlt - die weiteren Exemplare wären dann sehr viel billiger da nur die Erstgebühr (Druckeinrichtung) sehr teuer ist. Mußt mal nach Book on demand googeln.

Mein Mann hats mit Book on demand gemacht - wie ich grad gesehen habe ist das schon für 19 E möglich hab aber nicht genauer geschaut. Weiß nur, daß es teurer wird, wenn das Buch "Überlänge" hat - mein Mann hatte zig Tabellen zu Rühren die er als Buch hat machen lassen - nur für ihn selbst). Kochbücher rentieren leider nicht als ich da vor 5 Jahren mal geschaut habe, da Fotodruck dann je Foto was kostet - und ein Kochbuch lebt m.E. von Farbfotos.

Mein Vater hat ein Kinderbuch bei denen machen lassen - aber ohne ISBN Nummer glaub ich - war eine wahre Geschichte und er hat 20 Exemplare gekauft um die in Verwandschaft zu verschenken und für Freunde.

Wer schonmal gelesen hat, wie schwer es für Millionenschwere Autoren war, Fuß zu fassen weil die Verlage die Romane nichtmal gelesen haben (Stephen Kind hat da ein Buch drüber geschrieben und so manch andere bekannte Autoren haben auch berichtet wie schwer es ist solang man ein "Niemand" ist, würde ich das mit dem Selbstverlag ü Website mal probieren wenn jmd schriftstellerisch begabt ist...
Drakulinchen2
 

Beitragvon Kavure´i » 19.08.2017, 00:08

Drakulinchen

momentan mach ichs nur für mich. Und für euch.
Sobald etwas zum Muss wird, verliere ich meist den Spaß daran.

Kavure´i
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Beitragvon Schwarzdax » 19.08.2017, 12:39

Danke dafür, und mach schnell weiter. Es ist so spannend!!!!!
Gruß
Schwarzdax
 

Beitragvon Drakulinchen2 » 20.08.2017, 02:59

>
momentan mach ichs nur für mich. Und für euch.
Sobald etwas zum Muss wird, verliere ich meist den Spaß daran.

verstehe ich - aber wenn Du "fertig" bist und überlegst, es doch als Buch rauszubringen: dann weißt ja jetzt, wie es geht ;)
Drakulinchen2
 

Beitragvon Kavure´i » 21.08.2017, 01:18

Die Notarin kam mit einem Tablett voller Gläser und Getränke aus dem Haus und die Gesellschaft ließ sich am Tisch nieder.
"Rodrigo Juan Faber Lezguimon, der Staatsanwalt, Mirtha Belén Giménez Alberoa,die Richterin und Cesar Luis Cabreras Salazar, ihr Mann." wisperte er mir ins Ohr.
Auch ich hatte die Neuankömmlinge anhand von Bildern, die ich mir oft angesehen hatte, erkannt.
Erneut quietschte das Gartentor und ein kleiner, dicker Mann näherte sich der Veranda.
Das Gesicht von Victor Alberto Bonzi Balbuena schillerte in allen Farben von gelb bis dunkelviolett. Über der Nase trug er ein Pflaster, das rechte Augenlid hing etwas herunter.
Schwerfällig ließ er sich in einen Sessel fallen und grüßte in die Runde.
Auf die Frage, wie es ihm ginge, antwortete er, dass es schon besser sei. Das Schlimmste sei, dass er durch die Gehirnerschütterung einen Gedächtnisverlust erlitten hätte. Ihm fehle über eine Woche.
"Was wir in der letzten Zusammenkunft vergangenen Donnerstag besprochen haben und was ich dafür tun muss, habe ich vergessen. Ich brauche die Informationen dazu noch einmal, damit ich nachprüfen kann, was ich schon in die Wege geleitet habe und was nicht."
Die Notarin bat ihn, bis nach der Sitzung zu warten, dann würde sie ihm alles noch einmal erklären.
Dann begann sie zu sprechen.
"Heute bringe ich zwei Objekte mit. Beide sehr lohnend und zumindest bei einem werden wir gar keine Probleme haben, beim anderen rechne ich auch mit wenig Widerstand."
Sie zog zwei dünne Ordner aus einer Aktenmappe und begann Daten und Zahlen vorzulesen. Es schien sich um zwei Erbschaften zu handeln, bei denen die Erben nicht aufzufinden waren. Bei einer gab es einen weitläufigen Verwandten, beim anderen schien sich der Erbe in Europa aufzuhalten, keiner wusste wo, und auf die gesetzlich vorgeschriebenen Annoncen hatte er sich nicht gemeldet.

"Darum kümmere ich mich." meinte der Mann der Richterin." Wir werden einen unserer Leute mit den entsprechenden Ausweisdokumenten versehen und bei Gericht vorsprechen lassen. Der Erbe kommt aus Spanien zurück. Beim anderen präsentieren wir dem Gericht eine uneheliche Tochter. Und schon ist der weitläufige Verwandte aus dem Rennen. Alles Weitere übernehmt dann ihr." Er nickte den Frauen zu.
"Du siehst zu, dass alles schön unter der Decke bleibt und vor allem Mboi sy nichts mitbekommt." Der so angesprochene Staatsanwalt nickte. "Natürlich. So wie immer."
"Ist dein Gehilfe eigentlich schon wieder aufgetaucht?" fragte Balbuena die Richterin.
Die machte ein finsteres Gesicht und verneinte die Frage. "Er ist wie vom Erdboden verschluckt, ebenso seine Frau und sein Kind. Keiner der Nachbarn hat was gesehen. Meine Leute haben den Flughafen, das Busterminal und alle Grenzübergänge bewacht. Nichts! Sie müssen noch im Land sein. Irgendjemand versteckt sie."
"Meinst du, er weiß Bescheid?" fragte er.
"Mit Sicherheit!"
"Was werden wir seinetwegen unternehmen?" wollte die Notarin wissen.
"Meine Leute haben den Auftrag, ihn und seine Familie verschwinden zu lassen, sobald sie sie finden. Tote reden nicht."
"Recht hast du!" stimmte ihr Lezguimon zu. "Was tun wir, wenn die Kinder von Ayala hier auftauchen?"
"Meine Leute überwachen den Flughafen." erwiderte sie. "Und die Fernbusse. Sobald einer oder beide auftauchen, werden sie einen Unfall haben. So wie ihre Eltern."
Da musste dann an unserem Ankunftstag jemand geschlafen haben.
"Apropos Unfall. Ist dieser Cadenas, den du angeheuert hast, vertrauenswürdig?"
"Er hat schon viele Aufträge für uns ausgeführt. Er ist ein Profi. Und Profis wissen, dass es bald keine Aufträge mehr gibt, wenn sie unzuverlässig sind oder zu viel reden."
"Wenn du von Zuverlässigkeit sprichst…….Wie vertrauenswürdig ist denn dein sogenannter Verwalter?" fragte der Staatsanwalt.
"Warum fragst du?"
"Mir sind da einige Gerüchte zu Ohren gekommen."
"Was für Gerüchte?"
"Er verkauft Rinder und Bäume."
"Ach so. Das ist schon in Ordnung."
"Du findest es in Ordnung, dass der Kerl die schönsten und größten Bäume fällen ließ und bisher gut zwölftausend Rinder und die hundert besten Zuchtpferde verkauft hat?"
"WAS? Das ist unmöglich! Ich habe ihm die Erlaubnis erteilt fünfhundert Rinder zu verkaufen. Von den Bäumen hatte er die Erlaubnis für einen halben Hektar Eukalyptusbäume und von den Pferden war keine Rede!"
Die Richterin schäumte vor Wut.
Ich grinste. Die betrogene Betrügerin. Wurde sie selber hintergangen, fand sie das gar nicht lustig.
"Und dein vertrauenswürdiger Cadenas ist sein Hehler. Es wundert mich, dass du davon nichts weißt." sagte Leguizmon.
Man sah der Richterin an, wie sehr es sie wütend machte, dass der Staatsanwalt Kenntnis hatte von Dingen, von denen sie nichts wusste.
"Und woher weißt du es?"
"Ich habe einen Informanten in der Bank sitzen, bei der unser lieber Don Gerardo sein Konto unterhält. Und der informierte mich über ungewöhnlich hohe Einzahlungen und Abhebungen. Überwiesen wurde das Geld vom Konto der Frau Cadens´."
"Wie lange weißt du schon davon?"
"Seit gestern Nachmittag. Und seither habe ich Erkundigungen eingezogen. Der letzte Verkauf war übrigens vor zehn Tagen. Da wurden fünfhundert Rinder mit legalen Papieren im Schlachthof angeliefert. Alles gutgenährte Brangus mit dem Brandzeichen der Estancia Ñande Róga. Das war die zwölfte Lieferung in nur drei Monaten. Und an diesem Tag wurde seltsamerweise das gesamte Geld von Cadenas´ Konto auf das von Torres überwiesen und der transferierte sein gesamtes Vermögen wenige Stunden später auf ein Dollarkonto in den EE.UU."
"Wieso erzählt dir dein Informant das erst jetzt? Wieso wartete er zehn Tage damit?"
"Dummerweise hatte er Urlaub und kam erst Montag wieder zurück. Er meldete es mir, sobald er es entdeckte."
"Mit dieser Estancia geht so viel schief. Das ist schon nicht mehr normal." meinte der Leiter des Katasteramt.
"Sobald wir den Titel haben, gehört sie uns. Alles ist vorbereitet."
"Dieser Titel ist spurlos verschwunden."
"Morgen schicke ich noch einmal Leute hinaus. Das Dokument muss dort sein. Es wurde nur noch nicht richtig gesucht. Ich will diesen Titel haben. Und wenn sie das Haupthaus Ziegel für Ziegel dafür abtragen müssen."
Ein Celular klingelte.
Salazar entschuldigte sich und entfernte sich vom Tisch.
"Was?" schrie er ins Telfon. "Das gibt’s doch nicht!"
Er hörte noch eine Weile zu, fragte dann viel ruhiger: "Und wie lange ist er schon fort?"
Dann beendete er das Gespräch, indem er dem Anrufer versicherte, er werde es ausrichten.
Die Anderen sahen ihn erwartungsvoll an, als er an den Tisch zurückkam.
"Wir haben ein Problem. Der Verwalter ist verschwunden. Hat seine Familie und ein paar Sachen ins Auto verfrachtet und ist seit zehn Tagen verschwunden."
"Wer hat dich angerufen?"
"Ein gewisser Rubén. Er war unter Ortega stellvertretender Verwalter und möchte jetzt Verwalter werden. Er sagte auch, er wisse aus sicherer Quelle, dass Ortegas Kinder im Land sind. Er würde uns informieren, sobald sie auf der Estancia auftauchten."
Ramón und ich sahen uns entgeistert an. "Das glaube ich nicht!" zischte er. Ich schüttelte nur den Kopf.

Leguizmon fragte: "Und die Aufpasser? Was ist mit denen?"
"Gerardo hat ihnen befohlen, die Stellung zu halten. Sie sind noch dort und schauen, dass alles weiterläuft wie bisher. Gerardo hat ihnen gesagt, er käme binnen acht Tagen zurück. Rubén hat alles am Laufen gehalten und da der Verwalter noch nicht zurück ist, will er seinen Posten haben."
"Am besten fahren wir selber hin und sehen nach dem Rechten." schlug der Mann der Richterin vor.
"Du hast recht. Danach knöpfen wir uns diesen Don Gerardo vor und Cadenas natürlich auch."
Lezguimon erhob sich. "Da wir nun alles besprochen haben, gehe ich jetzt." Er hatte sein Celular aus der Tasche genommen und wies seinen Chauffeur an, ihn abzuholen.
Salazar tat es ihm nach und alle drei verließen den Garten.
Autotüren wurden zugeschlagen und Balboa und Balbuena blieben alleine zurück.
"Jetzt!" zischte Ramón. Er wollte sich erheben. Ich packte ihn am Arm und flüsterte: "Willst du nicht warten, bis er fort ist?"
"Nein! Der bekommt noch eine auf die Nase."
In diesem Moment quietschten wieder die rostigen Scharniere des Gartentores und die junge Pflegerin kam zurück.
Balbuena hatte sich weggedreht, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.
Sie grüßte die Notarin und ging sofort ins Haus. Der Katasterbeamte eilte davon und die Notarin folgte der jungen Frau ins Haus.
Mein Bruder fluchte leise, gab mir dann das Zeichen zum Rückzug und wir verließen das Grundstück, wie wir es betreten hatten.

Ich trank einen großen Schluck kaltes Wasser und fragte mich, warum wir sie nicht alle erschossen hatten.
Wie auf dem Präsentierteller hatten sie auf der Veranda gesessen.
Aber wir hatten den richtigen Zeitpunkt verpasst, weil wir hören wollten, was sie redeten.
Und dann der Anruf von Rubén.
Zuerst war mir eiskalt geworden. Rubén ein Verräter! Das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen.
Ramón war es genauso ergangen.
"Was hat er vor?" fragten er. "Und warum spricht er es nicht mit uns ab?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Ruf ihn an, dann erfahren wir es am schnellsten." schlug ich vor.
Die nächsten Stunden versuchte mein Bruder, seinen Verwalter oder Edgar zu erreichen. Beide antworteten nicht.
Das beunruhigte ihn aber nicht sehr. Es kam öfter vor, dass eine Gegend nicht erreichbar war.
"Vielleicht haben sie einen Stromausfall oder das Funksignal ist ausgefallen. Oder beides. Ich versuche es später noch einmal.
Ich nickte.
"Und was machen wir bis dahin?" fragte ich.
"Bis wir auf der Estancia jemanden erreichen, überprüfen wir die Konten, deren Unterlagen wir im Tresorversteck fanden, und schauen uns den Inhalt des Schließfachs an."
"Dann lass uns was essen und dann schlafen gehen."
Im Sul Brazil hängten sie nicht das Geschlossen-Schild raus als wir kamen.
Ganz im Gegenteil. Einer der Kellner brachte meinem Bruder unaufgefordert eine große Platte mit Fleisch und Würstchen. Die Beilagen musste er sich selber holen.
Mit vollem Magen gingen wir zu Fuß zu unserem Hotel.

Auch am nächsten Tag waren weder Rubén noch Edgar telefonisch zu erreichen.
Ramón ging ins Internet und überprüfte die vier Bankkonten.
Eines davon war ein Dollarkonto bei der Banco Nacionál de Fomento. Dort lagen vierhundertsiebzigtausend Dollar.
Auch das Schließfach befand sich dort. Um herauszufinden, was dort deponiert war, würden wir persönlich hingehen müssen.
Ein zweites, bei der Banco Continental belief sich auf knapp drei Milliarden Guaranies.
Ein Konto in Deutschland bei der Sparda Bank war mit dreihundertachtzigtausend Euro gefüllt.
Auf dem vierten Konto bei der Schweizer Nationalbank parkten zwei Millionen Franken.
Bei diesen Summen wurde mir ganz schwindlig, während Ramón offensichtlich nicht überrascht war.
"Wir waren schon immer eine wohlhabende Familie." grinste er.
Die anderen Unterlagen waren wir schon zuvor durchgegangen.
Im Testament wurde uns beiden das gesamte Eigentum hinterlassen.
Das war keine Überraschung für uns, Odilón und Adelina hatten es uns nach dem Aufsetzen lesen lassen.
Auch die kleinen Vermächtnisse für einige alte Angestellte und einige für Verwandte und Freunde kannten wir.
Das Schließfach würden wir später, wenn alles vorbei war, inspizieren.
Wir wussten schließlich nicht, ob nicht auch in dieser Bank Spione unserer Feinde saßen.

Kurz vor Mittag erreichten wir schließlich Edgar.
Etwas ungehalten fragte Ramón, was der Anruf Rubéns bei Salazar sollte und warum das ohne Absprache geschehen sei.
Edgar und Rubén hatten mehrere Tage lang versucht, einen von uns Beiden zu erreichen, waren aber nicht durchgekommen.
Drei Tage nach seiner überstürzten Abreise war Torres mit einer Schlägertruppe zurück gekommen. Einige davon gehörten zu den davongelaufenen Aufpassern, die ihren Mut wiedergefunden hatten, als Torres mit Verstärkung auftauchte.
Edgars Späher hatten sie gemeldet und seine Leute und Rubén hatten sich versteckt.
Torres fand nur das Personal vor und übernahm großspurig erneut das Kommando über die Estancia.
Schon am ersten Abend verschwanden die ersten beiden Männer, in der zweiten Nacht waren es vier. In der dritten Nacht wollte keiner mehr draußen Streife gehen und sie blieben auf der Veranda bei voller Beleuchtung.
Als auch diese vier verschwanden und im Hof die Abdrücke von Schuppen und Hundepfoten gefunden wurden, brach helle Panik aus.
Die restlichen sechs warfen ihre Sachen in zwei Pickups und machten sich aus dem Staub. Edgars Männer fingen sie auf dem Weg zur Ruta ab und brachten sie zurück.
Gerardo und seine Familie wurden im Gästehaus festgesetzt, die gefangenen Wachleute in einem leeren Lagerschuppen.
"Wir dachten, wir stiften ein wenig Verwirrung bei der Richterin und ihrer Clique. Dass sie und ihr Mann gleich selber kommen würden, haben wir aber nicht erwartet. Wir werden die Beiden ebenfalls festhalten. Dann habt ihr in Asunción mehr Luft."
Ramón hatte während des Gesprächs seine gute Laune wiedergefunden und fand die Idee gut.
"Dann konzentrieren wir uns wieder auf die Notarin." meinte er.
"An die kommen wir frühestens nächsten Donnerstag wieder ran." gab ich zu bedenken. "Und ob die ohne die Beiden eine Sitzung abhält, ist fraglich."
"Außerdem können wir nicht eine ganze Woche nur herumsitzen."
"Was ist mit dem Staatsanwalt?"
"Der ist eine große Nummer. Alteingesessene Familie, sehr reich, natürlich. Sein Vater und seine Brüder sind in der Politik. Er wählte die Laufbahn bei Gericht. Dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, hat eine Geliebte. Seine Frau weiß es, da er es sehr diskret macht, tut sie so, als wüsste sie es nicht. Solange er sie und die Kinder nicht verlässt, was er nie tun würde, ist alles in Ordnung."
"Ich könnte so nicht leben." sagte ich.
"Das hier ist ein Macholand. Ein Mann muss mindestens eine Geliebte haben, sonst gilt er als Schlappschwanz."
"Das ist doch nicht dein Ernst, oder?"
"Doch, ist es. Aber glaub ja nicht, dass die Frauen ihren Männern keine Hörner aufsetzen." Er lachte.
"Würdest du dir auch eine Geliebte anschaffen, wenn du verheiratet wärest und Kinder hättest?" fragte ich.
Da wurde er ernst. "Ich werde weder eine Familie noch eine Geliebte haben. Ich bin nicht der Typ dazu und ich kann und will auch keine Verantwortung für Frau und Kinder übernehmen. Ich würde verrückt werden, würde ihnen etwas zustoßen."

Ramón machte ein Loch in den Maschendrahtzaun, der das Barrio Cerrado ( bewachtes Wohngebiet, gated community ) umgab.
Der Wächter kam im Abstand von einer Stunde auf seiner Runde vorbei. Vor zehn Minuten hatte er die Stelle passiert, an der wir lagen.
Wir schlüpften hindurch und er schloss das Loch wieder. Ich bemerkte, dass er darin einiges Geschick hatte.
Schnell huschten wir über die schmale Rasenfläche, die uns von dem Haus trennte, in dem Lezguimons Geliebte wohnte.
Es dauerte keine zehn Sekunden und die linke hintere Tür des Dodge Durango war offen.
"Los! Steig ein!" flüsterte Ramón und folgte mir sofort.
Sowohl das Öffnen, als auch das Schließen der Autotür erfolgte völlig geräuschlos.
Glücklicherweise hatte der Staatsanwalt die Alarmanlage nicht aktiviert. Das hatten wir allerdings hier auch nicht vermutet.
Wir machten es uns auf dem Rücksitz bequem. Dass uns einer der Wächter sehen könnte, war wegen der schwarz getönten Scheiben nicht möglich.
Man konnte zwar hinaus aber nicht hinein schauen.
Wir unterhielten uns leise, bis mein Bruder sagte: "Runter! Er kommt!"
Wir kauerten uns hinter die Vordersitze und verhielten uns ruhig.
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 21.08.2017, 07:18

Dane Kavure´i

Danke, jetzt kann mein Tag wieder losgehen :D ... ich hätte noch gern mehr gelesen

Ich hoffe es geht bald weiter, bis bald

LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 04.09.2017, 04:58

Ramón und ich hatten uns beim Erzählen abgewechselt.
Manchmal ergänzten oder berichtigten wir uns, ab und zu waren wir uns nicht ganz einig und unsere Versionen wichen etwas voneinander ab.
Wir hatten nur zum Mittagessen eine Pause gemacht, inzwischen war es früher Nachmittag, die Reiher setzten Wasserkessel auf die Feuerschalen und begannen Kaffee auszuschenken.
Ein lautes Krachen ertönte und aus dem See stieg eine riesige Wasserfontäne auf.
Die nächste Rakete explodierte mitten im Lager, eine dritte folgte. Ich spürte einen harten Schlag im Rücken und stürzte zu Boden. Etwas traf mich am Kopf und ich verlor das Bewusstsein.
Langsam stieg mein Ich wieder an die Oberfläche des schwarzen Sees, in dem ich untergegangen war. Ich hörte Schreie, Schüsse fielen, es roch nach Kordit, Rauch und Blut.
Ich versuchte die Augen zu öffnen, hob den Kopf, und bereute es sofort. Mir wurde übel und ich ließ den Kopf wieder sinken.
Beim zweiten Versuch schaffte ich es auf die Knie und sah mich um.
Im dichten Qualm der brennenden Wohnmobile konnte ich fast nichts erkennen und ich hustete mir fast die Seele aus dem Leib.
Taumelnd kam ich auf die Beine und wankte zu unserem Fahrzeug, das wie durch ein Wunder unversehrt an seinem Platz stand.
Die beiden Stufen ins Innere schaffte ich nur mit großer Anstrengung.
Blind tastete ich nach meiner Waffe, die wie immer auf der Ablage unter dem Hochschrank lag. Eins der Päckchen mit den Ersatzpatronen steckte ich in die Tasche.
Ich lud die Pistole durch und verließ das Wohnmobil.
Den Schreien und Schüssen nach tobte der Kampf in der Ortschaft. Als ich mich in diese Richtung aufmachte, stolperte ich fast über einen liegenden Körper. Ich ging daneben in die Knie und erkannte mit Entsetzen Jürgen, seine toten Augen blickten ins Leere. Eine Kugel hatte ihn in den Hals getroffen.
Auf meinem Weg zum Kampfgeschehen sah ich noch mehr Leichen. Und einige Verletzte, um die sich aber schon die Heiler kümmerten.
Einer von ihnen wollte mich aufhalten, aber ich winkte ab und setzte meinen Weg wie in Trance fort.
Vor mit tauchten zwei Gestalten auf. Eine davon trug einen Raketenwerfer auf der Schulter. Ohne nachzudenken hob ich die Pistole und drückte mehrmals ab. Sie fielen und standen nicht wieder auf.
Eine Rakete steckte in dem Werfer und in einem Rucksack fand ich drei weitere. Der zweite hatte eine Uzi bei sich und zwei Ersatzmagazine mit Munition.
Gerade, als ich mit der Untersuchung der Leichen fertig war, kamen noch mehr Männer aus Richtung Stadt. Sie rannten und riefen sich auf Arabisch Anweisungen zu. Sie schienen sich unserem Lager nähern zu wollen.
Ich griff nach der Uzi und feuerte das komplette Magazin in die Gruppe. Mechanisch schob ich das nächste Magazin ein und schoss weiter. Als ich das letzte einschob, bewegte sich nichts mehr.
Halb taub von den Schüssen, versuchte ich zu lauschen, wohin ich mich nun wenden musste.
Das Schießen hatte fast aufgehört. Nur noch einzelne Schüsse fielen. Dafür konnte ich nun das Knacken der brennenden Fahrzeuge besser hören und das Stöhnen und Schreien der Verwundeten und Sterbenden.
Wieder tauchten Gestalten aus dem Rauch auf und ich hob die MP. Dann erkannte ich die ersten beiden Personen und ließ die Waffe sinken.
Marc rannte auf mich zu und umarmte mich, ohne auf die Uzi zu achten, die ich immer noch in der linken Hand hielt.
"Du lebst!" schluchzte er.
Ich runzelte die Stirn. Die Gesichtshaut spannte und fühlte sich seltsam trocken an. Und hinter meiner Stirn pochte es. Ich fasste mir an die Stirn und zuckte vor Schmerz zusammen. Überrascht betrachtete ich meine Finger, an denen frisches Blut klebte. Ein Kratzer, wie ich dachte.
Marcs Gesicht war rußgeschwärzt, ein Ärmel seines Hemdes wies Brandlöcher auf und die Hose war am rechten Oberschenkel blutgetränkt.
"Du bist verletzt! Komm mit zum Wohnmobil, dort kann ich dich verbinden." sagte ich. "Hast du Schmerzen?"
Er starrte mich nur an.
"Was ist los mit dir?" fragte ich.
Wortlos nahm er mich an der Hand und humpelte neben mir zu unserem Fahrzeug.
Ich stellte einen der umgefallenen Stühle wieder auf und befahl ihm, sich hinzusetzen. Er wollte etwas sagen, aber ich winkte ab.
"Später. Zuerst schaue ich mir dein Bein an. Dann sehen wir, ob wir einen der Heiler rufen müssen. Sie sollen sich zuerst um die Schwerverletzten kümmern."
Im Wohnmobil hatten wir eine gut bestückte Kiste mit Verbandszeug, Medikamenten und allem, was man zur Wundversorgung sonst so brauchte.
Die Kiste stand im Kleiderschrank. Als ich ihn öffnete, starrte mich aus dem Spiegel, der an der Innenseite befestigt war, eine grässliche Fratze an.
Das Haar stand blutverklebt nach allen Seiten ab. Von der Stirn hing ein blutiger Hautlappen fast bis zu den Augen herab. Das Gesicht war eine Maske aus getrocknetem und frischem Blut.
Deshalb also hatte Marc mich so seltsam angesehen.
Mich wunderte nur, dass ich keinerlei Schmerzen hatte.
Egal.
Ich zog die Verbandskiste heraus uns trug sie zu meinem Liebsten.
Der hatte inzwischen die Hose ausgezogen und untersuchte die Wunde.
"So wie es aussieht, habe ich Glück gehabt. Es ist nur ein Streifschuss, wenn auch ein sehr tiefer. Und es wurden keine Blutgefäße oder Knochen verletzt."
Ich reichte ihm ein Verbandpäckchen und er schob es sich zwischen die Zähne. Das Desinfektionsmittel brannte wie die Hölle, aber er hielt durch, bis ich die Wunde gereinigt, eine Salbe aufgetragen und sie verbunden hatte.
Er war bleich und große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn.
"Jetzt lass dich anschauen!" befahl er. "Setz dich hin!"
"Mir geht es gut." sagte ich.

Ich stand mit Ramón, Maria und Ernesto auf dem Schießstand des Sommerhauses.
Die Schießscheiben waren verschwunden. Dafür rannten Arabs, bewaffnet mit Raketenwerfern, MPs und Pistolen von einer Seite zur anderen.
Wir erschossen sie alle.
Bei jedem Treffer zählte Lucio laut mit und notierte sie auf unseren Karten.
Schließlich erklärte er mich zur Siegerin des Tages und tackerte mir meine Karte auf die Stirn.
"Hey, spinnst du?" rief ich aus und wollte mir die Karte wieder wegreißen.
"Halt still! Es ist nur noch ein Stich." sagte eine Stimme. Es war Helma.
"Was ist passiert? Wo ist Marc? Was ist mit den Anderen?"
"Eins nach dem anderen." sagte sie. " Marc ist draußen und bespricht sich mit Artemisia und den überlebenden Clanführern"
Sie strich mir eine Salbe auf die Stirn und klebte ein großes Pflaster darauf.
"So! Das wäre geschafft. Es tut mir leid, dass ich erst jetzt zu dir kommen konnte, aber……"
"Es ist schon gut, Helma, ich bin nur leicht verletzt und Andere brauchten dringender Hilfe."
"Wie man´s nimmt. Aus deinem Rücken musste ich einige Metallsplitter herausholen. Ich hoffe, ich habe alle gefunden."
Ich setzte mich auf und zog vor Schmerz die Luft zwischen den Zähnen ein.
"Bitte gib mir ein Schmerzmittel, damit ich aufstehen kann. Ich will wissen, was draußen vorgeht."
Helma kannte mich gut genug, um nicht mit mir zu streiten. Seufzend zog sie eine Spritze auf und injizierte mir ein Schmerzmittel.
Eine Viertelstunde später trat ich zu den Anderen.
Inzwischen war es dunkel geworden. Überall sah ich tanzende Lichter. Entweder von Taschenlampen oder von Fackeln.
Marc saß in einem der Stühle, Leofric lag mehr als er saß auf einem Feldbett, gestützt von einem großen Kissen. Bei den versammelten Clanführern vermisste ich den der Adler, der Hasen und der Wölfe. Ihre Stellvertreter waren für sie gekommen.
Ich nahm mir einen Stuhl und setzte mich neben Marc.
Soweit ich sehen konnte, war keiner der Versammelten ohne Verletzung davongekommen.
Alle machten sie grimmige Gesichter.
Ich erfuhr, dass es bereits vier Uhr morgens war. Bald würde die Sonne aufgehen und die Bergungsarbeiten erleichtern.
Anscheinend war ich umgekippt, nachdem ich meinem Mann versichert hatte, es ginge mir gut.
Und war fast acht Stunden lang bewusstlos gewesen.
Die Feuer waren unterdessen gelöscht worden. Die Verwundeten wurden versorgt. Alle Toten, die sie bisher gefunden hatten, wurden an einem zentralen Platz zusammengetragen und in Reihen niedergelegt.
Kein Clan, kaum eine Familie war verschont geblieben.
Ich suchte nach den Gesichtern meiner Freunde.
Ramón stand bei Artemisia. Auf meinen fragenden Blick hin nickte er mir beruhigend zu. Felipe fehlt nichts, formte er mit den Lippen.
Helma hatte ich schon gesehen. Wäre Hannes etwas passiert, hätte sie es sicherlich gesagt.
Da saß Max. Und neben ihm, fast hätte ich sie nicht erkannt, Miriam. Ihr Haar war streichholzkurz und ihre rechte Gesichtsseite war dick mit Salbe eingeschmiert. Später erfuhr ich, dass sie ein brennendes Teil getroffen und ihr Haar in Brand gesetzt hatte.
Sonja, Oleg und Sascha saßen dicht beieinander und weinten.
"Marek ist tot." flüsterte mir Marc zu. Er ist bei der ersten Detonation getötet worden.
"Wo ist Calvin?" fragte ich ebenso leise.
"Er sucht mit Irwin zusammen nach John und Ahlborn. Armbruster und Diebold sind auch noch nicht wieder aufgetaucht. Von Ingetraut und den Kindern fehlt ebenfalls jede Spur."
Mir wurde kalt.
Währenddessen kamen immer wieder Nomaden an den Tisch und nannten Namen. Die Clanführer schrieben sie auf Blätter, die vor ihnen lagen.
Die Listen wurden immer länger.
Tränen quollen mir aus den Augen und ich schämte mich nicht deswegen.
Zum Beweis, dass trotz allem das Leben weitergehen musste, entzündeten die Reiher die Feuerschalen und wir bekamen Tee und Kekse.
Zuerst dachte ich, ich würde keinen Bissen hinunterbekommen, dann bemerkte ich, dass mein Magen knurrte.

Am Horizont erschien ein blassrosa Streifen, der immer breiter wurde. Dann ging die Sonne auf. Und offenbarte das ganze Ausmaß der Zerstörung und des Schreckens.
Da standen Wohnmobile in allen Stadien der Zerstörung. Andere wieder waren unbeschädigt, so wie unseres und das von Artemisia.
Marc und ich schlossen uns der Gruppe an, die zum Ort marschierte um bei Helligkeit noch einmal nach Verletzten und Toten zu suchen.
Alle trugen wir Waffen und bewegten uns vorsichtig, immer gefasst auf einen erneuten Angriff.
Wir fanden viele Tote. Die meisten davon waren jedoch Arabs. Tote Nomaden fanden wir noch vier. Ich kannte sie vom Sehen, ihre Namen aber nicht.
Bei der Kirche entdeckten wir Armbruster und Diebold. Beide waren blutüberströmt, atmeten aber noch. Sofort kümmerten sich zwei der Heiler um sie.
Nach einer kurzen Untersuchung streckten beide die Daumen nach oben und orderten Tragen.
Erleichtert gingen wir weiter.
Insgesamt entdeckten wir noch elf Verletzte, die nicht aus eigener Kraft zum Lager zurückgekonnt hatten. Sie hatten auch nicht um Hilfe gerufen, da sie in der Dunkelheit nicht erkennen konnten, ob sich noch Feinde in der Nähe aufhielten.
Als wir alle Gebäude und Straßen abgesucht hatten, machten wir uns auf den Rückweg.
Wieder kamen wir an den toten Arabs vorbei. Einige Nomaden hatten bereits damit begonnen, sie auf einen Haufen zu tragen.
Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung und drehte mich um. Da sah ich, wie einer der vorgeblich Toten nach seiner Waffe griff.
Ich trat ihm die Waffe weg und rief: "Nein! Erschießt ihn nicht! Wir wollen ihn verhören."
Alle senkten ihre Waffen. Einer der Heiler sah ihn sich an und meinte, er wäre nur leicht verletzt. Ein Schlag auf den Kopf hatte ihn getroffen. Außer einer Beule am Hinterkopf hatte er nichts. Was für ein Glück. Für uns.
Die Nomaden zerrten ihn unsanft auf die Beine und trieben ihn zum Lager.

Calvin und Irwin hatten John und Ahlborn gefunden.
Der freundliche John war tot und Ahlborn so schwer verletzt, dass die Heiler den Kopf schüttelten. Sie versorgten ihn, glaubten aber nicht daran, dass er überleben würde.
Wir gingen die Reihen der Toten ab.
Da war Jürgen, an seiner Seite lagen Achim und Ferdi. Jutta und Claudia knieten weinend bei ihnen.
Die meisten Nomaden waren durch ihre Clanmitglieder identifiziert worden. Bei einigen war es sehr schwierig gewesen, bei anderen unmöglich.
Sie waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder von umherfliegenden Trümmern und den Raketen zerfetzt worden.
Wie viele Leichen noch in den ausgebrannten Wracks lagen, wusste niemand.
Die Nomaden fertigten jetzt Listen mit den Namen der Überlebenden an.
Alle Namen derjenigen, die dort nicht auftauchten, wurden auf die Liste der Toten geschrieben.
Auch die Namen von Ingetraut, Otto und Kathy.
Insgesamt waren einhundertdreiundvierzig von uns ums Leben gekommen.
Darunter siebzehn Kinder. Das Jüngste war gerade drei Monate alt gewesen.
Die Nomaden hatten zweiundachtzig tote Arabs gezählt.
Die Überlebenden hatten verschiedene Strategien, um mit dem Schock fertig zu werden.
Viele weinten, andere saßen oder gingen mit versteinerten Mienen umher. Einige verfluchten die Arabs und die Meisten schworen blutige Rache.
Woher die Angreifer gekommen waren, wusste keiner. Wie sie uns gefunden hatten, auch nicht.
Gleich nach dem Hellwerden schickte Artemisia Späher aus, die herausfinden sollten, ob sich noch mehr von ihnen in der Nähe aufhielten.
Eine Stunde später kam eine Gruppe zurück und meldete einen Konvoi der Moslems nicht weit entfernt.
Sie hatten nur sechs Männer als Wache zurückgelassen und die Späher hatten sie niedergemacht.
Und sie hatten die Leichen der Späher entdeckt, die gestern Nachmittag für diese Straße zuständig gewesen waren.
Wie die Arabs sie hatten überraschen und töten können, hatten sie nicht herausfinden können.
Wölfe, immer zu zweit auf dem Motorrad, gingen die Fahrzeuge holen.
Es waren vier Mannschaftstransporter und vierzehn LKWs, voll beladen mit Waffen und Munition. Darunter noch vier Raketenwerfer, mehrere schwere Maschinengewehre, Hand-, Rauch- und Blendgranaten und kistenweise Macheten und andere Messer.
Einer der Laster war mit den wohlbekannten Kanistern mit dem Betäubungsgas beladen.
Ein Glück für uns, dass sie nicht auf die Idee gekommen waren, die einzusetzen.
In einem Kühllaster, dessen Kühlung sogar noch funktionierte, fanden wir jede Menge Nahrungsmittel.
"Die waren unterwegs nach Rostock." sagte Nasir. "Ich denke, die sind durch Zufall auf uns gestoßen und ich vermute, sie rechneten nicht mit Gegenwehr."
"Wie konnten sie unsere Leute überraschen und umbringen?" fragte Ramón nicht zum ersten Mal.
"Warum fragen wir nicht unseren Gefangenen?" fragte ich.
Es stellte sich heraus, dass dieser Kerl es nicht wusste. Alles andere erzählte er uns dann, nachdem ihn Miriam dazu ermuntert hatte.
Sie musste ihm nur die Brustwarzen und ein Ohr abschneiden. Danach wollte er gar nicht mehr aufhören zu reden.
Nasir hatte Recht mit seiner Vermutung.
Sie hatten die Waffen von einem Händler übernommen und waren auf dem Weg zum Kalifen.
Der versuchte gerade wieder ein Heer zu sammeln. Er wollte Rache für seine Niederlage beim Neckartal. Er wollte Rache für seinen zerstörten Konvoi und die Zerschlagung seiner Armee.
Überall wo Moslems lebten predigten vom Kalifen bezahlte Imame den Hass auf alle verbliebenen freien Ungläubigen.
Kampfes- und mordlustige junge Männer bewaffneten sich und machten sich auf den Weg nach Rostock oder zu anderen Sammelstellen.
Soweit der Gefangene wusste, hatte der Kalif schon wieder sechstausend neue Krieger aufgeboten, wollte aber noch mehr zusammenziehen.
Und vor allem wollte er schwere Waffen.
Auf einem Schiff waren drei Panzer auf dem Weg nach Rostock. Damit würden sie die Ungläubigen in die Hölle schicken.
Bei diesen Worten lächelte er stolz.
"Ihr werdet alle sterben und für ewig und immer in der Hölle brennen." lachte er.
"Brauchen wir ihn noch?" fragte Laura.
Leofric schüttelte den Kopf.
"Dann werde ich dich jetzt vorausschicken." sagte sie zu dem Arab. "Grüß den Sheitan von Azrael. Er soll das Feuer heiß schüren."
Der Gefangen sah sie entsetzt an. Er fing an zu schreien, als Laura mit dem Messer in der Hand auf ihn zu ging.
Bevor sie ihn erreichte, sackte er ohnmächtig zusammen und rutschte vom Stuhl.
Nasir packte ihn grob am Kragen und schlug ihm ins Gesicht.
Der Mann rührte sich nicht.
Nasir stutzte, legte einen Finger an die Halsschlagader und machte ein erstauntes Gesicht.
"Er ist tot."
Wir würden nie erfahren, was der Arab gesehen hatte, er war vor Entsetzen gestorben.

"Anton. Du bist frei. Wir werden dein Andenken ehren." intonierte Artemisia.
"Du bist frei. Geh und komm zu uns zurück!" sprachen wir anderen.
Einhundertdreiundvierzig Mal gab Artemisia eine Seele frei.
Einhundertdreiundvierzig Mal luden wir sie ein, zu uns zurück zu kehren.

Wir brachten die Toten in einen abseits stehenden Schuppen, trugen Brennmaterial hinein, übergossen alles mit Benzin und zündeten das Gebäude an.
Aus sicherer Entfernung warteten wir, bis der Schuppen völlig heruntergebrannt war und wir sicher waren, dass es keine Glutnester mehr gab.
Die Angreifer hatten wir in einem der Häuser in den Keller gebracht, die Tür geschlossen und den Schlüssel weggeworfen.
Alle fahrtüchtige Wohnmobile wurden auf den Platz und die Straße vor der Kirche gebracht.
Max und Miriam zogen vorläufig bei uns ein. Unterwegs würden wir nach weiteren Fahrzeugen Ausschau halten, bis wieder ausreichend Wohnraum für Alle vorhanden war.
Am nächsten Tag waren wir wieder unterwegs.
Ich hatte verzweifelt nach Wotan gesucht, ihn aber nirgendwo gefunden. Stundenlang hatte ich nach ihm gerufen.
Er war nicht gekommen.
Weinend akzeptierte ich schließlich, dass er entweder in Panik weggerannt war und nicht mehr wieder kommen würde oder dass er sich sterbend irgendwo verkrochen hatte und deshalb nicht kam.
Wir fuhren Richtung Rostock, vorbei an den Gräbern der Arabs, von denen nichts zu sehen war. Die Polen und die Nomaden hatten vor dem Ausheben der Gruben die Grasnabe entfernt und beiseite gelegt und anschließen die Grassoden wieder sorgfältig aufgelegt. Die übrige Erde hatten sie verstreut.
Ich saß neben Marc auf dem Beifahrersitz und starrte vor mich hin ohne etwas zu sehen.
Mein Herz war schwer und immer wieder kamen mir die Tränen.
Plötzlich sagte eine leise Stimme in meinem Kopf: `Sieh nach draußen!`
Ich drehte den Kopf, wischte die Tränen mit dem Ärmel fort und sah, ziemlich weit entfernt auf der Wiese, eine kleine Gestalt, die auf die Straße zuhielt.
"Da ist jemand! Sieh nur!" rief ich.
Marc drückte auf die Hupe und gab zuerst das Zeichen für "Achtung." und dann für "Anhalten."
Langsam kam der Konvoi zum Stehen.
Adler sprangen aus den Fahrzeugen, die einen sicherten das Gelände, einige liefen mit schussbereiten Waffen auf die Gestalt zu.
Einer bückte sich und nahm sie auf den Arm und so konnten wir sehen, dass es sich um ein Kind handelte.
Und dann schoss ein schwarzer Schatten über die Wiese auf unser Wohnmobil zu.
Ich öffnete die Tür und sprang hinaus. Wotan war in vollem Lauf und rannte mich um. Ich lag auf dem Rücken und ein Hund, der völlig aus dem Häuschen war, sprang um mich herum und bellte und jaulte und versuchte mich abzulecken.
Inzwischen waren die Adler wieder bei uns angekommen.
Das Kind auf seinem Arm war Otto.
Und er sah nicht auf die Erde, sondern blickte sich um.
"Wo kommst du her?" wurde er gefragt.
"Von dort hinten." er drehte sich um und zeigte dorthin, woher er gekommen war.
"Wotan hat mich hergebracht. Ich habe mich an seinem Halsband festgehalten, damit ich nicht verloren gehe. Dann habe ich euch gesehen und gerufen. Aber ihr konntet mich nicht hören. Aber plötzlich habt ihr angehalten und mich geholt."
Er hatte uns gesehen! Er hatte seine Augen von der Erde erhoben und uns erkannt!
Dann redete er weiter. "Dort hinten bei den Bäumen sind Kathy und Ingetraut. Ingetraut kann nicht mehr laufen und Kathy schläft und will nicht aufwachen."
Biber und Heiler liefen mit Tragen los. Allen voraus rannte Wotan und zeigte ihnen, wo die Beiden waren.
Es stellte sich heraus, dass Ingetraut das Mädchen bis zu dieser Stelle getragen hatte und dann erschöpft zusammengebrochen war.
Otto hatte Motorenlärm gehört und hatte sich aus dem Schutz der Bäume gewagt.
Und da Ingetraut nicht wach zu bekommen war, hatte er das Undenkbare getan. Er hatte die Augen von der Erde gehoben und in die Weite geschaut. Und dabei unsere Kolonne gesehen und die Fahrzeuge erkannt.
Mit dem Mut der Verzweiflung hatte er Wotans Halsband gepackt und ihm befohlen, los zu laufen.
Und der Hund hatte gehorcht.
Ingetraut wachte auf, als die Helfer kamen. Sie war so erschöpft, dass sie sich trotz anfänglichen Protests tragen lassen musste und unterwegs auch gleich wieder einschlief.
Kathy hatte eine dicke Beule an der Schläfe und eine starke Gehirnerschütterung. Auch sie würde wieder in Ordnung kommen.
Als die erste Rakete einschlug, war Ingetraut zu ihrem Wohnmobil gelaufen und hatte die Kinder herausgerufen. An jeder Hand zog sie eines von ihnen hinter sich her und floh mit ihnen aus demLager.
Plötzlich war Kathy gestolpert und gefallen. Ingetraut hatte sie aufgehoben und sie getragen. Stundenlang war sie in Panik einfach immer weiter gegangen, das schlaffe Mädchen auf den Armen, den orientierungslosen Jungen, der sich an ihrem Hemd festhielt, hinter sich her ziehend.
Irgendwann hatte sie vor Müdigkeit kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen können und als sie ein kleines Wäldchen erreichte, hatten ihre Knie nachgegeben und gegen einen Baum gelehnt, Kathy immer noch in ihrem Armen, war sie eingeschlafen.
Alle drei wurden in einem Fahrzeug untergebracht.
Wotan hatte Futter und Wasser bekommen, war unters Bett gekrochen und lag dort zusammengerollt und schlief.
Ich weinte wieder.
Deses Mal vor Freude.

Am Abend zuvor hatten wir noch darüber gesprochen, wie wir weiter vorgehen wollten.
Laura und Nasir wollten nach wie vor Sofía aus Rostock herausholen.
Wir wollten immer noch nach unseren Freunden in Hugoldsdorf sehen.
Unsere Russen wollten danach so schnell als möglich wieder nach Tübingen, um über die Geschehnisse und den Verlust des Hubschraubers Bericht zu erstatten. Und über die Toten.
Und die Nomaden wollten Rache.
Rache für den Überfall.
Rache für die Toten.
Sie wollten ebenfalls nach Rostock.
Wir versuchten es ihnen ausreden. Sie waren so Wenige und die Moslems waren so Viele. Sie hatten keine Chance.
Leofric wollte davon nichts hören.
"Außerdem müssen wir verhindern, dass der Kalif die Panzer bekommt." sagte Artemisia.
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 04.09.2017, 10:46

Hallo Kavure´i

deine Geschichte ist wie immer spannend bis zur letzten Zeile.

Danke LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 27.09.2017, 04:05

Unser Treck kam nur langsam voran.
Wegen der vielen Verwundeten fuhren wir langsam und vorsichtig. Und wir hatten viel mehr Späher im Einsatz als zuvor. Sie sicherten den Konvoi sowohl nach vorne als auch nach hinten.
Helma und die Heiler waren immer noch im Dauereinsatz.
Während des ersten Tages nach dem Angriff starben noch fünf der Nomaden, am zweiten Tag noch einmal zwei.
Ahlborn rang mit dem Tod, bisher war er Sieger geblieben. Helma war aber immer noch pessimistisch und gab ihm kaum eine Überlebenschance.
Am dritten Tag besuchte uns Ingetraut mit den beiden Kindern.
Die krochen zu Wotan unters Bett und verwöhnten ihn mit Streicheleinheiten.
Otto erzählte, dass der Hund erst aufgetaucht war, als er aus dem Wäldchen trat und uns sah. Da stand er plötzlich neben ihm, stupste ihn mit der Nase an und schien ihn aufzufordern, in Richtung Straße zu laufen, was er dann auch tat.
"Er muss uns vom Lager aus gefolgt sein." meinte Ingetraut.
Otto und Kathy sahen jetzt oft aus dem Fenster und fragten Ingetraut nach den Namen der Dinge, die sie vom Fenster aus sehen konnten.
Dann vertrieben sie sich die Zeit damit, sich gegenseitig Bäume, Sträucher, Felsen, Blumen, verrostete Autowracks und Häuser zu zeigen und zu benennen.
Manchmal stritten sie sich, dann musste Ingetraut die Schiedsrichterin spielen.
Sie würden es lernen.
Sofern sie überlebten.

Eine Woche später waren wir beim Abzweig nach Tribsees angekommen und fuhren, wieder bei einem See, die Wohnmobile zu einer Art Wagenburg zusammen.
Nicht weit davon lag der Bunker Eichenthal, an dem wir schon bei unserer Fahrt in Richtung Süden vorbeigekommen waren.
Damals waren wir nicht dorthin gegangen, weil wir schon mit den Bewohnern von Tribsees schlechte Erfahrungen gemacht hatten und wir nicht wussten, ob der Bunker bewohnt war, und wenn ja, ob man uns dort auch feindselig empfangen würde.
Wir beschlossen, ihn auch dieses Mal nicht aufzusuchen.
Nach Hugoldsdorf wollten wir von unserem Lagerplatz aus mit den Motorrädern fahren.
Insgesamt würden zwanzig Wölfe, die Clanführer und wir auf Erkundungsfahrt gehen.
Solange wir unterwegs waren, würden die Nomaden wie gewohnt die Umgebung nach Brauchbarem absuchen.
Vorrangig natürlich wie immer nach Nahrungsmitteln, aber auch nach Wohnmobilen, von denen wir immer noch zu wenige hatten.

Nach dem Frühstück schwangen wir uns auf die Motorräder.
Marc saß wegen seiner Beinverletzung bei Max auf dem Sozius und hielt die Uzi, die ich dem toten Arab abgenommen hatte, schussbereit im Anschlag.
Alle Wölfe saßen zu zweit auf ihren Böcken, der Beifahrer jeweils schwer bewaffnet.
Da wir keine großen Umwege fahren wollten, mussten wir zwangsläufig dicht an Tribsees vorbeifahren, um an unser Ziel zu gelangen.
Wir passierten den Ort so schnell wir konnten.
Wieder sahen wir die Wachen mit den Hunden bei der Solaranlage und auch auf den Mauern der Ortschaft gab es Bewaffnete.
Sie beobachteten uns nur aufmerksam als wir näher kamen und machten keine Anstalten auf uns zu schießen, als sie sahen, dass wir nur vorbeifahren wollten.
Kein Schuss wurde unnütz verschwendet.

Als wir bei unserem Haus ankamen, war keine Menschenseele zu sehen.
Natürlich hatten sie den Lärm der Motorräder schon von Weitem gehört und sich in den Keller geflüchtet.
Wir stiegen ab und näherten uns vorsichtig dem Gebäude.
Marc und ich stellten uns vor die Beobachtungskamera und riefen unseren Freunden zu, sie sollten herauskommen.
Nichts rührte sich.
Wir sahen uns alarmiert um.
Wir erkannten alle Anzeichen dafür, dass Haus und Grundstück schon lange verlassen waren.
Auf der Veranda und im Garten war schon lange keiner mehr gewesen.
Die Haustür konnten wir kaum öffnen, weil sich dahinter so viel Dreck angesammelt hatte.
Da war schon ewig keiner mehr rein oder raus gegangen.
Wir stiegen in den Keller hinunter und öffneten die Geheimtür zum Gewölbe.
Wir riefen nach unseren Freunden, bekamen aber keine Antwort.
Das Versteck war leer. Und so wie es aussah, schon eine ganze Weile.
Alle Möbel waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Vorratsregale und -schränke waren leer, ebenso die Kleiderschränke.
Nur die Schränke mit den Sachen von uns waren nicht ausgeräumt.
Meine zurückgelassene Kleidung war vollständig vorhanden, ebenso mein gesamtes übriges Eigentum.
Auch Marc und die Anderen fanden ihre gesamte Habe vor.
Wo waren unsere Freunde?
Sie waren jedenfalls nicht von Arabs gefangen genommen worden, sonst würde es hier ganz anders aussehen.
Die Nomaden, die uns begleiteten, sahen sich interessiert in der Unterwelt unseres Hauses um und staunten über die Weitläufigkeit der Tunnels.
"Sie wussten doch, dass wir zurückkommen wollten. Warum haben sie uns nicht wenigstens einen Zettel geschrieben, wohin sie gegangen sind?" wunderte sich Max.
"Sie haben das Haus jedenfalls freiwillig verlassen. Und ich glaube nicht, dass Andere vom Versteck erfahren haben." meinte Marc.
Helma war es, die die Nachricht für uns entdeckte.
Auf dem Esstisch stand eine flache Keksdose aus Metall. Darin lag ein DIN-A 5 Heft. Sie öffnete es und begann uns vorzulesen.
"Wir grüßen diejenigen, die es nach Hause zurück geschafft haben. Nachdem wir fast sechs Monate auf eure Rückkehr gewartet haben, gingen wir wieder auf Nahrungssuche, um unsere Vorräte aufzustocken. Um Nachschub zu beschaffen, mussten wir immer weiter fahren und fanden immer weniger. Bei einem unserer Unternehmen wurden Rolf und Eva von Einwohnern Tribsees überrascht, die ebenfalls auf der Suche nach nützlichen Dingen umherstreiften. Fast wäre es zu einer Schießerei gekommen, aber der Anführer war ein besonnener Mann und verhinderte ein Blutbad. Nach anfänglichem Misstrauen luden sie die Beiden ein, sie in die Stadt zu begleiten und dort zu leben. Ohne zu Zögern luden sie uns alle ein, als sie hörten, dass wir insgesamt acht Erwachsene und sieben Kinder waren. Auch die Hunde und Katzen wären kein Problem. Wir berieten uns lange, entschieden uns dann schlussendlich zu einem Umzug in die Stadt. Nicht nur deswegen, weil es immer schwieriger wurde an Lebensmittel zu kommen und immer öfter Arabs die Gebend unsicher machten, sondern auch wegen der Kinder. Sie haben dort sogar eine richtige Schule mit ausgebildeten Lehrern und ein kleines Hospital. Wir fanden es an der Zeit, uns einer größeren Gemeinschaft anzuschließen.
Natürlich haben wir ihnen, trotz aller Freundlichkeit, unser Versteck nicht verraten. Wir haben alles zusammengepackt und sind nach Tribsees übergesiedelt. Wir erwarten euch dort. Sebastian."
Wir staunten nicht schlecht. Nach dem unfreundlichen Verhalten uns gegenüber, als wir das Städtchen auf unserem Weg nach Süden passierten, hätten wir nie und nimmer gedacht, dass die Leute dort Fremde zu sich einladen würden.
"Was machen wir?" fragte ich.
"Fahren wir zurück und fragen nach unseren Freunden. Sofern sie dieses Mal nicht gleich wieder mit Schüssen empfangen." sagte Hannes.
"Ich schlage vor, wir kehren erst ins Lager zurück und berichten. Dann fahren nur wir sechs, die unsere Freunde kennen, zum Städtchen und fragen nach ihnen." meinte Miriam.
Ich nahm den großen Rucksack aus einem Fach meines Kleiderschranks und begann meine Habseligkeiten hineinzustopfen.
Eine kurze Überprüfung der Duschen ergab, dass sie wie die Elektrik immer noch funktionierten.
Ich entledigte mich der Kleidung, die ich schon viel zu lange getragen hatte, und genoss eine ausgiebige warme Dusche.
Das war doch etwas ganz anderes als ein Bad im See oder die Wäsche in einer Schüssel im Wohnmobil.
Dann zog ich frische Sachen an, die zwar etwas muffig rochen, aber sauber waren.
Nachdem ich die getragenen Teile eigentlich hatte wegwerfen wollen, entschied ich mich dann doch dagegen. Sie waren zwar schon einige Male ausgebessert worden und passten mir nicht besonders gut, aber sie waren noch nicht so schlecht.
Da ging mir auf, dass sich viel geändert hatte.
Damals - vor hundert Jahren wie es mir vorkam - hätte ich diese Kleidung noch nicht einmal mehr in den Altkleidercontainer gegeben. Heute hatten sie trotz ihrer Fadenscheinigkeit noch einen Wert.
Marc und unsere Freunde folgten meinem Beispiel und auch die Nomaden nutzen den ungewohnten Luxus einer heißen Dusche.
Sie wuschen auch gleich ihre Kleidung und setzten sich nackt in die Sonne, solange ihre Sachen über Büschen hängend trockneten.
Zum Mittagessen setzten wir uns auf die Veranda und erzählten den Nomaden von unserem Leben, bevor wir aufgebrochen waren, um im Süden nach einem Bunker zu suchen, von dem wir nur vom Hörensagen wussten.
Und erfuhren, dass sie schon früher in dieser Gegend gewesen waren, sich allerdings von den bewohnten Ortschaften ferngehalten hatten, da sie immer mit Misstrauen betrachtet worden, und schon allein aufgrund ihrer großen Zahl gefürchtet wurden.
Außerdem waren sie nirgendwo beliebt, da sie mit den Einheimischen in Konkurrenz um die raren Ressourcen standen.
In all den Jahren des Herumziehens waren sie niemals von einer Gemeinschaft zum Bleiben aufgefordert worden. Bis sie auf die Menschen von Arkenberge trafen.

Es war bereits später Nachmittag als wir wieder im Lager eintrafen.
Dort wurden wir bereits mit Spannung erwartet.
Am Tisch vor Artemisias Wohnmobil saßen ein Mann und eine Frau, die bei unserem Anblick aufsprangen und uns entgegenkamen.
"Andrea! Sebastian!" rief ich.
"Lea!" Andrea fiel mir um den Hals und lachte und weinte gleichzeitig.
Auch Sebastian standen die Tränen in den Augen. Wir umarmten uns und redeten durcheinander.
Es dauerte eine ganze Weile bis wir uns beruhigten und uns gemeinsam an den Tisch setzten.
Wir bekamen noch einmal die Geschichte erzählt, die uns Sebastian schon als Kurzfassung aufgeschrieben hatte, dieses Mal ausführlicher.
Natürlich fragten sie nach den Freunden, die nicht mitgekommen waren und wir erzählten ihnen in Kurzform von unseren Erlebnissen.
Sie waren ins Lager gekommen, weil sie uns bei den vorbeifahrenden Bikern erkannt hatten.
Als es völlig dunkel geworden war, brachen die Beiden wieder auf um in die Stadt zurückzukehren. Sie versprachen uns, am nächsten Tag wieder zu kommen und wollten Rolf und Eva mitbringen.

Wir saßen noch beim Frühstück, als das Bellen der Hunde und unsere Wachen die Ankunft Fremder ankündigte.
Außer unseren vier Freunden erschienen fünf weitere Personen, die sich als Stadträte vorstellten.
Alle waren bewaffnet, aber daran störte sich keiner. In diesen Tagen sah man sehr selten Unbewaffnete, egal ob es Einheimische oder Invasoren waren.
Die Stadtbewohner standen zuerst etwas steif und unbehaglich da, fühlten sich unter so vielen Fremden nicht wohl.
Nachdem Artemisia sich vorgestellt hatte, lud sie die Männer und Frauen ein, uns beim Frühstück Gesellschaft zu leisten.
Sie lehnten das Essen ab, nahmen aber gerne Kaffee oder Tee an.
Der Mann, der sich als Stadtrat Rüdiger vorgestellt hatte, überbrachte eine Einladung des Bürgermeisters.
Insgesamt erlaubten sie zwölf Personen den Zutritt zur Stadt.
Eine Stunde später saßen wir in Tribsees im Rathaus.
Der kleine Saal war völlig überfüllt.
Artemisia hatte sich uns angeschlossen, ebenso der Clanführer der Adler, die Führerin der Wölfe, Ingetraut, Calvin und Sonja.
Zu meinen Füßen lag Wotan, der sich nicht hatte davon abhalten lassen, mir zu folgen.
Uns gegenüber saßen die fünf Stadträte, die sich als Rüdiger, Heidrun, Elisabeth, Volker und Phillip vorstellten, der Bürgermeister Gernot und seine Stellvertreterin Saskia.
Dann saß da noch der Anführer der Wachmannschaft der Energieanlagen, ein ehemaliger Militär, der mit Leutnant von Berner angesprochen wurde und als wir bereits angefangen hatten uns vorzustellen, drängte sich ein großer, massiger Mann durch die neugierige Menge, entschuldigte sich für die Verspätung und stellte sich als Oberst Rademacher vom Bunker Eichenthal vor.
Die Menschen von Tribsees waren in erster Linie an Informationen über die Lage in Deutschland interessiert.
Gab es außer ihnen noch freie Deutsche? Wo lebten sie? Wie viele waren es? Wie ging es ihnen? Wo außer in Rostock und Plau am See gab es noch größere Ansiedlungen der Arabs? Konnten wir sagen, ob und wie viele Arabs auf dem Weg nach Rostock waren?
Wir beantworteten dieses Fragen so gut wir konnten.
Als wir ihnen von der Vernichtung der Armee des Kalifen im Bayrischen erzählten, jubelten alle laut.
Die Geschichte der Unterirdischen Stadt Berlins erstaunte sie, sie schauderten bei unserer Erzählung unserer Erlebnisse mit den Kannibalen und viele von ihnen weinten, als sie vom Überfall auf unser Lager vor einigen Tagen erfuhren.
Als sie hörten, dass wir viele Verwundete hatten, bot Rademacher sofort an, sie in ihrem kleinen Hospital im Bunker zu versorgen. Schon wenige Minuten später waren Männer und Frauen unterwegs ins Lager um diejenigen zu holen, die dort besser aufgehoben waren als in den Wohnmobilen.
Am interessantesten fanden sie unsere Erzählung vom Neckartal.
Sonjas Bericht wurde in andächtigem Schweigen angehört.
Als Calvin zu sprechen begann, fuhren nicht wenige Hände zu den Waffen, aber die Zuhörer beruhigten sich schnell wieder.
Obwohl wir uns so kurz als möglich fassten, dauerte es Stunden, bis wir zum vorläufigen Ende kamen und es wurde schon wieder dunkel.
Seit dem Frühstück waren Stunden vergangen und mir knurrte der Magen. Unsere Gastgeber hatten zwar dafür gesorgt, dass immer wieder Wasserflaschen gebracht wurden, aber keiner hatte auch nur einen Gedanken ans Essen verschwendet, so gebannt hatten sie unseren Erzählungen gelauscht.
Die Stadtleute hatten Späher, die alle ihnen bekannten Siedlungen der Arabs beobachteten und waren somit sehr gut informiert, was in ihrer näheren Umgebung vor sich ging.
Aber alles, was sich weiter weg zutrug, war nicht in Erfahrung zu bringen. Ab und zu kamen Menschen zu ihnen. Meist in kleinen Gruppen, oft alleine, die ihnen Nachricht brachten.
Jahrelang hatten sie ihre Tore für niemanden geöffnet, die Ankömmlinge weggeschickt, auf Fremde geschossen, um sie zu vertreiben.
So war es ja vor gut einem Jahr auch uns ergangen.
Kurz nach unserer Abfahrt hatten sie angefangen, über eine Öffnung ihrer Gemeinschaft nachzudenken.
Nicht zuletzt deswegen, weil es noch viele Berufe gab, von denen sich nicht ein einziger Profi unter ihnen befand.
Den Ausschlag aber gaben die vermehrten Übergriffe der Arabs in ihrer Gegend.
Unter diesen Umständen konnten und wollten sie keine Hilfe suchenden Menschen mehr wegschicken.
Ein Spähtrupp fand eine brutal gefolterte und bestialisch ermordete Familie, die die Gemeinschaft nur wenige Tage zuvor abgewiesen hatte und brachte diese Nachricht nach Hause. Sie verbreitete sich in Windeseile unter den Städtern und im Bunker und das Umdenken begann.
Schon eine Woche später verkündete der Stadtrat, dass zukünftig jeder bleiben dürfe, der um Aufnahme bat und keinen kriminellen Eindruck mache.
Seither war die Einwohnerzahl um etwas mehr als dreihundert Personen angewachsen, so dass die Gemeinschaft knapp tausend Personen zählte.
Als der Bürgermeister seinen kurzen Bericht beendete, beschlossen wir, zum Abendessen ins Lager zurückzukehren.
Nicht ohne für den nächsten Tag wieder eingeladen zu werden, um weitere Fragen zu beantworten und Antworten auf unsere zu bekommen.
Die Reiher schenkten uns Tee aus und brachten uns Essen.
Als ich den Teller vor mir stehen hatte, bemerkte ich, dass mir schon richtig schlecht vor Hunger war und achtete darauf, nicht zu hastig zu essen.
Marc und ich schlenderten noch zum See und schwammen im kühlen Wasser bis uns kalt wurde.
Im Wohnmobil lag ein vollgefressener Wotan schnarchend unterm Bett. Max und Miriam lagen schon auf ihrer Seite des Bettes und schliefen.
Wir machten es uns auf unserer Seite bequem. Viel Platz hatten wir nicht, denn das Bett war ja nur für zwei Personen konzipiert, aber es ging.
Trotzdem hofften wir, dass wir bald wieder genügend Fahrzeuge haben würden.

Der nächste Tag fand uns als Gäste im Bunker Eichenthal.
Der Oberst erzählte uns, dass der Bunker nach der Wende in Privathand gewesen war. Er war nach dem Fall der Bombe mit seinen Leuten in Kampfhandlungen mit den Arabs verwickelt gewesen, hatte ungefähr die Hälfte seiner Soldaten verloren und war mit nur noch zweiundsechzig Männern und Frauen, viele davon verwundet, bei Tribsees angekommen. Zu der Zeit lebten in der Stadt nur noch ganz wenige Menschen. Die meisten von ihnen waren in den ersten Tagen nach der Bombe von marodierenden Arabs umgebracht worden, nur einige wenige hatten sich verstecken können.
Die Soldaten lieferten sich wochenlang Gefechte mit den Invasoren und töteten sie alle.
Sie quartierten sich in der Stadt ein und hießen jeden willkommen, der sich ihnen anschließen wollte. Kundschafter wurden ausgesandt um jeden Deutschen, bzw. jeden Nichtmoslem einzusammeln, der bereit war, eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Die Abschottung nach außen begann erst später.
Sie entdeckten den Bunker, der verlassen war. Das Gelände war total überwuchert, im Inneren türmte sich Schutt und Müll. Der Eingangsbereich und ein Raum, in dem sich früher ein kleines Museum befunden hatte, waren verwüstet und sie fanden die halb verwesten Leichen mehrerer Personen, die durch Gewalteinwirkung ums Leben gekommen waren.
Als sie den Bunker besichtigten, wunderten sie sich, dass dort nicht zerstört worden war. Augenscheinlich waren die Mörder nicht ins Innere vorgedrungen.
Sie hatten Jahre damit zugebracht, die Anlage zu renovieren und zu reparieren.
"Heute könnten wir wieder senden, gäbe es jemanden, den wir anfunken könnten." erzählte Rademacher.
Sonja und Oleg sahen sich an.
"Dürften wir den Sender benutzen?" fragte die Russin.
Rademacher sah sie verblüfft an. "Wen wollt ihr denn anfunken?" wollte er wissen.
"Unser Einsatzzentrum in Frankreich." antwortete Oleg. "Wir wollen uns melden und ihnen mitteilen, dass wir noch am Leben sind. Sie können dann unsere Kameraden in Süddeutschland benachrichtigen, damit sie uns abholen kommen."
Ein Leutnant führte die Beiden in den Funkraum.
Oleg setzte sich an das Funkgerät und begann damit, auf verschiedenen Frequenzen seine Leute zu rufen.
Es dauerte fast eine Stunde bis er Antwort bekam.
Die Soldaten jubelten, als sie Stimme aus dem Lautsprecher hörten.
"Wir haben wieder Verbindung mit der Welt!" freute sich Rademacher.
Oleg erstattete Bericht, was über zwei Stunden dauerte. Dann stellte die Stimme Fragen, deren Beantwortung noch einmal fast eine Stunde in Anspruch nahm.
Der Funker des Bunkers übersetzte simultan. Auf Sonjas verwunderte Frage erklärte er, dass seine Eltern aus Russland stammten und sie zuhause immer Russisch gesprochen hatten, und dafür sorgten, dass er die Sprache in Wort und Schrift perfekt beherrschte.
Olegs Bericht enthielt für uns nichts Neues, aber die Bunkerbesatzung staunte über unsere Abenteuer.
Als die Stimme zu sprechen begann, erfuhren wir, dass sich bereits vor einigen Wochen eine Suchmannschaft auf den Weg gemacht hatte.
Sie waren mit einem der Mil auf die Suche gegangen und hatten in Berlin tatsächlich das ausgebrannte Wrack unseres Helikopters gefunden, von uns natürlich keine Spur. Und was uns besonders seltsam vorkam, sie hatten keine lebende Seele entdeckt, obwohl sie die nähere Umgebung gründlich abgesucht hatten.
Der ehemaligen Russischen Botschaft hatten sie auch einen Besuch abgestattet, auch dort lebte niemand.
Als Oleg fragte, ob denn der Bunker unter der Botschaft verlassen sei, erfuhr er, dass seine Leute von einem Bunker dort nichts wussten. Das Wissen darum musste irgendwann verloren gegangen sein.
Wir vermuteten, dass die zurück gebliebenen Oberirdischen die Hubschrauberbesatzung durch die Überwachungskameras beobachtet hatten, sich aber nicht blicken ließen, weil sie dachten, die Soldaten kämen aus der Unterirdischen Stadt.
Schließlich verabschiedete sich Oleg, drehte sich zu uns um und sagte: "Sie schicken einen Helikopter um uns abzuholen. Morgen früh werde ich sie mit eurer Erlaubnis erneut anfunken. Bis dahin sollt ihr euch überlegen, ob sie euch etwas mitbringen sollen. Wenn es möglich ist, werden sie es tun."
Rademacher lud uns zum Mittagessen ein und führte uns in die Kantine.
Ich brach mir gerade ein weiteres Stück Brot ab, als ein Soldat in den Raum gerannt kam, kurz salutierte und rief: "Herr Oberst! Feinde im Anmarsch! Spätestens morgen Mittag werden sie hier sein."
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 27.09.2017, 06:52

Oh schade,
bin schon wieder am Ende und warte schon wieder ungeduldig auf die Fortsetzung.
Danke Kavure´i , LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 01.11.2017, 03:36

Es dauerte mehrere Stunden, bis alle Wohnmobile entweder in der Stadt oder hinter dem bewachten Zaun bei den Energieanlagen untergebracht waren.
Alle Kinder, sowohl die der Städter, als auch unsere, wurden in der unteren Ebene des Bunkers in Sicherheit gebracht. Ebenso alle Schwangeren, Kranken und Alten.
Wieder war der Sitzungssaal des Rathauses ziemlich voll.
Leutnant von Berner, Oberst Rademacher, Oleg, Sonja, Marc und Ramón berieten über die Verteidigungsmaßnahmen, die sie ergreifen wollten. Da war militärische Erfahrung gefragt.
Miriam und ich saßen am Nebentisch und nahmen die Berichte der Späher entgegen.
Ein Konvoi Mannschaftstransporter war auf dem Weg zu uns. Die Beobachter zählten mehr als zweihundert Fahrzeuge voller Arabs, fast alle waren junge Männer, alle schwer bewaffnet, außerdem LKWs, beladen mit Kisten, in denen wir Nahrungsmittel, weitere Waffen und natürlich Munition vermuteten.
Und sie waren nicht mehr allzu weit von uns entfernt.
Allerdings hatten sie bereits ein frühes Nachtlager aufgeschlagen. Wie der Soldat bereits gemeldet hatte, würden sie spätestens am nächsten Tag um die Mittagszeit vor den Mauern der Stadt eintreffen.
Alle kampffähigen Bürger und Nomaden wurden in Gruppen eingeteilt und Unterführern unterstellt.
Die Wachen auf den Mauern wurden verstärkt.
Jeder bekam seinen Platz und seine Aufgabe zugewiesen. Dabei erwiesen sich die Städter als genauso effektiv wie die Nomaden.
Gegen zehn Uhr in der Nacht wurden alle, die keinen Dienst hatten, dazu aufgefordert, sich schlafen zu legen, oder sich wenigstens auszuruhen.
Unser Wohnmobil gehörte zu denen, die einen Platz in der Stadt gefunden hatten und Miriam und ich beschlossen, uns dorthin zurückzuziehen.

Obwohl ich völlig überdreht war und dachte, ich würde kein Auge schließen können, schlief ich sehr schnell ein.
Als mich Marc weckte, hatte ich das Gefühl, ich hätte nur wenige Minuten geschlafen und bekam kaum die Augen auf.
Draußen war es noch dunkel und ein kalter Wind pfiff durch die Straßen.
Es wurde Herbst.
Wieder einmal hatte unsere Reise weit länger gedauert als geplant.
Ich kramte ein Kapuzenshirt aus einem der Schränke und zog mir wärmere Schuhe an.
Unsere Reiher hatten bei den Wohnmobilen ihre Kochfeuer entzündet und es gab Tee und Kaffee und eine heiße Nudelsuppe zum Frühstück.
Die Stadt glich einem Ameisenhaufen, denn selbst zu dieser frühen Stunde wimmelten die Menschen durcheinander.
Überall arbeiteten Soldaten, Städter und Nomaden Hand in Hand.
Einige Stellen der Stadtmauer wurden durch Sandsäcke verstärkt, neben die Tore zusätzliche Balken und Stahlträger gelegt, die in vorbereitete Halterungen passten. Eimer, gefüllt mit Wasser und Sand wurden bereitgestellt, behelfsmäßige Lazarette eingerichtet.
Oberst Rademacher holte Oleg und Sonja ab und fuhr sie zum Bunker.
Er hatte sie gebeten, die Hubschrauberbesatzung um Verstärkung zu bitten. Wenn möglich um Waffen und Munition.
Die Russen kamen zurück und berichteten, es würden sich drei Helikopter, voll besetzt mit Kämpfern, beladen mit Waffen und Munition auf den Weg machen.
Oleg schaute auf die Uhr. "In einer Stunde fliegen sie los."
Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Und viele Menschen jubelten und sahen optimistischer in die Zukunft.
"Ich hoffe, es lebt hier noch jemand, wenn sie ankommen." flüsterte ich Marc und Ramón zu.
Sonja hatte es trotzdem gehört.
Sie legte mir einen Arm um die Schulter und sagte: "In einer Stunde fliegen sie los. Wenn alles gut geht, sind sie fünf bis sechs Stunden später hier. Wir schätzen, dass die Arabs frühestens in vier Stunden hier sind. Wir müssen ihnen also nur zwei, höchstens drei Stunden lang standhalten. Das sollten wir schaffen."
Rademacher und von Berner hatten sich zu uns gesellt.
"Wir können nur hoffen, dass sie keine schweren Waffen mitführen. Unsere Späher haben allerdings nichts dergleichen entdecken können. Ich wünschte mir allerdings, wir hätten welche." Rademacher seufzte.
"Was würde ich für eine Stinger geben!"
"Täte es eine HK MX 25 auch?" fragte ich.
"Schön wär´s!" meinte von Berner.
"Wir haben vier davon und mehrere Kisten mit passender Munition." erklärte Marc.
Die beiden Offiziere bekamen große Augen.
"Das ist kein Witz, oder?" fragte der Bunkerkommandant.
"Nein, natürlich nicht." erwiderte Ramón. "Außerdem haben wir noch einige MGs, MPs und Sturmgewehre."
Aufgeregt folgten uns die Soldaten zu den Transportern, die wir von den Arabs erbeutet hatten.
Andächtig nahmen sie die Waffen und die Munition aus ihren Schutzhüllen und untersuchten sie schnell auf ihre Funktionsfähigkeit.
Sie wurden an Soldaten weitergereicht, die daran ausgebildet waren.
"Was ist in den Kanistern?" wollten sie wissen.
Wir erklärten ihnen die Sache mit dem Betäubungsgas.
"Schade, dass wir das nicht einsetzen können."
Ja, leider! Aber wie hätten wir sie in die Nähe der Feinde bringen können, ohne uns in Gefahr zu bringen?
"Nun, man kann nicht alles haben." bemerkte der Bürgermeister. "Mit den Werfern stehen wir doch auch so schon besser da, als wir gestern noch glaubten."

Ein Soldat näherte sich uns, salutierte und meldete, dass der Bunker geschlossen sei.
Alle, die sich darin befanden, waren in Sicherheit. Heutzutage gab es glücklicherweise keine bunkerbrechenden Waffen mehr. Leider war er viel zu klein um uns alle aufzunehmen, geschweige denn all die Lebensmittel und sonstigen Dinge, die wir zum Überleben brauchten.
Hätten wir uns alle dorthin zurückziehen können, hätten uns die Arabs nichts anhaben können.
Innerlich seufzte ich. Wie hatte ich das Kämpfen und Töten satt!
An einem der Tore wurde es laut.
Eine Frauenstimme rief: "Macht uns auf! Wir bringen euch Nachrichten vom Feind!"
Von Berner drehte sich in die Richtung und machte ein Zeichen. Seine Männer stellten sich rechts und links des Tores auf und zielten mit ihren Waffen darauf.
"Lasst sie rein!" rief ich. "Das ist Laura! Eine Freundin von uns."
Die Torwachen öffneten das Tor gerade so weit, dass ein Mensch hindurchschlüpfen konnte.
Zuerst zwängte sich Laura durch den Spalt. Ihr folgte eine kleinere Frau in einem weiten schwarzen Gewand.
Als Letzter folgte Nasir, der sofort von den Wachen umringt wurde.
"Ihr könnt die Waffen herunternehmen." rief Marc. "Das sind alles Freunde von uns."
Auf ein Zeichen Rademachers hörten sie auf, die drei zu bedrohen, behielten sie aber misstrauisch im Auge.
Schnell erklärten wir, wer sie waren.
Laura stellte uns Nasirs Schwester Sofía vor.
"Wir haben nicht viel Zeit zum Reden." sagte Nasir. "Die Arabs sind nur gut zwei Stunden hinter uns. Es sind fünfhundert Mann, schwer bewaffnet und gut ausgerüstet. Der Kalif will euch alle tot sehen."
Die Neuankömmlinge wurden zu einem der Kochfeuer geführt und bekamen zu Essen und zu Trinken.
Während sie heißhungrig Pfannenbrot und Suppe hinunterschlangen, berichteten sie, was sie über den Feind wussten.
Sofía konnte mit einem ziemlich detaillierten Wissen über die Pläne des Kalifen aufwarten und dank ihres ausgezeichneten Gedächtnisses konnte sie sehr viel erzählen.
"Die Angreifer sind mit Pistolen und Gewehren bewaffnet. Sie haben auch einen kleinen Vorrat an Handgranaten dabei. Sie lagern momentan etwa zwei Stunden von uns entfernt. Der Kalif hat von seinen Waffenschiebern eine größere Menge an Stichwaffen, Hand-, Blend- und Rauchgranaten erworben. Dazu Schnellfeuerwaffen, Gewehre, Pistolen und leider auch vier Raketenwerfer. Der Konvoi muss jeden Moment zu ihnen stoßen. Dann werden sie sich auf den Weg zu uns machen."
"Das könnte uns noch Luft verschaffen." meinte von Berner.
"Das denke ich eher nicht." sagte Nasir. "Die Männer, die wir belauschten, erwarten die Ankunft der Verstärkung jeden Augenblick."
"Der Nachschub wird nicht kommen." sagte ich.
Drei Augenpaare richteten sich erstaunt auf mich.
"Woher willst du das wissen." fragte Sofía.
"Weil die Fahrzeuge hier bei uns sind. Mit allen Waffen und Lebensmitteln."
"Du meinst, die Dreckskerle, die uns überfallen haben, waren die erwartete Verstärkung?"
"Genau so sieht es aus."
"Hätte mir jemand vielleicht andere Kleidung?" fragte Sofía. "Ich will endlich raus aus diesem schwarzen Sack."
Eine der Städterinnen nahm sie mit, weil sie meinte, ihre Tochter hätte in etwa die gleiche Größe. Außerdem könne sie sich gerne bei ihr zuhause duschen. Nach kurzem Zögern lud sie auch Laura ein.
Nasir wurde von einem Soldaten zur Gemeinschaftsunterkunft gebracht und tauchte eine Stunde später frisch geduscht in einer sauberen Uniform auf.
Ich zog die Augenbrauen hoch und er grinste mich an.
"So werden sie mich nicht mit einem Arab verwechseln. Ich habe keine Lust, aus Versehen von unseren eigenen Leuten erschossen zu werden."
Kurz darauf erschienen Laura und Sofía in frischen Klamotten.
Beide trugen Jeans, Pullover und Jacken, dazu stabile Schuhe.
"Jahrelang habe ich diesen schwarzen Sack gehasst. Und nun fühle ich mich irgendwie nackt ohne ihn." sagte Sofía.
"Ich bin trotzdem froh, dass ich ihn endlich los bin."

Nasir und Laura waren zwei Tage nach dem Massaker einfach verschwunden.
Wir waren schon daran gewöhnt und machten uns keine großen Sorgen um sie.
Nasir hatte Laura davon überzeugt, dass es wichtig wäre, Sofía so schnell als möglich aus Rostock heraus zu holen und in Sicherheit zu bringen.
"Na! Da habt ihr sie ja vom Regen in die Traufe gebracht." sagte Miriam.
Es war nicht schwierig gewesen, denn viele kannten Nasir, den sie für den Ehemann Sofías hielten.
Laura blieb in einem Versteck außerhalb der Stadt und wartete auf die Beiden.
Dorthin brachte Nasir seine Schwester und ging noch einmal zurück.
Unter einem Vorwand bat er einen der Arabs, ihn mit dem Auto zum Versteck zu bringen.
Dort machte er kurzen Prozess mit ihm und alle drei machten sich auf den Weg zu uns um uns zu warnen.
Gegen 10 Uhr meldete einer der Späher, dass sich zwei SUVs vom Lager der Feinde aus in Richtung Autobahn auf den Weg gemacht hätten.
"Wahrscheinlich sollen sie nachschauen, wo ihre Waffenlieferung bleibt." vermutete Hannes.
"Das verschafft uns noch einmal Zeit. Würden sie nicht darauf warten, wären sie schon längst hier." meinte Leofric.
Der war heute das erste Mal richtig aufgestanden und konnte jetzt mithilfe von Krücken herumgehen.
Er hatte sich standhaft geweigert, sich in den Bunker zu begeben, wohin ihn Rademacher schicken wollte.
Es wurde Mittag und die Arabs warteten immer noch.
Auch am späten Nachmittag hatten sie sich noch nicht von der Stelle gerührt.
Schließlich wurde es dunkel und es war immer noch kein Angriff erfolgt.
Allerdings waren auch die sehnlichst erwarteten Hubschrauber nicht gekommen.
Schließlich entschied Rademacher, dass sie noch einmal Kontakt mit dem russischen Hauptquartier aufnehmen würden.
Als sie vom Bunker zurückkamen, wurden sie von allen Seiten bestürmt, wann denn die Helikopter eintreffen würden.
"Sie sind heute früh um 7 Uhr in Tübingen los, um halb 10 Uhr ist der Kontakt plötzlich abgebrochen und sie haben seither nichts mehr von ihnen gehört."
Wir sahen uns betroffen an.
"Was kann drei schwerbewaffneten MILs zustoßen?" fragte ich.
Oleg schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht. Einem vielleicht. Aber nicht allen dreien. Ich verstehe das einfach nicht."

Diese Nacht schliefen auch Marc und Max bei uns im Wohnmobil.
Sobald es dunkel wurde, kam ein eisiger Wind auf der nach Schnee roch.
Letzte Woche war es noch spätsommerlich warm gewesen und wir hatten noch im See schwimmen können.
Mit vier Personen und einem großen Hund war es in unserem fahrbaren Heim ziemlich eng, dafür aber auch schön warm.
Eng aneinander gekuschelt schliefen wir trotz der Bedrohung ein.
Der Morgen kam viel zu schnell und mit ihm die Späher, die uns darüber unterrichteten, dass die ausgesandten SUVs während der Nacht wieder im Lager eingetroffen waren.
Es hatte viel lautes Geschrei gegeben, dann war Ruhe eingekehrt und vor einer Stunde hatten sie sich schließlich auf den Weg hierher gemacht.
Die Kundschafter hatten natürlich den erwarteten Konvoi nicht gefunden und die Anführer waren augenscheinlich des Wartens müde geworden und hatten den Aufbruch befohlen.
Es blieb uns noch eine knappe Stunde bis sie vor den Mauern der Stadt auftauchen würden.
"Dann lasst uns noch schnell frühstücken. Wer weiß, wann wir wieder Zeit zum essen haben werden." schlug ich vor.
"Gute Idee." meinte Ramón.
Marc und die Anderen grinsten nur, schlossen sich uns aber an.

Es wurde gerade erst hell und wir beobachteten von den Mauern aus die sich nähernden Fahrzeuge.
Außerhalb Schussweite hielten sie an.
Dann fuhren sie ihre Transporter zu einer Art Wagenburg zusammen.
Danach begannen sie mit dem Morgengebet.
Ein hagerer alter Mann mit einem spärlichen grauen Bart leitete das Gebet.
Als sie fertig waren, begann er laut auf sie einzureden. Er schrie, warf die Arme in die Luft, ballte die Fäuste und schüttelte sie in unsere Richtung.
Wir verstanden kein Wort, wussten aber genau, was er den Männern zurief.
Dann machten sie sich ans Ausladen.
Wir konnten beobachten, wie sie Kisten abluden und anfingen, die Waffen auszupacken.
Soweit wir durch unsere Ferngläser sehen konnten, handelte es sich überwiegend um Pistolen und Gewehre.
Einige wenige MPs wurden ausgeteilt, schwerere Waffen konnten wir nicht entdecken.
Schließlich waren alle bewaffnet und näherten sich langsam der Stadt.
"Ergebt euch ihr räudigen Hunde." brüllte einer. "Dann werdet ihr schnell und schmerzlos sterben."
Die Anderen hoben ihre Waffen in die Höhe und grölten Beleidigungen, brüllten laut, was sie mit uns machen würden, hätten sie erst die Stadt erobert.
Der Anführer hob die Hand und sie verstummten.
"Wenn ihr uns Widerstand leistet, werdet ihr uns anflehen, euch zu töten." rief er.
Miriam rief ihm einige Sätze auf Arabisch zu und er erstarrte.
Dann lachte sie und brüllte noch einige Sätze. Dann duckte sie sich schnell hinter die Mauer und wir anderen folgten ihrem Beispiel.
Wütend feuerten die Angreifer ihre Waffen auf uns ab, trafen aber niemanden.
Nasir und Laura lachten laut und Sofía sah sie bewundernd an.
"Was hat sie gesagt?" fragte der Bürgermeister.
"Im Wesentlichen ging es darum, auf welche Art und Weise ihre Väter sie mithilfe von Schweinen gezeugt haben." antwortete Nasir.
Draußen erhob sich lautes Geschrei und die Arabs stürmten auf die Stadt zu.
Wir eröffneten das Feuer auf die Anstürmenden.
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Kavure´i
 

Beitragvon Pünktchen » 01.11.2017, 09:15

Guten Morgen Kavure´i
habe mich über den neuen Lesestoff gefreut :)

Nun bin schon wieder gespannt, wie es weiter geht.
LG Pünktchen :wink:
Pünktchen
 

Beitragvon Kavure´i » 06.11.2017, 00:30

Es war wie Tontauben schießen. Aber eswaren zu viele um sie von den Mauern fern zu halten.
Bald drückten sich mehrere an die Mauern und konnten von uns nicht mehr erreicht werden.
Von Berner gab seinen Leuten ein Zeichen.
Diejenigen, die eine MP hatten, feuerten in die Menge und gaben ihren Kameraden Feuerschutz. Die lehnten sich über die Mauer und schossen auf die Angreifer, die dort kauerten.
Plötzlich klaffte ein großes Loch in der Mauer. Staub wirbelte auf und nahm uns die Sicht. Herumfliegende Trümmerteile verletzten und töteten einige unserer Leute.
Einer Frau neben mir wurde eine Hand zertrümmert, einem Soldaten riss ein scharkantiger Ziegel das halbe Gesicht weg.
Menschen schrien und stöhnten, riefen um Hilfe.
Unter lauten Allahu akhbar Rufen stürmten die Angreifer auf die Bresche zu.
Wir eröffneten das Feuer, konnten aber nicht verhindern, dass einige von ihnen ins Innere der Stadt vordrangen.
Und plötzlich sahen wir uns auch in Nahkämpfe verwickelt.
Wir waren in dieser Situation im Nachteil.
Die Arabs schossen wild um sich und es war ihnen egal, wenn sie ihre eigenen Leute trafen.
Wir dagegen konnten das natürlich nicht.
Ich sah, wie Marc einem der Moslems sein Messer in die Seite stach, als der gerade über die Trümmer ins Innere kletterte.
Der ihm nachfolgte, legte auf meinen Mann an und ich schoss auf ihn. Schreiend ging er zu Boden, hielt sich den Bauch. Marc drehte sich um und schnitt ihm die Kehle durch.
Hannes erschoss einen der Kerle, der Max mit seinem leer geschossenen Gewehr erschlagen wollte. Trotzdem wurde er so hart an der Schulter getroffen, dass er zu Boden ging. Ein weiterer Arab stürzte sich auf ihn, aber Miriam trat ihm in die Kniekehlen und stach ihm ihr Messer in den Rücken.
Überall wurde gekämpft.
Die auf der Mauer sorgten dafür, dass kaum noch ein Angreifer bis zur Bresche durchkam, die anderen versuchten, die bereits Eingedrungenen so schnell als möglich zu eliminieren.
Schließlich lagen alle Eindringlinge tot am Boden, das Schießen wurde weniger und hörte schließlich ganz auf.
Wir ließen uns zu Boden sinken wo wir gerade standen..
Als das Dröhnen in den Ohren nachließ, hörten wir wieder das Schreien und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden.
Alle Ärzte und Heiler waren im Einsatz.
Wer noch Kraft genug fand, stand auf und half.
Marc war über und über mit Blut bedeckt, glücklicherweise stellte sich heraus, dass nichts davon seines war.
Ich hatte eine Beule am Hinterkopf und konnte mich nicht daran erinnern, wann und wie ich sie erhalten hatte.
Max hatte ein gebrochenes Schlüsselbein, wo ihn der Gewehrkolben getroffen hatte.
Ich fand Ramón und Felipe, die neben Artemisia knieten, ihr linker Arm stand in einem unnatürlichen Winkel ab und ihr Haar war blutverklebt.
Als wir bei ihnen eintrafen, kam Helma angerannt und untersuchte sie schnell und gründlich.
"Platzwunde an der Schläfe, gebrochener Oberarm." sagte sie knapp.
Sie bat Ramón und Hannes um Hilfe , richtete den Knochen wieder ein und nähte die Wunde. Artemisia bekam davon nichts mit.
Wir halfen bei der Bergung der Toten und Verletzten und zu meiner Erleichterung befand sich keiner unserer Freunde unter den Toten.
Die Soldaten begaben sich unter der Führung von Berners und Rademachers durch die Lücke nach draußen.
Sie suchten das Schlachtfeld nach Überlebenden Arabs ab.
Dabei gingen sie in Dreiergruppen vor.
Zwei behielten die Umgebung im Auge, der Dritte tötete diejenigen, die noch Lebenszeichen zeigten.
Rademacher hatte den Befehl ausgegeben, zwei oder drei am Leben zu lassen um sie zu verhören.
Bald wurden zwei der Angreifer zu ihm gebracht. Beide wurden in die Stadt gebracht und in Arrestzellen gesteckt.
"Das reicht." meinte er und alle übrigen Überlebenden wurden zur Gehenna geschickt.
"Ich verstehe das nicht." sagte eine Frau. "Die haben uns angegriffen ohne Plan. Völlig irre. Die sind uns direkt vor die Läufe gerannt ohne eine Chance zu haben."
"Die standen alle unter Drogen." erklärte Helma. "Die Anführer geben vor dem Kampf irgendwelche Pillen aus. Ich habe nie herausgefunden, was das für ein Zeug ist. Angst vor dem Tod haben diese Fanatiker sowieso nicht. Aber diese Mittel bringen sie dazu, sich ohne Sinn und Verstand auf ihre Feinde zu stürzen."
Und genau so sah es vor den Mauern aus. Sie lagen mehr oder weniger auf einem Haufen, waren einfach über die am Boden Liegenden hinweggetrampelt, nur um selber zu sterben.
Einige Städter und Nomaden hatten sich auf Motorräder geschwungen und hatten die wenigen Geflüchteten verfolgt.
Wir hörten einige Schüsse, dann kamen die Verfolger zurück.

Als die Arabs angriffen, war es früher Morgen gewesen.
Nun sagte mir mein knurrender Magen, dass die Mittagszeit längst vorüber sein musste.
Ein Teil von mir wunderte sich darüber, dass ich in so einer Situation Hunger haben konnte. Der andere Teil war da pragmatisch. Der sagte mir, dass mein Körper nach so einer Anstrengung neuen Treibstoff brauchte.
Und plötzlich hatte ich furchtbaren Durst.
Jemand drückte mir eine Flasche Wasser in die Hand und ich trank in kleinen Schlucken, damit mir nicht sofort schlecht wurde.
Und nur kurze Zeit später verteilten die Reiher Schalen mit dampfender Suppe und Fladenbrot.
Obwohl alle völlig erschöpft waren, trafen wir uns im Rathaussaal mit dem Bürgerrat und den Offizieren.
Zu meiner Überraschung kam auch Artemisia. Sie war sehr bleich, hatte den Arm eingegipst und musste von Ramón und Felipe gestützt werden.
Erleichtert ließ sie sich auf einen Stuhl fallen.
Auch Max kam, den Arm in einem Tragetuch vor der Brust.
Gernot und Saskia erstatteten Bericht.
Überraschenderweise hatten wir nur neun Tote zu beklagen, wenn auch zwei weitere Menschen noch mit dem Tode rangen.
Schwerverletzte hatten wir vierundzwanzig, leichte Verletzungen hatte fast jeder.
Unter den Arabs hatte der Tod reiche Ernte gehalten. Die Soldaten hatten vierhundertdreiundsiebzig vor den Mauern gezählt.
Diejenigen, die die Fliehenden verfolgten, hatten noch elf erwischt und getötet.
"Was machen wir mit den vielen Toten?" fragte Miriam. "Es sind zu viele, als dass wir sie alle begraben können."
"Keine Sorge, das machen wir schon." antwortete der Bürgermeister. "Und zwar heute noch."
"Wichtiger ist es, die Mauer so schnell als möglich zu reparieren." erklärte Rademacher.
"Unsere Leute werden dabei helfen." sagte Artemisia. "Wir haben einige Maurer in unserer Truppe."
Das Angebot wurde dankend angenommen. Und obwohl alle todmüde und erschöpft waren, wurden die Arbeiten noch am gleichen Tag begonnen.
Es wurde beschlossen, dass die Menschen im Bunker noch dort bleiben sollten. Wachen wurden aufgestellt, Späher ausgesandt.
Ich wollte plötzlich nur noch meine blutige, schmutzige Kleidung loswerden, und da ich weder zu den Maurern noch zu den Totengräbern gehörte, holte ich mir frische Kleidung und ging zu den Duschräumen der Soldaten.
Dort war viel Betrieb und ich musste mich anstellen und warten, bis ich dran war.
Marc, Hannes und Helma waren schneller gewesen und kamen gerade aus der Dusche, als ich reinging.
"Wir treffen und beim Wohnmobil." sagte Marc.
"Ist gut, ich brauche nicht lange." erwiderte ich.
Zehn Minuten später verließ ich den Waschraum, meine schmutzige Kleidung zusammengerollt unterm Arm. Sie hatten hier funktionierende Waschmaschinen und ich konnte sie abgeben und waschen lassen. Welch ein Luxus!
Unterwegs traf ich dann meinen Mann, der Richtung Mauer marschierte.
"Komm, schauen wir, was sie machen. Vielleicht brauchen sie Hilfe." meinte er.
Ich schloss mich ihm an, obwohl ich lieber ins Bett gegangen wäre.
An der Bresche wurde schon gearbeitet. Sie hatten bereits die Trümmer neben der Lücke auf einen Haufen geworfen. Einige waren damit beschäftigt, die noch brauchbaren Steine heraus zu klauben und aufzuschichten. Andere brachten neue Ziegel oder machten Speis an.
Die untersten drei Reihen waren bereits wieder hochgemauert. Ich staunte.
Da wir dort nicht helfen konnten, gingen wir durch das jetzt geöffnete Tor um zu sehen, ob beim Begraben den Toten Hilfe benötigt wurde.
Städter und Nomaden waren dabei, die Leichen zu fleddern.
Sie trugen Beutel und Säcke und sammelten alles ein, was ihnen brauchbar erschien.
Waffen wurden eingesammelt, die Taschen der Toten geleert. Sie fanden Munition, Zigaretten, Uhren, Schmuck, Feuerzeuge und natürlich die unvermeidbaren Amulette.
Ein Radlader wurde gebracht, der eine gute Strecke entfernt eine große Grube aushob. Dann kam er zurück und die Leichen der Angreifer wurden in die Schaufel gehoben.
Er musste einige Male hin und her fahren, bis alle Leichen abtransportiert und in das Massengrab gekippt waren.
Danach schob er die Grube wieder zu und fuhr einige Male darüber, bis der Boden wieder eben war.
Zum Schluss wurden die Fahrzeuge der Arabs gesichtet und hinter den Zaun der Energieanlagen gefahren.
Waffen und Munition hatten wir jetzt wieder reichlich.
Gegen Mitternacht war die Mauer repariert und Männer und Frauen, die Stunden zuvor zum Schlafen geschickt worden waren, begannen ihre Wache.
Völlig erschöpft fiel ich ins Bett. Miriam schlief schon, Max saß auf dem Beifahrersitz und döste dort.
Ich schmiegte mich in die Arme meines Mannes, froh und glücklich am Leben zu sein.
Aber etwas störte mich und ließ mich nicht zur Ruhe kommen.
"Warum nur knapp fünfhundert Mann, wenn der Kalif Tausende zur Verfügung hat." murmelte ich.
Dann schlief ich ein.

Ein großer Hundekopf schob sich durch die meterhohen Stängel des Kamerungrases. Der Hund sah mich an und in meinem Kopf hörte ich eine Stimme. ´Das war nur ein Vorgeplänkel. Der Kalif wollte eure Kampfkraft testen. Es sind fünftausend Mann auf dem Weg hierher.`
Der Kopf zog sich ins Halbdunkel zurück, die Stängel bewegten sich heftig und wurden von einem großen schweren Körper geknickt und zur Seite gebogen. Ich erhaschte noch einen Blick auf einen dicken Schlangenkörper bevor die gewaltige Gestalt aus meiner Sicht verschwand.

Ich schrak hoch.
Draußen war es immer noch dunkel, allzu lange konnte ich also nicht geschlafen haben.
Ich schmiegte mich wieder an Marc und versuchte wieder einzuschlafen.
Nach einer Weile gab ich es auf, verließ das Bett und zog mich an.
Leise öffnete ich die Tür und kletterte aus dem Wohnmobil.
Gerade als ich die Tür wieder schließen wollte, drängte sich Wotan durch den Spalt und sprang auf den Boden.
Ich streichelte ihm über den Kopf und lächelte. Es war der gleiche Kopf wie der in meinem Traum. Nur viel kleiner.
Das Rathaus war immer noch oder schon wieder hell erleuchtet und ich hielt darauf zu.
Im Eingangsbereich gab es eine Kantine und dort bekam ich Kaffee und belegte Brote.
Außer mir saßen da noch vier Männer und drei Frauen, die gerade frühstückten.
Die standen kurze Zeit später auf und verließen den Raum.
Nach einigen Minuten betraten einige Männer und Frauen die Kantine und ließen sich Frühstück geben.
Das waren die Wachen, die eben abgelöst worden waren.
"Alles ruhig da draußen." antwortete einer von ihnen auf meine Frage. "Die werden so schnell keinen Angriff mehr wagen. Denen haben wir´s gezeigt." lachte er.
Leider konnte ich mich seiner Meinung nicht anschließen, dafür kannte ich die Vorgehensweise des Kalifen inzwischen zu gut.
Tribsees lag viel zu nah an seiner Hochburg, als dass er die freien Ungläubigen dort in Ruhe lassen würde.
Nachdem mein Becher leer und die Brote aufgegessen waren, stieg ich die Treppe zum Sitzungssaal hoch.
Trotz der frühen Stunde fand ich dort die stellvertretende Bürgermeisterin in Gesellschaft von Rademacher, Ramón und den Stadträten Rüdiger und Elisabeth vor. Sie beugten sich über eine Landkarte und sprachen über den Zustand der Straßen in der Umgebung.
Ramón lächelte mich zur Begrüßung an. "Warum machst du so ein finsteres Gesicht, Hermanita?" fragte er.
"Es sind fünftausend Arabs auf dem Weg hierher. Ihr müsst die Leute warnen."
Alle Gesichter wandten sich mir zu. "Woher weißt du das?" wollte Saskia wissen.
Ich zuckte die Achseln. "Ich weiß es eben."
"Ein Traum?" Ramón runzelte die Stirn.
Ich nickte.
Die Stadträte starrten mich an. "Ein Traum?" fragte Rüdiger ungläubig. "Weil du einen Traum hattest, sollen wir die Leute in Angst und Schrecken versetzen?"
"Was hast du gesehen?" fragte mein Bruder.
"Teju Jaguá." antwortete ich.
"Teschu wer?" Elisabeth sah mich an, als wären mir über Nacht Eselohren gewachsen.
"Am besten verstärken wir die Wachen und schicken die Späher weiter aus." schlug Ramón vor.
"Seid ihr beide verrückt geworden?" Saskia war fassungslos.
"Ich würde auf sie hören." sagte eine Stimme mit russischem Akzent. "Sie hat uns schon öfter gewarnt und hatte jedes Mal Recht." sagte Oleg.
"Wie damals im Tunnel mit den Kannibalen." ergänzte Sonja, die den Raum betrat.
Die Städter waren verwirrt.
"Wer ist dieser Teschu irgendwas?" hakte Elisabeth noch einmal nach.
"Ein alter paraguayischer Gott." erklärte Ramón.
An der Reaktion der Tribseer konnte ich erkennen, dass sie nun gar nichts mehr verstanden.
Die Stadträtin öffnete gerade den Mund um etwas zu sagen, als ein junger Mann in den Saal platzte.
"Die Araber kommen!" schrie er. "Tausende! Und sie haben drei Panzer dabei."
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Kavure´i
 

Beitragvon Kavure´i » 19.11.2017, 02:46

"Wie weit sind sie noch entfernt?" fragte von Berner.
"Gut fünfzig Kilometer." antwortete der Späher.
"Wie schnell kommen sie voran?"
"Nicht sehr schnell, aber allerspätestens gegen Abend werden sie hier sein."
Alle Verantwortlichen schwiegen. Ebenso die Bürger, die im Sitzungssaal Platz gefunden hatten.
"Wir müssen sie aufhalten. Sie dürfen nicht bis vor die Stadt gelangen." sagte ich.
"Das denke ich auch." gab mir Rademacher recht. "Hat jemand einen Vorschlag?"
"Der HK MX 25, das Betäubungsgas." warf Oleg ein. "Wir müssen vor allem die Panzer unschädlich machen."
"Kennt sich eigentlich jemand mit dem Programmieren des Zielcomputers aus?" fragte Rademacher.
Keiner der Militärs hatte jemals eine solche Waffe in der Hand gehabt.
Die US-Army hatte damals den Vertrag mit der Herstellerfirma gelöst, da es zu Unstimmigkeiten wegen der Munition gekommen war.
Die Prototypen waren allerdings in den USA verblieben und später ungeniert kopiert und vermarktet worden. H&K hatten zwar dagegen geklagt, ein US-Gericht hatte die Klage einfach abgeschmettert.
Das war kurz vor dem Fall der Bombe gewesen.
Die Waffen, die wir erbeutet hatten, mussten also direkt von den Amis an die Arabs geliefert worden sein.
"Mist! Wenn hier niemand damit umgehen kann, nützen uns diese Dinger gar nichts." warf von Berner frustriert ein.
Calvin hastete herein, setzte sich zu den Offizieren und entschuldigte sich für die Verspätung.
"Ich komme gerade vom Bunker." erzählte er. "Ich soll euch von Ahlborn grüßen. Er ist sehr schwach, aber der Arzt sagt, er sei über den Berg."
Wir freuten uns sehr darüber, aber die Sorge wegen der neuerlichen Invasion hielt uns vom Jubeln ab.
"Also, noch einmal. Wenn wir diese Dinger nicht programmieren können, nutzen sie uns nichts." kam von Berner aufs Thema zurück.
"Welche Dinger?" wollte Calvin wissen.
"Die Granatwerfer, die wir in den Transportern fanden, die MX 25." erklärte Marc.
"Oh, das ist kein Problem. Irwin kennt sich damit aus. Er war damals bei der Erprobung dabei und hat an der Weiterentwicklung mitgearbeitet."
Jetzt brach Jubel los.
Calvin ging Irwin holen. Der bestätigte, dass er mit der Waffe umgehen und den Umgang damit Anderen beibringen könne.
"Very easy." grinste er. "Wo sind die Waffen? Wo ist die Munition? Wen soll ich ausbilden?"
"Müssen die Männer eine bestimmte Voraussetzung erfüllen?" fragte von Berner. "Müssen sie groß und kräftig sein?"
"Das würde jedenfalls nicht schaden." antwortete Irwin. "Ist allerdings nicht unbedingt notwendig. "Das Ding wiegt leer gerade mal sechs Kilo."
"Können wir damit etwas gegen die Panzer ausrichten?" fragte Ramón.
"Sicher. Wenn in den Kisten panzerbrechende Munition ist." lautete die Antwort.
"Dann schlage ich vor, du schaust dir alles an und erstattest uns dann Bericht." Irwin salutierte lässig und verließ den Saal.
Wir begannen damit, einen Angriffs-, bzw. Verteidigungsplan auszuarbeiten.
Hinter den Mauern der Stadt bleiben und abwarten, bis uns die Panzer überrollten, kam nicht in Frage. Die einzige Möglichkeit, dem Feind entgegenzutreten war, ihn zuerst anzugreifen.
Allerdings waren wir ihm weit unterlegen. Knapp achthundert kampffähige Städter und Nomaden, von denen die wenigsten ausgebildete Kämpfer waren, gegen fünftausend bewaffnete und fanatische Araber, das war ein schlechtes Verhältnis.
Selbst ohne die Panzer wären wir dieser Überzahl nicht gewachsen.
Es dauerte nicht lange bis Irwin zurück kam und uns meldete, dass für die vier Granatwerfer insgesamt vierzig panzerbrechende und zweihundert Airburstgranaten zur Verfügung standen.
Als er unsere verständnislosen Mienen bemerkte, erklärte er, dass die Airburstgeschosse so programmiert werden konnten, dass sie entweder bei Aufschlag oder aber zu einem bestimmten, einprogrammierten Zeitpunkt explodierten. Das bedeutete, dass man sie über den Köpfen der Gegner detonieren lassen konnte, egal ob er sich in Deckung befand oder nicht.
Das hörte sich in meinen Ohren sehr gut an.
Irwin hatte auch schon drei ehemalige Soldaten gefunden, die Erfahrung mit Raketen- und Granatwerfern und auch mit ballistischen Computern hatten. Die machten sich gerade mit den Waffen vertraut und waren bereit, zusammen mit Irwin die Panzer zu stoppen.
Sie würden sich in einer halben Stunde auf den Weg machen. Vier Motorräder samt Fahrer standen bereit, sie zu ihrem Einsatzort zu bringen.

Rüdiger hatte ein gute Idee.
Die Stadt verfügte über insgesamt drei Radlader, die würden die L 19 und die A 20 dort aufreißen, bevor sie die Trebel überquerten. Wegen der vielen Wasserläufe, die dort verliefen, würden die Fahrzeuge dann nicht mehr nach Tribsees gelangen können.
Die Idee wurde angenommen. Allerdings war es mit dem Aufreißen nicht getan. Wir würden die Brücken zerstören müssen, damit die Arabs nicht einfach zu Fuß weitermarschieren würden.
Der Weg von und zum Bunker war damit zwar auch abgeschnitten, aber dort waren die Menschen sicher. Später konnte man die Gräben wieder zuschütten und auch neue Brücken bauen.
Sollten die Arabs versuchen, auf Umwegen zur Stadt zu gelangen, würden sie sehr viel Zeit verlieren. Vielleicht konnten wir sie dann auch in Guerillataktik versuchen zu zermürben und zu dezimieren.
Aber zu allererst mussten die Panzer zerstört werden.

Das Zerstören der Panzer war einfach.
Die Araber hatten nicht damit gerechnet, dass ihre Gegner über derartige Waffen verfügten.
Auch das Aufreißen der Straßen stellte uns vor keinerlei Probleme.
Die Brücken wurden vorsorglich mit Sprengladungen bestückt, sollten aber nur im äußersten Notfall gesprengt werden. Aus naheliegenden Gründen.
Die Tanks waren die ersten Ziele unseres Angriffs, die ausgebrannten Wracks befinden sich noch dort, wo sie getroffen wurden.
Dann feuerten Irwin und seine Leute einige Airburstraketen auf den Konvoi ab, was sich aber als wenig effektiv herausstellte, da der Tross weit auseinander gezogen war und die Granaten zu wertvoll waren, um auf diese Weise verschwendet zu werden.
Es war unwahrscheinlich, jemals Nachschub davon zu bekommen.
Also wurden die Feinde auf konventionelle Weise angegriffen.
Wir griffen die Nachhut an, machten sie nieder und zündeten die Fahrzeuge an. Zu Hilfe eilende Araber nahmen wir unter Feuer und flohen, als es zu viele wurden.
Unterdessen verwickelten andere von uns die Feinde weiter vorne im Treck in eine Schießerei. Sobald sich Hilfe in Marsch setzte, setzten auch sie sich ab.
Dann nahmen wir wieder das Ende des Konvois unter Feuer und sie versuchten, an den zerstörten Panzern vorbei in Richtung Stadt weiter zu kommen.
Als sie bemerkten, dass sie weder auf der A 20 noch auf der L 19 an die Stadt herankommen konnten, verteilten sie sich und versuchten, auf Umwegen und Nebenstrecken ans Ziel zu kommen.
Wir waren viel zu Wenige, um alle aufhalten zu können. Da die Städter die Gegend besser kannten, hatten wir einen kleinen Vorteil, sie hingegen punkteten durch ihre schiere Masse.
Bis zum ersten Abend hatten wir dreiundzwanzig Kämpfer verloren. Das waren jedenfalls die, von denen wir wussten.
Bei den Arabs waren es viel mehr, aber ihre Anzahl war immer noch gewaltig.

Am dritten Abend saßen Marc und ich völlig erschöpft, hungrig, durstig und schmutzig in einem der verlassenen Häuser von Bad Sülze.
Marc öffnete den Rucksack und holte eine Dose Wurst und einige zerdrückte Scheiben Brot heraus.
Das Wasser in meiner Feldflasche schmeckte schal und abgestanden, löschte aber den brennenden Durst.
Wir verschlangen das Brot und die Wurst und beklagten uns nicht darüber, dass das Brot trocken und hart war.
Es störte weder mich noch Marc, dass in einem der anderen Räume zwei tote Arabs lagen.
Ich lehnte mich müde an die Wand und schloss die brennenden Augen.
`Nur einen kleinen Augenblick` dachte ich. `Nur ein paar Minuten schlafen.`
Marc stieß mich an. "Komm!" sagte er. "Wir müssen weiter!"
"Ich kann nicht mehr!" stöhnte ich.
Er zog mich auf die Beine. "Wir müssen weiter! Hier können wir nicht bleiben! Wir müssen die Anderen wiederfinden."
Vor einigen Stunden hatte einer der Späher uns zu einer Gruppe Arabs geführt.
Mit drei LKWs, fünf Autos und neun Motorrädern standen sie auf der Landstraße beim Ortseingang.
Wir waren zwanzig Personen und wurden leicht mit ihnen fertig. Sie hatten zwar eine Wache aufgestellt, aber bevor sie uns überhaupt bemerkten, waren sie schon alle tot.
Leider hatten wir es versäumt, selbst wachsam zu sein, hatten den Fehler begangen, uns auf die Aussagen des Spähers zu verlassen.
Wir waren gerade dabei, die Fahrzeuge zu inspizieren, als wir selber aus dem Hinterhalt angegriffen wurden.
Vier von uns wurden sofort tödlich getroffen und blieben bei den Fahrzeugen liegen.
Darauf folgte ein Häuserkampf.
Marc und ich wurden von den Anderen getrennt.
Wir jagten die Arabs, die Arabs jagten uns.
Durch das Fenster eines Hauses schossen wir auf eine Gruppe unserer Feinde und erledigten acht von ihnen.
Wir verschwanden aus dem Haus und versteckten uns in einem anderen. Dort wurden wir entdeckt und kamen nur mit knapper Not davon, weil der erste, der ins Haus kam, so nervös war, dass uns seine erste Salve knapp verfehlte.
Marc warf eine Handgranate und wir rannten Hals über Kopf davon und suchten eine neue Deckung.
Immer wieder hörten wir Schüsse und Schreie in anderen Teilen des Ortes, konnten aber nicht herausfinden, wie es mit unseren Freunden stand.
Von Zeit zu Zeit wechselten wir unseren Standort, da ein zu langes Verweilen am gleichen Ort zu gefährlich war.
Drei Mal überraschten wir einige Arabs beim Durchkämmen der Gebäude und machten kurzen Prozess mit ihnen.
Beim letzten Mal erwischte es uns erneut beinahe selber. Es kam zu einem Kampf Mann gegen Mann ( in meinem Fall Mann gegen Frau ) und nur die Tatsache, dass unsere Feinde damit anscheinend keine Erfahrung hatten, schenkte uns den Sieg.
Inzwischen war es draußen dunkel geworden und Marc war der Ansicht, wir könnten es nun wagen, uns auf die Suche nach den Kameraden zu machen.
"Es ist zu gefährlich, die Anderen zu suchen." sagte ich. "Machen wir uns auf den Weg zurück nach Tribsees."
"Du hast Recht." meinte er. "Wer weiß, wie viele von denen noch da draußen sind."
"Ich habe jetzt seit längerer Zeit nichts mehr gehört." sagte ich.
"Das muss nichts bedeuten. Es könnte eine Falle sein." entgegnete er.
Das war das Problem. Die Stille konnte vieles bedeuten.
Alle Arabs waren tot und die Freunde hielten Ruhe, weil sie nicht wussten, ob und wie viele von denen noch irgendwo lauerten.
Oder das Gegenteil war der Fall und wir die einzigen Überlebenden.
Ohne Fahrzeug würde es ein langer Rückweg werden.
Über die L 19 konnten wir nicht zurück und querfeldein ging es wegen der vielen kleinen und großen Kanäle nicht.
Die dienten uns zwar als Schutz gegen das direkte Vordringen den Feinde, waren aber auch für uns unüberwindbar.
Wir mussten durch den ganzen Ort gehen, zunächst auf der L 23 Richtung Eixen um dann irgendwann nach rechts abzubiegen um an Landsdorf vorbei nach Tribsees zu kommen.
"Sollen wir uns nicht lieber hier irgendwo verstecken, bis es wieder hell ist? Dann sehen wir weiter. Zu Fuß schaffen wir den Rückweg nie. Jedenfalls nicht in dieser Verfassung. Ich kann kaum noch die Augen offen halten und meine Beine tragen mich keinen Kilometer mehr."
Marc nickte zögernd. Es gefiel ihm nicht. Aber er selber war fast genauso erschöpft wie ich und schließlich meinte er: "Gut, bleiben wir gleich hier im Haus. Wenn noch weitere Arabs hier sind, werden sie nicht denken, dass noch jemand im Haus ist, wenn sie ihre toten Freunde finden. Warte kurz, ich komme gleich zurück."
Mit diesen Worten stieg er die Treppe nach oben und kurz darauf hörte ich ein leises Scharren.
"Komm!" rief er leise und ich folgte ihm nach oben.
"Los! Rauf mit dir!" sagte er und schob mich halb die Auszugsleiter zum Dachboden hoch. Er folgte mir und holte die Leiter wieder ein.
Durch ein kleines Dachfenster drang Mondlicht ein und wir konnten so viel sehen, dass wir nicht über herumliegende Sachen stolpern konnten.
Ich zog eine Taschenlampe aus dem Rucksack, schirmte sie mit der Hand ab, obwohl ich nicht glaubte, dass man den Schein von der Straße aus sehen konnte.
Und mir blieb der Mund offen stehen.
Der Dachboden war in voller Länge mit Regalen ausgestattet, gefüllt mit Lebensmitteln und vielen anderen Dingen, die das Leben angenehm machen.
Trotz unserer Müdigkeit öffneten wir einige Dosen und Gläser und stopften uns voll mit Ravioli, Gulasch, Pfirsichen und Sauerkirschen.
Und tranken einige Flaschen Mineralwasser leer.
Wir fühlten uns wie im Schlaraffenland.
An einer der Giebelwände lehnte eine breite Matratze. Wir legten sie auf den Boden, nahmen Kissen und Decken aus dem Regal und legten uns hin.
Es kam mir vor, als wäre ich eingeschlafen, noch bevor ich richtig lag.

Gepolter im unteren Stockwerk weckte uns auf. Wir hörten lautes Geschrei auf Arabisch und verhielten uns mucksmäuschenstill.
Wie Marc vermutet hatte, verschwendeten sie keine Zeit mit der Durchsuchung des Hauses, sondern verließen es ziemlich schnell wieder.
Ich holte tief Luft, hatte gar nicht bemerkt, dass ich sie angehalten hatte.
"Mist." flüsterte mein Mann. "Es sind immer noch welche von ihnen übrig."
Plötzlich peitschten Schüsse, ein Schrei erklang, dann hörten wir ein Stöhnen und unsichere Schritte auf der Treppe ins obere Stockwerk.
Dann ein weiteres Stöhnen und einen schweren Fall.
Wir lauschten angestrengt, die Stille dröhnte in den Ohren. Kein Laut war mehr zu hören.
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